6. April 2013

Friede auf Erden

Friedensbotschafter und Berufungsinstanz der Befreiungstheologen: Angelo Guiseppe Roncalli, geb. 1881, Papst Johannes XXIII. von 1958 bis 1963 - Fotoquelle: Wikipedia

Vor 50 Jahre veröffentlichte Papst Johannes XXIII. seine »Enzyklika Pacem in terris«. Ein Rückblick auf ihre Rezeptionsgeschichte

Gerhard Oberkofler

Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre wurde von Hardlinern in den USA ein atomarer Erstschlag gegen die Sowjetunion und gegen die mit ihr verbündeten sozialistischen Länder ernsthaft in Erwägung gezogen. Befreiungskämpfe in den Kolonien setzten dem Weltkapitalismus zu, der sah seine Absatzmärkte und Ressourcen insgesamt bedroht. Der Katholizismus stand mit in der antikommunistischen Frontlinie des Kalten Krieges. Vor diesem Hintergrund erhielt die Internationale Friedensbewegung durch den Papst überraschende und bedeutsame moralische Unterstützung. Johannes XXIII., Papst von 1958 bis 1963, lehnte Kreuzzugsideen gegen den Bolschewismus ab und richtete den Blick auf die Zukunft der gesamten Menschheit. Am 11. April 1963 veröffentlichte er die Enzyklika Pacem in terris. Hat diese Friedensenzyklika Geschichte gemacht, hat sie überhaupt die kollektive Meinung der Katholischen Weltkirche, auf die es mehr als auf die Meinung der Einzelpersönlichkeit ankommt, zum Ausdruck gebracht?

Theologie der Befreiung

Der Vorsitzende des Präsidiums des Weltfriedensrates John Desmond Bernal, ein weltberühmter britischer Physiker, sprach von einem historischen Moment. Die Enzyklika gebe den Friedenskräften in der ganzen Welt »großen Mut und neue Hoffnung bei ihrem Wirken für die hohen humanitären Ziele«. Die Leitung der Brasilianischen Bewegung der Friedenskämpfer telegraphierte, für das katholische Brasilien müsse die Enzyklika eine Anregung darstellen, »sich an der für Frieden und Verständigung zwischen den Menschen guten Willens organisierten Arbeit zu beteiligen«. Olga Poblete begrüßte für die chilenische Friedensbewegung die Enzyklika als »bemerkenswerten Beitrag zum weltweiten Kampf für den Frieden«. John F. Kennedy reagierte mit Sympathie: »Als Katholik bin ich stolz auf sie [d. i. die Enzyklika], und als Amerikaner habe ich von ihr gelernt«.

Und auch die Gesellschaft Jesu (Jesuitenorden, lat. Societas Jesu) begann von der Front des extremen Antisowjetismus und Antikommunismus abzurücken. Mit seinem 1965 gewählten Generaloberen Pedro Arrupe SJ begann der Jesuitenorden, auf den Einsatz für universelle Gerechtigkeit zu orientieren. Das ist ein im Orden noch immer nicht abgeschlossener Prozeß, der viele Rückschläge erlebte. In der Friedensenzyklika war die Ethik der Erlaubtheit eines aktiven Widerstandes und das Recht zur Revolution bis hin zum bewaffneten Aufstand nicht in Frage gestellt worden.

Das Werk »Mysterium Liberationis«, das die Jesuitenpatres Ignacio Ellacuría und Jon Sobrino herausgegeben haben, ist für die Rezeption von Pacem in terris ein denkwürdiges Dokument. Stimuliert von der kubanischen Revolution griff diese Theologie der Befreiung den Marxismus auf und wurde zu einer Theologie, die nicht nur die Wirklichkeit interpretiert, sondern deren revolutionäre Veränderung einfordert. Die in der Befreiungstheologie getroffene Gegenüberstellung der Zivilisation des Reichtums zur Zivilisation der Armut entspricht der Frage von Barbarei oder Sozialismus. Der Generalobere Arrupe hielt es 1979 für seinen Orden als unerläßlich, sich nicht auf die Aufgabe des Helfens zu beschränken, »sondern auch über die Wurzeln des Übels und seine Bedeutung nachzudenken«. Das verband den Jesuitenpater Arrupe mit dem Marxisten Bertolt Brecht, der sagte: »Schädlich sein können solche, die gewisse Übel beklagen, ohne ihre abstellbaren Ursachen zu nennen«.

Paul VI., seit 1963 Nachfolger von Johannes XXIII., hatte am 4. Oktober 1965 vor der UNO als deren Hauptzweck Erhaltung und Herstellung des Friedens genannt. In Bogotá 1968 forderte er nicht zuletzt wegen des Zeugnisses von Camilo Torres, der als revolutionärer Priester 1966 im Gefecht mit kolumbianischen Armeeeinheiten gefallen war, zur Zurückhaltung auf. Diese übte der Vatikan und blieb Zuschauer, vielleicht mit Caritas, aber jedenfalls ohne Solidarität mit den Opfern, etwa bei den US-Massakern in Vietnam oder beim Mordregime des von den USA unterstützten chilenischen Putschmilitärs.

