8. Mai 2013

Energischer Protagonist

Antonio Gramsci, Schriftsteller, Journalist, Politiker und marxistischer Philosoph. Er gehört zu den Begründern der Kommunistischen Partei Italiens (Partito Comunista Italiano). Vom 6. April 1924 bis zu seiner Verhaftung durch Faschisten am 8. November 1926 war er Abgeordneter im italienischen Parlament. - Fotoquelle: Wikipedia

Antonio Gramsci und Sowjetrußland

Domenico Losurdo

Der 8. Mai 1945 wird bis heute von Linken als Tag der Befreiung gefeiert. Zum heutigen 68. Jahrestag erhält der italienische Philosoph Domenico Losurdo das Wort. Sein Beitrag über den KP-Führer Antonio Gramsci und sein Verhältnis zu Sowjetrußland ist eine gekürzte Version seines Vortrags auf dem Kongreß »Regard croisés France Italie sur la Pensée d’Antonio Gramsci« (Französisch-italienischer Dialog über Antonio Gramscis Denken), gehalten in Paris Ende März 2013.

Bekanntlich wurde die Revolution, die Sowjetrußland aus der Taufe hob und sich wider alle Erwartung nicht in einem der fortgeschrittensten kapitalistischen Länder vollzog, von Gramsci als »Revolution gegen ›Das Kapital‹« begrüßt. Der in der Avanti! vom 24. Dezember 1917 (unter dieser Überschrift, d.Red.) veröffentlichte Artikel spottete über den mechanistischen Evolutionismus und ging dabei zu den auch »bei Marx« vorhandenen »positivistischen und naturalistischen Verkrustungen« auf Distanz. Ja, »die Tatsachen haben über die Ideologie gesiegt«, und deshalb muß sich nicht die Oktoberrevolution vor den Wächtern des »Marxismus« rechtfertigen; vielmehr muß Marxens Theorie im Lichte der in Rußland vollzogenen geschichtlichen Wende überdacht und vertieft werden. Denkwürdig ist zweifellos der Anfang dieses Artikels, aber deshalb darf das Folgende, das nicht weniger bedeutsam ist, nicht aus dem Blick verloren werden. Was werden die Folgen des Siegs der Bolschewiki in einem relativ zurückgebliebenen und vom Krieg äußerst erschöpften Lande sein?

»Es wird anfangs ein Kollektivismus des Elends, des Leidens sein. Doch sind diese Bedingungen des Elends und des Leidens von einem bürgerlichen Regime ererbt. Der Kapitalismus könnte in Rußland unmittelbar nicht mehr tun, als der Kollektivismus vermag. Er könnte heute viel weniger ausrichten, weil er sofort ein unzufriedenes, aufgebrachtes Proletariat gegen sich hätte, das nunmehr nicht bereit wäre, weiterhin die Qualen und Bitternisse zu ertragen, die die ökonomische Entbehrung mit sich bringt. (…) Die Leiden, die dem Frieden folgen werden, lassen sich nur in dem Maße ertragen, wie die Proletarier begreifen, daß es von ihrem Wollen, ihrem Arbeitseifer abhängt, sie in der kürzestmöglichen Zeit zu überwinden.«

In diesem Text wird der Kriegskommunismus, der Rußland bevorstand, zugleich als Taktik gerechtfertigt und als Strategie verurteilt; gerechtfertigt mit Blick auf die unmittelbare Gegenwart, abgelehnt mit Blick auf die Zukunft. Der »Kollektivismus des Elends, des Leidens« muß »in der kürzestmöglichen Zeit« überwunden werden.

