3. September 2011

Fest für den Frieden

Zum 100. Jahrestag der größten Antikriegskundgebung vor 1914

Jeremias Schulthess

Der 3. September 1911 ist ein strahlender Sonnentag. Um 10 Uhr treffen die ersten Aktivisten und Schaulustigen im Berliner Treptower Park ein. »Es läßt sich kaum ein prächtigerer Platz für eine Massendemonstration denken als die große Wiese im Treptower Park«, schreibt ein zeitgenössischer Beobachter. Die Menge soll gegen Mittag eine Teilnehmerzahl von 200000 überschritten haben. »Alles ist verschmolzen zu einer einzigen Masse von erdrückender Fülle«, schildert ein Teilnehmer. Dann, um 13 Uhr, wird die Veranstaltung mit einem Trompetensignal eröffnet. Insgesamt sind es über 20 Redner, die auf mehreren Bühnen zum propagierten Thema »Gegen die Kriegshetze! Für den Völkerfrieden!« das Wort ergreifen. Der strahlend blaue Himmel kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß die deutsche Außenpolitik in diesen Tagen von düsteren Gewitterwolken überschattet ist. Die Vorzeichen stehen auf Krieg.

»West-Marokko deutsch!«

Seit dem Sommer 1911 bewegte sich das deutsche Kaiserreich auf einem schmalen Grat zwischen Krieg und Frieden. Am 1. Juli hatte die Reichsleitung das Kanonenboot S.M.S. Panther vor die marokkanische Hafenstadt Agadir entsand mit der Begründung, deutsche Firmenhäuser in Marokko zu schützen. Dieser Vorwand war allerdings nur Mittel zum Zweck. Das aggressive Vorgehen der deutschen Außenpolitik war eine inszenierte Symbolpolitik, die vor den europäischen Großmächten sowie der eigenen Bevölkerung Stärke beweisen sollte. Man sprach von deutscher Seite davon, »mit der Faust auf den Tisch zu schlagen«. Es galt zu zeigen, daß das deutsche Kaiserreich – ebenso wie andere Großmächte – seine Interessen in der Welt zu verteidigen hatte. Dazu wählte man eine Schiffsentsendung nach Marokko, wo sich die deutschen und französischen Kolonialinteressen bereits 1905 aneinander gerieben hatten. Seit 1906 galt Marokko als souveräner Staat, dessen Finanz- und Polizeiwesen allerdings noch von Frankreich kontrolliert wurden. Eine militärische Präsenz vor der marokkanischen Küste – und war sie auch nur von symbolischer Natur – konnte dementsprechend von internationaler Seite nur als Provokation verstanden werden.

England reagierte als Bündnispartner Frankreichs mit einer verklausulierten Kriegsdrohung. Der englische Schatzkanzler Lloyd George hielt am 21. Juli eine einschlägige Rede, in der er vor allzu gewagten Schritten warnte. Großbritannien würde eine »Erniedrigung« nicht ertragen. Obwohl in der Rede weder Deutschland noch die Marokko-Angelegenheit direkt angesprochen wurde, verstanden alle involvierten Großmächte sofort: England würde bei dem Streit zwischen Deutschland und Frankreich nicht unbeteiligt zusehen, man stand auf einer Linie mit der französischen Regierung. Der Daily Chronicle titelte einen Tag später: »Britain warns Germany«. Die Gemüter erhitzten sich dadurch nur noch mehr. Die deutschen Tageszeitungen, die den Vorstoß der deutschen Außenpolitik mit allgemeiner Genugtuung aufnahmen, meinten, »man wisse nun, wo der Feind sitzt«.

Als Mitte August die diplomatischen Verhandlungen zwischen Frankreich und Deutschland ausgesetzt wurden, spitzte sich die Krise zu. Es herrschte zwar die Meinung vor, »daß Frankreich und Deutschland wegen Marokko nicht die Waffen kreuzen werden«. Dennoch blieben berechtigte Zweifel an einer friedlichen Beilegung des Konflikts. Die Kölnische Zeitung schrieb, »wer den Beruf hat, dem Volke am Puls zu fühlen, müßte ein schlechter Diagnostiker sein, wenn er nicht merkte, daß eine ernste Entschlossenheit, der Diplomatie bis an das bitterste Ende zu folgen, heute in Deutschland durch alle Schichten geht.«

In der Öffentlichkeit waren die kriegshetzerischen Stimmen am lautesten von allen zu hören. Der rechtsnationalistische Alldeutsche Verband forderte in seiner Flugschrift »West-Marokko deutsch!« Siedlungsgebiete für Deutsche in Marokko. Ihnen war jedes Mittel Recht – Hauptsache man schlich nicht wieder mit »eingezogenem Schwanz« aus dieser Affäre heraus. Die scharfmacherische Tageszeitung Die Post rief den »Geist des alten Preußens« in Erinnerung. Keinen Schritt zurückweichen, war die Devise, auch wenn ein standhaftes Stehenbleiben den Krieg bedeutete.

