10. Juli 2010

Ernste Brüskierung

Die »Emser Depesche« vom 13. Juli 1870 löste einen Krieg mit Frankreich aus

Alexander Bahar

Auf der Suche nach geeigneten Anlässen, um einen politisch erwünschten Krieg herbeizuführen, waren die Mächtigen aller Zeiten stets erfinderisch. Daß das geschickte Einfädeln politischer Intrigen in bellizistischer Absicht dem Nachruhm nicht unbedingt abträglich ist, sofern am Ende nur ein Kriegserfolg – oder gar ein Reich! – steht, hat der damalige preußische Ministerpräsident und nachmalige deutsche Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck 1870 mit der von ihm redigierten »Emser Depesche« eindrucksvoll vorexerziert.

Nach dem Sieg Preußens über Österreich und seine mittel- und süddeutschen Verbündeten 1866 verschärfte sich der Ton zwischen Frankreich und Preußen zunehmend. Der französische Kaiser Napoleon III., der den deutsch-deutschen Krieg nach Kräften geschürt hatte, sah sein Regime nun von dem erstarkten Preußen bedroht und suchte das Bündnis mit der besiegten Donaumonarchie. Als nach dem Sturz der spanischen Königin Isabella II. der katholischen Linie Hohenzollern-Sigmaringen und damit dem Erbprinzen Leopold in den Jahren 1869/70 die spanische Krone angeboten wurde, drängte Bismarck auf die Annahme des Throns, weil er hoffte, daß dadurch die Bündnisverhandlungen Frankreichs mit Österreich gefährdet würden.

Napoleon III., der für den Fall der Thronbesteigung befürchten mußte, von deutschen Fürsten gewissermaßen in die Zange genommen zu werden, protestierte hiergegen energisch. Auf die von Bismarck geförderte Kandidatur Leopolds auf den spanischen Thron antwortete die französische Regierung am 6. Juli 1870 mit einer vom französischen Außenminister Antoine Alfred Agénor, Herzog de Gramont, verlesenen scharfen Kammererklärung, die in der Öffentlichkeit als Kriegsdrohung aufgefaßt wurde.

Am 12. Juli zog der Vater des Erbprinzen, Fürst Karl Anton von Hohenzollern, im Namen seines Sohnes die Kandidatur zurück. Napoleon gab sich damit aber nicht zufrieden, sondern forderte aus Prestigegründen eine Garantie des Verzichts. Dahinter stand nicht zuletzt die Absicht, von den zunehmenden Schwierigkeiten abzulenken, mit denen sich der Restaurator der französischen Monarchie im Innern konfrontiert sah: den sozialen Folgen der Industrialisierung und dem Aufbegehren der Arbeiter gegen Verelendung und Rechtlosigkeit.

Auf Geheiß Napoleons beauftragte der französische Außenminister Herzog de Gramont daher den Botschafter Frankreichs in Preußen, Vincent Graf Benedetti, noch zwei weitere Forderungen an den preußischen König zu stellen: Wilhelm I. solle den Verzicht Leopolds ausdrücklich billigen und sich außerdem verpflichten, auch in Zukunft niemals mehr eine Hohenzollern-Kandidatur in Spanien zu genehmigen.

Bismarcks Reformulierung

Wilhelm I. weilte gerade zur Kur in Bad Ems, als Benedetti dem Monarchen diese Forderungen überbrachte. Der König billigte zwar in der Folge den Verzicht Leopolds, lehnte Garantien für die Zukunft aber strikt ab. Am Abend des 13. Juli 1870 verfaßte »Bismarcks Feder«, Geheimrat Heinrich Abeken, den »Emser Depesche« genannten Bericht über die Unterredung des Königs mit dem Botschafter und telegraphierte diesen dem preußischen Ministerpräsidenten. Dieses Telegramm erreichte Bismarck während eines Essens, zu dem er Kriegsminister Albrecht Graf von Roon und den Chef des preußischen Generalstabs, General Helmuth von Moltke, eingeladen hatte.

Bismarck kürzte das Telegramm und formulierte es gezielt so um, daß es für Frankreich »wie eine Ohrfeige« klingen mußte. Aus Bismarcks Text ging nicht mehr hervor, daß König Wilhelm I. eine Unterredung mit Benedetti gehabt, ihm seine Ablehnung erläutert sowie höflich, aber bestimmt, verneint hatte, den französischen Botschafter nochmals zu empfangen. Bismarcks Kürzungen suggerierten statt dessen, Benedetti sei in Bad Ems in ungebührender Weise aufgetreten und weitere diplomatische Kontakte seien vom König abgelehnt worden. Obendrein bog Bismarcks Version des Telegramms die Entschiedenheit der französischen Forderung ins Ultimative, der zwangsläufig der Abbruch der Beziehungen durch den empörten König folgen mußte.

