28. November 2013

Endlich einig

Stalin (r.) beharrte auf der baldigen Eröffnung eines Angriffs der Westalliierten (Torte zum 69. Geburtstag des britischen Premiers am 30. November 1943 in Teheran; links Roosevelt)

Ende November 1943 beschließen Stalin, Roosevelt und Churchill nach zähen Verhandlungen die Bildung einer Front im Norden Frankreichs

Dietrich Eichholtz

Seit den Schlachten bei Charkow im Februar/März 1943 und bei Kursk im Juni/Juli flutete die Naziwehrmacht in vorher nicht gekanntem Tempo im gesamten Südabschnitt der Front zurück, von den Pripjatsümpfen bis hinunter zur rumänischen Grenze – durchschnittlich 800 Kilometer weit. Die Rote Armee hielt im Frühjahr 1944 nach acht Monaten unerbittlichen Kampfes inne, schon jenseits der rumänischen und unweit der polnischen Grenze, auf der Linie Brest-Lwow-Stanislaw. Seit Anfang des Jahres war im Norden der Front die Blockade Leningrads nach zweieinhalb Jahren endlich durchbrochen worden.

Die Erfolge der westlichen Alliierten in Nord­afrika und im Mittelmeer, auf Sizilien und in Süditalien nahmen sich demgegenüber bescheiden aus. Aber auch eine Viertelmillion faschistischer Gefangener in Tunesien und das Ausscheiden Italiens aus dem Krieg wogen in der Bilanz schwer.

In den Mittelpunkt des alliierten Kampfes gegen Hitlerdeutschland rückte 1943 eine gemeinsame Strategie zur schnellen Niederwerfung des deutschen Faschismus. Die Staatsoberhäupter Franklin D. Roosevelt, Josef Stalin und Winston Churchill hielten, nach einer Reihe von Zusammenkünften von militärischen und diplomatischen Vertretern der drei Mächte, eine endgültige Entscheidung über den gemeinsamen Großkampf in Europa für unaufschiebbar.

Stalin hatte seit 1942 eine massive Entlastung der Roten Armee gefordert, die bis Ende 1943 in zweieinhalb Jahren des Kampfes die überwältigende Hauptlast getragen und millionenfache blutige Opfer im Feld gebracht hatte. Stalin war aber immer wieder enttäuscht und betrogen worden. Bisher hatte er sich selbst allerdings nicht in der Lage gesehen, den Oberbefehl über die Rote Armee und ihre tägliche Führung ohne eine absolut sichere und ununterbrochene Verbindung zwischen dem Ort eines möglichen Treffens der Alliierten und seinem Hauptquartier abzugeben. So wurde auf seinen Vorschlag hin Teheran, die Hauptstadt des seit August 1941 von britischen und sowjetischen Truppen besetzten Iran, statt London, Kairo oder Bagdad gewählt. Dort versammelten sich die drei Staatenlenker vom 28. November bis zum 1./2. Dezember 1943.

Einigkeit und Differenzen

Erst nach schwierigen Verhandlungen stand das wichtigste Ergebnis der Konferenz fest: Die angloamerikanische Invasion in Nordwestfrankreich von England aus sollte im Laufe des Mai 1944 stattfinden, möglichst mit Unterstützung einer Landung an der südfranzösischen Mittelmeerküste. Von Anfang an bezeichnete Stalin die Invasion als die entscheidende westalliierte Operation im nächsten Jahr. Er erklärte verbindlich, die Rote Armee werde in einer abgestimmten Aktion unmittelbar nach der Invasion mehrere große Schläge an der sowjetisch-deutschen Front führen, um keine Verschiebungen deutscher Truppen nach West­europa zuzulassen.

