6. Dezember 2011

Entfremdung durch Rassismus

Analytiker des Kolonialismus und der Gegengewalt der Unterdrückten: Frantz Fanon (1925–1961)

Vor 50 Jahren starb der Revolutionär und Psychiatriereformer Frantz Fanon

Michael Zander

Wie in etlichen anderen Städten auch, feiert man in Paris am 8. Mai 1945 die Kapitula­tion Nazideutschlands und das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Unter den anwesenden Soldaten des Freien Frankreich findet sich auch ein junger Korporal, noch keine 20 Jahre alt, der aus einer Kolonie stammt, nämlich von der Karibikinsel Martinique. Er hatte sich freiwillig gemeldet und unter anderem an der Schlacht ums Elsaß teilgenommen, um im Namen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gegen den Faschismus zu kämpfen. Bei der Siegesfeier tanzen die Pariserinnen vorwiegend mit den weißen Soldaten, ihre schwarzen Mitkämpfer bleiben meist im Abseits. Dies komplettiert die enttäuschenden Erfahrungen, die Frantz Fanon, so heißt der junge Mann, in der Armee machen mußte. Als Antillaner ist er dort zwar »Europäern« gleichgestellt, aber seine Kameraden zum Beispiel aus dem afrikanischen Senegal müssen in den schlechteren Baracken hausen und werden zuweilen auch mit Fußtritten traktiert.

»Ich habe mich geirrt!« schreibt er noch im Krieg an seine Eltern. »Nichts hier, nichts rechtfertigt diese plötzliche Entscheidung, mich zum Verteidiger der Interessen des Hausherrn zu machen, wenn er selbst darauf pfeift.« Allerdings ist das nicht sein letztes Wort, vielmehr fügt er paradoxerweise hinzu: »Morgen gehe ich als Freiwilliger auf eine gefährliche Mission …«

Während man in Paris das Kriegsende feiert, finden im rund 1400 Kilometer entfernten Algerien Demonstrationen statt. Der gemeinsame Feind, der Faschismus, ist geschlagen. Tausende vorwiegend arabische Bürger berufen sich nun auf das von den Alliierten 1941 proklamierte Selbstbestimmungsrecht der Nationen und fordern die Unabhängigkeit ihres Landes von der Kolonialmacht Frankreich. Nach Polizeiübergriffen kommt es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Bei Ausschreitungen kommen 102 Europäer ums Leben. Unter den Algeriern verüben Polizei und Armee in Sétif, Guelma, Melbou und Kherrata ein Massaker, bei dem 15000 bis 45000 Menschen ermordet werden.

Die Ereignisse des 8. Mai 1945 werden Fanons Leben und Werk prägen, in deren Mittelpunkt die Analyse von Rassismus und Kolonialismus sowie die Unterstützung der Befreiungsbewegungen stehen.

»Negrophobie«

Nach seiner Entlassung aus der Armee kehrt Fanon zunächst nach Martinique zurück und unterstützt den Wahlkampf seines Lehrers, des Schriftstellers Aimé Césaire (1913–2008), der als Kandidat der Kommunistischen Partei Frankreichs erfolgreich an den Wahlen zur Nationalversammlung teilnimmt. Bald darauf geht er nach Lyon, um dort Medizin mit Spezialisierung auf Psychiatrie zu studieren. Er besucht Vorlesungen des Philosophen Maurice Merleau-Ponty (1908–1961) und liest neben dem Studium Hegel, Marx’ Frühschriften, Freud, Lenin und Trotzki. Aus den Streitigkeiten unter seinen antillanischen Freunden, die teils der KP, teils dem Trotzkismus anhängen, hält er sich jedoch heraus.

1952, im Alter von 27 Jahren, veröffentlicht er sein erstes Buch. »Essay über die Entfremdung des Schwarzen«, sollte es zunächst heißen, aber auf Anraten des Verlags ändert er den Titel in »Schwarze Haut, weiße Masken«. Der Text ist vielgestaltig; er wechselt von Ironie und Sarkasmus zu sezierender Analyse, von Polemik zu kühler Sachlichkeit, von biographischen Erzählungen und assoziativen Spekulationen zu akademischer Argumentation und klinischen Berichten aus der Psychiatrie. Aber gerade aufgrund dieser Vielgestaltigkeit brennt sich der Eindruck der Lektüre ins Gedächtnis. Fanon untersucht nicht nur die »Entfremdung des Schwarzen« angesichts des Rassismus in Frankreich, sondern auch die Feindseligkeit vieler »Weißer«. Seine persönliche, aber verallgemeinerbare Erfahrung beschreibt er im Kontrast zu seiner Kindheit und Jugend in Martinique: »Ich bin ein Neger, aber natürlich weiß ich das nicht (…). Zu Hause singt meine Mutter mir französische Lieder in französischer Sprache vor, in denen nie von Negern die Rede ist. Wenn ich ungehorsam bin, wenn ich zuviel Lärm mache, sagt man mir, ich solle nicht ›den Neger spielen‹.«