Das ist eine keineswegs banale Feststellung. Schauen wir uns an, auf welche Weise der (französische Slavist und Historiker, d.Red.) Pierre Pascal die bolschewistische Revolution interpretiert und begrüßt, deren unmittelbarer Zeuge er ist: »Ein einzigartiges und berauschendes Schauspiel: die Sprengung einer Gesellschaft. Wir erleben die Verwirklichung des vierten Psalms der Sonntagsvesper und des Magnificats: Die Mächtigen werden vom Thron gestoßen, und der Arme wird aus dem Elend erlöst. (…) Es gibt keine Reichen mehr: nur Arme und Ärmste. Wissen verleiht weder Privileg noch Ansehen. Der frühere Arbeiter, nunmehr Direktor, befiehlt den Ingenieuren. Hohe und niedrige Löhne gleichen sich an. Das Eigentumsrecht ist auf die persönliche Habe beschränkt.«

Anstatt »in der kürzestmöglichen Zeit« überwunden werden zu müssen, sind die Verhältnisse, deretwegen es »nur Arme und Ärmste« gibt bzw., um mit Gramsci zu sprechen, der »Kollektivismus des Elends, des Leidens«, hier gleichbedeutend mit geistiger Fülle und moralischer Strenge. Gewiß, Pascal war ein glühender Katholik, aber das heißt nicht, daß die Bolschewiki immun gewesen wären gegen diese Vision im Zeichen des Populismus und Pauperismus. Auch muß man sich fragen, ob Spuren von Populismus und Pauperismus nicht schon enthalten sind in einer Definition, die ein Regime zu »Kommunismus«, und sei es auch nur »Kriegskommunismus«, verklärt, für das der Zusammenbruch der Wirtschaft und zuweilen die Zwangsrequirierung der für das Überleben der Stadtbevölkerung nötigen Lebensmittel charakteristisch sind; ein Regime also, das Gramsci richtiger als »Kollektivismus des Elends, des Leidens« definiert. 1936/37 erinnert Leo Trotzki kritisch an die »asketischen Tendenzen der Epoche des Bürgerkrieges«; sie seien unter den Kommunisten, deren Ideal anscheinend das »vergesellschaftete Elend« war, verbreitet gewesen. Eine Formulierung, fast 20 Jahre später, die an die Gramscis denken läßt.

Besonders eindrucksvoll schildert, in den 40er Jahren, ein einfaches Mitglied der KPdSU das geistige Klima, das in den Jahren nach der Oktoberrevolution herrschte: »Wir Jungkommunisten waren alle in der Überzeugung aufgewachsen, daß das Geld ein für allemal abgeschafft sei. (…) Würden mit dem Geld nicht auch die Reichen wieder auftauchen? Befänden wir uns dann nicht auf einem glitschigen Abhang, der uns zum Kapitalismus zurückbringen würde?«

Zur Katastrophe des Krieges hatten der Wettstreit um die Eroberung von Kolonien, von Märkten und Rohstoffen geführt, die Jagd nach Profit, letztlich die auri sacra fames (der verfluchte Hunger nach Gold, d.Red.), und deshalb galt der »Kriegskommunismus« nicht nur als ein Synonym für soziale Gerechtigkeit, sondern auch als Garantie dafür, daß sich Tragödien dieser Art nicht mehr ereignen würden. Eine Stimmung, die nicht auf Rußland beschränkt war. 1918 erhoffte sich der junge Ernst Bloch, auf der Woge der Oktoberrevolution, die Heraufkunft einer ein für allemal von »aller Privatwirtschaft«, von aller »Geldwirtschaft« befreiten Welt und damit »das Zerreißen (…) der alles Böseste im Menschen preiskrönenden Kaufmannsmoral«.