Die britische Seite trat demgegenüber hartnäckig für einen offensiven Einsatz ihrer Truppen zur Beherrschung des Mittelmeerraums ein. London versuchte, noch in Teheran einer Festlegung des Invasionstermins auf Mai 1944 auszuweichen, in der nur schlecht verhohlenen Absicht, sich eine Vormachtstellung in Südosteuropa und auf dem Balkan zu verschaffen, die Türkei in den Krieg zu treiben und Einfluß am Bosporus und rund um das Schwarze Meer zu gewinnen.

Stalin durchschaute das britische Manöver: »Wenn ich eine unvorsichtige Frage stellen darf, dann möchte ich gern von den Engländern erfahren, ob sie an die Operation ›Overlord‹ glauben oder nur davon reden, um die Russen zu beruhigen« (29.11., 2. Sitzung). Roosevelt tadelte vorsichtig den Drang der Briten, die Invasion zu verzögern, wohl wissend, daß sie in militärischer und wirtschaftlicher Hinsicht und dementsprechend in ihren strategischen Entschlüssen von den USA außerordentlich stark abhängig waren. Ihm erschien die sowjetische Strategie als der Lage und seinem Standpunkt »Germany first« angemessener, was ihn damals wie heute erheblicher Kritik aussetzte. Konservative Kräfte aus dem eigenen Lager hielten dem Präsidenten vor, er identifiziere sich zu sehr mit den Erfolgen der UdSSR, wofür man später würde bezahlen müssen.

So setzte sich auf der Konferenz der Beschluß, die Invasion im Mai 1944 zu beginnen, endgültig durch. Unmittelbar danach benannten die westlichen Alliierten den amerikanischen General Dwight D. Eisenhower als hauptveranwortlichen Militär für den pünktlichen Beginn der Operation. Stalin war der Meinung, Roosevelt würde Wort halten. »Wenn nicht«, so sagte er nach der Konferenz zu seinem Vertrauten General Georgi K. Shukow, »so reichen auch unsere eigenen Kräfte, um Hitlerdeutschland zur Strecke zu bringen«.

Andere Fragen blieben in Teheran umstritten. Das ließ die Brüche in der Antihitlerkoalition sichtbar werden. Eine dieser Fragen von akutem Interesse für alle drei Seiten war die zu erwartende Wiederherstellung des polnischen Staates, die dank dem Vormarsch der Roten Armee bevorstand. Die UdSSR war dringend an einer nachbarschaftlichen Ordnung interessiert, die ihr Gewähr für dauerhaft friedliche, sichere und freundschaftliche Beziehungen bot. Die polnische Exilregierung in London war hierauf nicht festzulegen. Sie lehnte die Verschiebung der Grenzen des Landes nach Westen ab, die Churchill schon beim Treffen mit Roosevelt in Casablanca im Januar 1943 vorgeschlagen hatte. Der englische Premier beharrte auf den Grenzen von vor dem August/September 1939. Das war für die Sowjetunion unannehmbar, die das größte Interesse an einer für immer sicheren Grenze mit Polen hatte. Die ergebnislose Auseinandersetzung in dieser Frage verhinderte in der kommenden Zeit, als die Exilregierung in Polen bewußt antikommunistische Aktivitäten unterstützte, eine einvernehmliche Regelung.

Die drei Mächte sprachen auch über den Umgang mit Deutschland nach einem alliierten Sieg. Nach außen zeigte man Einigkeit. Sie betraf die unnachsichtige Zerstörung der deutschen Kriegsmaschinerie und des Hitlerfaschismus nach einer »bedingungslosen Kapitulation« und die Bestrafung der deutschen Kriegsverbrecher unter Beteiligung der von den Verbrechen betroffenen Länder und Völker. Offen waren die Form der alliierten Besetzung Deutschlands und die Möglichkeiten seiner Aufteilung. Nicht bezifferbar und spezifizierbar war zunächst auch der Umfang der von Deutschland zu leistenden Reparationen.

