18. Juli 2012

Feldzug gegen die Moderne

Faschistischer Bildersturm: Titelseite des Katalogs zur Propagandaausstellung – abgebildet ist die Skulptur »Der neue Mensch« (1912) von Otto Freundlich - Quelle: jW-Archiv

Vor 75 Jahren wurde in München die Ausstellung »Entartete Kunst« eröffnet

Peter Michel

Der nachfolgende Text basiert auf einem Vortrag, den der Autor am 12. Juni im Rahmen der von junge Welt in Kooperation mit der Rosa Luxemburg Stiftung organisierten Veranstaltungsreihe »Literatur im Exil« in der jW-Ladengalerie gehalten hat.

Die Eröffnung der Münchener Ausstellung »Entartete Kunst« jährt sich morgen zum 75. Mal. Man sollte meinen, daß die Lehren aus der Historie inzwischen Allgemeingut sind. Aber es ist notwendig, immer wieder an dieses Verbrechen an Kultur und Kunst zu erinnern, denn auch jetzt ist der Schoß noch fruchtbar, aus dem es kroch. Das beginnt mit kleinbürgerlichen Denkweisen, die auch den Faschismus mitgestalteten, die aber ihre Wurzeln in fernerer Vergangenheit haben. Und damit kommen wir zur Vorgeschichte.

»Entarten« heißt »aus der Art schlagen« und weist zunächst auf biologische Vorgänge. Doch schon der Romantiker Friedrich Schlegel schrieb in bezug auf die Dichtung der Spätantike von »entarteter Kunst«. Richard Wagner publizierte 1850 seinen Artikel »Das Judentum in der Musik«, in dem er den Einfluß jüdischer Künstler anprangerte und die Loslösung von ihnen forderte. 1892 veröffentlichte der jüdische Arzt, Schriftsteller, Kulturkritiker und Mitbegründer des Zionismus Max Nordau sein Werk »Entartung«, in dem er nachzuweisen versuchte, daß die Entartung der Kunst auf die Entartung der Künstler zurückgeführt werden könne. Seine Thesen wurden später von den Faschisten aufgegriffen und von Hitler z.T. wortwörtlich übernommen. Wo es gegen die Juden ging, waren selbst solche Vorgaben willkommen.

Anläßlich der Eröffnung der Berliner Siegesallee am 18. Dezember 1901 ließ sich Kaiser Wilhelm II. abfällig über moderne Kunstströmungen aus und nannte z.B. die Werke von Heinrich Zille und Käthe Kollwitz »Rinnsteinkunst«. 1924 wurden George Grosz und Wieland Herzfelde wegen angeblicher »Obszönitäten« vor Gericht gestellt; das Urteil lautete auf Zahlung von 6000 Mark Strafe; die Druckplatten wurden konfisziert. In einer Erklärung an den Regierungspräsidenten von Stade, einen Herrn Dr. Rose, protestierten 1927 Käthe Kollwitz und Max Pechstein gegen die Absicht, die Wandgemälde Heinrich Vogelers im Kinderheim Barkenhoff Worpswede zu entfernen. 1928 erschien das Machwerk »Kunst und Rasse« von Paul Schultze-Naumburg, der ab 1930 Direktor der Weimarer Kunsthochschule war, der gegen Tendenzen des Bauhauses polemisierte und dessen Schriften einer von rassistischen Ideen geprägten völkischen, »bodenständigen« Bau- und Kunstauffassung im Sinne des Faschismus galten. Er war einer der wichtigsten Anreger der Aktion »Entartete Kunst«. 1929 wurde der »Kampfbund für deutsche Kultur« durch Heinrich Himmler, Alfred Rosenberg und andere Nazis gegründet. 1930 befahl der thüringische Minister für Inneres und Volksbildung, der Faschist Wilhelm Frick, die Auflösung der Weimarer Bauhausschule und Entfernung von Schlemmers Wandbildern in diesem Gebäude. (Diese wurden übrigens in der DDR wieder hergestellt.) Auch die Beseitigung von Werken Barlachs, Kandinskys, Klees, Crodels, Heckels, Noldes, Schmidt-Rottluffs und anderer aus dem Schloßmuseum Weimar ging auf seine Weisung zurück. Er war es auch, der die Wandmalereien von ­Charles Crodel in den erneuerten Kuranlagen von Bad Lauchstädt überstreichen ließ. 1932 beschloß der Stadtrat von Dessau die Schließung des Bauhauses; alle Lehrer der Essener Folkwangschule wurden entlassen; George Grosz ging nach New York ins Exil; die Herausgabe der Zeitschrift Der Sturm wurde eingestellt; Herward Walden emigrierte in die Sowjetunion.