Dem »Kommunistischen Manifest« zufolge sind für die »ersten Bewegungen des Proletariats« oft Forderungen im Zeichen eines »allgemeinen Asketismus und eine(r) rohe(n) Gleichmacherei« charakteristisch; andrerseits ist »nichts leichter, als dem christlichen Asketismus einen sozialistischen Anstrich zu geben«. Genau dies geschah im revolutionären Rußland. Wobei man sofort hinzufügen muß, daß dieses von Marx und Engels so eindrucksvoll geschilderte Phänomen auch weit außerhalb der von ihnen angenommenen zeitlichen wie räumlichen Grenzen auftritt. Auch im 20. Jahrhundert, und sogar in Bewegungen, die sich zum Historischen Materialismus und zum Atheismus bekennen, finden wir die Regel bestätigt, daß die großen Volksrevolutionen, die Massenerhebungen der subalternen Klassen zu einem spontanen und naiven Populismus neigen, der, unter völliger Mißachtung des Problems der Entwicklung der Produktivkräfte, die Erhebung der Menschen erwartet oder feiert, die auf der untersten Stufe der sozialen Hierarchie stehen, die Erhebung der Armen und der »Armen im Geiste«. Diese Tendenz ist Gramsci schon in seinen frühen Arbeiten fremd.

Revolution: ein Sieg der Stadt

Wenige Wochen, nachdem er die »Revolution gegen ›Das Kapital‹« gefeiert« hatte, rechtfertigt Gramsci in einem Beitrag für Il Grido del popolo vom 26. Januar 1918 die von den Bolschewiki und den revolutionären Sozialisten beschlossene Auflösung der Verfassungsgebenden Versammlung. Es handle sich um eine Maßnahme, die, »ungeachtet der äußeren Formen, die sie habe annehmen müssen«, ungeachtet ihres »gewaltsamen Anscheins«, eine »Episode der Freiheit« bilde.

Bekanntlich ist die zu diesem Vorgang von Rosa Luxemburg eingenommene Haltung eine ganz andere; für sie ist, in Polemik gegen die als autoritär oder diktatorisch verstandene Wendung der russischen Revolution, »Freiheit (...) immer Freiheit der Andersdenkenden«. Ungeachtet ihrer Prägnanz, die sie berühmt gemacht hat, ist diese Positionsbestimmung keineswegs überzeugend. Die städtischen Massen, welche das alte Regime gestürzt und die Hauptlast des Kampfes getragen haben, sind wenig geneigt, die Macht den ländlichen Massen zu überlassen, die zumeist beim Umsturz nur eine Randrolle spielten und unter denen der Einfluß des soeben gestürzten Systems noch fühlbar ist.

Diese Dialektik zeigt sich in der ersten englischen Revolution und im gesamten französischen Revolutionszyklus. Was letzteren angeht, ist der Sieg der Jakobiner eindeutig der Sieg der Stadt, der Sieg von Paris, nicht nur über das katholische und traditionalistische flache Land der Vendée, sondern auch über die girondistische Provinz. 1848 dagegen siegt das Land: die Folge davon ist eine Reaktion, die in die Errichtung der bonapartistischen Diktatur mündet. Auch 1871 macht die Niederlage der Pariser Commune den Weg frei für die bourbonische Restauration bzw. eine politische Deemanzipation der Volksmassen – offen durch die Rückkehr zum Zensuswahlrecht oder dank eines Mehrheitswahlrechts zugunsten der Eliten.

Eingedenk dieser Präzendenzfälle und angesichts des weiterhin tobenden Krieges zeigen die Schärfe der Auseinandersetzung zwischen denen, die entschlossen waren, ihn fortzusetzen oder zu intensivieren, und denen, die ihn auf jeden Fall beenden wollten, und die internationale Rolle der Entente, die entschlossen war, die »Desertion« Rußlands zu verhindern, daß ein Sieg der Konstituante keineswegs zur Festigung der Demokratie, sondern eher zu einer Rückkehr der Zarenherrschaft oder, wahrscheinlicher, einer (von den »Alliierten« der Entente unterstützten) Militärdiktatur geführt hätte.