Johannes Paul II., 1978 Nachfolger von Paul VI., hatte von Anfang an die Absicht, die Theologie der Befreiung zurückzudrängen. In seinem Mißtrauen gegenüber deren Vertretern entmachtete er mit der Einsetzung eines päpstlichen Delegaten am 5. Oktober 1981 den krankheitshalber geschwächten Generaloberen Arrupe, was im Ergebnis bedeutete, den Jesuitenorden zu bevormunden. Für den im Vatikan hoch geschätzten brasilianischen Kreuzritter Plinio Corrêa de Oliveira diente die Theologie der Befreiung ohnehin in der Hauptsache der kommunistischen Unterwanderung des Klerus.

Johannes Paul II. war kompromißloser Antikommunist, es soll aber angemerkt sein, daß er während der massiven medialen Vorbereitung der Irak-Aggression durch die USA und ihrer »Willigen« mit einer eigenen Botschaft am 1. Januar 2003 an die Friedensenzyklika erinnert hat. Den vom Vatikan aus zu beobachtenden 1999 NATO-Bombenterror gegen Jugoslawien mag dieser Papst vielleicht bedauert haben, verurteilt hat er ihn nicht.

Päpstliches Rollback

Der deutsche Papst Benedikt XVI., seit 2005 Nachfolger von Johannes Paul II., ging noch weiter zurück. Er hat schon als Kardinal Joseph Ratzinger und 1981 ernannter Präfekt der Glaubenskongregation die Theologie der Befreiung versucht zu isolieren. Für Ratzinger untergräbt der Marxismus den Sinn für Wahrheit und bedeutet revolutionäre Gewalt. Er förderte deshalb von unverbindlicher Geschwisterlichkeit säuselnde rechtskatholische Strömungen wie die Fokolarbewegung. Weil die Theologie der Befreiung aber inzwischen in der Weltkirche existent war, hat Ratzinger 1986 ihre explizite Verurteilung etwas gemildert, indem er von der »befreienden Mission der Kirche« spricht. Aber in jahrhundertelang erprobter Methode wurden jetzt einzelne Vertreter der Theologie der Befreiung herausgegriffen und ihnen nachgesagt, sie würden an das »Reich Gottes« mit marxistischer Hermeneutik herangehen. Benedikt XVI. drängte auf eine »Notifikation« der Schriften des Jesuiten Jon Sobrino, was innerkirchlich bedeutet, daß sie theologisch vergiftet seien. Gegen die Theologie der Befreiung sandte Benedikt seine eigenen unmißverständlichen Signale. 2007 sprach er eine Vielzahl spanischer Geistlicher als christliche Märtyrer »selig«, welche für die Mordtruppen des faschistischen Putschgenerals Franco Partei ergriffen haben und die während des Bürgerkrieges umgekommen waren. Mit der Volksfrontregierung solidarische Priester, die von den Faschisten ermordet worden waren, befanden sich nicht darunter.

An die Jesuitenpatres Ignacio Ellacuría, Ignacio Martín-Baró, Segundo Montes, Amando López, Juan Ramón Moreno und Joaquín López y López, die in El Salvador als Befreiungstheologen gewirkt haben und am 16. November 1989 ermordet worden waren, hat Benedikt XVI. bei dieser Gelegenheit ebenso wenig erinnert wie an den am 24. März 1980 ermordeten Erzbischof Óscar Romero. Die Vatikanpolitik, die Benedikt gegenüber der Theologie der Befreiung betrieben hat, widersprach der Friedensenzyklika und hatte zur Folge, daß in mehreren Ländern Lateinamerikas die herrschenden Eliten mit ihren US-Unterstützern gegen deren Anhänger mit Gewalt vorgehen konnten.

Auszüge aus der Enzyklika »Pacem in terris«

Bezüglich der Menschenrechte, die Wir ins Auge fassen wollen, stellen Wir gleich zu Beginn fest, daß der Mensch das Recht auf Leben hat, auf die Unversehrtheit des Leibes sowie auf die geeigneten Mittel zu angemessener Lebensführung. Dazu gehören Nahrung, Kleidung, Wohnung, Erholung, ärztliche Behandlung und die notwendigen Dienste, um die sich der Staat gegenüber den einzelnen kümmern muß. (…)

Jedem Menschen muß das Recht zugestanden werden, innerhalb der Grenzen seines Staates seinen Wohnsitz zu behalten oder zu ändern; ja, es muß ihm auch erlaubt sein, sofern gerechte Gründe dazu raten, in andere Staaten auszuwandern und dort seinen Wohnsitz aufzuschlagen. (…) So kann es vorkommen, daß auch unter den Nationen die einen den anderen voraus sind an wissenschaftlichen Fortschritt, an menschlicher Kultur und an wirtschaftlicher Entwicklung. Doch diese Vorzüge erlauben es ihnen keineswegs, zu Unrecht andere zu beherrschen, sondern sollen ihnen vielmehr ein Ansporn sein, mehr zum gemeinsamen Fortschritt der Völker beizutragen. (…)

Wie nämlich die Menschen in ihren privaten Angelegenheiten ihren eigenen Vorteil nicht zum ungerechten Schaden anderer suchen dürfen, so dürfen auch die Staaten nicht – wen sie nicht ein Verbrechen begehen wollen – einen solchen Vorteil erstreben, durch den anderen Nationen Unrecht zugefügt oder sie ungerecht bedrückt würden.

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