An anderer Stelle heißt es: »Als Schüler haben wir stundenlang über die angeblichen Sitten der senegalesischen Wilden diskutiert. Es lag in unseren Worten eine zumindest paradoxe Ahnungslosigkeit. Der Neger lebt in Afrika. Subjektiv, intellektuell verhält sich der Antillaner wie ein Weißer. Er ist aber ein Neger. Das merkt er, sobald er in Europa ist, und wenn über Neger gesprochen wird, weiß er, daß sowohl von ihm wie vom Senegalesen die Rede ist.« Hinter der Kategorie des »Negers« verschwinden Geschichte, Nationalität, Beruf und Persönlichkeit.

Natürlich ist der Rassismus kein nur französisches Phänomen, und nicht nur Schwarze sind von ihm betroffen: »In Amerika werden Neger abgesondert«, schreibt er. »In Südamerika peitscht man die streikenden Neger auf den Straßen aus und erschießt sie. (…) Und hier, ganz in meiner Nähe, gleich nebenan, sagt mir ein aus Algerien gebürtiger Kommilitone: ›Solange man den Araber zu einem Menschen erklärt wie wir, wird es keine Lösung geben.‹«

Die Ablehnung durch Weiße entlarvt Fanon als eine Mischung aus Angst und Aggression, als »Negrophobie«. In einer nach Rassen aufgeteilten Vorstellungswelt verbinden sich mit dem »Neger« Ängste vor Primitivität, Hemmungslosigkeit, Sexualität und Natürlichkeit. Dabei werden nach psychoanalytischer Lesart die eigenen verdrängten Wünsche den Fremden und Außenseitern zugeschoben. »Wirklich, alles geht schief«, parodiert Fanon den Rassismus, die »Regierung und die Verwaltung werden von Juden belagert. Unsere Frauen von Negern.«

Das Buch erregt Aufsehen und zieht scharfe Kritik von rechts und links auf sich. Die Rechten meinen, wie Fanons Biographin Alice Cherki notiert, der Autor hänge den Weißen seine privaten Probleme an und solle lieber eine Therapie machen. Der linke Schriftsteller Léonard Sainville aus Martinique hält ihm vor, er wende sich von jenen Arbeitern ab, die den Rassismus bereits überwunden hätten und die eine andere Gesellschaft anstrebten.

Koloniale Psychiatrie

Fanon zieht im Text übrigens eine interessante Parallele zwischen der Art, wie man in Frankreich gemeinhin den Schwarzen begegnet, und der stationären Behandlung psychisch Kranker, die er in seinem Beruf bereits kennengelernt hat. Zunächst brandmarkt er das petit-nègre, die Kindersprache, in der schwarze und arabische Franzosen damals oft angeredet werden, etwa wenn ein Arzt sie fragt: »Was hast du? Wo tut’s weh? Wo es dir fehlen?« Und dann schreibt er überraschenderweise: »Wir selbst spüren zuweilen, wenn wir bestimmte Kranke befragen, in welchem Augenblick wir abgleiten. (…) Bei jener schwachsinnigen dreiundsiebzigjährigen Bäuerin, die sich mitten im Prozeß des Wahnsinns befindet, spüre ich plötzlich, wie die Antennen zerbrechen, mit denen ich berühre und von denen ich berührt werde. Die Tatsache, daß ich eine dem Irresein (…) angemessene Sprache spreche, daß ich mich dieser (…) Alten ›zuwende‹, mich über sie beuge, auf der Suche nach einer Diagnose – das ist für mich ein schlimmes Anzeichen für das Nachlassen meiner menschlichen Beziehungen.«

Er spielt hier auf Erfahrungen an, die er während seiner Facharztausbildung in einer Klinik im südfranzösischen Lozère gemacht hat. Der dortige Klinikleiter François Tosquelles (1912–1994) ist ein Marxist, der im Spanischen Bürgerkrieg Arzt auf der Seite der Republik war. Neben den damals gängigen rein somatischen Behandlungsverfahren praktiziert er eine »institutionelle Psychotherapie«, bei der Patienten und Personal nicht voneinander abgesondert werden, sondern vielmehr den Klinikalltag gemeinsam organisieren.