Staatsbildung statt -zerschlagung

Gramscis Distanz zu doktrinärem Denken wird von seinem Editorial zu L’Ordine Nuovo vom 7. Juni 1919 in aller Deutlichkeit bestätigt. Eins der zentralen Themen, wahrscheinlich das zentrale Thema dieses Beitrags ist der Aufbau des Staates in Sowjetrußland. Man beachte: Ich spreche vom Aufbau, nicht von der Zerschlagung des Staates, wie es ein mehr oder minder orthodoxer Marxismus-Leninismus gerne sähe. Um mit Gramsci zu sprechen: »Die Revolution ist dies, und nicht bloße schwülstige Rhetorik, sobald sie sich in einem Typus von Staat verkörpert, sobald sie ein organisiertes System von Macht wird.«

Gerade bei diesem Vorhaben zeigt sich die Größe der Bolschewiki. Mit der Oktoberrevolution und dann ihrer Verteidigung schützen sie die russische Nation und den russischen Staat von der Auflösung und Balkanisierung, die sich als Folge des militärischen Debakels und des Untergangs des ancien régime abzeichnen. Gramsci würdigt Lenin als den »größten Staatsmann des heutigen Europa« und die Bolschewiki als »eine Aristokratie von Staatsmännern, wie sie keine andere Nation besitzt«. Diese hätten das Verdienst, »dem finstern Abgrund von Elend, von Barbarei, von Anarchie, von Zerfall«, den »ein langer und desaströser Krieg« geschaffen habe, ein Ende gesetzt und so die Nation, »das große russische Volk«, gerettet zu haben; und es sei ihnen damit gelungen, »die kommunistische Lehre mit dem kollektiven Bewußtsein des russischen Volks zusammenzuschweißen«. Mit der Geschichte ihres Landes brechend und diese zugleich fortsetzend, drücken die Bolschewiki einerseits ein »Klassenbewußtsein« aus, erfüllen aber auch eine nationale Funktion: Es gelingt ihnen, »für den neuen Staat die loyale Mehrheit des russischen Volks zu gewinnen«, »den Staat des ganzen russischen Volks« zu schaffen. Gerade damit findet sich der Imperialismus nicht ab und setzt seine Aggressionspolitik fort. Jedoch: »Das russische Volk hat sich endlich erhoben. (…) Es hat sich ganz für sein Valmy (Schlacht der feudalen Koalition von Preußen und Österreich gegen das revolutionäre Frankreich im Jahre 1792, d. Red.) gewappnet.« Die von »Klassenbewußtsein« beseelte Kommunistische Partei ist tatsächlich dazu berufen, den Kampf für die nationale Unabhängigkeit zu leiten und es damit den Jakobinern nachzumachen.

Es ist ein aus mehreren Gründen außerordentlicher Text. Auf den Trümmern der bürgerlichen Gesellschaft wollten die Bolschewiki eine Ordnung im Zeichen des Absterbens des Staates und der nationalen Identitäten errichten; doch die Protagonisten dieses Kampfs erweisen sich nun als die Retter des Staates und der Nation gegen den von den Ausbeuterklassen Rußlands und der ganzen Welt vorgetragenen Angriff! Die von Gramsci 1919 gezogene Bilanz wird heute, nach über 90 Jahren, von der jüngsten Geschichte bestätigt. Erteilen wir das Wort (dem französichen Historiker, d.Red.) Nicolas Werth, der einer der Herausgeber des »Schwarzbuchs des Kommunismus« war: »Zweifellos war der Sieg der Kommunisten im Bürgerkrieg letztlich ihrer außerordentlichen Fähigkeit, »den Staat aufzubauen«, zu verdanken – eine Fähigkeit, die ihren Gegnern abging.«

