8. September 2012

Erneuerung der Planung

In der DDR griff der VI. Parteitag der SED das Konzept Libermans auf (Mitglieder der Jugendkomplexbrigade »Nikolai Mamai« im VEB Elektrochemisches Kombinat Bitterfeld bei der Überprüfung des Planes, ohne Datum) - Fotoquelle: jW

Vor 50 Jahren: Jewsei Liberman veröffentlicht seinen Vorschlag zur Reform der sozialistischen Wirtschaftsführung

Jörg Roesler

Am 9. Oktober 1962 veröffentlichte die Prawda, Zentralorgan der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), einen Artikel des Wirtschaftswissenschaftlers Jewsei Liberman, Professor am Ingenieurökonomischen Institut in Charkow, unter dem Titel »Plan, Gewinn, Prämie«. Seit Mitte der 1950er Jahre hatte Liberman, der einem Kollektiv von Wirtschaftswissenschaftlern, die sich mit der Planung im Maschinenbau befaßten, angehörte, von Zeit zu Zeit in der theoretischen Zeitschrift der KPdSU Kommunist und in der Fachzeitschrift Voprosy ékonomiki (Fragen der Wirtschaft) Beiträge zur Planmethodik im Maschinenbau veröffentlicht, die Resultat seiner seit dem ersten Fünfjahrplan (1930) in der Forschung gesammelten und in der Lehre vermittelten Erfahrungen waren.

Mit seinen Beiträgen hatte sich der »Provinzler« Liberman unter Fachleuten in der Sowjetunion überregional einen Namen gemacht. Aufsehen erregte aber erst sein Prawda-Artikel vom September 1962. Er wurde zum Anlaß für eine generelle Überprüfung der Planmethodik in der Sowjetunion und darüber hinaus.

»Kleinliche Bevormundung«

In seinem Beitrag sprach Liberman von einer Fehlleitung des materiellen Interesses der Betriebe, die dadurch verursacht sei, daß »das System der Bindung der Betriebe an die Volkswirtschaft, die Planungsmethoden und die Einschätzung und Prämierung der Arbeit der Produktionskollektive (…) leider nicht auf ökonomischen, sondern auf administrativen Maßnahmen beruht«. Das führe zur »kleinlichen Bevormundung der Betriebe« und bewirke, daß die Betriebsleitungen die Planvorgaben zwar buchstabengetreu erfüllten, aber »am größtmöglichen Nutzeffekt der Produktion nicht interessiert sind«.

Libermans Reformvorschläge sahen vor, die Plankennziffern bis auf eine – Produktionsumfang, gegliedert nach Sortiment und Lieferfristen – nicht mehr zentral vorzugeben. Die Einschätzung der Arbeit der Betriebe sollte künftig durch die Rentabilitätsrate erfolgen, die das prozentuale Verhältnis von Betriebsgewinn und Produktionsfonds (betriebsnotwendige Anlage- und Umlaufmittel) beinhaltet. Je größer die Rentabilität des im Plan vorgegebenen Produktionsausstoßes, desto höher der Gewinn. Sollte der Betrieb allerdings seine Planaufgaben hinsichtlich Produktionsumfang, Sortiment und Lieferfristen nicht erfüllen, so sah Liberman Sanktionen vor, die von Abschlägen bis zum Totalverlust der Prämie reichten.

Der Widerhall, den Libermans Artikel in der Sowjetunion fand, war nicht nur darauf zurückzuführen, daß er seine früheren (1956, 1959 und 1961) veröffentlichten Überlegungen zur materiellen Stimulierung der Betriebe mit bemerkenswerter Konsequenz weiterentwickelt hatte, sondern auch darauf, daß die von Nikita Chruschtschow 1958 verkündeten und in den folgenden Jahren betriebenen Reformen in der Wirtschaft nicht zu dem gewünschten Erfolg geführt hatten. Ausgangspunkt für jene Reformen war die vom Ersten Sekretär der KPdSU verfolgte Strategie, im ökonomischen Wettlauf mit den USA, den Chruschtschow als einzige Alternative zum Kalten und zum Atomkrieg ausgerufen hatte, zu siegen. Dazu bedurfte es einer deutlichen Steigerung der ökonomischen Effizienz.