Unklar blieben die Vorstellungen Roosevelts, Deutschland in fünf Staaten auseinanderzudividieren, sowie sein und Churchills Plan, Preußen zu »isolieren« und »südlich des Rheins« eine Art »Donauföderation« zu schaffen. Stalin lehnte die Pläne ab, weil Deutschland so nicht lebensfähig sei. Er blieb bei seinem Vorschlag, die Frage zur Erörterung der Londoner Kommission der drei Mächte zu überlassen.

Moskauer Vorstellungen

Herbst und Winter 1943 waren von schwersten Kämpfen der Roten Armee gegen die faschistischen Eindringlinge gezeichnet. Noch während der Teheraner Konferenz und des Jahreswechsels 1943/44 wurde der gewaltige Dnjepr-Strom fast in seinem ganzen Lauf von der Roten Armee überwunden. Nach dem letzten, vergeblichen Versuch der Wehrmacht, im Sommer 1943 bei Kursk einen offensiven Erfolg zu erringen, hatte im August/September auf 700 Kilometer Breite der Sturm auf den Fluß begonnen. In wenigen Wochen des Kampfes über 200 bis 300 Kilometer wurde er von Saporoschje im Süden bis nahe bei Orscha im Norden erreicht. Befreit waren Smolensk, Brjansk, Tschernigow, Charkow, Poltawa, Stalino. Der Kampf ging mit noch größerer Härte weiter. Es fielen bis Ende Dezember zentrale Orte vom Westufer des Dnjepr bis zur Mündung und mit Brückenschlägen über den Fluß an die Rote Armee: an erster Stelle Kiew (9.11.), das weiträumig befreit wurde, ferner Newel, Gomel, Tscherkassy, Dnjepropetrowsk, Saporoschje und Melitopol. Das war die schwerste Niederlage der Heeresgruppe Süd unter Generalfeldmarschall Erich von Manstein, die den Untergang des gesamten Südflügels der deutschen Front einleitete.

Unmittelbar nach Teheran beriet die sowjetische Führung über die nächsten militärischen Pläne. Die kommende Invasion in Westeuropa und die Vorbereitung der sowjetischen Offensivhandlungen zu ihrer Unterstützung spätestens Mitte 1944 waren die wichtigsten strategischen Orientierungspunkte. In den nächsten Monaten bis zum Sommer sollte der Elan der Roten Armee für neue Kämpfe gegen den Feind weiter genutzt werden, ohne größere Erholungspausen für ihre schon monatelang schwer beanspruchten Offensivkräfte einzulegen. Zwar rechnete man in Moskau mit der Invasion, aber absolutes Vertrauem in die Zusagen der westlichen Alliierten konnte es nicht geben.

Mitte Dezember 1943 lagen im sowjetischen Hauptquartier ausführliche Operationspläne für 1944 vor. Sie wurden Ende des Monats auf einer gemeinsamen Tagung des Generalstabs mit dem Staatlichen Verteidigungskomitee und dem Politbüro des ZK der KPdSU vorgestellt. Beraten wurden die militärische, wirtschaftliche und internationale Lage nach Teheran.

Die Überlegenheit der Roten Armee reiche jetzt aus, so hieß es, große Offensiven an der gesamten Ostfront zu starten. Zehn Operationsräume wurden benannt, in denen man Mittel und Kräfte konzentrieren wolle, um die gegnerischen Hauptkräfte zu zerschlagen. Ein anspruchsvoller Plan für das Jahr 1944: Zweck war es wohl nicht zum wenigsten, die zündende propagandistische Idee von den »Zehn Stalinschen Schlägen« zu verbreiten.

Auf der Verliererstraße

Seit den Niederlagen in Stalingrad und Kursk 1942/43 war in der Wehrmacht wie in der deutschen Bevölkerung der blinde Glauben an den Sieg weitgehend geschwunden. Hitler und der Wehrmachtführung fehlte jede Einsicht in die Realität. Eine Invasion in Westeuropa galt ihnen als beherrschbar, der Feind dort als leicht wieder »ins Meer zurückzuwerfen«. Im Osten werde der »Russe« aufgehalten werden, der ja noch 500 bis 1000 Kilometer von der früheren deutschen Grenze entfernt sei. So könne man die »Festung Europa« dauerhaft verteidigen. Eine unsinnige, haltlose Strategie, die letztlich auf ein Auseinanderbrechen der Antihitlerkoalition berechnet war.