Nach dem Studium heiratet Fanon seine Freundin Marie-Josèphe Dublé und begibt sich auf Arbeitssuche. Er schreibt an den Dichter Léopold Sédar Senghor (1906–2001), den späteren ersten Präsidenten des unabhängigen Senegal, mit der Bitte, ihm eine Stelle in Dakar zu vermitteln. Aber der Brief bleibt unbeantwortet, und schließlich wird Fanon Leiter einer Psychiatrie im algerischen Blida, 45 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Algier.

Offiziell ist Algerien damals ein französisches Departement; tatsächlich handelt es sich jedoch um eine Kolonie, ein seit über 100 Jahren besetztes Land, dessen Bevölkerung nach religiösen bzw. »rassischen« Gesichtspunkten gegliedert wird: Weniger als zehn Prozent sind christliche Europäer, meist Franzosen; die 140000 einheimischen Juden sind ihnen formal gleichgestellt, werden aber als Bürger zweiter Klasse behandelt und diskriminiert; 90 Prozent sind muslimische Araber. Letztere werden in allen gesellschaftlichen Bereichen benachteiligt, insbesondere beim Zugang zu Bildung, Arbeitsplätzen oder zur Politik. Sie dürfen zwar wählen, aber ein Gesetz sorgt dafür, daß sie im Land höchstens die Hälfte der Abgeordneten stellen dürfen. Außerdem sind Wahlfälschungen zu ihren Ungunsten üblich und ein offenes Geheimnis. Zu den wenigen Einrichtungen bzw. Organisationen, in denen Christen und Moslems gleichberechtigt zusammenarbeiten, gehören Gewerkschaften wie die kommunistische CGT.

Die koloniale Struktur spiegelt sich auch in der Psychiatrie wider. Die arabischen Patienten werden von den europäischen separiert; sie gelten als biologisch primitiv, ihre Versorgung ist schlecht, ihre Krankheiten werden ausschließlich auf körperliche Ursachen zurückgeführt. Fanon macht sich daran, die Klinik nach dem Vorbild der »institutionellen Psychotherapie« umzukrempeln. Personal und Patienten nehmen an gemeinsamen Gesprächsrunden teil, Feste werden gefeiert, Werkstätten gegründet.

Kontakt zur Befreiungsbewegung

Auch außerhalb der Psychiatrie beginnen große Umwälzungen. Am 1. November 1954, neun Jahre nach dem Massaker von Sétif, beginnt der Aufstand der Nationalen Befreiungsfront FLN (Front de Libération Nationale) gegen die Kolonialmacht. Progressive Christen, Linkssozialisten und Trotzkisten schlagen sich früh auf die Seite der Unabhängigkeitsbewegung. Die KP dagegen hält zunächst an der »Einheitsfront« mit der Sozialdemokratie fest und unterstützt das Regime in Algier. Doch allmählich entwickelt sich auch hier eine Opposition, die den Kurs der Partei ändern wird, aber ihr Engagement zum Teil mit ihrer Freiheit und ihrem Leben bezahlt. So wird der Kommunist Fernand Yveton auf Anordnung des damaligen Justizministers Francois Mitterrand guillotiniert; Militärs foltern Maurice Audin zu Tode, einen jungen Mathematiker der Universität Algier; der Abgeordnete Henri Alleg wird verschleppt und an einem unbekannten Ort gefangen gehalten.

Die FLN nimmt Kontakt zu Fanon auf, weil sie einen Arzt sucht, der kriegsbedingte psychische Störungen oder auch körperliche Verletzungen bei den Aufständischen behandelt. Bald werden die klandestinen Aktivitäten im Krankenhaus ausgeweitet und Menschen, Waffen und Flugblätter versteckt. Der Krieg wird von der Kolonialmacht mit unglaublicher Härte geführt. Bis 1962 werden 600000 bis eine Million Algerier getötet, zwei Millionen Bürger zwangsumgesiedelt; auf französischer Seite sterben nach offiziellen Angaben 27000 Soldaten und 3000 Zivilisten.

