17. April 2014

Freigelegte Spuren

Florence Hervé auf der Leipziger Buchmesse 2010 - Fotoquelle: Wikipedia

Autorin, Forscherin, Erzählerin, Aktivistin: Florence Hervé zum 70. Geburtstag

Gerd Schumann

Florence Hervé reist viel. Sie ist eine Sucherin mit dem immer gleichen Anspruch: Genau hinschauen, genau zurückschauen, das Leben an geografisch und historisch markanten Punkten einfangen und davon erzählen. So hat sie sich einen Namen gemacht, zweifelsohne. Und doch entspricht ihr präziser, an marxistischer Dialektik geschulter Blick auf die Gesellschaft nicht der verordneten Sichtweise. Er wird, so weit möglich, ignoriert.

Jüngst führte ihr Weg die Autorin nach Oradour-sur-Glane, dorthin, wo am 10. Juni 1944 die Zeit stehen blieb. In Schutt und Asche gelegt das »Märtyrerdorf«, wie es in Frankreich genannt wird. Die SS-Division »Das Reich« hatte hier 642 Menschen ermordet, verbrannt, darunter 240 Frauen und 205 Kinder. 70 Jahre ist das her, und selbstverständlich wird die Autorin, die wenige Wochen »vor Oradour« am 17. April 1944 in Boulogne-sur-Seine südwestlich der französischen Hauptstadt »unter einem Bombardement« geboren wurde, zum nächsten Jahrestag wieder darüber schreiben.

Allein die Liste ihrer Bücher, häufig zweisprachig deutsch und französisch verfaßt, ist über zwei Dutzend Titel lang; die Zahl ihrer Arbeiten für Hörfunk, Zeitungen, Fachzeitschriften ist ebenso lang wie die Zahl ihrer Vorträge. Florence Hervé ist eine Forscherin, die die verwischten, undeutlichen und manipulierten Spuren von Frauen in Geschichte und Gegenwart freilegt. Das gilt auch für ihr zweites großes Thema: Krieg und Faschismus. Also die Erinnerungen an das, was in der alten BRD so lange verdrängt wurde und in der neuen, größeren für erledigt erklärt wird.

Florence Hervé wuchs mit den Werken Bertolt Brechts, Franz Kafkas, Heinrich Heines und auch mit deutschen Romantikern auf. Mit 15 sah sie in einem Pariser Kino Erwin Leisers Film »Mein Kampf«: »Bilder von Leichen, ohne Worte, ohne Erklärung. Prägende Bilder, die mich nicht losließen und mein Deutschlandbild trübten.«

Trotzdem entschloß sie sich, Germanistik zu studieren und zog hinüber auf die östliche Seite des Rheins, Bonn 1961, dann Heidelberg und zurück nach Paris, Staatexamen und Promotion 1976. Da arbeitete sie schon fast ein Jahrzehnt als freie Journalistin unter anderem für Réforme, Deutsche Volkszeitung; später dann für Frankfurter Rundschau und heute für junge Welt. Ihre Reportagen von der Besteigung des Ararat, des Kilimandscharo und von der Durchquerung weiter Wüsten gehören zu den Glanzstücken des Genres.

Für den Kölner Stadtanzeiger lieferte sie 1969 eine aufsehenerregende Reportage aus dem Athen der NATO-gesponserten Obristen, die »erste reale Begegnung mit dem Faschismus«: Sie war eine junge Mutter von zwei Töchtern, vermeintlich unverdächtig also, doch sie hatte auf einmal Verfolger an den Hacken. Das wirkte bei ihr tief, wie später die Gespräche mit den Frauen aus dem Widerstand gegen Hitler und Pétain. Vor dem Hintergrund des 68er Aufbruchs engagierte sie sich in der wachsenden Emanzipationsbewegung. Kampf gegen den Paragraphen 218 natürlich, gemeinsam mit bürgerlichen und antiautoritären Strömungen, später als Vertreterin der linken, sozialistischen Fraktion des Feminismus auch mal gegen diejenigen wie Alice Schwarzer, die behaupteten, Frauen bei der Bundeswehr seien ein Beitrag zur Gleichberechtigung. Hervé und ihre Mitkämpferinnen sagten »nein«, und blieben sich auch sonst treu. Ihre These: Die Lösung der sozialen Frage ist unverzichtbar für die Befreiung der Frau.

Ihre weiteren Stationen: Mitgründerin der Demokratischen Fraueninitiative mit 100 Gruppen in den 80er Jahren, Kommunistin, Mitherausgeberin der Zeitschrift und des Kalenders Wir Frauen: Beide überlebten, woran Hervé nicht geringen Anteil hatte. Weitermachen trotz aller Rückschläge und im Gegensatz zu vielen anderen.

Mit dem hausgemachten Ende des Realsozialismus war zudem zwar auch der Versuch gescheitert, die soziale Gleichberechtigung der Geschlechter dauerhaft zu etablieren. Doch es gilt weiter: Wer von der Unterdrückung der Frau redet, muß mit dem Finger auf das andere Geschlecht zeigen, darf aber nicht die patriarchal strukturierte Unterdrückerordnung vergessen. Machtfragen sind keine Geschlechterfragen, siehe Margret Thatcher damals, siehe Angela Merkel oder Ursula von der Leyen. Mit denen haben Feministinnen nichts gemein, alles dagegen mit Angela Davis und Leyla Zana, beide waren von der Todesstrafe bedroht.

Florence Hervé, Trägerin des Clara Zetkin Preises von 2011, wird heute kaum zu glaubende siebzig Jahre alt. Den Geburtstag »vertagt« sie, wie sie leicht verschmitzt bemerkt und verläßt Düsseldorf in Richtung Finistère, das keltische Ende der Welt in der Bretagne, um an weiteren Projekten zu arbeiten, die die Zeit überdauern.

Der Autor schrieb zusammen mit Florence Hervé »Baskenland. Frauengesichter. Frauengeschichten« (Fotos: Mundo Cal), Dietz Verlag, Berlin 2000. Von Florence Hervé und Martin Graf (Fotos) erscheint demnächst bei PapyRossa, Köln, auf Deutsch und Französisch: »Oradour. Geschichte eines Massakers. Histoire d’un massacre«.

www.florence-herve-com

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