20. Februar 2014

Faschisten zum Vorbild

Ein Aufruf des Kreishauptmanns, in die SS-Galizien einzutreten. (Sanok, Mai 1943) - Fotoquelle: Wikipedia

Viele Oppositionelle auf dem Kiewer Maidan berufen sich auf die »Organisation Ukrainischer Nationalisten«. Deren Milizen ermordeten während des Zweiten Weltkriegs Zehntausende Polen und Juden

Frank Brendle

Die Massenproteste in der Ukraine werden von westlichen Medien und Regierungen überwiegend als Ausdruck demokratisch-europäischer Werte dargestellt. Im Selbstverständnis vieler Demonstranten mögen sie dies auch sein. Doch das Geschichtsverständnis, das sie transportieren, hat mit einem demokratischen Europa nichts zu tun, sondern vielmehr mit der klammheimlichen Rehabilitierung einer faschistischen Bewegung.

»Ruhm der Ukraine – Ruhm den Helden« – diese Anrede ist derzeit überall zu hören, wo demonstrierende Ukrainer zusammenkommen. Es ist eine alte Parole der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) aus dem Jahr 1941. Auf dem Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew, sind auch die schwarz-roten Fahnen der OUN allgegenwärtig. Einige Demonstranten mögen von der Organisation noch nie gehört haben, andere sie womöglich für eine integre Organisation halten, die in der Zwischenkriegs- und Kriegszeit für eine unabhängige, demokratische Ukraine gekämpft habe.

Ein großer, fataler Irrtum, der nur den Neofaschisten zupaß kommt. Für die auf dem Maidan präsente Partei Swoboda etwa sind die OUN und deren langjähriger Anführer Stepan Bandera klare historische Vorbilder. Die OUN war eine faschistische Organisation. Ihre Milizen ermordeten während des Zweiten Weltkrieges in der westlichen Ukraine Zehntausende wehrloser Polen und Juden. Der Verband kollaborierte je nach Zeit, Ort und Situation in unterschiedlichem Maße mit den Nazis.

Die OUN wurde Anfang Februar 1929 in Wien gegründet mit dem Ziel, einen unabhängigen Staat in den »ethnographischen ukrainischen Gebieten« zu errichten. Aktive Präsenz erlangte sie aber fast nur in der Westukraine, vor allem in Ostgalizien und, schwächer, in Wolhynien – Gegenden, die nach dem Ersten Weltkrieg an Polen gefallen waren. Das Ziel verfolgte sie mit Attentaten wie auch mit Boykottbewegungen. Angestrebte Staat wurde als »Naziokratija« definiert: die »Herrschaft der Nation im Staat«. Die Historikerin Franziska Bruder nennt in ihrer Arbeit »›Den ukrainischen Staat erkämpfen oder sterben!‹ Die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) 1929–1948« »nationalistisch-faschistische Grundkoordinaten«: »Nation als höchster Wert, radikaler Antikommunismus, ethnisch exklusives Nationenverständnis, in dem Antisemitismus und Antipolonismus feste Bestandteile waren, sowie die Befürwortung des Terrors als Mittel der politischen Auseinandersetzung«. Ein Vorbild nahm die OUN sich insbesondere am italienischen Faschismusmodell.

Um ihr Ziel zu erreichen, wollte sie »alle Okkupanten vollständig von der ukrainischen Erde beseitigen«. Da Ethnien als homogene Einheiten gedacht waren, betraf das ungeachtet ihrer sozialen Stellung sämtliche Polen, Juden und andere »Fremde«. Dem zu schaffenden »neuen Ukrainer« verpaßte die OUN 44 »Lebensregeln des ukrainischen Nationalisten«. Darin ging es vor allem um absolutem Gehorsam – ständige Kampfbereitschaft, bedingungslose Unterordnung bis hin zum Gebot: »Ein Kämpfer darf nicht zögern, seinen Vater, Bruder oder besten Freund zu töten, wenn er dazu einen Befehl bekommt«. Regel Nummer 40 schrieb vor: »Mache aus deiner Familie ein Gefäß für die rassische Reinheit deiner Nation«. Sogenannte Mischehen galten als »Verrat an der Nation«.

