31. März 2014

Fisches Nachtgesang

Christian Morgenstern 1910 - Fotoquelle: Wikipedia

Sprachkritisch, phantastisch und verspielt: Vor 100 Jahren starb Christian Morgenstern

Thomas Behlert

Bevor der späte Christian Morgenstern dem Anthroposophen-Wahn verfiel, war er sehr lustig, graute ihm doch vor der »Verbürgerlichung des Lebens«. Er war ein echter Kaffeehausliterat und Bohemedichter in Berlin, das er als Wirkungsort bewußt ausgesucht hatte, weil er es für »das Zentrum für alles Aufstrebende, Triebkräftige, Eigenartige« hielt. Der lungenkranke Morgenstern interessierte sich für Nietzsche, Theater, Ekstasen und Schabernack.

Pünktlich zu seinem heutigen 100. Todestag sind seine einmaligen »Galgenlieder« wieder greifbar. Am 31. März müßte eigentlich ganz Deutschland diesen Dichter und Denker ehren und gemeinsam seinen Humor genießen, denn dieser ist zeitlos und bis heute nicht übertreffbar.

Die Galgenlieder sind voller Nonsens, manchmal sehr abstrakt, immer absurd und präsentieren gar schöne und ungewöhnliche Wortneuschöpfungen. Motto: »Man sieht vom Galgen die Welt anders, und man sieht andere Dinge als andere«. Zum Beispiel den »Zwölf-Elf«, das »Vierviertelschwein«, den »Gingganz« oder das berühmte »Mondschaf« – und natürlich das heißgeliebte und oft zitierte Nasobèm: »Es steht noch nicht im Meyer. / Und auch im Brockhaus nicht. / Es trat aus meiner Leyer / zum ersten Mal ans Licht. / Auf seinen Nasen schreitet / (wie schon gesagt) seitdem, / von seinem Kind begleitet, / einher das Nasobèm.«

Wer nun gleich einen philosophischen, gar höheren Zugang zu den Gedichten sucht, wird diesen spät oder gar nicht finden, denn Morgenstern hat gerne neue Sprachschöpfungen um des Reimes Willen eingebaut und viele Gedichte so verpackt, daß zwar Kinder ohne viel nachzudenken die Poesie kapieren, aber manchmal eben die Eltern nicht. Und »Fisches Nachtgesang« sollte von den aktuellen Politikern mit viel Inbrunst statt einer nervigen Rede über das neue Nichts vorgetragen werden.

Die Galgenlieder sind sprachkritisch, phantastisch und verspielt, eine Vorform des Dadaismus. Nach Morgensterns eigener Auffassung sollten sie »die sinnlos gewordene Welt einmal auf den Kopf stellen und entspannen«. Sie entstanden ab 1895, als in Berlin eine Künstlergruppe gebildet wurde, die sich »Galgenbrüder« nannte und deren Vorsitzender der 24jährige Christian Morgenstern war. Die »Galgenbrüder« betrachteten sich als etwas ganz Besonderes, ja als »beneidenswerte Zwischenstufe zwischen Mensch und Universum«. Zu ihnen gehörten der Schauspieler Friedrich Kayßler, der später Direktor der Berliner Volksbühne wurde, und der Schriftsteller Georg Hirschfeld.

Nach und nach verselbständigten sich die von Morgenstern entwickelten und nur im kleinen Kreis und auf dem Galgenberg in Werder (Havel) vorgetragenen Albernheiten. In Werder eröffnet am Samstag auch ein »Morgenstern-Literatur-Museum«. Anfang des Jahrhunderts sangen Kayßler und Max Reinhardt die Galgenlieder bei Kabarettabenden, die sie »Schall und Rauch« nannten. Sie waren auch im Programm des »Überbrettl« des späteren Hitler-Unterstützers Ernst von Wolzogen zu finden. 1905 erschienen sie erstmals als Buch. Da hatte Morgenstern nur noch neun Jahre zu leben. 1909 lernte er Rudolf Steiner bei einem Vortrag kennen und war von dessen auf einer ganz anderen Ebene gelagertem Unsinn vollauf begeistert. Ihm widmete er auch seinen letzten Gedichtband »Wir fanden einen Pfad«.

Bemerkenswerter ist Morgensterns originales Vorwort zu den »Galgenliedern«, das er im Namen der imaginären Gelehrten Dr. Jeremias Müller und dessen Frau Gundula schrieb und mit dem er auf sehr komische Weise versuchte, die Gedichte zu erklären und dem Wort Galgen seine Tragik zu nehmen. Laßt mich noch die erste Strophe aus dem Gedicht »Das große Lalula« des an Tuberkulose viel zu früh verstorbenen Meisters zitieren: »Kroklokwafzi? Semememi! / Seiokrontro-prafriplo: / Bifzi, bafzi; hulalemi: / quasti bast bo … / Lalu lalu lalu la!«

Und damit die »Galgenlieder« ein wirklich schönes Druckerzeugnis werden, hat man den Grafiker, Illustrator und Humoristen Gerhard Glück um Illustrationen gebeten. Nun also heult auf dem Titelblatt ein Hase, ein buntes Knie wandert durch die Straßen, und ein ästhetisches Wiesel sitzt auf einem Kiesel.

Und wer nur ein einziges Gedicht verkraften will, der hole sich einfach das von Anke am Berg gestaltete Bilderbuch »Die drei Spatzen«. Die Spatzen haben ganz normale Namen: Erich, Franz und Hans. Ein Klassiker für kleine Kinder. Es geht um den Winter, den verfluchten, aber der ist jetzt vorbei.

Christian Morgenstern: Galgenlieder - Mit Bildern von Gerhard Glück. Lappan Verlag, Oldenburg 2014, 88 Seiten, 15 Euro * Christian Morgenstern: Die drei Spatzen. Mit Illustrationen von Anke am Berg, Eulenspiegel, Berlin 2014, 12 Seiten, 5,95 Euro

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