23. August 2013

Er Spitze, sie Stütze?

August und Julie Bebel sowie Tochter Frieda - Fotoquelle: Wikipedia

Zu seinem 100. Todestag wurde wieder an die unbestrittenen Verdienste von August Bebel erinnert. Seine Frau Julie (1843–-1910) ist noch immer eine Unbekannte

Gisela Notz

Am 13. August 2013 würdigte nicht nur die SPD die Leistungen ihres Gründervaters August Bebel. Der Anteil seiner Lebensgefährtin Julie an der Propagierung seiner fortschrittlichen frauenpolitischen Forderungen – und an den Erfolgen der SPD des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts auf diesem Feld – ist dagegen beinahe vergessen.

Es wäre an der Zeit, das Bild ein wenig zurechtzurücken. Wer also war Julie Bebel, geboren 1843 als Johanna Carolina Henriette Otto, jüngstes von sieben Kindern in einer Leipziger Arbeiterfamilie. Der Vater war Eisenbahner, die Mutter Dienstmädchen. Julie besuchte die Volksschule und mußte dann Geld verdienen. Während die Brüder eine Lehre in einem Handwerksbetrieb machen durften, wurde Julie als Arbeiterin in einem Putzwarengeschäft tätig. Das war ein ausgesprochener Frauenberuf – wenig Lohn, bis zu zwölfstündige Arbeitstage und Nachtarbeit waren hier Alltag. Als Julie 13 war, starb ihr Vater, acht Jahre später ihre Mutter. Schon bevor sie August kannte, hatte sie mit der Sozialdemokratie sympathisiert. Parteimitglied durfte sie aber nicht werden. Nach der Unterdrückung der revolutionären Bestrebungen von 1848 hatten Frauen es noch schwerer als die männlichen Genossen, denn zwischen 1850 und 1908 galt in Preußen und in anderen Ländern ein Vereinsgesetz, nach dem politische Vereine keine »Frauenspersonen« aufnehmen konnten. Im 19. Jahrhundert war die gesellschaftliche Ordnung nicht nur von tiefen Klassengegensätzen geprägt, sondern auch von tiefen Geschlechtergegensätzen. Erst 1919 erhielten Frauen in Deutschland das Wahlrecht. Sozialdemokratinnen hatten dennoch entscheidenden Anteil am Aufstieg der Arbeiterbewegung.

Auch August Bebel (1840–1913) war das Kind armer Leute und wurde in Köln-Deutz als Sohn einer Dienstmagd und eines Unteroffiziers geboren, mußte als Waise mit 14 eine Lehre beginnen (siehe auch jW vom 13.8.). Im Februar 1863 lernten sich Julie und August auf dem Stiftungsfest des Gewerblichen Bildungsvereins Leipzig kennen. August war der Festredner, Julie kam als Begleiterin ihres Bruders. Immer wieder forderte August die schöne junge Frau zum Tanz auf. Ein Jahr später verlobten sich die beiden. 1865 war der Drechslergeselle in den Vorstand des Vereins aufgerückt, 1966 gründete er die Sächsische Volkspartei mit, eröffnete eine eigene Drechslerwerkstatt und heiratete Julie. Diese war bald in die politische Arbeit von August einbezogen, der 1867 in den Reichstag des Norddeutschen Bundes gewählt und Präsident des in Konkurrenz zum 1863 gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) entstandenen Verbandes Deutscher Arbeitervereine (VDAV) wurde. Während der Sitzungsperioden und als er im gleichen Jahr wegen »Verbreitung staatsgefährlicher Lehren« für drei Wochen ins Gefängnis mußte, führte Julie die Drechslerei. Etwa fünf Jahre waren die Eheleute getrennt, weil Bebel immer wieder wegen »Majestätsbeleidigung«, »Hochverrats« oder ähnlicher Delikte hinter Gittern verschwand.