Möglicherweise auf Veranlassung der FLN und um einer Verhaftung zuvorzukommen, tritt Fanon Anfang 1957 von seinem Posten zurück und wird von den Behörden des Landes verwiesen. Er geht nach Tunis und wird Redakteur der FLN-Zeitschrift El Moudjahid. In seinem Buch »Aspekte der Algerischen Revolution« (»L’An V de la révolution algérienne«) beschreibt er, wie sich das gesellschaftliche Gefüge des Landes im Krieg verändert. Unter anderem äußert er sich, mit einer Mischung aus Apologetik und Realismus, zu Kriegsverbrechen, die der FLN vorgeworfen werden: »Nein, es ist nicht wahr, daß die Revolution ebensoweit gegangen sei wie der Kolonialismus. Doch wir rechtfertigen deshalb nicht die spontanen Reaktionen unserer Landsleute. (…) Die Leute, die uns kritisieren oder uns die Randerscheinungen der Revolution vorhalten, verkennen den grauenvollen Konflikt, in dem sich ein Funktionär befindet, welcher gegen einen Landsmann vorgehen muß, der sich schuldig gemacht hat, beispielsweise ohne Befehl einen Verräter oder, was schlimmer ist, eine Frau, gar ein Kind getötet hat. Dieser Mann, über den ohne geschriebenes Gesetz gerichtet werden muß – allein aufgrund des Bewußtseins, das jeder hat von dem, was getan werden und was verboten bleiben muß –, ist kein Neuling in der Kampfgruppe. Er hat Monate hindurch unbestreitbare Beweise von Selbstverleugnung, von Patriotismus, von Mut erbracht. Über ihn muß jedoch gerichtet werden. Der verantwortliche Funktionär (…) muß sich an die Richtlinien halten. Er muß der Ankläger sein, wenn die anderen Mitglieder der Einheit es nicht auf sich nehmen wollen, den Beschuldigten vor dem Revolutionsgericht anzuklagen. – Es ist nicht leicht, mit einem Minimum von Fällen des Versagens den Kampf eines hundertdreißig Jahre lang geknebelten Volkes zu führen, und zwar gegen einen so entschlossenen und so grausamen Feind wie den französischen Kolonialismus.«

In der Zivilbevölkerung werden traditionelle Kleidungsstücke wie Schleier oder Fez zum Symbol der Weigerung, sich an die europäische Kultur anzupassen. Die Kolonialverwaltung entdeckt, wie Fanon vermerkt, das Thema der Frauenemanzipation und instrumentalisiert es zur Aufrechterhaltung ihrer Hegemonie. »Die Besatzungsmacht möchte die gedemütigte, beiseite gedrängte, eingeschlossene Frau verteidigen. Man beschreibt die unermeßlichen Möglichkeiten der Frau, die leider vom algerischen Mann in ein träges, entwürdigtes (…) Objekt verwandelt worden ist. Das Verhalten des Algeriers wird als mittelalterlich und barbarisch denunziert. Mit unendlicher Akribie wird die Anklage vorbereitet. (…) Gesellschaften (…) für die Solidarität mit den algerischen Frauen werden gegründet. (…) Man (…) sorgt sich um die Unglücklichen, die dazu verdammt sind, ›Kinder in die Welt zu setzen‹. Dabei tauchen häufig rassistische Argumentationen auf. ›Vertreiben Sie das Naturell, es kommt im Galopp zurück.‹«

Fanon redet keineswegs pauschal der Tradi­tion das Wort; doch der angebliche Humanismus Frankreichs ist gründlich diskreditiert. Emanzipationspotential sieht Fanon dagegen in der zunehmenden Teilnahme der Frauen am Aufstand, auch wenn diese Teilnahme gegen vielerlei Schwierigkeiten durchgesetzt werden muß. »Man sieht, daß das algerische Mädchen, an­alphabetisch, verschleiert, in der Entwicklung zurückgehalten, wie Algerien insgesamt durch die Kolonialherrschaft, schlecht darauf vorbereitet ist, revolutionäre Aufgaben zu übernehmen. Das algerische Mädchen schämt sich seines Körpers, seiner Brüste, seiner Menstruation; es schämt sich, eine Frau zu sein. Die Tochter schämt sich, im Beisein des Vaters zu sprechen, den Vater anzuschauen. Und ihr Vater schämt sich vor ihr, da er tatsächlich in seiner Tochter die Frau sieht.« Zahlreiche junge Frauen entfliehen den beengenden häuslichen Verhältnissen und schließen sich dem Aufstand an. Sie heiraten auf den Standesämtern der FLN oder lassen sich scheiden. Im Zuge verdeckter Aufträge, die sie inkognito in die Städte führen, entwickeln sie ein funktionales Verhältnis zum Schleier, den sie bei Bedarf tragen oder ablegen. Fanon hofft, daß damit die Grundlagen für erneuerte Geschlechterverhältnisse gelegt werden.