»Ausgeburten des Wahnsinns«

Im schlimmen Jahr 1933 fanden im April erste »Schandausstellungen« zur Diffamierung moderner Kunst in Karlsruhe, Mannheim, Nürnberg, Chemnitz, Breslau, Stuttgart, Dessau, Ulm und Dresden, später auch in Hagen, Dortmund, Regensburg, Ingolstadt, Darmstadt, Frankfurt am Main und Halle/Saale statt. Max Liebermann, von 1920 bis 1933 Präsident der Preußischen Akademie der Künste, wurde wegen seiner jüdischen Abstammung von den Nazis seines Amtes enthoben, und seine Werke wurden verfemt. Käthe Kollwitz, die Professorin an dieser Akademie gewesen war, ereilte das gleiche Schicksal. Am 9. Februar des Folgejahres notierte sie in ihr Tagebuch: »Nun ist Liebermann tot. (…) Ich ging heut Vormittag, am Tag nach seinem Tode, hin und konnte ihn sehn. Furchtbar mager. Gereckt liegt er da und das verändert den Eindruck, weil ihm der Kopf so überhing. Stirn, Schläfen, Nase sehr gut und vornehm. Seine Frau einfach und gut. (…) Als ich die Treppe runterging, begegnete mir sein Teckel.« Die Witwe Liebermanns nahm sich vor ihrer Deportation ins KZ das Leben. Der jüdische Kunstsammler Alfred Flechtheim, der bereits ab 1930 geschäftlich gezielt behindert und ruiniert und dessen Vernissagen durch Naziaktionen gestört wurden, ging 1933 in die Emigration; er starb 1937 verarmt und verzweifelt in London; seine Frau Betti entging in Berlin 1941 der drohenden Deportation durch Selbstmord; seine Kunstsammlung wurde in alle Welt verstreut. Am 10. Mai 1933 fraßen die Flammen der von den Nazis entzündeten Scheiterhaufen in Berlin und 21 anderen Universitätsstädten – später auch im »heim ins Reich« geholten Österreich – unter großem propagandistischen Aufwand öffentlich das Beste der deutschen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts. Im Juli 1933 wurde eine Ausstellung mit Werken Ernst Barlachs, Franz Marcs und Emil Noldes in der Galerie Möller in Berlin verboten. Viele Künstler – unter ihnen Walter Gropius, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Heinrich und Thomas Mann, Ernst Toller und Kurt Weill – emigrierten, andere – wie Willi Baumeister, Max Beckmann, Otto Dix, Karl Hofer, Max Pechstein und Oskar Schlemmer – verloren ihre Lehrämter oder ihre Posten als Museumsleiter. Im Frühjahr 1934 floh Oskar Kokoschka nach Prag, wo er eine antifaschistische Gruppe bildete, der u.a. Theo Balden, John Heartfield und Eugen Hoffmann angehörten. Am 30. Oktober 1936 wurde die Abteilung Moderne der Berliner Nationalgalerie im Kronprinzenpalais geschlossen. Am 26. November verbot Goebbels die Kunstkritik, und im Dezember wurde der Nazimaler Adolf Ziegler (von seinen Kollegen spöttisch als »Reichsschamhaarmaler« bezeichnet) als Präsident der Reichskammer der Bildenden Künste berufen. Am 30. Juni 1937 gab Goebbels Hitlers Befehl an Ziegler weiter, für eine Ausstellung Beispiele »entarteter Kunst« aus Museen zu konfiszieren. In einer ersten großen »Säuberungsaktion« wurden fast 5000 Gemälde und Skulpturen sowie 12000 Graphiken zusammengerafft und zunächst in ein Lagerhaus in der Köpenicker Straße und in das Schloß Niederschönhausen in Berlin gebracht.

