18. März 2013

Fanal des Widerstands

Flagge der Nationalen Befreiungsfront der Moros

Nationale Befreiungsfront der Moros: Von Manila beschwiegenes Massaker vor 45 Jahren markiert Geburtsstunde der südphilippinischen Guerillagruppe MNLF

Rainer Werning

Am Anfang stand ein Massaker: Am 18. März 1968 wurden mehr als 20 junge muslimische Rekruten – andere Quellen sprechen von 64 bis über 100 Toten – von ihren Vorgesetzten auf der Insel Corregidor in der Bucht von Manila exekutiert. Diese Massenerschießung war das Fanal für den erneuten bewaffneten Widerstand der Moros, der muslimischen Bevölkerung in den Südphilippinen, gegen die Zentralregierung in Manila. Die Konsequenzen wirken bis heute nach. In der Region herrscht ein fragiler Frieden. Die Präsenz von einigen Hundertschaften US-amerikanischer GIs, abkommandiert zur Bekämpfung der durch Entführungen und Lösegelderpressungen auch international bekannt gewordenen Abu Sayyaf, tut ein übriges, um unter dem Deckmantel des »Antiterrorfeldzugs« die Zivilbevölkerung zu schikanieren.

Begonnen hatte alles im Jahre 1967 auf der kleinen südphilippinischen Insel Simunul, von der man an klaren Tagen Küstenstreifen des ostmalaysischen Bundesstaates Sabah sehen kann. Dort fand unter dem Kommando von Major Eduardo Martelino eine geheime militärische Ausbildung in Sabotage, Infiltration und Sprengstoffattacken von etwa 180 Rekruten statt, die im Januar 1968 nach Corregidor verlegt worden waren. Der Drill soll hart und das Essen miserabel gewesen sein. Auch der versprochene Monatssold von 50 Pesos (umgerechnet entsprach das damals zirka 50 DM) soll den Rekruten letztlich vorenthalten worden sein. Es kam daraufhin zu einer Revolte, die von den Vorgesetzten am 18. März 1968 blutig unterdrückt wurde. So jedenfalls lautete später die Version der Regierung in Manila.

Der einzige Überlebende des Massakers, Jibin Arula, gab hingegen zu Protokoll, seine Kameraden seien niedergemetzelt worden, weil sie sich geweigert hätten, auf Befehl von oben in Sabah einzumarschieren. »Warum«, so Arula, »sollten wir die Malaysier angreifen, wo sie doch unsere Brüder sind und wir mit ihnen nicht in Streit liegen?« Daß Arula überhaupt überlebte, indem er schwimmend und mit Hilfe eines Fischers auf das Festland entkommen konnte, wertete man später in Manila als Wunder. Ein andere Version der Ereignisse sprach von einer Meuterei, die von den Offizieren drakonisch niedergeschlagen und wobei eine gesamte Kompanie massakriert worden sei, um zu vermeiden, daß Überlebende Zeugen der unhaltbaren Zustände auf Corregidor werden konnten. Die Leichen der Ermordeten habe man von Hubschraubern aus in die See geworfen.

War Major Martelino der Hauptakteur in diesem Drama, so war der damalige Präsident und gleichzeitige Oberbefehlshaber der philippinischen Streitkräfte, Ferdinand E. Marcos, zweifellos der Kopf des gesamten Operationsplans »Merdeka« (Freiheit), wie der Codenamen dieses abenteuerlichen Unternehmens lautete. Wie Marcos stammte auch Martelino aus der Ilocos-Region im Norden des Landes. Der Major soll zum Islam konvertiert sein und sich, nachdem er eine Muslima namens Safiyah geheiratet hatte, fortan den Namen »Abdulatif« zugelegt haben. Ob Martelino tatsächlich Muslim geworden oder dies nur ein Propagandamanöver war, um in der Region Unterstützung für das Vorhaben »Merdeka« zu bekommen, blieb – wie so vieles in dieser Affäre – im Dunkeln. Jedenfalls soll der Major zuvor als Militärattaché in Washington ein Verfechter des Maphilindo-Plans gewesen sein, der seinerzeit eine malaysisch-philippinisch-indonesische Föderation als Einheitsprojekt aller Malaien vorsah.

Hintergrund von »Merdeka« war der 1962 erhobene Anspruch Manilas auf Sabah, den der damalige philippinische Präsident Diosdado Macapagal, der Vater von Expräsidentin Gloria Macapagal-Arroyo (2001–2010), geltend gemacht hatte. Macapagal berief sich darauf, daß einst das Sultanat von Sulu Souverän des nördlichen Teils Borneos gewesen und dieser zwischenzeitlich integraler Bestandteil der Philippinischen Republik geworden sei. Während Macapagal indes eine friedliche und diplomatische Konfliktlösung favorisiert hatte, wollte Marcos die Sabah-Frage offensichtlich politisch instrumentalisieren und schreckte dabei selbst vor illegalen Methoden nicht zurück. Auf einer nationalistischen Welle reitend, wollte er wiedergewählt werden, was ihm – einmalig in der Geschichte des Landes – auch 1969 glückte.

Die wahren Hintergründe dieses als »Jabidah-Massaker«* in die Geschichte eingegangenen »Merdeka« wurde nie enthüllt. Alle Hebel sind seitens der Regierung in Bewegung gesetzt worden, um Spuren zu verwischen. Selbst vom Senat und Kongreß eingesetzte Untersuchungskommissionen stießen ins Leere. Den vor ein Militärgericht gestellten Offiziere und Soldaten wurde kein Haar gekrümmt. Keiner wollte es gewesen sein, und 1971 – der Bürgerkrieg im Süden war voll entbrannt – waren sämtliche Angeklagten auf freiem Fuß. Lange kursierten Gerüchte über das Schicksal von Major Martelino, der angeblich, sofern er überhaupt noch lebt, in einem malaysischen Gefängnis einsitzen soll. Unbestritten ist indes, daß die Überwachung dieses abenteuerlichen Projekts dem Marcos direkt unterstellten Civil Affairs Office oblag.

Verständlicherweise waren die Beziehungen zwischen Malaysia und den Philippinen rasch an einem Tiefpunkt angelangt. Kuala Lumpur zog sein Botschaftspersonal aus Manila ab, und die Polizei in Sabah schickte scharenweise illegal ins Land gereiste Filipinos wieder zurück, die man zuvor stillschweigend geduldet hatte. Später sollte sich Malaysia an Manila rächen, indem es Mitgliedern der im Zuge dieser Ereignisse entstandenen Nationalen Befreiungsfront der Moros (Moro National Liberation Front – MNLF) in Sabah Unterschlupf gewährte und zuließ, daß sie dort militärisch ausgebildet und mit Waffen versorgt wurden. In diesem Sinne markierten die Ereignisse vom 18. März 1968 die Geburtsstunde der MNLF und den neuerlichen Beginn des bewaffneten Moro-Widerstandes in den Südphilippinen, der bis heute anhält. Zuvor war es erst 1915/16 Einheiten der Kolonialmacht USA nach Jahren blutiger Auseinandersetzungen gelungen, diese Region, die die frühere Kolonialmacht Spanien nie zu unterjochen vermochte, endgültig militärisch zu »befrieden«.

* In der südphilippinischen Folklore ist Jabidah der Name einer ebenso wagemutigen wie schönen Frau.

Der Autor ist Koherausgeber des kürzlich in 4. Auflage im Horlemann Verlag in Berlin erschienenen »Handbuchs Philippinen – Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Kultur«.

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