In diesem Sinne sind die Bolschewiki tatsächlich eine »Aristokratie von Staatsmännern«, von Staatsmännern allerdings, die eine Theorie beseelt, welche in klarem Widerspruch zu ihrer Praxis steht. Ihre Praxis ist ihrer Theorie überlegen, und um eine Theorie zu finden, die dieser Praxis adäquat ist, muß man sich in erster Linie an Gramsci wenden. Dieser argumentiert in der hier beschriebenen Weise zur selben Zeit, da Bloch sich von dem mit der Oktoberrevolution eingeleiteten Umbruch nicht nur, wie wir bereits wissen, das Verschwinden »aller Privatwirtschaft«, aller »Geldwirtschaft« und »das Zerreißen (…) der alles Böseste im Menschen preiskrönenden Kaufmannsmoral« erhofft, sondern auch einen »Umbruch der Macht zur Liebe«. Gramsci dagegen entwickelt schon in seinen ersten Arbeiten eine sehr realistische Vorstellung von der nachkapitalistischen Gesellschaft, die es aufzubauen gilt, und tendiert zur Ent-Messianisierung des Marxismus. Dies wird bestätigt durch seine sofortige Unterstützung für die Neue Ökonomische Politik (NÖP); damit steht er in deutlichem Gegensatz zu der bei Linken wie bei Rechten, wenn auch mit entgegengesetzter Wertung, ziemlich verbreiteten Auffassung, es handle sich bei der in Sowjetrußland vollzogenen Wende um die Rückkehr zum Kapitalismus.

Macht und Reichtum

Die theoretisch reifsten Äußerungen Gramscis zur NÖP finden sich in seinem berühmten und umstrittenen Brief an die KPdSU vom 14. Oktober 1926: Die Wirklichkeit der UdSSR habe zu einer »in der Geschichte noch nie gesehenen« Erscheinung geführt: daß nämlich »eine herrschende Klasse in ihrer Gesamtheit unter Bedingungen lebt, die schlechter sind als jene von bestimmten Elementen und Schichten der beherrschten und unterdrückten Klasse«. Die Volksmassen, die weiterhin Not leiden, sind desorientiert von dem Anblick des »pelzbehangenen NÖP-Manns, dem alle Güter der Erde zur Verfügung stehen«. Doch dürfe dies kein Grund für Empörung oder Weigerung werden, da das Proletariat die Macht ebensowenig bewahren wie erobern könne, wenn es nicht fähig ist, seine unmittelbaren Partikularinteressen »für die generellen und fortwährenden Interessen der Klasse zu opfern«. Wer die NÖP als Synonym für die Rückkehr zum Kapitalismus versteht, setzt fälschlicherweise ökonomisch privilegierte Schicht mit politisch herrschender Klasse gleich.

Ist die hier getroffene Unterscheidung gültig? Nach seiner Rückkehr von einer Reise nach Moskau faßte Walter Benjamin seine Eindrücke so zusammen: »Unter dem Kapitalismus sind Macht und Geld kommensurable Größen geworden. Jede gegebene Menge Geldes ist in eine ganz bestimmte Macht zu konvertieren und der Verkaufswert jeder Macht läßt sich errechnen. (…) Der Sowjetstaat hat diese Kommunikation von Geld und Macht unterbunden. Sich selber behält die Partei die Macht vor, das Geld überläßt sie dem NÖP-Mann.« Dieser aber ist einer »schrecklichen sozialen Isolierung« ausgesetzt. Auch für Benjamin gibt es keine Deckungsgleichheit von wirtschaftlichem Reichtum und politischer Macht.

Der erste sowjetische Fünfjahrplan hat sofort Gramscis Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Der Prozeß der Erholung und der planmäßigen Entwicklung der sowjetischen Wirtschaft zeigt, daß eine neue soziale Ordnung möglich ist! Das Stadium eines von der Kriegskatastrophe erzwungenen »Kollektivismus des Elends, des Leidens« läßt sich also überwinden. Doch die Verabschiedung des Fünfjahrplans ist auch in philosophischer Hinsicht von großer Bedeutung: Wie die »Revolu­tion gegen ›Das Kapital‹« ist die wirtschaftliche und industrielle Entwicklung Sowjetrußlands der Beweis, daß »die Konzeption des Historischen Materialismus« keineswegs zu »Fatalismus und Passivität« führt, sondern »zum Anlaß wird für eine Blüte von Initiativen und Unternehmungen, die viele Beobachter erstaunen lassen«.