Andere Töne waren von sozialdemokratischer Seite zu hören. Rosa Luxemburg warnte davor, sich »als Kanonenfutter für den kolonialpolitischen Wahnwitz« mißbrauchen zu lassen. Sie erinnerte daran, daß bei Fragen wie »Krieg oder Frieden, Marokko oder Kongo, Leben und Tod für Tausende, das Wohl und Wehe ganzer Völker auf dem Spiel« stand. Für sie war der Streit um Marokko eine pervertierte Fortführung des nationalen Kapitalismus. Die Staatsmänner, die hinter der Ak­tion standen, bezeichnete sie als »armselige Hampelmänner, deren pappene Ärmchen und Köpfchen« von »einigen großkapitalistischen Cliquen« bewegt wurden. In sozialistischen Kreisen wurde der Kapitalismus als die Wurzel des Imperialismus betrachtet.

Der »innere Feind«

Am 8. August brachte das sozialdemokratische Agitationskomitee ein Pamphlet heraus, das den Zusammenhang zwischen nationalem Kapitalismus und imperialistischer Weltpolitik zu erklären versuchte. »Weltpolitik, Weltkrieg und Sozialdemokratie« war der Titel der Flugschrift, die eine pazifistische Antwort auf die rechtskonservativen Meinungen gab. Darin wurden die »deutschen herrschenden Klassen« als der »wahre innere Feind, der ›Erbfeind‹ des deutschen Volkes« benannt. Karl Liebknecht kam zur programmatischen Aussage: »Der Sozialismus ist Frieden«.

Die Friedensbewegung stand 1911 noch auf wackeligen Beinen. Eine breite politische Unterstützung von seiten der Sozialdemokratie fehlte. In weltpolitischen Fragen spielte das Image des Kaiserreichs für den deutschen Bürger eine wesentlich größere Rolle als die Sicherung des Friedens. Die Friedensbewegung, so der emeritierte Professor Günter Schödl, war in dieser Zeit mit Sicherheit keine Massenbewegung. Erst 1912, nach dem Wahlsieg der SPD, begann so etwas wie eine politisch relevante Zusammenarbeit zwischen sozialdemokratischen und pazifistischen Kreisen.

Die Massenkundgebung im Treptower Park blieb in den Septembertagen 1911 ein Randthema der Tageszeitungen. Viele fürchteten einen Krieg, die Friedensbewegung verzeichnete allerdings nur wenig Zustrom. Am 5. September nahm die Kölnische Zeitung die allgemeine Verunsicherung auf und titelte: »Krieg oder Frieden?« Als Reaktion darauf plünderten mehrere hunderttausend ihr Sparkassenkonto, was die Berliner Börse zum Einstürzen brachte. Die Bankiers Helfferich und Fürstenberg wirkten auf das Auswärtige Amt ein, man möge doch, um die Finanzmärkte zu beruhigen, einen pazifistischen Kurs in der Marokko-Angelegenheit einschlagen. Optimistisch gab man zurück, »die Marokkofrage werde in zwei, drei Tagen in günstigem Sinne erledigt sein«.

In der Tat wurde ein Krieg abgewendet. Im November präsentierte der regierende Kanzler Theobald von Bethmann Hollweg das Resultat der Marokko-Verhandlungen: Ein paar Landstriche in Kamerun sowie die wirtschaftliche Gleichberechtigung in Marokko hatte die deutsche Diplomatie ergattert. In der Öffentlichkeit wurde dies als schmachvolle Niederlage wahrgenommen. Eine englandfeindliche Außenpolitik gewann an Zuspruch.

Doch warum wurde ein Krieg verhindert? Hätte die Reichsleitung einen Krieg gewollt, so wäre die Tür dazu weit offen gestanden. Die Voraussetzungen waren zu diesem Zeitpunkt wohl ungünstig. Die deutsche Flotte war noch nicht voll einsatzfähig, ein Zuwarten konnte die deutsche Seemacht bedeutend stärken. »Geben Sie uns noch 5 Jahre Frieden und wir präsentieren Ihnen ein so reiches und konsolidiertes Land, daß keine Land- und Seerüstung ihm zu schwer ist«, schrieb der Industrielle Klöckner an einen Attaché des Auswärtigen Amtes.

Die »imperialistischen Gewitterwolken« entluden sich nur drei Jahre später. Die Friedensstimmen wurden inzwischen lauter, dennoch gingen sie in dem Lärm der nationalistischen Kriegstrompeten unter.

Quelle: »Ein Ehrentag«

Um 1 Uhr begann das Meeting. (…) Nichts von Schützenfeststimmung lag über den Massen, aufmerksam und bedächtig folgten sie den Ausführungen der Redner, die in gedrängter Kürze ein Bild der Ursachen des Marokko-Rummels, der infamen Kriegshetze und ihrer furchtbaren Gefahren und der unausbleiblichen traurigen Folgen dieser Völkerverhetzung entrollten. (…)

Und groß und würdig, wie die Demonstration begonnen und verlaufen, war auch ihr Ende. Ruhig zerstreuten sich die ungeheuren Massen. (…) Das deutsche Proletariat darf auf den 3. September 1911 als einen seiner Ehrentage zurückblicken.«

Aus dem Bericht des Vorwärts vom 4. September 1911

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