Antisemitismus von Anfang an

Franziska Bruder bezeichnet die Verwendung des Begriffs »Naziokratija« als »Taschenspielertrick«: »Im Prinzip nannten sich die ukrainischen Nationalisten nur deshalb nicht Faschisten, weil sie die ›Originalität‹ des ukrainischen Nationalismus betonen wollten.« Antisemitismus gehörte von Anfang an zur ideologischen Grundausstattung. In der Theoriezeitschrift der OUN Rosbudowa Nazii (Aufbau der Nation) wurden schon 1929 Juden als »feindlicher Körper in unserem nationalen Organismus« gebrandmarkt. Durchweg findet sich das Stereotyp der »Judenkommune« oder des »moskau-jüdischen Apparats«, gegen die ukrainische »Selbstverteidigung« notwendig sei. Das eher rudimentäre soziale Programm der OUN sah die Enteignung (meist polnischer) Großgrundbesitzer vor, womit sie bei der Masse der ukrainischen Kleinbauern punkten konnte.

Strukturell war die OUN, so Bruder, eine »Kaderpartei mit Bewegungscharakter«. Die Masse ihrer Mitglieder war männlich und zwischen 18 und 30 Jahre alt. Einer der wichtigsten Rekrutierungsorte für neue Mitglieder waren ukrainische Gymnasien sowie die Universität in Lemberg (heute Lwiw).

Die OUN war von Gründung an die mit Abstand dynamischste Organisation der Westukraine. Es gelang ihr, in ukrainischen Bildungsvereinen, bei den Pfadfindern und Sportvereinen ein breites Netzwerk aufzubauen. Auf Hochzeiten, Volksfesten und bei anderen Feierlichkeiten wurden nationalistische Lieder gesungen, OUN-Fahnen geschwenkt, Spenden gesammelt, Postkarten und Abzeichen verkauft.

Sie rief in »antikolonialen Aktionen« zum Boykott polnischer und jüdischer Geschäfte und zum gewaltsamen Ausschluß aller Nichtukrainer aus dem gesellschaftlichen Leben auf. Ihrem bewaffneten Arm, der zunächst als »Ukrainische Militärische Organisation« (UWO) firmierte, gelang es immer wieder, mit Anschlägen Angst und Schrecken zu verbreiten. Nachdem am 15. Juni 1934 der polnische Innenminister Bronisaw Pieracki von der UWO ermordet worden war, wurde auch dem späteren OUN-Führer Stepan Bandera der Prozeß gemacht. Vor Gericht machte er aus seinem Menschenbild kein Hehl: »Unsere Idee und unsere Anschauung sind so groß, daß wir es, um sie zu verwirklichen, wagen, das Leben des einzelnen, von Hunderten, sogar von Millionen zu opfern.« Außer polnischen Beamten ermordete die OUN/UWO auch »gemäßigte« Ukrainer, die den Alleinvertretungsanspruch der OUN ignorierten und sich in deren Augen der »Verbrüderung« zwischen den »verfeindeten Völkern« schuldig machten. Das galt insbesondere für die Anhänger der legalen Ukrainischen Nationaldemokratischen Allianz (UNDO), die auch im polnischen Parlament, dem Sejm, vertreten war. »In den meisten Fällen bedrohte oder ermordete die OUN Ukrainer, die sich weigerten, an OUN-Kampagnen teilzunehmen«, so Bruder.

Als gleichsam »natürlicher« Bündnispartner in ihrem Kampf gegen Polen und Juden erschien der Organisation das Deutsche Reich. Dieses war schon wegen seiner Intervention im Bürgerkrieg 1918 gegen die Bolschewiki in guter Erinnerung. Von Anfang an gab es eine ausgeprägte Zusammenarbeit: Die OUN lieferte der deutschen Abwehr Informationen über polnische Kräfte, dafür erhielten ihre Kader eine geheime militärische Ausbildung durch die Reichswehr. Die Nazis fuhren die Kontakte zur OUN allerdings (bis 1938) zunächst herunter, weil sie auf eine vorübergehende Entspannung in den Beziehungen zu Warschau setzten. Mit dem deutschen Überfall auf Polen 1939 kamen Hunderte gefangener OUN-Aktivisten, darunter auch Bandera, aus polnischer Haft frei. Ostgalizien wurde gemäß dem Ribbentropp-Molotow-Pakt (sogenannter Hitler-Stalin-Pakt) von der Roten Armee besetzt.