Chruschtschow hatte erkannt, daß mit der zentralen Vorgabe so gut wie aller Produktionsaufgaben durch die staatliche Planungsbehörde (Gosplan) bei einem komplizierter werdenden Erzeugnissortiment Qualität und Produktivität der Produktion den gestiegenen Anforderungen nicht ausreichend entsprachen – schon weil die Zentralplaner keinen detaillierten Überblick über die Kapazitäten von Tausenden von Betrieben haben konnten. Chruschtschow bzw. seine Wirtschaftsberater setzten auf eine regionale Dezentralisierung der Wirtschaftsverwaltung, die ab 1957 Schritt für Schritt vollzogen wurde. Doch auch unter dem erneuerten Lenkungssystem blieben Leitung und Planung bürokratisch, und die regionalen Planungsbehörden erwiesen sich nicht in der Lage, die Reserven an Kapazitäten und Belegschaftserfahrungen, die es in den Betrieben gab, wie gewünscht zu mobilisieren. 1962, ein Jahrfünft nach dem Beginn des Dezentralisierungsexperiments, mußten die Behörden erkennen, daß sich die typischen »Krankheiten« des Zentralplanungssystems fortsetzten: Die früher zentral und nunmehr dezentral vorgegebene Planauflage wurde auf Grundlage der Ist-Kennziffern des Vorjahres berechnet. Eine hohe Übererfüllung der Pläne im laufenden Jahr war also nicht angeraten, da das die Erfüllung bzw. Übererfüllung der Aufgaben des kommenden Jahres erschwerte und die Prämienhöhe negativ beeinflussen konnte. Gegen die Absicht der Betriebe, einen – wie es im Fachjargon hieß – »weichen Plan« durchzusetzen, erwiesen sich auch die dezentralen Planungsbehörden, obwohl sie geographisch näher an den Produktionsstandorten angesiedelt waren, im Prinzip als machtlos.

Angesichts dieser kritischen Lage ermunterte die Sowjetregierung ihre Wirtschaftswissenschaftler, mit Vorschlägen zur Erhöhung der Effizienz des Leitungs- und Planungssystems an die Öffentlichkeit zu treten. Anders als in früheren Jahrzehnten wurden dafür von der Regierung keine Vorgaben gemacht.

Unter den daraufhin publizierten Vorschlägen war einzig der Libermans revolutionär: Nicht mehr von oben sollte angestrebt werden, was sich in der Praxis als unmöglich erwiesen hatte – sämtliche betrieblichen Produktionsreserven in den Plan einzubinden –, sondern der Betrieb sollte durch die völlige Umgestaltung des Prämierungsystems von sich aus seine Reserven der Volkswirtschaft zur Verfügung stellen.

Gegen die Tonnenideologie

Speziell gegen die bisher üblichen Manipulationen der Planaufgaben durch die Betriebe richtete sich die von Liberman vorgeschlagenen Spezifik des Prämierungsverfahrens: Er regte an, daß der Betrieb, wenn er die geplante Rentabilität nicht erreichte, eine geringere, der tatsächlichen Rentabilität angepaßte Prämie erhielt. Würde der Rentabilitätsplan aber übererfüllt, so erhielt der Betrieb nicht eine proportional höhere Prämie, sondern nur einen mittleren Prämiensatz, der zwischen der im Plan vorgesehenen und der faktisch erzielten Rentabilität lag. Damit, so argumentierte Liberman, würde es für den Betrieb vorteilhafter, sich ein hohes Ziel zu stellen, als ein – absichtlich – niedrigeres, das er im Interesse fetter Prämien relativ leicht überbieten konnte. Ähnliche Vorschläge wie gegen »weiche Pläne« enthielt Libermans Konzept auch für die Qualitätssicherung, ein Stiefkind der bisherigen Mengenplanung, für sortimentsgerechte Bedarfsplanung und für die Materialökonomie. Letztere hatte stets darunter gelitten, daß sich mit der materialintensiven Herstellung der im Plan angeforderten Erzeugnisse die Auflage leichter erfüllen ließ als bei der Anwendung materialsparender Verfahren. Die Bevorzugung »schwerer« Erzeugnisse hieß im Fachjargon »Tonnenideologie«.

