23. November 2013

Erkämpfte Einheit

Weichenstellung für den zukünftigen Staat: Josip Broz Tito (vordere Reihe ganz links) und Ivan Ribar (rechts daneben) auf der zweiten Sitzung des AVNOJ, des obersten Gremiums des Partisanenwiderstand in Jajce (29. November 1943) - Fotoquelle: jW-Archiv

Vor 70 Jahren tagte der Antifaschistische Rat der Volksbefreiung Jugoslawiens

Roland Zschächner

Am Morgen des 6. Aprils 1941 bombardierte die deutsche Luftwaffe auf Befehl Hitlers die jugoslawische Hauptstadt Belgrad. Das Königreich, das als Vielvölkerstaat aus den Trümmern des Ersten Weltkrieges entstanden war, wurde zerschlagen und unter den faschistischen Angreifern Deutschland, Italien, Ungarn und Bulgarien aufgeteilt. Das Land wurde wirtschaftlich ausgebeutet, Tausende Einwohner als Arbeitssklaven verschleppt.

Die Deutschen installierten in Serbien eine Quislingregierung unter Milan Nedic. Die Ustascha-Faschisten unter ihrem selbsternannten »Führer« Ante Pavelic wurden in Kroatien an die Macht gehievt, wo sie eine Diktatur errichteten.

Die Besatzung des Landes war brutal vom ersten Tag an. Tausende Serben, Juden und Oppositionelle wurden verhaftet, verschleppt und ermordet. Es kam zu zahlreichen Massakern an der Zivilbevölkerung. Konfrontiert mit dem täglichen Terror durch Vertreibung und Geiselerschießungen sahen auch viele vormals Unentschlossene im Widerstand gegen die Okkupanten die einzige Möglichkeit zum Überleben.

Die Widerstandsbewegung

Im Sommer 1941 rief die Kommunistische Partei Jugoslawiens (KPJ) unter ihrem Vorsitzenden Josip Broz, genannt Tito, die Bevölkerung zum antifaschistischen Aufstand auf. Die 1921 verbotene Partei konnte beim Aufbau der Widerstandsstrukturen auf die Erfahrungen der Illegalität zurückgreifen. Auch das Wissen der zurückgekehrten Spanienkämpfer in ihren Reihen half bei der Organisation der Bewegung und bei den häufiger werdenden militärischen Auseinandersetzungen. Partisaneneinheiten wurden gebildet, die den propagandistischen wie auch den bewaffneten »Volksbefreiungskampf gegen die Okkupanten und ihre einheimischen Helfer« aufnahmen. Zu dieser Zeit verfügte die Partei lediglich über ein paar tausend Mitglieder, doch konnte sie durch gezielte Aktionen die Deutschen empfindlich treffen und immer neue Bevölkerungsgruppen für den Widerstand gewinnen.

Trotz verschiedener Rückschläge wurde die KPJ zur führenden Kraft der Bewegung. Dies war in ihrer konsequenten antifaschistischen Haltung begründet. Im Gegensatz zu den serbisch-nationalistischen, königstreuen und antikommunistischen Tschetniks, die nur zu Beginn der Besatzung vereinzelt Widerstand übten, schlossen die Partisanen eine Kollaboration mit dem Feind aus. Zum anderen betonten die Kommunisten die Einheit des Landes und der dort lebenden Völker, die sie unter der Parole »Bratstvo i jedinstvo« (Brüderlichkeit und Einheit) versammelten. Außerdem gelang es ihnen, eine Vision für die Zeit nach der Befreiung zu entwerfen und in den befreiten Gebieten in die Praxis umzusetzen. In deren Mittelpunkt stand die sozialistische Revolution, die der mehrheitlich armen Bevölkerung Hoffnung auf grundlegende gesellschaftliche Veränderungen gab und sie zum Kampf mobilisierte. Viele Frauen schlossen sich den Partisanen an, da sie dies als Möglichkeit der Emanzipation sahen.

Im gesamten Verlauf des Zweiten Weltkrieges hielten die Partisanen befreite Gebiete. Im Herbst 1943 wird das von ihnen kontrollierte Territorium mit knapp 50 Prozent des Landes angegeben. Dort, wo sie an der Macht waren, begannen sie die Verwaltung um- und sozialistische Strukturen aufzubauen. Es wurden Räte unter der Bezeichnung »Volksbefreiungsausschüsse« gegründet. Deren Mitglieder wurden zu Beginn durch die KPJ ernannt, ab 1942 wurden sie durch Wahlen bestimmt. Zu ihren Aufgaben gehörte, das öffentliche Leben zu organisieren, den Nachschub für die Partisanen an der Front zu sichern und neue Einheiten aufzustellen. Zudem wurden Großgrundbesitzer enteignet, konfiszierte Lebensmittel verteilt und eine lokale Gerichtsbarkeit eingeführt.

Die Ausschüsse ersetzten die vormaligen Behörden des Königreichs sowie die Besatzungsverwaltung und bildeten – aufbauend auf einer breiten Beteiligung der Bevölkerung – die Grundlage der staatlichen Ordnung des zukünftigen sozialistischen Jugoslawiens. Neben den Gemeinde-, Bezirks-, Stadt- und Landesausschüssen wurde am 26. November 1942 im bosnischen Bihac der Antifaschistische Rat der Volksbefreiung Jugoslawiens (AVNOJ) gegründet. Zum Oberbefehlshaber der Widerstandsbewegung wurde Tito ernannt.