Den sich zuspitzenden Streit über die richtige Taktik entschied der radikalere, militantere Flügel unter Stepan Bandera für sich. Nach ihm wird dieser Flügel als OUN (B) bezeichnet, der kleinere Flügel unter Andri Melnik als OUN (M). Der OUN- (B)-Kongreß im April 1941 bestätigte Bandera als Vorsitzenden und beschloß die Einführung des faschistischen Grußes: Man hebe den rechten Arm »leicht nach rechts, leicht über den Kopf hinaus«, rufe dazu »Ruhm der Ukraine« und antworte »Ruhm den Helden.«. Die rot-schwarze Fahne – rot für das vergossene Blut und schwarz für die Erde – wurde als Symbol der OUN eingeführt. Der Tonfall verschärfte sich drastisch: »Die Organisation Ukrainischer Nationalisten bekämpft die Juden als Stütze des Moskauer Bolschewistenregimes, macht aber gleichzeitig den Volksmassen deutlich, daß Moskau der Hauptfeind ist«, so eine Resolution des Kongresses von 1941. Interne Instruktionen ermunterten im Mai 1941 dazu, »unerwünschte polnische, Moskauer und jüdische Funktionäre zu liquidieren«.

Am Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion beteiligten sich mit den Bataillonen »Nachtigall« und »Roland« zwei ukrainische Einheiten unter deutschem Kommando, deren jeweils knapp 350 Soldaten von der OUN nominiert worden waren. »Nachtigall« war beim Einmarsch in Lemberg am 30. Juni 1941 dabei und beteiligte sich an der sofort darauf folgenden Ermordung Tausender jüdischer Einwohner.

Pogrome nach »Staatsgründung«

Am Abend des 30. Juni verkündete ein kleiner Kreis von OUN-Kadern die ukrainische Unabhängigkeit. Zum »Regierungschef« wurde Jaroslaw Stezko bestimmt, zum Führer des neuen Staates der abwesende Bandera. Nach eigenen, nicht unplausiblen, Angaben hatte die OUN damals rund 20000 erwachsene Mitglieder, plus 7000 jugendliche, in Hunderten von Orten. Sie wurden praktisch alle mobilisiert. Sogenannte Marschgruppen – die ebenfalls eine militärische Ausbildung im Reichsgebiet erhalten hatten – eilten, zum Teil noch vor der Wehrmacht, in die von der Roten Armee aufgegebenen Ortschaften und errichteten eigene Verwaltungen. In öffentlichen Versammlungen sollten die Dorfbewohner die Führung Banderas bestätigen und einen Treueeid auf den ukrainischen Staat leisten. Einen solchen »Staatsverkündungsakt« gab es nach einer Auswertung des Historikers Grzegorz Rossolinski-Liebe in immerhin 213 Distrikten der Ukraine. Das zeigt den breiten Einfluß der OUN, wenn auch keineswegs feststeht, daß der »Treueeid« stets freiwillig erfolgte.

Dieser von der OUN als »nationale Revolution« beschriebene Vorgang ging in mindestens 58 Ortschaften mit antisemitischen Pogromen einher, die zwischen 13000 und 35000 Menschenleben kosteten. »Sie schlachteten mit ihren Macheten buchstäblich Juden in Stücke«, heißt es in einem Bericht einer Überlebenden. Täter waren meist von der OUN aufgestellte Milizen: »Die Juden provozieren, sie sagen, sie könnten nicht leben, daher wollten sie unsere Leute und unsere Bevölkerung vernichten. Wir stellen eine Miliz auf, die hilft, die Juden zu entfernen und die Bevölkerung zu schützen«, erklärte Stezko am 25. Juni in klassischer Opfer-Täter-Umkehr. In seiner im Juli 1941 geschriebenen Autobiographie bezeichnete er Juden als schädlich und gefährlich. »Daher stehe ich auf dem Standpunkt, daß die Juden vernichtet werden müssen und daß es zweckmäßig ist, in der Ukraine die deutschen Methoden der Judenvernichtung einzuführen.« Über diese Methoden war die OUN schon aus dem besetzten Polen im Bilde. Sie ordnete an, jüdische Einwohner durch weiße Abzeichen mit blauem sechszackigen Stern zu kennzeichnen und zur Zwangsarbeit zu verpflichten.

