24. März 2014

Euthanasieverbrechen in Teupitz

Eine neue Studie

Lothar Tyb’l

Teupitz ist wegen seiner natürlichen Schönheit als ein »Schatz der Mark Brandenburg« ebenso landesweit bekannt wie wegen seiner widerspruchsvollen Geschichte während der Residenz der Schenken von Landsberg als »Hauptstadt des Schenkenländchens«.

Als ich die märkische Kleinstadt 1965 kennenlernte, wurde mir ihr doppelt anziehendes Gesicht durch einen älteren Teupitzer Bürger nahegebracht. Doch Hans Sußmann, so sein Name, fügte einen weiteren Satz hinzu: »Wenn du die Stadtgeschichte begreifen willst, darfst du nie den Schatten außer acht lassen, den die Euthanasie über sie gelegt hat.« Diesen Satz habe ich nicht vergessen, obwohl er mir damals übertrieben erschien, da ich von den Höhen und Tiefen der Stadtgeschichte zu diesem Zeitpunkt nicht die geringste Kenntnis besaß.

Inzwischen sind fast 50 Jahre vergangen; der als Ehrenbürger ausgezeichnete Hans Sußmann ist 1985 verstorben; die Stadt erlebte das Ende der DDR und seit nunmehr fast 25 Jahren die größer gewordene Bundesrepublik.

An die Worte Hans Sußmanns erinnerte mich zu Beginn des Jahres 2014 der aufrüttelnde Text eines jungen, in Hessen aufgewachsenen, vom Amt Schenkenländchen zeitweilig mit Werkvertrag engagierten, freiberuflich tätigen Archivars und Historikers, der gerade in dem Jahr geboren wurde, als sie ausgesprochen wurden: Dr. Peter Josef Belli. Durch die sorgfältige Analyse der vorliegenden Literatur, umfangreiche Recherchen und die überraschende, von ihm bewerkstelligte Rekonstruktion von Teilen der Teupitzer Einwohnermeldekartei aus der Nazizeit kommt er zu dem nachdenklich stimmenden Ergebnis, daß die bisher vorgelegten Fakten die Euthanasieverbrechen in Teupitz nicht ausreichend erfassen und die gewonnenen Erkenntnisse aus dem »Fall Teupitz« verallgemeinerungswürdig für die Euthanasieforschung insgesamt wären.

Berechtigt spricht Belli allerdings nur von einer »Zwischenbilanz« und regt die Stadt, das Amt und die Teupitzer Asklepios-Klinik an, gemeinsam die Forschungen weiter voranzutreiben, um dem Erinnern einen reicheren Inhalt zu geben. Sinnvolle Ziele wären: ein Gedenkbuch für die Teupitzer Euthanasieopfer, die genauere Darstellung von Einzelschicksalen, einschließlich der betroffenen jüdischen Bürger und jener Menschen, die hier zwangsweise sterilisiert wurden, die Enthüllung von in der Teupitzer Klinik und Stadtverwaltung schuldig gewordenen Mittätern und Hinweise auf die Opfer an zentraler Stelle in der Stadt. Ich bin sicher, daß die Broschüre besonders in Teupitz viele Leser finden wird.

Für mich als seit 20 Jahren ehrenamtlich tätiger Teupitz-Chronist ist die Arbeit Bellis darüber hinaus methodisch beispielhaft. Sie belegt erstens, wie durch akribische wissenschaftliche Arbeit Lücken und Schwächen bisheriger Forschungen aufgedeckt werden. Zweitens vermittelt sie die Hoffnung, daß die jüngere Historikergeneration, die nicht mehr mit den Scheuklappen des Kalten Krieges ausgestattet ist, sich in dieser sachlichen Weise auch der DDR- Geschichte zuwenden wird.

Peter Josef Belli: »Kommunen und NS-Euthanasie. Zwischenbilanz im Fall Teupitz«, ISBN 9783940386304, Berlin 2013, Verlag Matthias Herrndorff, 40 Seiten

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2014/03-24/009.php