Schon wenige Wochen später, am 19. Juli 1937, eröffnete der Lakai Ziegler die Ausstellung »Entartete Kunst« im Hofgarten München. Dort sprach er u.a. die Worte: »Wir befinden uns in einer Schau, die aus ganz Deutschland nur einen Bruchteil dessen umfaßt, was von einer großen Zahl von Museen für Spargroschen des deutschen Volkes gekauft und als Kunst ausgestellt worden war. Sie sehen um uns herum diese Ausgeburten des Wahnsinns, der Frechheit, des Nichtskönnertums und der Entartung. Uns allen verursacht das, was diese Schau bietet, Erschütterung und Ekel.« Am selben Tag emigrierte Max Beckmann nach Amsterdam. »Sehen Sie nicht, daß das Faschingsdekorationen sind?« fragte Beckmann den deutschen Grenzkontrollposten, der argwöhnisch die Plane des LKW zurückgeschlagen hatte. Der schaute zunächst unschlüssig und ließ ihn passieren. So konnte Beckmann viele seiner Werke retten, die Herrn Ziegler und seinen Helfern nicht in die Fänge geraten waren.

Eine Ausstellung der Schande

Die Ausstellung »Entartete Kunst« zeigte 650 Werke aus 32 deutschen Museen. Sie zog mehr als zwei Millionen Besucher an und damit mehr als die zeitgleich stattfindende »Große Deutsche Kunstausstellung«, die von 420000 Menschen gesehen wurde. Sie ging von München nach Berlin, von dort nach Leipzig, Düsseldorf, Salzburg, Hamburg, Stettin, Weimar, Wien, Frankfurt am Main, Chemnitz, Waldenburg in Schlesien und Halle/Saale. Ihre Exponate wurden mit Arbeiten von geistig Behinderten gleichgesetzt, und man kombinierte viele Werke mit Fotos verkrüppelter Menschen. So ging es den Machern nicht nur um einen Feldzug gegen die Moderne, sondern diese Präsentation »kranker«, »jüdisch-bolschewistischer« Kunst diente auch der Legitimation der Verfolgung »rassisch Minderwertiger« und politischer Gegner. Auf einem Handzettel und im Umfeld der Ausstellungsstücke las man Parolen wie: »Gequälte Leinwand – Seelische Verwesung – Krankhafte Phantasie – Geisteskranke Nichtskönner – (…) – Seht Euch das an! – Urteilt selbst!« Im Ausstellungsführer, der für 30 Reichspfennige zu haben war, wurde aus Hitlers Reden zitiert; hier zwei Kostproben: »Eine Kunst, die nicht auf die freudigste und innigste Zustimmung der gesunden breiten Masse des Volkes rechnen kann, sondern sich nur auf kleine, teils interessierte, teils blasierte Cliquen stützt, ist unerträglich. Sie versucht das gesunde, instinktsichere Gefühl eines Volkes zu verwirren, statt es freudig zu unterstützen.« Oder an anderer Stelle: »Das Judentum verstand es, besonders unter Ausnützung seiner Stellung in der Presse, mit Hilfe der sogenannten Kunstkritik nicht nur die natürlichen Auffassungen über das Wesen und die Aufgaben der Kunst sowie deren Zweck allmählich zu verwirren, sondern überhaupt das allgemeine gesunde Empfinden auf diesem Gebiete zu zerstören.« Das »gesunde Volksempfinden« war ein Schlagwort der Nazis, und es ist erstaunlich, wie lange es sich auch nach dem »Tausendjährigen Reich« noch hielt, wenn vielleicht auch nicht wörtlich, so doch dem Sinne nach.

Während und nach dieser Ausstellung ging der Feldzug gegen die Moderne weiter. Die gesamte Zeit der faschistischen Herrschaft war davon geprägt; es wurden Ausstellungen geschlossen; es gab verbale und tätliche Angriffe auf Künstler und kulturelle Einrichtungen. Allein aus Hamburg flohen 64 Künstler in 23 verschiedene Länder. Aus der Hamburger Kunsthalle wurden 72 Gemälde, 296 Aquarelle, Pastelle und Handzeichnungen, 926 Radierungen, Holzschnitte und Lithographien sowie acht Skulpturen beschlagnahmt. Ab August 1937 wurden insgesamt etwa 20000 Kunstwerke von 1400 Künstlern aus über 100 Museen entfernt. Darunter befanden sich auch Leihgaben aus Privatbesitz. Die Enteignung der Museen wurde durch das »Gesetz über die Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst« nachträglich am 31. Mai 1938 legitimiert. Göring schlug einen devisenbringenden Verkauf der Kunstwerke ins Ausland vor; Hitler tauschte einige gegen alte Meister.