Libermans Vorschläge waren zwar revolutionär, liefen aber nicht – wie die Westpresse rasch vermutete – auf die Einführung marktwirtschaftlich-kapitalistischer Lenkungsmethoden hinaus. Der Charkower Wirtschaftsprofessor dachte nicht daran, die zentrale Planung der Volkswirtschaft abzuschaffen. Die Vorgaben der Planungsbehörden an die Betriebe hinsichtlich Produktionsumfang und Erzeugnissortiment sollten erhalten bleiben. Nur so konnte nach Ansicht Libermans einerseits die für die Modernisierung notwendige vorausschauende Strukturpolitik gesteuert und andererseits verhindert werden, daß die Betriebe Verschiebungen innerhalb des Erzeugnisprogramms am Bevölkerungsbedarf vorbei vornahmen, um sich eine möglichst hohe Rentabilitätsrate zu sichern.

Die Gegner Libermans unter den sowjetischen Ökonomen – wie z.B. der Direktor des wissenschaftlichen Forschungsinstituts von Gosplan, M. Z. Bor – warfen ihm auch kein Liebäugeln mit dem Kapitalismus vor, wohl aber »innere Widersprüche« in dem von ihm propagierten Lenkungssystem, eine unzulässige Vermischung von Planregulierung und Regulierung durch den Markt.

Die Kombination von (eingeschränkter) Lenkung »von oben« und materiellen Anreizen zur Gestaltung der Produktion »von unten«, d. h. durch die Betriebe, war tatsächlich ein Markenzeichen von Libermans Vorschlag und sollte das Moment werden, das im Verlaufe der 60er Jahre in allen sozialistischen Ländern Europas – mit Ausnahme Albaniens – aufgegriffen wurde; zuerst allerdings in der DDR und nicht in der Sowjetunion. Dort blieb es zunächst bei einer vielstimmigen öffentlichen Diskussion unter Ökonomen, während Chruschtschow auf dem Novemberplenum der KPdSU 1962 eine neue Variante seiner Reform der Wirtschaftsverwaltung, die »Leitung nach dem Produktionsprinzip«, verkündete.

Diskussion in der DDR

Libermans am 9.9.1962 erschienener bahnbrechender Prawda-Artikel wurde noch im September des selben Jahres in der Presse der Sowjetunion abgedruckt. Weitere Veröffentlichungen in der DDR erfolgten wenig später in einschlägigen Fachzeitschriften, so in der Wirtschaft und der Deutschen Finanzwirtschaft. Schon daran war ersichtlich, daß eine grundsätzliche Diskus­sion zu Fragen der volkswirtschaftlichen Planung und Leitung seitens der SED-Führung angestrebt wurde. Dafür gab es gute Gründe: Ähnlich wie die Sowjetunion befand sich die DDR mit der Erfüllung ihres Siebenjahrplans (1959–1965) deutlich im Rückstand. Spätestens Mitte 1962 war auch die Illusion geplatzt, daß die wirtschaftlichen Stagnationserscheinungen der letzten Jahre ganz überwiegend auf die durch die offene Grenze begünstigten imperialistischen Störmanöver sowie die massenhafte Abwerbung von Arbeitskräften durch westdeutsche Unternehmen zurückzuführen seien. Die Hoffnung auf einen Produktionsaufschwung nach Schließung der Grenze allein durch sozialistischen Wettbewerb (»Produktionsaufgebot«) und Abnabelung von westdeutschen Importen (»Störfreimachung«) erfüllte sich nicht.

Libermans Vorschläge für eine effizientere Wirtschaftsführung waren also auch für die DDR aktuell. Der Widerhall bei den Wirtschaftswissenschaftlern blieb – ungeachtet einer Aufforderung Ulbrichts, zur Diskussion unter den sowjetischen Ökonomen Stellung zu nehmen – jedoch verhalten. Das war zweifellos eine Spätfolge der »Revisionismusdebatte« von 1956/57, als Ökonomen wie Fritz Behrens und Arne Benary ihre Vorstellungen von einer Übertragung wesentlicher Planungs- und Leitungsfunktionen an die Betriebsbelegschaften veröffentlicht hatten und dafür letztlich durch den Entzug ihrer Lehr- bzw. Forschungsämter bestraft worden waren. Öffentlich positiv zu Liberman äußerten sich dagegen jene Funktionäre, die bereits 1955/56 an Teilreformen des DDR-Wirtschaftsmechanismus mitgewirkt hatten. Die damalige »Vereinfachung der Planung« war von Walter Ulbricht auf Anraten seines Wirtschaftsberaters Wolfgang Berger begonnen worden, wurde dann aber im Zuge der 30. ZK-Tagung im November 1956 wegen der angespannten politischen Lage im Ergebnis des »konterrevolutionären Putsches« in Ungarn und der unsicheren politischen Verhältnisse im benachbarten Polen zurückgenommen.