Die deutsche Zivilbevölkerung, seit zehn Jahren einem Regime des Terrors und zugleich der schrecklichsten Selbsttäuschung unterworfen, folgte in ihrer großen Mehrheit auf dem Weg ins Verderben. Nach der langen Zeit der gefeierten Erfolge lebte sie jetzt allerdings in »Unsicherheit und Sorge« (Bericht des Sicherheitsdienstes des Reichsführers-SS vom 23.4.1944) unter den alliierten Bomben und mit der Ahnung, »daß alles umsonst gewesen sein könnte« (6.4.).

Freilich war sie sich auch der offensichtlich sehr realen Potenzen sicher, die dem Regime noch innewohnten. In erster Linie war das die funktionierende Kriegswirtschaft. Wirkungsvoll staatlich-monopolistisch reguliert und gestützt auf die Ressourcen halb Europas, hatte sie seit 1942 bedeutende quantitative und qualitative Fortschritte gemacht. Sie versorgte, wenn auch zunehmend von alliierten Bombenangriffe gestört, die Wehrmacht, vorzugsweise an der Ostfront, reichlich mit Waffen und Kriegsgerät – freilich mit Hilfe von einigen Millionen brutal ausgebeuteten Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und zivilen Häftlingen. Die besetzten Gebiete Europas, besonders Frankreich, erlebten damals den Höhepunkt ihrer wirtschaftlichen Ausplünderung. In Nord- und Mittelitalien, jetzt in deutscher Hand, arbeiteten Rüstungsindustrie und Arbeiterschaft auf deutsche Rechnung. Neue Kriegstechnik war entstanden (Panzer; Infanteriewaffen), so daß die neu aufgestellten Wehrmachtsverbände, wenigstens teilweise, modern ausgerüstet werden konnten.

Der allgemeine Gang der Wirtschaft lief immer noch verhältnismäßig stabil. In fast allen Bereichen wies die Rüstungsproduktion bis Juni/Juli 1944 Höchstwerte auf. Das deutsche »Rüstungswunder«, damals auch in der Öffentlichkeit wieder und wieder beschworen, schien von Durchhaltevermögen zu zeugen und half, immer noch Siegesgewißheit zu verbreiten.

Die Gesamtstärke der am 31. Dezember 1943 an der Ostfront eingesetzten deutschen und verbündeten Truppen betrug nach Zahlen des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) annähernd 2,2 Millionen Mann. Als deutsche Truppen waren hiervon im Süden der Front (Heeresgruppen Süd und A) 777000, in der Heeresgruppe Mitte 800000 und in der Heeresgruppe Nord 386000 Soldaten eingesetzt; zusammen also 1963000 Mann, dazu kamen 147000 von der SS.

Zum Dnjestr, Prut und Bug

Der Winterfeldzug der Roten Armee 1944 begann im Januar mit einer Operation gegen die Heeresgruppe Nord, die die schwächste der drei deutschen war, allerdings ausgerüstet mit schwerer und schwerster Artillerie zum Beschuß Leningrads. Die Stadt und das Leningrader Gebiet östlich der estnischen Grenze und des Peipussees, insgesamt ein Raum von etwa 40000 Quadratkilometern, wurde in zwei Monaten freigekämpft. Damit war Leningrad endgültig der Gefahr der Vernichtung, des Hungers und Elends entronnen, die ihr insgesamt fast drei Jahre gedroht hatte.