Bei der Verkündung der ukrainischen Staatsgründung in Lemberg wurde der Wunsch nach enger Zusammenarbeit mit dem »nationalsozialistischen Großdeutschland, das unter Führung Adolf Hitlers eine neue Ordnung in Europa aufbaut«formuliert – ein Satz, der später aus den OUN-Dokumenten wieder gestrichen wurde. Doch mit ihrem eher putschistischen Projekt hatte sich die OUN überhoben: Die Nazis dachten überhaupt nicht daran, sie als gleichberechtigte Partnerin zu behandeln. Bandera und Stezko wurden Mitte Juli verhaftet und kamen später in den Zellenbau des KZ Sachsenhausen. Mitte August ging die OUN in den Untergrund, einen Monat später führten die Nazis eine großangelegte Verhaftungsaktion gegen ihre Mitglieder durch.

Nach wie vor existierten ukrainische Einheiten, wie das aus »Roland« und »Nachtigall« hervorgegangene sogenannte Schutzmannschafts­bataillon 201, die bis zu ihrer Auflösung Ende 1942 zur »Partisanenbekämpfung« eingesetzt wurden. Die OUN entsandte außerdem ihre Leute in die ukrainischen Hilfspolizeiformationen, um ihnen eine militärische Ausbildung zu ermöglichen. 1943 begann sie, auch mit der zunächst abgelehnten ukrainischen Waffen-SS-Division »Galizien« zu kooperieren.

1942 verschärften die Nazis die Besatzung, rekrutierten Zwangsarbeiter und beuteten das Land rücksichtslos aus. Zugleich rückten erste sowjetische Partisanengruppen vor. Die OUN mußte handeln: In ihrer Propaganda stellte sie Deutschland und die Sowjetunion gleichermaßen als Gegner dar, zugleich bereitete sie sich auf den militärischen Kampf vor. Sie führte Ende 1942 ihre Kampfgruppen zusammen und bildete damit die »Ukrainische Aufständische Armee« (UPA), die alsbald andere nationalistische Gruppierungen (darunter eine bereits existierende Truppe gleichen Namens sowie Gruppierungen des Melnik-Flügels) unter ihre Kontrolle zwang. Als offizielles – aber fiktives – Gründungsdatum wurde nachträglich der 14. Oktober 1942 ausgegeben, bis heute ein wichtiger Feiertag im Kalender nationalistischer Organisationen der Westukraine.

Die UPA wurde rasch äußerst populär, ihre Unterstützung durch die Landbevölkerung wurde als »selbstverständliches Umsorgen der ›erweiterten Familie‹«, so die Historikerin Bruder, verstanden. Das Oberkommando hatte der frühere »Nachtigall«-Führer Roman Schuchewitsch, der ab Sommer 1943 in Personalunion auch OUN-Chef war. Zur UPA stießen neben den ukrainischen Bataillonen Tausende übergelaufene ukrainische Polizisten, aus Kriegsgefangenschaft geflohene Rotarmisten, Überläufer der SS-Division »Galizien« und junge Männer, die vor ihrer Verschleppung nach Deutschland flohen. Als »wahrscheinlich solideste Schätzung« gibt Bruder an, daß der UPA zu keinem Zeitpunkt mehr als 25000 bis 30000 Mann angehört hatten, bei hoher Fluktuation.

Gegen Polen und Deutsche

Hauptangriffsziel der Ukrainischen Aufständischen Armee im ersten Jahr ihres Bestehens war weder die Wehrmacht noch die Rote Armee, sondern die polnische Zivilbevölkerung in Wolhynien. Um zu verhindern, daß nach der absehbaren Niederlage der Nazis erneut Polen die Herrschaft über die Westukraine beanspruchen würde, setzte die OUN-UPA auf die physische Vernichtung der polnischen Bevölkerung. Nach anfänglich gezielten Angriffen auf polnische Funktionäre in der deutschen Zivilverwaltung wuchs sich die »antipolnische Aktion« (UPA) bald zu einer »ethnischen Säuberung« aus. Ab April 1943 wurden immer wieder größere Angriffe auf Dörfer und Siedlungen unternommen. Das blutigste Massaker fand am 11. Juli 1943 statt, als gleich mehrere Dörfer überfallen wurden. »Die mit Beilen, Sägen, Forken und Messern bewaffneten Ukrainer töteten die gesamte polnische Bevölkerung. Die deutsche Abwehr berichtete über die Mordaktionen unter dem Stichwort ›Ausrottung polnischer Siedler in Wolhynien‹«, so Bruder. Die Massaker dauerten bis in den Herbst 1943 und kosteten nach polnischen sowie ukrainischen Schätzungen 70000 bis 90000 Menschenleben. Gegenaktionen des polnischen Untergrundes fielen wiederum rund 15000 bis 20000 Ukrainer zum Opfer. Wiederholt beteiligten sich UPA-Einheiten auch an Überfällen der Waffen-SS-Division »Galizien« auf polnische Dörfer, so etwa am 28. Februar 1944 auf Huta Pieniacka. Noch heute kann auch hier die Zahl nur geschätzt werden: zwischen 500 und 1500 Menschen.