Die Zeiten befürchteter Destabilisierung waren für die DDR bereits wenige Monate nach der Grenzschließung erkennbar vorbei. Damit war auch politisch der Weg für eine umfassende Reform des Leitungs- und Planungssystems gegeben. Das Gespür dafür entwickelten nicht nur Ulbricht, sondern auch Wirtschaftsfunktionäre wie z. B. Erich Apel und Walter Halbritter.

Bereits im Januar 1962 war sich der Leiter der Abteilung Planung und Finanzen beim ZK der SED, Walter Halbritter, sicher, daß »die Beibehaltung der jetzigen Planmethodik zu großen volkswirtschaftlichen Verlusten führt«. Halbritter war es auch, der sich in der hauptsächlich von Praktikern wie z.B. dem stellvertretenden Leiter des Büros der Regierungskommission für Preise, Alfred Dost, geführten DDR-Diskussion um die sowjetische Ökonomendebatte mit einem »Der Gewinn soll Gradmesser der Leistung sein« betitelten Beitrag in der Wirtschaft am eindeutigsten zugunsten der Vorschläge Libermans äußerte.

Neues Ökonomisches System

Dem erfahrenen Politiker Ulbricht bot die Propagierung der Liberman-Diskussion in der DDR gleich zwei Vorteile. Die Erkenntnisse des Charkower Ökonomieprofessors bestärkten erstens ihn und jenen Teil der Wirtschaftsfunktionäre, die Zweifel an der Effizienz des administrativ und zentralistisch geprägten Planungssystems bereits in den Jahren zuvor intern geäußert und Änderungsvorschläge entwickelt hatten. Zweitens konnte Ulbricht die Liberman-Diskussion in der Sowjetunion gegen jene konservativen Funktionäre in der SED-Spitze (wie den Leiter der Plankommission Karl Mewis oder den Vorsitzenden des Volkswirtschaftsrates Alfred Neumann) ins Feld führen, die sich jedem Reformversuch, der nicht der sowjetischen Entwicklung entsprach, widersetzt hatten.

 

Vermutlich ist es weder Mewis noch Neumann in den Sinn gekommen, daß ein in der Prawda veröffentlicher Vorschlag nicht auch der Meinung des Ersten Sekretärs der KPdSU entsprach. Als Ende November 1962 erkennbar wurde, daß die Sowjetregierung keine Wirtschaftsreform nach den von Liberman entwickelten Grundsätzen durchführen würde, hatte Ulbricht, der Anfang November an der Spitze einer SED-Delegation nach Moskau gereist war, Chruschtschow bereits überredet, als Gast auf dem für den Januar 1963 vorgesehenen VI. Parteitag der SED zu sprechen. Die Verkündung von Ulbrichts Reformabsichten war damit durch Chruschtschows Anwesenheit gewissermaßen sanktioniert.

Nach dem VI. Parteitag wurde dann zügig das als »Richtlinie für das neue ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft« (NÖS bzw. NÖSPL) bekanntgewordene Konzept entwickelt und Ende Juni 1963 auf einer Wirtschaftskonferenz des ZK der SED und des Ministerrats der DDR beschlossen. In seinem Referat auf der Konferenz berief sich Ulbricht auf die »theoretischen Arbeiten der sowjetischen Freunde«, die »bei der Ausarbeitung unserer Dokumente eine große Hilfe« waren, erwähnte jedoch Jewsei Liberman nicht direkt. Die Verbeugung vor dem Vordenker auch des NÖS holten jedoch Ulbrichts Wirtschaftsberater Wolfgang Berger und der Leiter des Instituts für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED, Otto Reinhold, drei Jahre später nach, als sie in einem Rückblick auf die »Wurzeln des NÖS« erklärten, »daß die Arbeiten des sowjetischen Wirtschaftswissenschaftlers Professor Liberman wichtige Impulse für die spätere Gestaltung des in sich geschlossenen Systems ökonomischer Hebel gaben«.