Nach der Pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 wurde das erste jüdische Museum der Moderne in der Berliner Oranienburger Straße gewaltsam geschlossen. 280 Gemälde aus dieser Sammlung wurden nach dem Krieg in den Trümmern Berlins wiederentdeckt, doch die Suche nach Stücken dieses Museums geht auch heute weiter. Im Hof der Hauptfeuerwache in Berlin-Kreuzberg wurden am 20. März 1939 nach offizieller Verlautbarung 1004 Gemälde und 3825 Graphiken verbrannt; manche sollen beiseite geschafft worden sein. 125 Werke waren für eine Versteigerung in der Schweiz vorgesehen. Diese Auktion fand am 30. Juni 1939 im Auktionshaus Theodor Fischer in Luzern statt. Allerdings waren die Ergebnisse ziemlich niedrig, denn es war bekanntgeworden, daß Nazideutschland mit diesem Verkauf seinen Devisenstatus verbessern wollte. Viele, aber nicht alle Werke wurden verkauft. Weitere Verkäufe von enteigneten Werken wurden von privaten deutschen Galerien vorgenommen.

Der Vernichtungsangriff auf die Moderne betraf nicht nur die bildenden Künste, sondern alle Bereiche der Kultur: die Literatur, die Filmkunst, das Theater, die Architektur und die Musik. Swing oder Jazz wurden auf der am 24. Mai 1938 eröffneten Ausstellung »Entartete Musik« ebenso rücksichtslos diffamiert wie der »Musikbolschewismus« von international bekannten Komponisten wie Hanns Eisler, Paul Hindemith oder Arnold Schönberg. In der Folge erschien ab 1940 das berüchtigte Lexikon »Entartete Musik«.

In der Propagandaschau »Entartete Kunst« stellte man Arbeiten von 110 Künstlern an den Pranger. Einige von ihnen werden heute zu den »vergessenen« Künstlern gezählt, weil ihre Werke vernichtet oder gestohlen wurden, weil sie selber in Armut starben, zur Selbsttötung getrieben oder ermordet wurden. Selbst denen, die überlebten, gelang es nach 1945 oft nicht, wieder Anerkennung zu erlangen, weil sie sich nicht mit den neuen Kunstrichtungen identifizieren wollten. Das ganze Ausmaß der menschlichen Tragödien wird deutlich, wenn man die Einzelschicksale verfolgt. Wir können das hier nur bei wenigen tun.

Schicksale

Ernst Barlach wurde nach seiner großen Retrospektive von 1930 in der Preußischen Akademie der Künste, in der er seit 1919 Mitglied war, und nach seiner Teilnahme an der Biennale in Venedig zum Ziel der faschistischen Kunstideologie. 1932 zerschlugen Nazis die Fenster seines Güstrower Hauses. Seit 1933 wurden seine Briefe zensiert; er wurde von der Polizei beobachtet. Sogar in seinen eigenen Räumen durfte er nicht mehr ausstellen. Doch obwohl seine Skulpturen und Denkmale beseitigt oder zerstört waren, blieb er in Deutschland. Im August 1937 waren bereits 381 seiner Werke aus den Museen und Kirchen verbannt. In der Ausstellung »Entartete Kunst« war seine Plastik »Christus und Johannes« ausgestellt, von der das Kieler Museum zuvor »gesäubert« worden war. Sieben Arbeiten von ihm wurden zur Versteigerung in Luzern angeboten; drei von ihnen sind verschollen. Nachdem er die Nachricht von seinem Ausstellungsverbot erhalten hatte, erkrankte er schwer und verstarb 1938 in einem Rostocker Krankenhaus. Käthe Kollwitz hielt auch dieses Sterben nach einem Besuch an seiner Totenbahre in Güstrow in ihrem Tagebuch fest. Franz Fühmann beschrieb dieses Schicksal in einer ergreifenden Novelle, die auch verfilmt wurde.