Spürte die UPA in den Wäldern versteckte Juden auf, ermordete sie diese meist gleich, einige mußten Zwangsarbeit leisten und wurden dann beim Anmarsch der Roten Armee ermordet. Das rassistische Weltbild der OUN zeigt eine ihrer Erklärungen aus dem Jahr 1942: »Die Polen helfen Juden sehr eifrig und verstecken sie, um sie vor der Vernichtung durch die Deutschen zu retten, da sie Juden als ihre natürlichen Verbündeten im Kampf gegen die Ukrainer betrachten.«

Bisweilen wurden auch die Deutschen von der UPA ins Visir genommen. In aller Regel vermied sie direkte Angriffe auf die Wehrmacht und konzentrierte sich auf die Zivilverwaltung. Im Februar 1943 aber wurde ein deutscher Polizeiposten nahe Riwne angegriffen. Bis Mai folgten weit über 100 Überfälle auf Staatsgüter, Versorgungsbetriebe und Bahnanlagen. Häufig hatten die Aktionen zum Ziel, den Abtransport von Zwangsarbeitern zu verhindern. Im Laufe des Jahres 1943 waren weite Teile Wolhyniens »befreit« – von Deutschen, Polen und Juden. »Die meisten militärischen Auseinandersetzungen führte die OUN-UPA mit den sowjetischen Partisanen«, so Bruder. Zum Beispiel wurde die Einheit von Sidir Kowpak, der Ende 1942 nach Wolhynien vorgedrungen war, von der UPA wieder zurückgeschlagen. In ihrer Propaganda stellten die ukrainischen Milizen heraus, unter den Partisanen befänden sich »Zigeuner, Moskale (gemeint sind »Moskauhörige«, jW), Juden und anderes Pack«, die Beteiligung von (Ost-)Ukrainern wurde unterschlagen.

Der Mordfeldzug gegen Polen wurden 1944 in Ostgalizien fortgeführt. Je näher die Rote Armee rückte, desto eiliger wollte die UPA ein ethnisch »gesäubertes« Kampffeld schaffen. Anfang 1944 begann sie, erneut mit den Nazis zu verhandeln, im Frühjahr kam es zu einem formellen Abkommen: Die UPA versorgte die Besatzer mit Informationen über Standorte der Roten Armee und der Partisanen. Die Deutschen erwarteten aktive Hilfe gegen sowjetische Fallschirmspringer und »bolschewistische, polnische und jüdische Banden«, dafür boten sie der UPA materielle Unterstützung, vornehmlich Verbandsmaterial, auch einige Waffen, und militärisches Training. In den Wehrmachtsberichten avancierte die UPA von einer »Bande« zu einer »befreundeten Truppe«. Bei Begegnungen zwischen ihr und Wehrmachtseinheiten wurde in der Regel ein Waffenstillstand eingehalten, es kam dennoch wiederholt vor, daß deutsche Soldaten von der UPA entwaffnet, aber am Leben gelassen wurden. Ein Zeichen für die Wiederannäherung von OUN-UPA und Nazis war auch die im Oktober 1944 erfolgte Entlassung von Bandera und Stezko aus dem KZ. Im November gründeten sie das – nur scheinbar überparteiliche – Ukrainische Nationalkomitee, das noch am 12. März 1945 in einer rein symbolischen Aktion durch die Reichsregierung als alleinige Vertretung des ukrainischen Volkes anerkannt wurde.

Die UPA führte noch Jahre nach dem Einmarsch der Roten Armee Attentate gegen sowjetische Funktionäre und Militärs sowie Anschläge auf Eisenbahnlinien und Telefonleitungen durch, wurde aber nach und nach aufgerieben. Am 5. März 1950 starb der UPA-Kommandeur Schuchewitsch bei einem Gefecht in der Nähe von Luiw.