Abkehr von den Reformen

In der Sowjetunion teilte Liberman zunächst das Schicksal des Propheten, der im eigenen Lande nichts gilt. Im Laufe des Jahres 1963 wurde, wie von Chruschtschow auf dem Novemberplenum 1962 angekündigt, in der sowjetischen Wirtschaft die »Leitung nach dem Produktionsprinzip« eingeführt. Dies erfüllte seine Hoffnungen jedoch nicht. Im Oktober 1964 wurde Chruschtschow gestürzt. Von seinen Nachfolgern war es Alexej Kosygin, der mit Nachdruck die Einführung eines effizienteren staatlichen Lenkungs- und Anreizsystems betrieb. Kosygins Programm zur »Verbesserung der Leitung der Industrie, Vervollkommnung der Planung und Verstärkung der wirtschaftlichen Stimulierung der Industrieproduktion« lagen die Ideen Libermans zugrunde. Das Programm wurde auf dem 23. Parteitag der KPdSU im März 1966 gebilligt. Liberman hat Kosygins Reform mit weiteren Publikationen begleitet, von denen die bedeutendste 1970 unter dem Titel «Ökonomische Methoden zur Effektivitätssteigerung der gesellschaftlichen Produktion« erschien.

Liberman, inzwischen mit einen Lehrstuhl für Statistik und Wirtschaftsmathematik an der Gorki-Universität in Charkow betraut, mußte allerdings auch erleben, daß in keinem sozialistischen Land seine Vorschläge zur Gestaltung betrieblicher Eigenverantwortung auf der Grundlage materieller Interessiertheit mit jener Konsequenz verwirklicht wurden, die er in »Plan, Gewinn, Prämie« angemahnt hatte. In den zwischen Reformkräften und Konservativen innerhalb der Parteielite der sozialistischen Länder geführten Auseinandersetzungen setzten sich zunehmend jene Kräfte durch, die meinten, die hinter den hochgesteckten Erwartungen zurückbleibenden wirtschaftlichen Ergebnisse der Reformen zum Anlaß nehmen zu müssen, eine – mehr oder minder ausgeprägte – Rückkehr zur administrativen Planung einzufordern. Das geschah so nach 1968 in der Tschechoslowakei, nach 1970 in der DDR. 1973 fanden auch die Kosyginschen Reformen in der Sowjetunion ein Ende. Mitte der 70er Jahres erlebte selbst Ungarn, das am konsequentesten den Weg der Dezentralisierung und Lenkung über materielle Stimulierung gegangen war, einen Einbruch. Wie Liberman, der bis 1981 lebte, den Niedergang der Reformpolitik in den sozialistischen Ländern Europas beurteilt hat, ist nicht bekannt.

Bleibende Aktualität

Jewsei Libermans Bedeutung für heute läßt sich an dem Kernsatz seines Reformartikels – »Was der Gesellschaft nutzt, muß auch für die Betriebe und die Werktätigen vorteilhaft sein« – messen. Daß es nicht gelang, dieses Prinzip vollständig zu verwirklichen, daß von ihm später bewußt abgegangen wurde, hat die sozialistischen Volkswirtschaften in den 70er und 80er Jahren in einem Maße verwundbar gemacht, daß die Aussicht, im ökonomischen Wettbewerb zu siegen, völlig schwand und selbst von einer Verringerung des Abstandes zum Produktivitätsniveau der führenden kapitalistischen Volkswirtschaften kaum noch die Rede sein konnte. Anfang der 90er Jahre folgte dann dem ökonomischen Niedergang der politische Zusammenbruch. Der Kernsatz in Libermans Aufsatz von 9. September 1962 ist aber insofern noch für die Gegenwart von Bedeutung, als er ein Ausgangspunkt jeglicher Überlegungen zur Wiederbelebung sozialistischen Wirtschaftens angesichts des aktuellen Versagens marktwirtschaftlicher Regulierung sein sollte.

Prof. Jörg Roesler ist Wirtschaftshistoriker und Mitglied der Leibniz-Sozietät zu Berlin; zuletzt erschien von ihm: »Geschichte der DDR«, PapyRossa Verlag, Köln 2012, 132 Seiten, 9,90 Euro

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