Proklamation der Republik

Ein Jahr später, vom 29. und 30. November 1943, fand in Jajce, im befreiten Teil Bosniens, die zweite Sitzung des AVNOJ statt. 142 Delegierte aus allen Teilen des Landes, gewählt durch die jeweiligen lokalen Ausschüsse, wurden zu dem Treffen entsandt. Lediglich die mazedonische Gruppe kam nicht rechtzeitig an, da ihr Weg durch Kampfgebiet führte.

Die Entscheidungen der Zusammenkunft, auch bekannt als AVNOJ-Beschlüsse, stellten die Weichen für die weitere Arbeit der Volksbefreiungsbewegung sowie den zukünftigen sozial­istischen Vielvölkerstaat. Gleichzeitig »fand die Konsolidierung der revolutionär-demokratischen Volksmacht ihren vorläufigen Abschluß«, wie der Historiker Ernstgert Kalbe in »Antifaschistischer Widerstand und volksdemokratische Revolution in Südosteuropa« feststellt.

Jugoslawien wurde als demokratische föderative Republik proklamiert und der AVNOJ zur obersten gesetzgebenden und vollziehenden Körperschaft erhoben. In die Gremien des Rates wurden auch bürgerliche Persönlichkeiten wie der ehemalige kroatische Politiker Ivan Ribar, der Präsident wurde, gewählt.

Für die Zeit zwischen den Sitzungen des AVNOJ wurde mit der Gründung des Nationalkomitees der Befreiung Jugoslawiens (NKOJ) »ein mit allen Attributen der Volksmacht ausgestattetes Organ« geschaffen. Unter der Leitung von Tito, inzwischen zum Marschall ernannt, stellte es die De-facto-Regierung des Landes dar. Das NKOJ hatte Kommissariate (Ministerien) für Auswärtige und Innere Angelegenheiten, Volksverteidigung, Bildung, Finanzen, Justiz sowie alle anderen relevanten Bereiche.

Dies war ein offener Bruch mit der Exilregierung in London, die bis dahin den alleinigen Vertretungsanspruch reklamierte. König Petar II., formal noch Staatsoberhaupt, wurde die Rückkehr verboten, sein Vermögen wurde eingezogen. Außerdem sollten alle von ihm ausgehandelten Verträge einer Revision unterzogen und ggf. außer Kraft gesetzt werden. Nun waren auch die Alliierten gezwungen, Stellung zu beziehen. Mit der Entscheidung zur Aufnahme der jugoslawischen Partisanen in die Antihitlerkoalition auf der Teheran-Konferenz, wurden sie schließlich international anerkannt.

In einem weiteren Punkt der abschließenden Resolution der AVNOJ-Sitzung wurde der Staat als föderative Gemeinschaft gleichberechtigter Völker bestimmt und in fünf Republiken gegliedert. Den nationalen Minderheiten wurden umfassende Rechte zuteil. Zudem erhielten, zum ersten Mal in ihrer Geschichte, Bosnien und Herzegowina sowie Mazedonien als Republiken ihre Eigenstaatlichkeit.

Nach dem Sieg über den Faschismus und der Befreiung des Landes 1945 wurde – ebenfalls am 29. November – die Föderative Volksrepublik Jugoslawien ausgerufen. Ein knappes Jahr später erhielt das Land eine sozialistische Verfassung. Zur Erinnerung an die Sitzung in Jajce wurde der 29. November in Jugoslawien zum »Tag der Republik« ernannt und das Datum ins Staatswappen aufgenommen.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2013/11-23/058.php

Quelle: Über den Aufbau Jugoslawiens nach föderativem Prinzip

Auf Grundlage des Rechts eines jeden Volkes auf Selbstbestimmung, einschließlich des Rechts auf Abtrennung von oder der Vereinigung mit anderen Völkern, und im Einklang mit dem wahren Willen aller Völker Jugoslawiens, bekräftigt durch den dreijährigen gemeinsamen Volksbefreiungskampf, der die untrennbare Brüderlichkeit der Völker Jugoslawiens geschmiedet hat, beschließt der Antifaschistische Rat der Volksbefreiung Jugoslawiens folgendes: 1. Niemals haben die Völker Jugoslawiens die Zerteilung Jugoslawiens von seiten der faschistischen Imperialisten anerkannt und erkennen sie auch nicht an. Sie haben im gemeinsamen bewaffneten Kampf ihren festen Willen bewiesen, auch zukünftig vereint in Jugoslawien zu bleiben. 2. Zur Verwirklichung des Prinzips der Souveränität der Völker Jugoslawiens, daß Jugoslawien die wahre Heimat aller seiner Volker verkörpern möge und niemals wieder Domäne einer hegemonialen Clique sei, wird Jugoslawien nach föderativem Prinzip erbaut und ausgestaltet werden, dies wird die volle Gleichberechtigung der Serben, Kroaten, Slowenen, Mazedonier und Montenegriner bzw. der Völker Serbiens, Kroatiens, Slowe­niens, Mazedoniens, Montenegros und Bosniens und Herzegowinas gewährleisten.

Dritter Entschluß der zweiten Sitzung des Antifaschistischen Rates der Volksbefreiung Jugoslawiens

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