Als der preußische Ministerpräsident seinen Tischgästen Roon und Moltke die von ihm redigierte Fassung der Depesche vorlas, schlug deren vorherige Niedergeschlagenheit sofort in lebhafte Freude um, berichtet Bismarck in seinen Memoiren. Dieser erläuterte seinen Gästen, daß die sofortige Veröffentlichung seiner Version »den Eindruck des rothen Tuches auf den gallischen Stier machen« würde, der nun den Krieg eröffnen müsse, und dann als Angreifer dastehe. Moltke sagte wörtlich: »Wenn ich das noch erlebe, in solchem Kriege unsre Heere zu führen, so mag gleich nachher die ›alte Carkasse‹ der Teufel holen.«

Kriegserklärung folgte

Vor der Freigabe des Textes an die Presse erkundigte sich Bismarck noch bei Moltke nach dem Stand der Rüstung. Er wollte wissen, wie viel Zeit zur Vorbereitung eines erfolgreichen Krieges notwendig sei. Moltke hielt den schnellen Ausbruch eines Krieges im Ganzen für vorteilhafter als eine Verschleppung. Bismarck gab der Presse daraufhin die von ihm redigierte Version der Depesche zur Veröffentlichung frei, die noch am 13. Juli von der regierungsnahen Norddeutschen Allgemeinen Zeitung in einer Sondernummer publiziert wurde. Die französischen Übersetzungen erschienen tags darauf, am französischen Nationalfeiertag.

In der damaligen angespannten, patriotisch überhitzten Atmosphäre der beiden Staaten stellte die Veröffentlichung der scharf formulierten Depesche eine ernste Brüskierung Frankreichs sowie eine Kompromittierung der französischen Diplomatie und damit einen Casus belli dar. Die einzige – von Bismarck kühl kalkulierte – Antwort auf diese Demütigung war für Napoleon III. der Krieg.

Am 16. Juli bewilligte das französische Parlament mit nur sechs Gegenstimmen Finanzmittel für einen Krieg. Der französische Kaiser rechnete indes damit, daß sich die eher antipreußisch eingestellten süddeutschen Staaten – Württemberg, Bayern, Baden – gegen Preußen stellen würden, wie seinerzeit im preußisch-österreichischen Krieg. Doch das Gegenteil war der Fall – die Kriegserklärung Frankreichs an Preußen, die der französische Außenminister dem deutschen Botschafter in Paris am 19. Juli 1870 überbrachte, wurde von allen deutschen Bündnisstaaten als Kriegserklärung an Deutschland verstanden.

Auf preußischer Seite wurde der Krieg propagandistisch als Verteidigungskrieg gegen den »alleinigen Friedensstörer« Frankreich geführt, womit man allerdings die wirklichen Kriegsziele kaschierte. Diese formulierte Bismarck offen in einem Brief an den deutschen Botschafter in London vom August 1870. Darin bezeichnete er es als die »einzig richtige Politik«, »einen Feind, den man nicht zum aufrichtigen Freunde gewinnen kann, wenigstens etwas unschädlicher zu machen und uns mehr gegen ihn zu sichern, wozu nicht die Schleifung seiner uns bedrohenden Festungen, sondern nur die Abtretung einiger derselben genügt«.

Bekanntlich endete der Krieg nicht nur mit Frankreichs Niederlage und Napoleons Sturz. Das siegreiche Preußen nutzte darüber hinaus die Gunst der Stunde, um das geschlagene Frankreich durch die Auferlegung hoher Reparationskosten (fünf Milliarden Francs Kriegsentschädigung) sowie mit der Annexion Elsaß-Lothringens und der provokativen Ausrufung Wilhelms I. von Preußen zum Deutschen Kaiser im Spiegelsaal des Schlosses von Ver­sailles vor aller Welt zu demütigen.

Mit der Belagerung von Paris und der blutigen Niederschlagung der Pariser Kommune durch preußische Truppen sicherte Bismarck obendrein die bürgerliche Ordnung im Lande des »Erbfeindes« und wies zugleich die sozialistische Arbeiterbewegung – präventiv auch im eigenen Reich – in die Schranken.

Quellentext. Die Emser Depesche in der von Bismarck redigierten Form

Nachdem die Nachrichten von der Entsagung des Erbprinzen von Hohenzollern der Kaiserlich Französischen Regierung von der Königlich Spanischen amtlich mitgetheilt worden sind, hat der Französische Botschafter in Ems an S. Maj. den König noch die Forderung gestellt, ihn zu autorisiren, daß er nach Paris telegraphire, daß S. Maj. der König sich für alle Zukunft verpflichte, niemals wieder seine Zustimmung zu geben, wenn die Hohenzollern auf ihre Candidatur wieder zurückkommen sollten. Seine Maj. der König hat es darauf abgelehnt, den Franz. Botschafter nochmals zu empfangen, und demselben durch den Adjutanten vom Dienst sagen lassen, daß S. Majestät dem Botschafter nichts weiter mitzutheilen habe.«

aus: Akten des Politischen Archivs des Auswärtigen Amtes

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