19. Dezember 2012

Frau mit vielen Gesichtern

Adelina Kondratjewa nach ihrer Ankunft in Albacete Anfang 1937 - Fotoquelle: jW-Archiv

Zum Tod von Adelina Kondratjewa, der wohl letzten russischen Spanienkämpferin

Peter Rau

Wie am Montag bereits kurz gemeldet, ist ein halbes Jahr nach Viktor Lawski, einem Kampfgefährten aus den 30er Jahren, am vergangenen Freitag in Moskau mit Adelina Kondratjewa wahrscheinlich die letzte bisher noch lebende Spanienkämpferin aus Sowjetzeiten verstorben. Sie wurde 92 Jahre alt. Daß sie den Mitgliedern des Vereins »Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936–1939« (KFSR), wie im kurzen Nachruf angekündigt, unvergessen bleiben wird, ist nicht nur so dahergesagt.

Noch in bester Erinnerung dürften vielen die Begegnungen mit der quirligen kleinen Frau mit ihren nicht einmal 1,60 Metern vor fünf Jahren beim jährlichen KFSR-Sommertreffen in Berlin geblieben sein. Und wer die Gelegenheit hatte, sie im Jahr zuvor bei den Veranstaltungen zum 70. Jahrestag der Gründung der Internationalen Brigaden in Spanien zu erleben, wird sich gern an ihre spitzbübische Art erinnern, mit ihrem Alter zu kokettieren. Schließlich war sie gerade einmal 17 Jahre jung, als sie sich gemeinsam mit ihrem Vater und der älteren Schwester Anfang 1937 aufmachte, der jungen, von den Putschisten um General Franco wie vom internationalen Faschismus bedrohten Spanischen Republik zur Seite zu stehen. Damit gehörte sie zu den etwas mehr als 2000 Spezialisten, welche die Sowjetunion zwischen 1936 und 1939 als Militärberater, Techniker, Ingenieure, Dolmetscher oder medizinisches Personal auf die Iberische Halbinsel entsandt hatte.

Geboren wurde Adelina am 12. Februar 1920 in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires, denn die Eltern waren 1910 nach Lateinamerika emigriert, weil dem Vater im Reich des russischen Zaren die Todesstrafe drohte. Zwölf Jahre später, 1932, konnte die Familie in die Heimat zurückkehren, um beim Aufbau der neuen Gesellschaft in der inzwischen entstandenen UdSSR mitzuarbeiten, für die der Vater sowohl in Argentinien als auch später im benachbarten Uruguay an den dortigen sowjetischen Handelsvertretungen tätig war. Während der Vater eine Anstellung im Moskauer Progreß-Verlag fand und später für die spanische Ausgabe der Kommunistischen Internationale arbeitete, fiel der Heranwachsenden die Umstellung allerdings ziemlich schwer, und das nicht nur wegen der ungewohnten russischen Sprache. Erst nach dem dritten Anlauf wurde sie in den Komsomol aufgenommen.

Als in Spanien dringend Dolmetscher gebraucht wurden, erinnerte man sich an die vor wenigen Jahren heimgekehrten Emigranten. Der Vater ging als Handelsreisender nach Barcelona, die Schwester nach Valencia, und Adelina landete zunächst auf dem Stützpunkt der Interbrigaden in Albacete. Später arbeitete sie als Dolmetscherin und Übersetzerin im Stab der republikanischen Luftwaffe, u.a. bei deren sowjetischem Chefberater Jakow Smuschkewitsch alias General Douglas, und schließlich bis 1938 für die Brigade- bzw. Divisionskommandeure General Gomez bzw. General Walter – das waren der Deutsche Wilhelm Zaisser und der Pole Karol Swierczewski.

In jener schweren Zeit hat es auch eine junge, allerdings tragisch endende Liebe gegeben, wie sie 2006 in einem ND-Interview bekundete. Sie war in einen Flieger verliebt und er in sie, sie war seine Braut. »Wir waren glücklich. Doch er ist gefallen. Einziger Trost: für eine gerechte Sache.«

Wieder in Moskau, setzte sie ihre Ausbildung an der Arbeiterfakultät fort und begann im April 1941 ein Italienisch-Studium an einer Fremdsprachenfakultät. Nach dem Überfall Hitlerdeutschlands wurde sie Dolmetscherin in italienischen Kriegsgefangenenlagern und für diesen jahrelangen Einsatz im Offiziersrang hoch dekoriert. Nach dem Krieg kehrte sie an ihre alte Fakultät zurück, bis der Vater im März 1951, damals bereits 63 Jahre alt, unter dem Verdacht trotzkistischer Umtriebe verhaftet wurde und für fünf Jahre nach Sibirien ins Lager mußte. Dieser Einschnitt änderte auch Adelinas Leben nachhaltig. Schließlich übernahm sie die Leitung des Lehrstuhls für spanische Sprache an einem Lehrerbildungsinstitut. Aktiv blieb sie im Komitee der sowjetischen bzw. russischen Kriegsveteranen, wo sie sich bis zuletzt um deren Belange sorgte und ihre eigenen Erfahrungen eines kampferfüllten Lebens an die junge Generation zu vermitteln suchte.

Peter Rau: Der Spanienkrieg 1936-39. Papyrossa-Verlag, Köln 2012, 131 Seiten, 9,90 Euro * Auch im jW-Shop erhältlich

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