10. Mai 2014

Falsche Taktik

Blanquis Aufstand lehrt: Eine revolutionäre Elite allein, ohne Massenbasis, schafft keinen Umsturz (Ölgemälde von Amélie-Suzanne Serre, um 1845) - Fotoquelle: Amélie-Suzanne Serre (1814-1841), wikimedia.org/public domain

Vor 175 Jahren scheiterte in Paris eine Verschwörung um Auguste Blanqui

Nick Brauns

Den am Sonntag nichtsahnend durch die Pariser Innenstadt flanierenden Bürgern bot sich ein eigentümliches Schauspiel. Vor ihren Augen stürmten an jenem 12. Mai 1839 mehrere hundert Männer ein Waffenlager, verteilten die Gewehre und zogen anschließend unter dem Absingen republikanischer Lieder zur Polizeidirektion. Nachdem sie dort auf Widerstand gestoßen waren, besetzten sie das Rathaus.

Doch der mit den Worten »Zu den Waffen, Bürger! Die Schicksalsstunde der Unterdrücker hat geschlagen« beginnende Appell einer »Provisorischen Regierung« verhallte bei den überraschten Parisern, die die Straße mit Beginn der Schießereien fluchtartig verlassen hatten, ohne jede Resonanz. Als der isolierte Aufstand am folgenden Tag zusammenbrach, waren knapp 80 Todesopfer zu beklagen. Die Führer des Putsches, Armand Barbé und Auguste Blanqui, wurden zuerst zum Tode verurteilt, doch dann begnadigt und zu lebenslanger Zwangsarbeit auf die Gefängnisinsel Mont-Saint-Michel vor der Normandieküste gebracht.

Organisierte Minderheit

Blanqui galt im Frankreich des 19. Jahrhunderts bei Freunden wie Feinden als die Verkörperung des sozialistischen Revolutionärs schlechthin. Der 1805 als Sohn eines früheren Abgeordneten des Revolutionskonvents Geborene beteiligte sich schon während seines Jura- und Medizinstudiums an den Aktivitäten der radikal-republikanischen Opposition gegen die restaurative Bourbonen-Monarchie. Mit der Waffe in der Hand stand er während der dreitägigen Pariser Julirevolution 1830, die König KarlX. außer Landes trieb, auf den Barrikaden. Doch schnell erkannte er, daß das einfache Volk durch den nachfolgenden, sich auf die liberale Bourgeoisie stützenden »Bürgerkönig« Louis-Philippe um die Früchte seines Kampfes betrogen wurde. »Jawohl, meine Herren, dies ist der Krieg zwischen den Reichen und den Armen«, warf der 1832 wegen staatsfeindlicher Umtriebe verhaftete Blanqui seinen Richtern entgegen, »die Reichen haben ihn also gewollt, denn sie sind der Angreifer«. Von Gefängnisaufenthalten unterbrochen stürzte sich Blanqui in das Organisieren von Verschwörerbünden, in denen Arbeiter, Handwerker, kleine Ladenbesitzer, Soldaten und Studenten unter dem Kommando eines von ihm und Barbé geleiteten Zentralkomitees den bewaffneten Aufstand vorbereiteten.

Die rund 1000köpfige »Gesellschaft der Jahreszeiten«, die den Aufstand vom 12. Mai 1839 durchführte, bestand aus streng hierarchisch organisierten Gruppen, die in Wochen, Monate und Jahre unterteilt waren. Sechs Mitglieder bildeten jeweils eine »Woche« unter Leitung eines »Sonntag«, vier Gruppen einen »Monat« unter Leitung eines »Juli«. Blanqui setzte auf einen Handstreich entschlossener Berufsrevolutionäre, um so einen Volksaufstand auszulösen, der zur Errichtung einer Diktatur führen sollte. »Das Volk wird für einige Zeit eine revolutionäre Führungsmacht nötig haben, die es in die Lage versetzt, seine Rechte auszuüben«, rechtfertigte Blanqui eine solche Herrschaft der revolutionären Elite, die die Reichen enteignen, das Steuer- und Bankensystem sozial umgestalten, allgemeine Gleichberechtigung durchsetzen und das bis dahin von seinen Ausbeutern unwissend gehaltene Volk zum Gemeinschaftssinn erziehen sollte. »Zielen wir zunächst auf den Aufstand ab: mehr Leidenschaft! Die Doktrinen behalten wir für später«, verwarf Blanqui den theoretischen Diskurs zugunsten der Tat. So unscharf seine Sozialismusvorstellungen blieben, so detailliert arbeitete er in seinen »Instruktionen für den Aufstand« die technische Seite des Griffs zu den Waffen aus.

Geschichte lehrt Gegenteil

1847 kam Blanqui nach achteinhalbjähriger Kerkerhaft durch einen – von ihm energisch zurückgewiesenen – Gnadenakt des Königs frei. Als im folgenden Jahr die Arbeiter von Paris in der Februarrevolution die Monarchie stürzten, eilte er in die Hauptstadt, wo er nach den Worten von Karl Marx »zum wirklichen Führer der proletarischen Partei« wurde.