In Tunis wird Fanon Zeuge heftiger Frak­tionskämpfe in der FLN. Wegen seiner eigenen Positionen beschuldigt man ihn sogar, ein »zionistischer Agent« zu sein. Der französische Geheimdienst streut Falschinformationen, aufgrund derer zahlreiche Kader als Verräter verurteilt und getötet werden. Der Unabhängigkeitskampf nähert sich dem Ende und macht Fragen nach der politischen Zukunft Algeriens unabweisbar.

Die »dritte Welt«

Unter manchen heutigen europäischen Linken haben die Befreiungsbewegungen einen schlechten Ruf, weil die Nation im Zentrum ihrer Programme steht. Aber zumindest im Fall der FLN ist dieser Programmpunkt gleichbedeutend mit einer demokratischen und republikanischen Orien­tierung; denn die Auflehnung gegen die koloniale Verneinung einer eigenständigen Nation beinhaltet zugleich ein Angebot an alle Einwohner des Landes, die algerische Staatsbürgerschaft anzunehmen und gleiche Rechte zu genießen, unabhängig von ethnischer, religiöser oder familiärer Zugehörigkeit. Diese Einladung verdankt sich nicht nur grundsätzlichen politischen Überzeugungen, sondern auch einem wohlverstandenen Eigeninteresse; die FLN möchte die gut ausgebildeten europäischen Spezialisten der ohnehin spärlichen Industrie im Land halten.

Fanon wird die offizielle Unabhängigkeit Algeriens nicht mehr erleben. Unerwartet erkrankt er an Leukämie und stirbt im Alter von nur 36 Jahren am 6. Dezember 1961 in einem Krankenhaus in den USA. Aber wenige Tage vor seinem Tod erscheint ein Buch, das ihn weltberühmt machen wird und das eine Zeile der Internationalen im Titel führt – »Die Verdammten dieser Erde«. Im Mittelpunkt steht der Begriff der »Tiers-Monde«, der »dritten Welt«, den Albert Sauvy und Georges Balandier geprägt haben, in Analogie zum Dritten Stand in der Französischen Revolution.

Fanon erinnert daran, was die Kolonialmächte diesem Dritten Stand schuldig sind. »Der Reichtum der imperialistischen Länder ist auch unser Reichtum. Europa hat sich an dem Gold und den Rohstoffen der Kolonialländer unmäßig bereichert: aus Lateinamerika, China und Afrika (…), denen Europa heute seinen Überfluß vor die Nase setzt, werden seit Jahrhunderten Gold und Erdöl, Seide und Baumwolle, Holz und exotische Produkte nach eben diesem Europa verfrachtet. (…) Die Häfen von Holland, die Docks von Bordeaux und Liverpool (…) verdanken ihren Ruf Millionen deportierter Neger. Und wenn wir ein europäisches Staatsoberhaupt (…) erklären hören, daß man den unglücklichen unterentwickelten Völkern zu Hilfe kommen müsse, so erzittern wir nicht vor Dankbarkeit. Ganz im Gegenteil, wir sagen uns: das ist eine gerechte Repa­ration …«

