5. März 2011

Eiserner Vorhang

Zu Winston Churchills Rede in Fulton vom 5. März 1946

Kurt Pätzold

Von der Rampe der Weltbühne war der Mann schon zurückgetreten, als er am Nachmittag des 5. März 1946 im Westminster College in Fulton, einer Stadt im mittleren Westen der USA im Bundesstaat Missouri, eintraf. Doch er war nicht in deren Kulissen verschwunden. Die Rede ist von Sir Winston Leonard Spencer-Churchill, einem der »Großen Drei«, die an der Spitze der Hauptmächte der Antihitlerkoalition gestanden hatten. Franklin Delano Roosevelt war kurz vor Kriegsende verstorben. Stalin herrschte unangefochten im Kreml. Aus dem britischen Premier hingegen war ein Oppositionsführer geworden, denn die Konservativen hatten im Juli 1945 die Unterhauswahlen verloren. Die Regierungszeit ihres Frontmannes endete, ein Vorgang, der außerhalb des Inselreiches schwer verstanden werden konnte. War doch Churchills Name mit dem Standhalten Großbritanniens nach der Vertreibung seiner Armee vom Kontinent im Frühjahr 1940 verbunden und mit dem Triumph über Nazideutschland. Indessen bewerteten die britischen Wähler nicht dieses Verdienst. Sie fragten, unter wessen Führung die Folgelasten des Krieges nicht – oder doch weniger – auf sie abgewälzt werden würden.

Geostrategische Interessen

So war Churchill in eine Jacke geraten, die ihm zu eng zu sein schien. Ihn interessierte die Gestaltung der Nachkriegswelt. Beunruhigt hatten ihn, je näher das Kriegsende rückte, das wachsende Ansehen der Sowjetunion und die Ausdehnung ihres Einflusses in Europa und Asien. Ihm galten die Jahre der Kriegskoalition gegen Nazideutschland und dann gegen Japan als Unterbrechung jener weltgeschichtlichen Auseinandersetzung, die 1917 begonnen hatte. Die Devise auch dieser Revolution – »Friede den Hütten, Krieg den Palästen« – traf ihn und im ganz wörtlichen Sinne. Er war in Blenham Palace geboren, einem monumentalen Bau, dem größten nicht königlichen Adelssitz Englands. Sein Großvater war ein Herzog von Marlborough, seine Mutter die Tochter eines US-amerikanischen Millionärs.

Schon vor seinem Auftritt in Fulton war Churchill mit Reden an die Öffentlichkeit getreten, die Denkwürdigkeit beanspruchten. Eine hielt er drei Tage, nachdem er am 10. Mai 1940 das Amt des Premiers übernommen hatte. In ihr kündete er den Briten »nichts als Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß« an, jedoch werde der »Sieg um jeden Preis« erkämpft werden. Eine andere Ansprache dieses Ranges verbreitete am Abend des 22. Juni 1941 der Rundfunk. Es war der Tag, da die deutsche Wehrmacht über die Sowjetunion herfiel. Großbritannien eröffnete sich, nachdem es ein Jahr Deutschlands einziger handlungsfähiger Kriegsgegner gewesen war, die Aussicht auf einen Verbündeten. Churchill bekannte sich augenblicklich zum gemeinsamen Kampf. Die meistzitierten Worte dieser Rede lauten: »Niemand war ein entschiedenerer Gegner des Kommunismus als ich. Und ich nehme keines meiner Worte zurück. Aber all das verblaßt nun vor den Geschehnissen, die vor uns liegen (...) Jeder Mann und jeder Staat, der gegen den Nazismus kämpft, hat unsere volle Unterstützung.« Am Ende hatte er aufgerufen, die Lektionen zu lernen, die eine grausame Erfahrung gelehrt habe. Als Churchill sah, daß die Sowjetunion dem Ansturm standhielt, tat er alles, das Bündnis zu festigen – immer die Gesamtrechnung im Kopfe, die den Interessen Großbritanniens und der Frage galt, wie die Schlußbilanz des Krieges aussehen, in welcher Verfassung das britische Weltreich den Frieden erreichen werde. Als der Sieg nicht mehr eine Frage des Ob, sondern nur noch des Wann geworden war, spielten diese Kalküle immer mehr in die Kriegshandlungen hinein. Ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte die Frage, wie Osteuropa, bisher ein Staatenpuffer gegen die UdSSR, gestaltet sein werde. Alle Antikommunisten wünschten diesen Zustand wiederherzustellen. Polen und Griechenland erregten das stärkste geostrategische Interesse. Im Staat an der Adria und dem Ägäischen Meer nahm die Auseinandersetzung bald den Charakter eines Bürgerkriegs an.