Da das Volk für sozialistische Forderungen noch nicht »reif« sei, trat Blanqui für ein Programm der Verteidigung demokratischer Freiheiten ein. Erst wenn die Massen die Erfahrung machten, daß die aus der Revolution hervorgegangene provisorische Regierung ihren Freiheiten im Wege steht, öffne sich die Tür für eine weitergehende sozialistische Mobilisierung, war seine Überzeugung. Angesichts des rückständigen Bewußtseins der provinziellen Bevölkerung wandte sich der Revolutionär gegen die Durchführung von allgemeinen Wahlen, die er in dieser Situation als »Gefahr für die Republik« bezeichnete. Nach einer Rede auf einer Kundgebung gegen die Nationalversammlung wurde er, dessen im »Zentralen Republikanischen Klub« organisierte Anhänger angesichts der drohenden Gegenrevolution von der Massenpolitik zur Geheimbündelei zurückgekehrt waren, am 26. Mai 1848 erneut verhaftet und zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Als das Volk von Paris in Folge des deutsch-französischen Krieges 1871 die Macht ergriff, erlangten Blanquis Schüler Schlüsselpositionen im Militär-, Polizei- und Justizapparat der Commune. Friedrich Engels nannte es eine »Ironie der Geschichte«, daß die Blanquisten, indem sie eben nicht durch eine Verschwörung, sondern durch eine revolutionäre Massenbewegung an die Macht gelangt waren, »das Gegenteil von dem taten, was ihre Schuldoktrin vorschrieb«. Die Kommunarden ernannten den wenige Tage vor seiner Wahl in die Commune in der Provinz verhafteten Blanqui zu ihrem Ehrenpräsidenten. Die gegenrevolutionäre Regierung in Versailles schlug im Wissen um den hohen Symbolwert Blanquis dessen Austausch gegen Geiseln einschließlich des Erzbischofs von Paris aus. Während Marx die auf Rätestrukturen basierende Commune als »die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte«, rühmte, spielte die Pariser Erfahrung für den erneut eingekerkerten Blanqui kaum eine Rolle.

Im Gefängnis beschäftigte sich der alte und kranke Revolutionär nun mit philosophischen Fragen der Kosmologie und Astronomie. Wieder in Freiheit gab er eine Zeitung mit dem programmatischen Titel Ni Dieu ni Mâitre (Weder Gott noch Herrscher) heraus. Während einer Agitationsrede vor Pariser Arbeitern erlitt der 75jährige einen Schlaganfall, er starb kurz darauf am 1. Januar 1881. Fast 200000 Proletarier gaben dem »Eingekerkerten« – wie sie den unbeugsamen Revolutionär, der fast die Hälfte seines Lebens hinter Gittern verbracht hatte, ehrfurchtsvoll nannten – das letzte Geleit zum Friedhof Père-Lachaise.

Quellentext. Friedrich Engels über Blanqui als Mann der Tat

Blanqui ist wesentlich politischer Revolutionär, Sozialist nur dem Gefühl nach, mit den Leiden des Volks sympathisierend, aber er hat weder eine sozialistische Theorie noch bestimmte praktische Vorschläge sozialer Abhülfe. In seiner politischen Tätigkeit war er wesentlich »Mann der Tat«, des Glaubens, daß eine kleine wohlorganisierte Minderzahl, die im richtigen Moment einen revolutionären Handstreich versucht, durch ein paar erste Erfolge die Volksmasse mit sich fortreißen und so eine siegreiche Revolution machen kann.

Diesen Kern konnte er unter Louis-Philippe natürlich nur als geheime Gesellschaft organisieren, und da passierte denn, was gewöhnlich bei Verschwörungen passiert: Die Leute, überdrüssig des ewigen Hinhaltens mit leeren Versprechungen, es werde nun bald losgehen, verloren zuletzt ganz die Geduld, wurden rebellisch, und so blieb nur die Wahl: entweder die Verschwörung zerfallen zu lassen oder ohne allen äußeren Anlaß loszuschlagen. Man schlug los (12. Mai 1839) und wurde im Nu erdrückt.

Übrigens war diese Blanquische Verschwörung die einzige, in der die Polizei nie Fuß fassen konnte; der Schlag kam ihr wie aus heiterm Himmel. – Daraus, daß Blanqui jede Revolution als den Handstreich einer kleinen revolutionären Minderzahl auffaßt, folgt von selbst die Notwendigkeit der Diktatur nach dem Gelingen: der Diktatur, wohlverstanden, nicht der ganzen revolutionären Klasse, des Proletariats, sondern der kleinen Zahl derer, die den Handstreich gemacht haben und die selbst schon im voraus wieder unter der Diktatur eines oder einiger weniger organisiert sind.

aus: Marx-Engels-Werke, Band 18, Seite 529

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