Verklärende Geschichtsschreibung

Nach Kriegsende im Exil, vor allem in den USA, Kanada und Deutschland, entwickelten die OUN-Anhänger eine rege publizistische Tätigkeit, um ihre eigene Geschichte schönzuschreiben. Verräterische Beschlüsse wie etwa die Einführung des faschistischen Grußes oder die Hommage an Hitler beim »Staatsgründungsakt« wurden gestrichen, der Antisemitismus geleugnet.

Beiseite gewischt wurde auch, mit welcher mörderischen Unerbittlichkeit die OUN-UPA gegen andersdenkende Ukrainer vorgegangen war. Schon vor dem Krieg wurden »gemäßigte« Ukrainer umgebracht, erst recht während des Krieges. Bruder zitiert einen UPA-Beschluß vom September 1943, in dem jene zu »Feinden des ukrainischen Volkes« erklärt wurden, die »nicht für die UPA arbeiten, sondern als Verräter zum Nutzen der Feinde«. Eine von dem Historiker Per Anders Rudling aufgefundene sowjetische Quelle geht für das Jahr 1943 von 60 Prozent Zwangsrekrutierten bei der UPA aus. Das mag aus politischen Gründen übertrieben sein, Druck hat es aber fraglos gegeben.

Rossolinski-Liebe und Rudling haben in mehreren Artikeln nachgewiesen, wie die verklärende Darstellung der rassistisch-nationalistischen Kräfte aus dem Exil schon in den 1980er Jahren (über die »Dissidenten«) und erst recht nach 1990 in die Ukraine kam. Die sowjetische Geschichtsschreibung hatte sich als unglaubwürdig erwiesen – statt dessen wurde und wird von vielen das Gegenteil für bare Münze genommen.

Unter der Präsidentschaft von Wiktor Jusch­tschenko war die OUN-Glorifizierung Staatsziel. Gleich mehrere mit Steuermitteln gesponserte Institute beschäftigten sich mit dem Nachdruck der geschönten Exilliteratur oder neueren Verklärungen. Zum Chef des Geheimdienstarchivs und damit zum Hüter sämtlicher OUN-relevanter Informationen wurde Wolodimir Wiatrowitsch ernannt, ein Mann, der die Behauptung, die SS-Division »Galizien« habe aus Nazikollaborateuren bestanden, als »sowjetische Propaganda« abstempelt und eine grob verfälschende Darstellung über die angebliche Judenfreundlichkeit der UPA verfaßte. Am Ende seiner Amtszeit 2010 verlieh Juschtschenko posthum Bandera und Stezko den Titel »Helden der Ukraine«. Die Entscheidung wurde nach Amtsantritt des jetzigen Präsidenten Wiktor Janukowitsch zurückgenommen, Wiatrowitsch gefeuert, die Pro-OUN-Kampagne eingestellt. Doch seriöse Forschung bleibt schwierig: Rudling vermerkt, daß »wissenschaftliche Forschung verspottet wird als Feindpropaganda, kritische Stimmen als kommunistische eingestuft werden, als Putin-Unterstützer oder ›nützliche Idioten‹ im Dienste Janukowitschs und des Kreml«.

Es ist nicht anzunehmen, daß jeder auf dem Maidan, der den OUN-Gruß entbietet, dessen historischen Hintergrund kennt. Es ist angesichts der massiven Geschichtsklitterungen auch nicht vorauszusetzen, daß die verbrecherische Geschichte der OUN weithin geläufig ist. Umso mehr liegt es in der Verantwortung ukrainischer Akademiker, von denen viele die Proteste unterstützen, genau hierüber aufzuklären. Nur sie können das leisten, Belehrungen werden die Ukrainer weder aus Moskau noch aus Berlin akzeptieren. Geschichtsvergessenheit jedenfalls dürfte nur schwer als Basis für den Weg in eine demokratische Zukunft taugen.

Literatur

Franziska Bruder: »Den ukrainischen Staat erkämpfen oder sterben!« Die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) 1929–1948, Berlin 2007

Frank Brendle ist Historiker und Landesgeschäftsführer der DFG-VK Berlin

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2014/02-20/024.php