Gefahr: antirussische Einheitsfront

Die Überwindung des »Kollektivismus des Elends, des Leidens« ist auch aus Gründen der internationalen Politik positiv zu sehen: Die Drohung, die auf Sowjetrußland lastet, ist nämlich keineswegs verschwunden. Die andauernde diplomatische Isolierung macht das Land verwundbar: Wird sich die konterrevolutionäre Intervention des Westens nicht wiederholen? Und erneut sucht Gramsci in Zeitungen und Zeitschriften nach Bestätigung oder Widerlegung seiner Ängste. La Nuova Antologia veröffentlicht eine Reihe von Beiträgen über die internationale Rolle des »Britischen Empire«, deren »Ziel (es ist), die moralische Isolation Rußlands (Abbruch der diplomatischen Beziehungen) und die Schaffung einer antirussischen Einheitsfront als Vorbereitung zum Krieg zu propagieren«. Ja, diese Artikel, wahrscheinlich inspiriert von wichtigen Leuten aus britischen Politikerkreisen, versuchen »die Gewißheit zu vermitteln, daß ein Vernichtungskrieg zwischen England und Rußland, ein Krieg, in dem Rußland nur unterliegen kann, unvermeidlich sei«.

Das gilt für die späten 20er und die frühen 30er Jahre. Mit dem Anbruch des »Dritten Reichs« macht Gramsci die Hauptgefahr eindeutig in Deutschland aus: »Nach den Brutalitäten und unerhörten Schändlichkeiten der vom Hitlerismus beherrschten deutschen ›Kultur‹« sei es jetzt an der Zeit, zur Kenntnis zu nehmen, wie »fragil die moderne Kultur« ist. Der wütende Antikommunismus der »Hitlerpartei« werde rasch auch auf internationaler Ebene spürbar werden.

Es ist nicht schwer zu verstehen, gegen wen sich die Aggression Nazideutschlands richtet. Nicht nur die »Gefängnishefte«, auch die Briefe aus dem Gefängnis zeugen bis zum Schluß von Gramscis sympathetischem Interesse für das aus der Oktoberrevolution hervorgegangene Land. Nicht einmal die kleinsten Aspekte werden vernachlässigt: Das zeigen die positiven Hinweise (in den Briefen an seinen Sohn Delio vom Sommer und vom November 1936) auf die »Pioniertagebücher« und auf die »junge und wertvolle sowjetische Philologie«, auf die »neueste« und »kritisch verarbeitete« Literatur über Puschkin und Gogol.

Elite und Massen

Die entschiedene Parteinahme für die Sowjetunion wird bei Gramsci jedoch nie zu vulgärer Apologetik oder Selbsttäuschung. Wir haben es vielmehr mit einer im tiefsten Wortsinn kritischen Haltung zu tun, die nicht Ausdruck von Kälte und Distanz, sondern besorgter Anteilnahme für die Entwicklungen nach der Oktoberrevolution ist. Hier ein erhellendes Beispiel für Gramscis Herangehen.

In den 30er Jahren findet die Rede von den zwei Totalitarismen so große Verbreitung, daß sie sogar bei Trotzki und bei Bucharin ihren Widerhall findet, die die stalinsche UdSSR und Hitlerdeutschland unter die Kategorie des »totalitären Regimes« bzw. der »totalitären Diktatur« und des »allmächtigen totalen Staats« subsumieren. Anders die »Gefängnishefte«, die zwar die Selbstdarstellung der UdSSR als »Diktatur des Proletariats« oder als »authentische Demokratie« ablehnen und statt dessen von »Cäsarismus« sprechen, aber sich bemühen, den »progressiven« Cäsarismus von dem »im 20. Jahrhundert von Mussolini und Hitler verkörperten regressiven« zu unterscheiden.