Von Max Beckmann waren elf Arbeiten von 21 dafür vorgesehenen ausgestellt; bei sieben ist der Verbleib unbekannt, drei wurden zerstört. Seine Gemälde »Christus und die Ehebrecherin« und »Kreuzabnahme« waren gleich im ersten Raum gehängt, in dem Bilder mit religiösen Motiven versammelt waren. Nachdem Beckmann – als vor 1933 gefeierter Künstler – mit seiner Frau nach Amsterdam geflohen war, kehrte er nie wieder nach Deutschland zurück. Er emigrierte schließlich in die Vereinigten Staaten und arbeitete dort bis zu seinem Tod am 27. Dezember 1950 als Professor an den Kunsthochschulen in Saint Louis und New York. In der DDR wurde er hoch geehrt. Bernhard Heisig bereitete mit Beckmanns Sohn Peter eine große Beckmann-Ausstellung in Leipzig vor und gab 1982 eine prachtvolle zweibändige Edition von Goethes »Faust« mit 44 eigenen und 143 Federzeichnungen Beckmanns heraus.

Der Haß der Nazis traf auch Marc Chagall, der vor allem in den zwanziger Jahren in Deutschland sehr erfolgreich gewesen und mit zwei Gemälden in der Ausstellung »Entartete Kunst« vertreten war. Sie hatten Angst vor seiner überschäumenden Phantasie und lehnten das Jüdische und Osteuropäische in seinem Werk ab.

Lovis Corinth, dieser kraftvolle Maler, der z.B. Willi Sitte stark beeinflußte, war zwar schon 1925 verstorben, doch von ihm wurden 295 Werke aus öffentlichen Institutionen beschlagnahmt und sieben davon in der Ausstellung gezeigt.

Zu den am schlimmsten verfemten Künstlern gehörte Otto Dix. Seine ungeschönten Kriegsdarstellungen untergruben die verlogenen Ideen von deutschem Heldentum. 1925 hatte er z.B. in einer Wanderausstellung sein heute verschollenes »Schützengraben«-Bild in Köln gezeigt. Das Wallraf-Richartz-Museum, das dieses Bild erwerben wollte, wurde vom damaligen Kölner Bürgermeister Konrad Adenauer daran gehindert, denn er fand, daß es gegen »deutsche Empfindungen« verstoße. Von 1930 an betrachteten die Faschisten die Arbeit von Otto Dix als subversiv, und ein Wandgemälde, das er für das kurz zuvor vollendete Hygiene-Museum in Dresden geschaffen hatte, schlugen sie von der Wand. Nazis betrieben seine Entlassung von der Dresdener Akademie, und die fortgeschrittensten Studenten von Dix, darunter auch Kommunisten, wurden alle entlassen und z.T. verhaftet. Er verließ Dresden 1933. Etwa 260 seiner Arbeiten wurden aus Sammlungen in ganz Deutschland beschlagnahmt. Davon waren 26 in der Ausstellung »Entartete Kunst« zu sehen. Im Rahmen einer Aktion gegen »unzuverlässige Intellektuelle« nach einem Attentatsversuch auf Hitler nahm man ihn in München 1939 fest, und er verbrachte eine Woche unter Polizeiarrest in Dresden. Der damalige sächsische Ministerpräsident Manfred von Killinger schrieb in die Personalakte von Otto Dix: »Ist das Schwein immer noch am Leben?« Eine Berufung an die Düsseldorfer Akademie lehnten auch 1948, also nach dem Ende der Nazidiktatur, Verantwortliche des Kultusministeriums von Nordrhein-Westfalen ab.

Von Hans Grundig war in der Ausstellung »Entartete Kunst« das Ölgemälde »Knabe mit gebrochenem Arm« ausgestellt; es ist verschollen. Er verbrachte lange Zeit im KZ Sachsenhausen und war Gründungsrektor der Dresdener Kunsthochschule nach 1945.

Am Beispiel Emil Noldes wird deutlich, daß selbst Sympathien für die faschistische Ideologie keine Rolle spielten, wenn es gegen »entartete Kunst« ging. Er war schon 1920 Gründungsmitglied der nordschleswigschen Abteilung der NSDAP. Politisch war er naiv; er glaubte, daß expressionistisches Kunstwollen mit der Kultur­ideologie der Nazis vereinbar sei und unterzeichnete mit anderen einen Loyalitätsaufruf für Hitler. Doch schon 1936 wurde ihm jede private oder öffentliche künstlerische Tätigkeit untersagt. 1937 konfiszierten die Nazis 1052 seiner Werke aus deutschen Museen und zeigten 48 davon in der Ausstellung »Entartete Kunst«. Sein Ölgemälde »Die klugen und die törichten Jungfrauen« und zwei Stilleben sind 1945 in Teupitz verbrannt; der Verbleib von drei Werken ist unbekannt.

