17. Oktober 2012

Erinnerung an John Sieg

John Sieg

Der Deutsch-Amerikaner, Eisenbahner und Journalist war das erste Todesopfer aus der »Roten Kapelle« in Berlin

Peter Rau

John Sieg war nicht das erste Todesopfer, das das von den Nazis als »Rote Kapelle« apostrophierte, vom sowjetischen Nachrichtendienst in Westeuropa installierte weitverzweigte Kundschafternetz zu beklagen hatte. Wenige Wochen vor ihm hatte bereits die im Dezember 1941 in Brüssel verhaftete Funkerin Sophie Posnanska, eine Polin, im dortigen Gefängnis Saint-Gilles den Freitod gewählt. Als erster der im September/Oktober 1942 verhafteten rund 130 Angehörigen der um Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack gruppierten und in Hitlerdeutschland tätigen Widerstandsorganisation, die der »Kapelle« zugerechnet wird, wählte auch John Sieg diesen Weg. Als er sich am 15. Oktober 1942 in der Gestapozentrale in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße vier Tage nach seiner Festnahme in den Tod stürzte, führte damit von ihm kein Weg zu anderen Mitgliedern der Widerstandsbewegung.

Dem am 3. Februar 1903 in ­Detroit geborenen Deutsch-Amerikaner war weder eine Rolle als Kundschafter auf den Leib geschneidert worden noch verstand er sich selbst als Spion im herkömmlichen Sinn. Vielmehr hatte John Sieg – dessen Eltern und Großeltern einst Deutschland verlassen hatten, um in der »Neuen Welt« Arbeit und Auskommen zu finden – von einer späteren Zukunft als Lehrer geträumt. Daraus wurde jedoch nichts. Nach dem Tod des Vaters nahm ihn sein Großvater 1910 vorübergehend mit nach Westpreußen, wo er die Volksschule absolvierte und ein Lehrerstudium begann. Das mußte er nach dem Tod des Großvaters im Jahr 1923 allerdings wieder aufgeben und nach Detroit zurückkehren. Es folgten Jahre als Bauarbeiter sowie am Fließband in den großen Autokonzernen. Wegen seines auch gewerkschaftlichen Engagements in den Ford-Werken fristlos gekündigt, ging er 1928 erneut nach Deutschland, wo er sich in Berlin niederließ. Nachdem er schon in den USA begonnen hatte, die Erfahrungen seines Arbeitslebens auch journalistisch zu verarbeiten, setzte er hier diese Tätigkeit fort – zunächst bei der von Dr. phil. Adam Kuckhoff geleiteten Monatszeitschrift Die Tat und später als Feuilletonredakteur bei der Roten Fahne, dem Zentralorgan der KPD, der er inzwischen angehörte.

Im März 1933 geriet Sieg darum nach der Machtübertragung an Hitler wie Tausende andere Regimegegner ins Visier der Nazis und wurde für einige Monate inhaftiert. Wieder freigelassen, erhielt er erst im März 1937 eine feste Anstellung bei der Reichsbahn. Vom Güterbodenarbeiter über Fahrkartenverkäufer und Weichenmeister brachte er es bis zum Fahrdienstleiter auf dem Bahnhof Tempelhof. Da hatte er allerdings in seinem Neuköllner Wohngebiet schon längst wieder Gleichgesinnte um sich geschart und eine illegale Parteizelle aufgebaut, die Verbindungen zu Antifaschisten in etlichen Betrieben und 1937/1938 auch regelmäßige Kontakte zur KPD-Abschnittsleitung in Prag unterhielt. Bereits 1936 hatte ihn sein ehemaliger Chef Adam Kuckhoff in den Kreis der Antifaschisten um Arvid Harnack, der als Regierungsrat im Wirtschaftsministerium arbeitete, eingeführt. Über diesen traf er schließlich auch mit dem Luftwaffenoffizier Harro Schulze-Boysen zusammen. Sieg wurde so zum Verbindungsglied zwischen dem Führungsduo des deutschen Zweiges der »Roten Kapelle« und einigen illegalen kommunistischen Gruppen.

Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen und insbesondere nach dem Überfall auf die Sowjetunion nutzte er nicht nur seine Möglichkeiten als Eisenbahner, um Wehrmachttransporte zu sabotieren, sondern verfaßte Flugblätter, die dazu aufriefen, »alles zu tun, um die Kriegsproduktion zu behindern und den Gang der Hitlerschen Kriegsmaschine zu lähmen«. Mit anderen Genossen gab er die Zeitschrift Die innere Front heraus, von der bis zu seiner Verhaftung 16 Ausgaben erscheinen konnten, und schrieb darüber hinaus mit der Feldpost versandte »Offene Briefe an die Ostfront«, in denen über die Verbrechen der Okkupanten in den besetzten Ländern aufgeklärt wurde.

Daß Sieg und seine Mitstreiter der Gestapo schließlich in die Hände fielen – insgesamt wurden seit Ende 1941 in Frankreich, Belgien, Holland und Deutschland mehr als 200 Antifaschisten verhaftet, von denen 143 in der Haft oder im KZ starben –, ist vermutlich auf einen von den Nazis entschlüsselten Funkspruch aus der Moskauer Zentrale zurückzuführen. Am Respekt vor dem Mut der verhafteten und verurteilten Widerstandskämpfer und derjenigen, die wie John Sieg oder neun Tage später dessen Genosse Herbert Grasse im Polizeipräsidium am Berliner Alexanderplatz durch Freitod ihr Leben ließen, ändert das keinen Jota.

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