27. November 2013

Formblatt reicht

Drei Tage nach ihrem 81. Geburtstag erhielt Anna Seghers am 22.11.1981 vom Mainzer Oberbürgermeister Jockel Fuchs (SPD) (stehend) die Ehrenbürgerschaft ihrer Geburtsstadt – rechts: Klaus Höpcke - Fotoquelle: Bundesarchiv, Bild 183-Z1122-302 / Kiesling / CC-BY-SA

Am 12. Oktober 1988 wurde die Zensur in der DDR abgeschafft

Klaus Höpcke

Der Kern der Druckgenehmigungspraktiken, der sie zur Zensur machte, war die Einreichung von Manuskripten an eine zentrale staatliche Stelle. (…) Im November 1987 hatte der X. Schriftstellerkongreß getagt. Die auf ihm geäußerten Ansichten zum Druckgenehmigungsverfahren waren unterschiedlich. Sie reichten von Einverständnis mit der bisher geübten Praxis, wie sie Jo­achim Wohlgemuth äußerte, über kritisch differenzierendes Verständnis für die Notwendigkeit von Fachgutachten bei Hedda Zinner, die Unzufriedenheit wegen zeitlich aufwendigen Bürokratie in der Rede von Hermann Kant und im Diskussionsbeitrag von Ruth Werner bis zur Klage über anonyme Expertisen, zum Vorschlag der Reformierung bzw. allmählichen Abschaffung der Druckgenehmigung, so von Günter de Bruyn gefordert, und schließlich bis zur scharfen Verdammung der Druckgenehmigungsvorgänge als einer ungesetzlichen Zensur durch Christoph Hein in seinem Beitrag in der Arbeitsgruppe IV des Kongresses. Er nannte sie – wie erinnerlich – überlebt, nutzlos, paradox, menschen- und volksfeindlich sowie ungesetzlich und strafbar.

Zur Beratung über die Problematik kam ich mit einigen in diesem Stoff besonders erfahrenen Verlagsdirektoren und Mitarbeitern unserer Belletristikabteilung ab Januar 1988 mehrfach zusammen. Im Laufe des Jahres ging es anfänglich zügig voran auf eine Neuregelung zu, dann jedoch gab es ein Abbremsen der Initiative, Zögerlichkeit gewann Boden, bei einigen nahm die Neigung zum Beharren im Hergebrachten wieder zu. Unter Berufung auch auf nicht einfach vom Tisch zu wischende Bedenken. Zum Beispiel befürchteten Lyriker sowie Vertreter anderer Genres, es könnte dazu kommen, daß ihre Arbeiten vernachlässigt würden, wenn – wie sie sagten – ein Verlag »ohne einen anderen gesellschaftlichen Partner entscheidet«. (…)

Demgegenüber bestanden einige Genossen darauf, den als notwendig erkannten Schnitt nicht erneut hinauszuschieben. Wenn das Verfahren nicht grundsätzlich geändert werde, argumentierten wir, werde dem Begehren Vorschub geleistet, bei allen Versicherungen gegenteiliger Absichten doch wieder und wieder interne Debatten unter Manuskriptkennern vor dem Erscheinen eines Buches zu dessen Veränderung oder sogar Verhinderung vom Zaun zu brechen, statt an der notwendigen öffentlichen Debatte nach der Herausgabe teilzunehmen.

In diesem Geiste bereiteten wir uns auf die Sitzung des Vorstands des Schriftstellerverbandes vor, die am 12. Oktober 1988 stattfand. Zum Druckgenehmigungsverfahren führte ich auf dieser Tagung aus: »Auf Grund der Hinweise des Schriftstellerkongresses und der praktischen Erfahrungen im Verlagswesen wird das Ministerium für Kultur das Druckgenehmigungsverfahren künftig so handhaben, daß a) der bestätigte Themenplan, b) eine Begründung des Verlages für die Veröffentlichung des betreffenden Titels und c) die Einreichung eines Formblattes (Druckgenehmigungsantrag) ausreicht. (…)« Das Unbefriedigende der gefundenen Lösung, das wir seinerzeit schon empfunden haben, wird einem beim Wiederlesen der damals gewählten Formulierungen heute noch stärker bewußt. (…) Dennoch war ein wichtiger Schritt getan. Neben den Betroffenen und Befaßten hier begriffen das auch unsere Partner in Westdeutschland, wie wir aus Gesprächen wissen. Ins Öffentlichkeitsbewußtsein in der DDR aber drang diese Veränderung kaum ein. So kam es dazu, daß auf den Transparenten zur Kundgebung am 4. November 1989 auf dem Alex Zensur einen wesentlichen Kritikpunkt bildete.

Wenn später vom Mitarbeiter der Gauck-/Birthler-Behörde Joachim Walther zu bestreiten versucht wurde, daß die Abschaffung der Buchzensur in der DDR ein Jahr vor dem 89er Herbst beraten, beschlossen und in Kraft gesetzt wurde, so zeugt das von gestörtem Umgang mit Tatsachen. (…)

Auszug aus einem Referat, das Klaus Höpcke unter dem Titel »Zwischen kulturellem Aufbruch und dem Elend der Gängelei« auf der Konferenz das »Helle Panke« e.V. – Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin »Die SED in Konfliktsituationen. Die 70er Jahre« hielt. Der Text erschien in Nr. 109 der »Hefte zur DDR-Geschichte«, Berlin 2007, 58 Seiten, 3 Euro.; Bezug: »Helle Panke«, Kopenhagener Str. 76, 10437 Berlin, Tel.: 030/47538724, E-Mail: info@helle-panke.de

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