Mit anderen Worten, Gramscis Kritik endet nie in dem »puren Defätismus«, den er in den »Gefängnisheften« Boris Souvarine vorwirft. Dieser, früher ein führender Repräsentant der Französischen Kommunistischen Partei und der Dritten Internationale, dann ein immer schärferer Kritiker des Bolschewismus und der Sowjetunion, beginnt seit 1930 seine Vorwürfe in La Critique sociale zu veröffentlichen. Gramsci verfolgt diese Zeitschrift aufmerksam – und verurteilt ihre Unfähigkeit, die tragischen Schwierigkeiten beim Aufbau einer neuen sozialen Ordnung zu begreifen. Wie (der französische Historiker, d. Red.) François Furet befriedigt feststellt, gehört Souvarine »zu der Kategorie von Intellektuellen, die eine sarkastische Freude daran empfinden, gegen eine möglichst große Zahl von Leuten recht zu behalten«. Genau diese Besserwisserei wird in den »Gefängnisheften« ins Visier genommen: »Durchweg Gemeinplätze, geäußert mit der Überheblichkeit dessen, der von sich sehr überzeugt ist. (…) Ja, es geht darum, an der Schaffung einer Elite zu arbeiten, doch diese Arbeit kann nicht abgekoppelt werden von der Arbeit der Erziehung der großen Massen; im Gegenteil, diese beiden Aktivitäten sind in Wirklichkeit eine einzige, und eben dies macht das Problem so schwierig (...); es geht schließlich darum, zugleich eine Reformation und eine Renaissance zu haben«. Folglich: »Offenkundig läßt sich der Molekularprozeß der Durchsetzung einer sich entwickelnden neuen Zivilisation nicht verstehen, ohne den historischen Zusammenhang von Reformation und Renaissance verstanden zu haben.«

Wir sind hier an einem entscheidenden Punkt. In Gramscis Augen kann nur einen Spießer verwundern, daß die neue, mühsam Gestalt annehmende Ordnung nicht die geschliffene Gestalt der Welt aufweist, die sie stürzen will und die sich auf Jahrhunderte von Erfahrung im Umgang mit der Macht stützen kann. Es genügt, Humanismus und Renaissance auf der einen und Reformation auf der anderen Seite miteinander zu vergleichen, oder, in idealtypischem Sinne, Erasmus und Luther. Ungeachtet der bäuerlichen Grobheit, mit der sie sich anfangs präsentieren, sind es die Reformation und Luther, welche die Fundamente für die Beseitigung des ancien régime und für eine neue, fortschrittlichere und auf einer breiteren sozialen Basis stehende Gesellschaft legen.

In analoger Weise muß man an das im Oktober 1917 begonnene historische Geschehen herangehen: »Wollte man eine Studie über die (Sowjet-)Union machen, müßte das erste Kapitel, oder sogar der ganze erste Teil des Buches, das unter der Rubrik ›Reform und Reformation‹ gesammelte Material behandeln.« Die »Gefängnishefte« bilden keineswegs eine Zäsur gegenüber den früheren Schriften, sondern sind in erster Linie eine historisch-theoretische Bilanz des widersprüchlichen Vorgangs der Schaffung der »neuen Ordnung«.

Ein Abgrund trennt vom Dialektischen Materialismus der damaligen Sowjetunion das kritisch-dialektische Denken Gramscis; doch gerade dank seiner überlegenen Schärfe und Reife ist dieses Denken in der Lage, die Schwierigkeiten und Verhältnisse der Gesellschaft und Geschichte zu begreifen, die den »Diamat« hervorgebracht haben. An das Rußland Stalins muß man auf dieselbe Weise herangehen wie an das Deutschland Luthers.

Übersetzung aus dem Italienischen von Hermann Kopp

Von Domenico Losurdo erschien zuletzt auf deutsch »Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende«, 2. Auflage Mai 2013, im jW-Shop erhältlich

Den Artikel finden Sie unter: www.jungewelt.de/2013/05-08/055.php