Im Geburtsjahr der Tochter Frieda, 1869, gründete August Bebel die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) mit. Ihren Vater sah »Friedchen« nur ganz selten. Er stritt gemeinsam mit Wilhelm Liebknecht im Reichstag gegen den deutsch-französischen Krieg. 1872 machte man Bebel den Prozeß und verurteilte ihn wegen Hochverrats, weil er sich mit der Pariser Commune solidarisiert hatte. Erst am 1. April 1875 endete seine Haftstrafe. Im selben Jahr schlossen sich »Lassalleaner« und Bebels SDAP zur Sozialistischen Arbeiterpartei zusammen (SAP).

Julie hatte, noch bevor Bebel die Festungshaft antrat, die Drechslerwerkstatt als offizielle Geschäftsinhaberin übernommen. Gleichzeitig arbeitete sie für die Partei. Schrieb Briefe, brachte Artikel zu Redakteuren, organisierte Solidaritätstreffen, half Genossen und baute einen Bildungsverein für Frauen mit auf, dessen Vorstand sie zeitweise angehörte. Clara Zetkin sagte über sie: »Sie war eine Genossin seiner Ideale.«

Nach Inkrafttreten des »Sozialistengesetzes« 1878 wurde August Bebel wiederum verhaftet. Nach seiner »Ausweisung« aus Leipzig am 29. Juni 1881, zusammen mit Wilhelm Hasenclever und Wilhelm Liebknecht, übertrug die SAP-Führung die Solidaritätsgelderkasse offiziell den Ehefrauen der drei. Die Hauptaufgaben der Geschäftsführung und Buchhaltung übernahm Julie Bebel. Nun war sie auch Sekretärin der Partei – und wurde selbst zum Ziel polizeilicher Schikanen und Ausweisungsandrohungen. Doch sie ließ sich nicht einschüchtern. In Polizeivermerken wurde sie als »resolute und kluge Frau mit der nötigen Geschäftskenntnis« bezeichnet. Bebel begegnet uns in den Briefen, die erhalten geblieben sind, als fürsorglicher, aber gelegentlich auch recht ungeduldiger Patriarch, der sehr unwirsch reagieren konnte, wenn seine Frau einmal etwas vergaß oder etwas aus eigenem Entschluß tat. Doch nach solchen Ausbrüchen zeigte er sich wieder versöhnungsbereit: »Du bist mein gutes, liebes Weib, das ich um keinen Preis in der Welt missen möchte, und mit unserem Friedchen im Bunde soll uns kein Schicksalsschlag etwas anhaben können.« Julie war selbstbewußt genug, um sich von den paschahaften Anwandlungen ihres Mannes nicht irritieren zu lassen. Die politische Arbeit war ihr wichtig. Im September 1887 schrieb sie an Natalie Liebknecht, als wolle sie sich und die Freundin ob der mäßigen Anerkennung für die Leistungen der Frauen trösten: »Die Verehrung für unsere Männer fällt ja auch auf uns.«

Während der zwölf Jahre des Sozialistengesetzes war es Reichskanzler Otto von Bismarck nicht gelungen, die Sozialdemokratie dauerhaft zu unterdrücken. Das Gesetz wurde 1890 aufgehoben, Bismarck wurde gestürzt, die SAP benannte sich in SPD um und wurde mit dem Ende der Illegalität zur stärksten Partei. Bebel war in der Zeit der Verfolgung zu einem der wichtigsten Führer der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung geworden. 1892 wurde er neben Paul Singer zu einem der beiden Vorsitzenden der SPD gewählt. Julie arbeitete weiter für die Partei. Als sie im November 1910 starb, wurde sie in Zürich, wo ihre Tochter lebte, beerdigt. Ein Jahr zuvor hatte sie noch an der Seite ihres kranken Mannes am Parteitag der SPD in Leipzig teilgenommen. Der Aufstieg der Sozialdemokratie wäre ohne die aktive Unterstützung von Frauen wie Julie nicht möglich gewesen.

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