Ein Privatmann

Churchill hielt die Zeit für gekommen ein weithin hörbares Alarmsignal wegen der angeblichen Bedrohung der »freien Welt« durch den Kommunismus zu geben. Das war das Ziel seiner Rede in Fulton, an der nur der abgelegene Ort verwundern mochte, an dem sie gehalten wurde. Doch konnte er sicher sein, daß sie weltweit Verbreitung fand. Es war eine bloße Floskel, daß er sich dem Publikum als »a private visitor« (dt.: ein privater Besucher) bezeichnete und beteuerte, in keinerlei Auftrag zu reden. Ein Privatmann wäre schwerlich vom Präsidenten der USA, Harry S. Truman, begleitet worden, der ihn der Zuhörerschaft auch vorstellte. Zudem wurde Churchills Rede, mit der er sich erklärtermaßen an die US-Amerikaner, seine Landsleute jenseits des Ozeans und »vielleicht auch an einige weitere Länder« wandte, durch den Rundfunk übertragen.

Churchill begann mit einem wortreichen Friedensbekenntnis und malte den Hörern das bald erreichbare Bild einer in Wohlstand lebenden Welt, freilich ohne ein Wort über die Anstrengungen europäischer Mächte zu verlieren, ihre asiatischen und afrikanischen Kolonialreiche zu behaupten. Ohne die UdSSR zu nennen, sprach er schon in diesem Teil von der Notwendigkeit der militärischen Überlegenheit (Besitz der Atombombe), um gegen kommunistische und neofaschistische Expansionen gesichert zu sein. Nächst der so beschriebenen Kriegsgefahr, welche die Vereinten Nationen und führend die eng zusammengeschlossenen USA und Großbritannien abwenden sollten, existiere jedoch die Gefahr der Tyrannei. Als ihren Ausgangspunkt benannte Churchill Moskau und die Bestrebungen der kommunistischen Parteien in vielen Ländern, einer angeblichen »fünften Kolonne« . Besondere Sorge bereitete ihm die Lage in Italien und ebenso die innere Situation Frankreichs. Vor allem widersprachen die politischen Entwicklungen in den osteuropäischen Staaten seinen Vorstellungen.

Die meist zitierten Worte seiner Fulton-Rede lauteten: »Von Stettin an der Ostsee bis hinunter nach Triest an der Adria ist ein ›Eiserner Vorhang‹ über den Kontinent gezogen. Hinter jener Linie liegen alle Hauptstädte der alten Staaten Zentral- und Osteuropas, Warschau, Berlin, Prag, Wien, Budapest, Belgrad, Bukarest und Sofia. Alle jene berühmten Städte liegen in der Sowjetsphäre, und alle sind sie in dieser oder jener Form nicht nur dem sowjetrussischen Einfluß ausgesetzt, sondern auch in ständig zunehmendem Maße der Moskauer Kontrolle unterworfen.« Nach dieser Passage ist die Rede, welcher Churchill die Überschrift The Sinews of Peace (dt.: Die Kräfte des Friedens) gegeben hatte, als die Iron-Curtain-Rede (die Eiserne Vorhang-Rede) in die Geschichtsbücher eingegangen, wobei hier dahingestellt bleiben soll, ob der Redner das Bild erneut erfunden oder es aus einem Artikel von Joseph Goebbels übernommen hatte.

Frontstellung

Die Absicht dieses Auftritts ließ sich unschwer enthüllen. Sie richtete sich gegen die intellektuellen und emotionalen Nachwirkungen des Kriegsbündnisses mit der UdSSR. Sie war das Plädoyer für eine neue, im Kern die alte Frontstellung. Sie war ein Bekenntnis zur Politik der militärischen Vorherrschaft, denn eine andere Sprache würden die Russen nicht verstehen und also sei die Strategie des Gleichgewichts morsch. Sie erhob unter dem Vorwand, die Fremdbestimmung von Völkern abzuwenden, den Anspruch, die Welt nach den eigenen Herrschaftsprinzipien zu modeln. Sie bot das alte Repertoire des propagandistischen Antikommunismus bis hin zur Behauptung von der bedrohten »christlichen Zivilisation«.

Es ist diese Rede als Auftakt des Kalten Krieges bezeichnet worden. Die Goldwaage verträgt die Kennzeichnung nicht. Denn erstens sind dessen Konzepte älter. Und zweitens brauchte es Zeit, bis diese Politik durchgesetzt werden konnte. Als Churchill sprach, fand in Nürnberg der von den vier Kriegsalliierten geführte Prozeß gegen die deutschen Hauptkriegsverbrecher statt, und in Berlin setzte der Alliierte Kontrollrat seine Arbeit noch fort.

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