Von Januar bis April befreite die Sowjetarmee planmäßig und in schweren, blutigen Kämpfen Stück für Stück die Ukraine in ihrer ganzen Tiefe von 600 Kilometern, ausgenommen den galizischen Streifen zwischen Lwow und den Karpaten. Bis zur polnischen Grenze nördlich Brody bis Brest blieben nur noch wenig mehr als 50 Kilometer. Damit waren das gesamte früher sowjetische Gebiet bis zum unteren Dnjestr mit Odessa (9./10.4.), die halbe moldauische Sowjetrepublik und die rumänisch besetzte Bukowina mit Tschernowzy (Czernowitz) bis zur slowakischen Grenze frei. Als letztes konnte im April und in der ersten Maihälfte die Krim zurückerobert werden, die die Wehrmacht schließlich unter großen Verlusten an Truppen und Schiffen fluchtartig räumte.

Vor Beginn der Invasion der Alliierten hatte die Rote Armee also in etwas mehr als vier Monaten ein Gebiet halb so groß wie Deutschland befreit und damit sämtliche Eroberungspläne der deutschen Faschisten in der UdSSR zunichte gemacht. Der deutsche Rückzug war überall von ungeheuren Greueltaten, von Mord und Zerstörung begleitet.

Bei den westlichen Alliierten schätzte man diese gewaltige Offensive in der Ukraine westlich des Dnjepr, geführt zur selben Zeit, da jene die Invasion vorbereiteten, als eine der größten Schlachten ein, die bisher überhaupt im Krieg geschlagen wurden. Sie beobachteten beeindruckt die Erfolge der Führungskunst in der Roten Armee, die die Operationen im Winter und in der Schlechtwetterperiode des Frühjahrs mit großem Elan bis an die südlichen Grenzen der UdSSR zu Ende führte.

In dieser Situation nahm die deutsche Kriegsplanung und Kriegsführung einen rücksichtslosen, selbstmörderischen Charakter an, der von den deutschen Antifaschisten und selbst von einer, wenn auch dünnen Schicht widerständiger Militärs als solcher erkannt wurde. Die meisten deutschen Soldaten und Zivilisten starben in der Endphase des Krieges, die nun angebrochen war: nach später erhobenen Zahlen fünf Millionen von insgesamt 7,7 Millionen. Sie wurden im letzten Kriegsjahr »verheizt«, wesentlich aus dem Bestreben Hitlers und seiner Generalität heraus, das eigene erbärmliche Leben zu verlängern.

Vorbereitung auf die Invasion

Von den umfassenden Vorbereitungen für »Overlord« (Deckname für die Invasion), die von Januar 1944 an unter General Eisenhowers Leitung von der britischen Insel aus getroffen wurden, machten sich Hitler und seine Befehlshaber im Westen – die Feldmarschälle Erwin Rommel und Gerd von Rundstedt – keine klaren Vorstellungen. Hitler schwankte zum Schluß zwischen Pas de Calais und der Normandie als dem Wahrscheinlichsten.

An der Realisierbarkeit des Vorhabens, die anlandenden Alliierten sofort zu schlagen und »wieder ins Meer zu werfen«, zweifelte ein nicht geringer Teil der Militärs, selbst Rommel, schon wegen der unzulänglichen Stärke des »Atlantikwalls«. Deprimierend wirkte die erkennbare Überlegenheit der alliierten Luftwaffe, die seit Wochen schon Angriffe auf das französische Verkehrsnetz flog, besonders, mit Täuschungsabsichten, auf die Eisenbahnstrecken in der ganzen Länge zwischen Rouen und dem belgischen Antwerpen. Seit Januar/Februar band in ganz Frankreich die Widerstandsbewegung starke deutsche Heereskräfte

Der Niederhaltung der deutschen Luftwaffe diente auch der Beginn der alliierten Bombenoffensive gegen die deutsche und rumänische Treibstoffwirtschaft im Mai 1944. Sie wurde energisch bis Kriegsende fortgeführt und nahm der Luftwaffe im letzten Kriegsjahr zunehmend ihre Verteidigungsfähigkeit und in Teilen dem Heer auch seine Manövrierfähigkeit, so daß die Offensive als eine der wichtigen Nebenoperationen zu »Overlord« angesehen werden kann.