Diese Reihe fortzusetzen, fehlt uns hier die Zeit. Neben den bereits erwähnten Namen seien hier nur noch genannt: Jankel Adler, Lyonel Feininger, Conrad Felixmüller, Erich Heckel, Karl Hofer, Ernst Ludwig Kirchner – der in seinem Schweizer Exil Selbstmord beging –, Oskar Kokoschka, Wilhelm Lehmbruck, Gerhard Marcks, Ludwig Meidner, Otto Müller, Otto Pankok, Karl Schmidt-Rottluff und Karl Völker. Die insgesamt 110 Namen lesen sich wie ein Lexikon der Klassischen Moderne.

Das Thema bleibt aktuell

Die Ausstellung »Entartete Kunst« ist gut dokumentiert. Es gibt eine Menge Literatur über ihre Vorgeschichte, ihren Aufbau, ihren Verlauf und ihre Nachwirkungen. Das Los Angeles County Museum of Art, das Deutsche Historische Museum und der Hirmer Verlag München gaben 1991 einen hervorragenden Katalog heraus, in dem die bis dahin vorliegenden Forschungsergebnisse zusammengefaßt sind und der mir auch für diesen Vortrag gute Hilfe leistete. An der Freien Universität Berlin und an der Universität Hamburg werden diesbezügliche Projekte weitergeführt mit dem Ziel der Erarbeitung eines Gesamtverzeichnisses aller beschlagnahmten Werke, denn hier gibt es nach wie vor große Lücken. Vieles, was vor 1937 den deutschen Museen gehörte, wurde ins Ausland verkauft und kann durch die ständig steigenden Kunstmarktpreise nicht wieder erworben werden. So werden Verluste wohl nie wieder ganz wettzumachen sein.

Vor zwei Jahren wurden bei Grabungsarbeiten gegenüber dem Berliner Roten Rathaus elf Skulpturen entdeckt, die 1937 für die Ausstellung »Entartete Kunst« beschlagnahmt worden waren. Das waren Bronzen von Edwin Scharff, Otto Baum, Marg Moll, Gustav Heinrich Wolff, Naum Slutzky und Karl Knappe sowie Teile von Keramikarbeiten von Otto Freundlich und Emy Roeder. Man nimmt an, daß an dieser Stelle auch 200 bis 300 Gemälde und Graphiken eingelagert waren, die den Brand eines Hauses 1944 nicht überstanden. Unter sechs weiteren Funden befand sich die Skulptur »Sitzendes Mädchen« von Will Lammert, der später in der DDR wichtige Porträtbüsten und Denkmale schuf, u.a. das Thomas-Müntzer-Denkmal in Mühlhausen und die Mahnmale in Ravensbrück. (Hier sei angemerkt, daß die Karl-Marx-Büste Will Lammerts, die am Eingang des Senatsaales stand, kurz nach der »Wende« in der Kustodie der Berliner Humboldt-Universität verschwand.) Den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gelang erst vor wenigen Wochen der Rückkauf des Gemäldes »Männer am Meer« von Erich Heckel; es war 1920 vom Freundeskreis der Gemäldegalerie erworben worden; 1937 hatten es die Nazis zusammen mit weiteren etwa 50 Bildern beschlagnahmt und 1940 in Privathand verkauft.

So wird dieses Naziverbrechen uns auch weiter beschäftigen; und die Einrichtung eines Zentrums für verfolgte Künste, wie es in Solingen vorgesehen ist, sollte auch von uns unterstützt werden.

Peter Michel, Kunstwissenschaftler und -publizist, ist Mitglied des Bundesvorstandes der Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde e.V. (GBM) und Sprecher des Arbeitskreises Kultur der GBM. Zu DDR-Zeiten war er Chefredakteur der Zeitschrift Bildende Kunst. Letztes Jahr erschien im Verlag am Park sein Buch »Ankunft in der Freiheit. Essays gegen den Werteverlust der Zeit«, 260 Seiten, brosch., 16,90 Euro (auch im jW-Shop erhältlich)

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2012/07-18/021.php