Bekanntlich hat man Fanon vorgeworfen, er verherrliche die Gewalt; herangezogen werden Sätze wie diese: »Auf der individuellen Ebene wirkt Gewalt entgiftend. Sie befreit den Kolonisierten von seinem Minderwertigkeitskomplex (…). Sie macht ihn furchtlos, rehabilitiert ihn in seinen eigenen Augen.« Unabhängig davon, ob das stimmt, predigt Fanon die Gewalt nicht, er setzt sie als Tatsache der kolonialen Situa­tion voraus. In seinen therapeutischen Berichten aus Blida zeigt sich die Zerstörungskraft der Gewalt. Polizisten beklagen sich über die mühsame Arbeit des Folterns. Einer sagt Fanon über seine Opfer: »Manchmal (…) möchte man ihnen sagen, daß sie, wenn sie etwas Mitleid hätten, sprechen würden, ohne uns zu zwingen (…), ihnen die Informationen Wort für Wort aus der Nase zu ziehen. (…) Da ist man dann gezwungen, sie sich vorzunehmen.« Über einen anderen schreibt Fanon, er habe ihn gebeten, »ihm zu helfen, daß er die algerischen Freiheitskämpfer ohne Gewissensbisse, ohne Verhaltensstörungen, sozusagen mit Gelassenheit foltern könne.« Ein FLN-Angehöriger gesteht in der Therapie ein Verbrechen, das keineswegs kathartisch gewirkt, sondern regelmäßiges Erbrechen, Alpträume und psychotische Episoden ausgelöst hat: »Ich erfuhr, daß meine Mutter von einem französischen Soldaten (…) getötet wurde (…). Eines Tages sind wir auf eine Kolonialbesitzung gegangen, wo der Verwalter (…) schon zwei algerische Zivilisten erschlagen hatte. (…) Aber er war nicht da. Nur seine Frau war im Haus. (…) Aber ich betrachtete die Frau und dachte an meine Mutter. (…) Einen Augenblick später war sie tot. Ich hatte sie (…) getötet. (…) Und dann ist diese Frau jeden Abend gekommen, um mein Blut zu verlangen.« Eine Verherrlichung von Gewalt klingt anders.

Das Buch enthält auch ein Vermächtnis, das für die FLN unbequem ist; denn der Autor zeichnet darin, mit Blick auf andere, bereits unabhängig gewordene Länder, ein düsteres Zukunftsbild. Er fürchtet, die einheimische Bourgeoisie werde sich in der Verkleidung der nationalen Befreiung an die Stelle der Kolonisatoren setzen und die ökonomische Verflechtung mit dem »Mutterland« aufrechterhalten; mittels einer Einheitspartei werde sie eine bürgerliche Diktatur errichten.

Abstand und Aktualität

Zwar werden sich diese Befürchtungen als übertrieben erweisen, aber sie enthalten dennoch einen wahren Kern. Die Ökonomie des unabhängigen Landes ist, wie Bernhard Schmid in seinem Buch über Algerien schreibt, mit schweren Hypotheken belastet, etwa mit dem fortdauernden Einfluß französischer Konzerne auf die Ölförderung. Neben der Auswanderung europäischer Fachkräfte gehören dazu die ökonomische Ausrichtung auf Frankreich und die Kriegsschäden. Die bedeutendsten politischen Parteien sind sozialistisch orientiert, doch die FLN ist nicht zur Machtteilung bereit und verbietet ihre Konkurrenten. Der algerische Sozialismus entwickelt sich zu einer »gemischten« Wirtschaft, wobei sich manche FLN-Kader bei der Nationalisierung bereichern. Die Bodenreform wird teilweise sabotiert, so daß großer Grundbesitz in der Hand einflußreicher Familien bleibt. Und doch genießt die Regierung lange einen großen Rückhalt in der Bevölkerung. Sie industrialisiert das Land und hebt zeitweise das Niveau der verfügbaren Massenkonsumgüter. Doch nach der Auflösung der verbündeten RGW-Staaten treten 1989 die inneren Widersprüche des algerischen Modells zutage. Am Vorabend von Militärputsch und Bürgerkrieg wird die »Islamische Rettungsfront« zur stärksten Partei, die als Alternative sowohl zum »Westen« als auch zur weitgehend säkularen FLN erscheint.

Liest man heute Fanons Texte, so merkt man historischen Abstand und Aktualität zugleich. Vorbei ist die Zeit der historischen Aufbruchstimmung und der Blockbildung zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Andererseits führen die Regierungen Europas und der USA noch immer die »westlichen Werte« im Mund, die bereits Fanon vor einem halben Jahrhundert seziert hat. Auch ohne offenen Kolonialismus bleiben alte ökonomische Abhängigkeiten bestehen. Und wie damals werden unter Mißachtung des Völkerrechts Regierungen gestürzt, und es wird bedenkenlos militärische Gewalt eingesetzt, um, wie es der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler ausgeplaudert hat, »freie Handelswege« zu erzwingen und »regionale Instabilitäten« zu verhindern.

Michael Zander ist Mitarbeiter am Institut für gerontologische Forschung in Berlin

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2011/12-06/018.php