In der Politik der Westalliierten spielten schon vor der Invasion zahlreiche interne und bis heute nicht völlig offengelegte geheimdienstlich gestützte Verbindungen zu widerständigen, aber auch offen faschistischen Kreisen in Deutschland eine Rolle. Den meisten Mitgliedern dieser Kreise lag daran, sich rechtzeitig auf die Seite des Westens zu schlagen und Staat und Wehrmacht funktionsfähig zu halten, um den sowjetischen Gegner von den deutschen Grenzen fernzuhalten. Die Vorbereitungen zum Sturz Hitlers zum Beispiel blieben für die westlichen Dienste kein Geheimnis. Roosevelt reagierte auf derartige Nachrichten wenig; manches gelangte ihm auch nicht zur Kenntnis. Bei Churchill aber, der das schnelle Vordringen der Roten Armee nach Mitteleuropa seit geraumer Zeit argwöhnisch beobachtete und der bald nach 1945 als Vorreiter des Kalten Krieges gegen die »rote Gefahr« auftrat, muß man hohes Interesse an den und volle Kenntnis der geschilderten Verbindungen der eigenen und US-amerikanischen Dienste voraussetzen.

Anfang Juni 1944 stand eine ungeheure Streitmacht für eine der größten See- und Landeoperationen der Geschichte bereit. Im April und Mai hatte Eisenhower zwei Manöver durchführen lassen. Es warteten insgesamt 7000 Schiffe auf den Einsatz: mehrere tausend Landungsboote und große Landungsschiffe für Panzer und Mannschaften, zwei Flugzeugträger, etwa 30 Schlachtschiffe und Kreuzer sowie Zerstörer für Fern- und Nahbeschießung von See aus, zusätzlich Schwimmpanzer und Raketenfahrzeuge für den Kampf an Land.

Einsatzbereit waren 10000 Flugzeuge. Errichtet werden sollten zwei künstliche Häfen und eine unterirdische Pipeline für Treibstoff durch den Ärmelkanal. An Landetruppen standen 37 Divisionen unter Waffen, darunter vier Luftlande- und 33 Panzer- und motorisierte Divisionen. Der Invasionstermin war inzwischen vom Mai auf die erste Juniwoche verschoben worden. Er fiel schließlich auf die Nacht und den Morgen des 6. Juni 1944.

Aus der Korrespondenz zwischen Stalin und Churchill im Mai/Juni 1944

Stalin an Churchill, 26.5.: Wir sind sehr ermutigt durch Ihre Nachrichten über die »Overlord«-Vorbereitungen, die jetzt in vollem Schwung sind. Am wichtigsten ist es, daß die britischen und amerikanischen Truppen so voller Entschlossenheit sind.

Churchill an Stalin, 28.5.: Die Offensive in Italien geht gut voran. (…) Sobald die Schlacht gewonnen ist, konzentrieren wir all unsere Mittelmeerkräfte auf die bestmögliche Hilfe für »Overlord«.

Churchill an Stalin, 5.6.: Sie werden erfreut sein zu hören, daß die Alliierten in Rom eingezogen sind. Was uns immer als wichtiger erschien, war, so viel Feinddivisionen wie möglich abzuschneiden (…).

Stalin an Churchill, 6.6.: Die erfolgreiche Durchführung von »Overlord« (…) ist für uns alle eine Quelle der Freude und der Hoffnung auf weitere Erfolge. Die Sommeroffensive der sowjetischen Truppen, entsprechend der Abmachung in Teheran durchgeführt, wird Mitte Juni beginnen (…). (Sie) wird sich stufenweise entwickeln (und) zwischen Ende Juni und Ende Juli in eine allgemeine Offensive der Sowjetarmee übergehen.

Stalin an Churchill, 9.6.: Morgen, am 10. Juni, wollen wir mit der ersten Runde an der Leningrader Front beginnen.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2013/11-28/003.php