2. März 2013

Frieden und Brot

Mussolinis Leichnam in Mailand

Im März 1943 streikt die norditalienische Arbeiterklasse gegen Krieg und Preistreiberei. Die Ausstände beflügeln den antifaschistischen Kampf und bereiteten den Sturz Mussolinis vor

Gerhard Feldbauer

Am 5. März 1943 traten die Arbeiter der Mirafiori-Werke von Fiat in Turin, des größten Rüstungsproduzenten Italiens, unter der Losung »Frieden und Brot« in den Ausstand. Ein auslösender Faktor war, daß mit den anglo-amerikanischen Bombenangriffen seit Oktober 1942 auf Turin, Mailand und Genua Italien direkt vom Krieg erfaßt wurde. Zehntausende Obdachlose waren seit dem Winter schutzlos der Kälte ausgesetzt. Angesichts einer hemmungslosen Preistreiberei mehrten sich Anzeichen einer Hungersnot. Seit 1938 hatten sich die Lebenshaltungskosten verdoppelt. Im März 1942 waren alle Lebensmittel rationiert worden. Pro Kopf gab es täglich 150 Gramm Brot, 20 Gramm Fleisch und nur wenige andere Nahrungsmittel.

Die Streikenden zogen ins Zentrum von Turin und verbreiteten Flugblätter mit ihren Forderungen nach einem Ende des Krieges und Maßnahmen gegen die Lebensmittelknappheit. Der Streik erfaßte die Industriebetriebe Piemonts und dehnte sich auf Mailand aus, wo die Arbeiter von Pirelli, des Stahlkönigs Enrico Falck, von Marelli und von weiteren Unternehmen dem Beispiel aus Turin folgten. Überall standen die illegal kämpfenden Kommunisten als Organisatoren an der Spitze der Kampfaktionen. Der faschistischen Repression gelang es trotz der Verhaftung von über 200 Arbeitern nicht, die Antikriegsstreiks niederzuschlagen. In der letzten Märzwoche hatten sie das ganze Industriegebiet der Lombardei erfaßt. Obwohl das Regime im April eine Lohnerhöhung zugestand, war die Antikriegsbewegung nicht mehr zu unterdrücken. Unter mehreren Bedingungen, die im Juli 1943 zum Sturz Mussolinis führten, waren diese Arbeiterkämpfe der entscheidende Faktor.

An der Ostfront verheizt

Italien wurde auch von der Niederlage der Hitlerwehrmacht bei Stalingrad direkt betroffen. Der »Duce« hatte eine 230000 Mann zählende Armata Italiana in Russia (ARMIR) an die Ostfront geschickt, die während der sowjetischen Gegenoffensive zwischen dem 11. und 22. Dezember in der verschneiten Steppe des Donezbeckens größtenteils vernichtet wurde. Ein Bericht des italienischen Generalstabes besagte, daß die Deutschen die Italiener während des schrecklichen Rückzugs erbarmungslos ihrem Schicksal überließen, ihnen »stets jegliche Hilfe versagten, unsere Verwundeten ohne Transportmittel, ohne Nahrungsmittel und Versorgung zurückließen«. Als das Schicksal der ARMIR in Italien bekannt wurde, trug das zur wachsenden Antikriegsstimmung bei. Unter den Trägern der faschistischen Diktatur führte der bei Stalingrad verlorengegangene Mythos von der »Unbesiegbarkeit« der Hitlerwehrmacht zu ersten Erkenntnissen, daß der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Bereits im November 1942 war Marschall Pietro Badoglio, der sich 1940 gegen den Kriegseintritt Italiens an der Seite Hitlerdeutschlands ausgesprochen und danach als Generalstabschef zurückgetreten war, in Mailand in der Wohnung Enrico Falcks mit führenden Großindustriellen und Größen der faschistischen Partei zusammengetroffen, um einen Bruch mit Berlin zu erörtern. Unter den teilnehmenden bürgerlichen Oppositionellen befand sich Alcide De Gasperi von den Christdemokraten. Danach kam es zu ersten Sondierungen mit Washington und London über ein Ausscheiden aus der Achse.

Mussolini selbst suchte zwar keinen Bruch mit Berlin, knüpfte aber eine Fortsetzung des Krieges an die Bedingung, ihn nur noch gegen die Angloamerikaner im Westen und im Mittelmeerraum zu führen. Eine Art »neuer Brest-Litowsk-Frieden« schwebte ihm vor. Ziel war es, größere Truppenmengen von der Ostfront abziehen zu können. Hitler lehnte ab und beharrte hingegen darauf, daß es das strategische Hauptziel bleibe, »den bolschewistischen Koloß zu zerschlagen«.

Triebkraft Arbeiterklasse

Die Palastrevolte, die am 25. Juli 1943 den »Duce« stürzte, spiegelte den Realitätssinn der herrschenden Kreise Italiens wider, die über 20 Jahre Träger der faschistischen Diktatur waren, aber sich nun nicht in die Niederlage der »Achse« hineinziehen lassen wollten. Entscheidende und fast noch stärkere Triebkraft ihres Handelns war jedoch die Furcht vor einem Volksaufstand, der das Mussolini-Regime hätte stürzen und eine antifaschistische Volksregierung an die Macht bringen können. Die angloamerikanischen Alliierten teilten diese Ängste und sagten Waffenstillstandsverhandlungen zu. Inzwischen taumelte das faschistische Regime seinem Ende entgegen. Nach der Landung der Alliierten am 9. Juli auf Sizilien brach die Krise des Faschismus offen aus und trieb die Palastverschwörer zur Eile an.

Die Befürchtungen der herrschenden Kreise wurden insbesondere dadurch genährt, daß die entscheidende Triebkraft des antifaschistischen Widerstandes die Arbeiterklasse mit einer kommunistischen Partei an der Spitze war. Nach der faschistischen Machtübernahme 1922 hatte die IKP als einzige Oppositionspartei in Italien mit illegalen Parteistrukturen den antifaschistischen Widerstand geführt. Die Antikriegsstreiks waren ein Ergebnis der intensiven Basisarbeit vor allem unter den Industriearbeitern des Nordens. Mit Beginn des Kriegseintritts hatte auch die Sozialistische Partei (ISP) illegale Strukturen in Italien mit einer Zentrale in Mailand geschaffen. Im Oktober 1941 bildeten Kommunisten, Sozialisten und die Gruppe Giustizia e Libertà in Toulouse ein Antikriegskomitee und anschließend im November ein gleiches in Turin. Das waren erste Schritte zur Herstellung der antifaschistischen Einheitsfront. Es folgte im Herbst 1942 der Zusammenschluß verschiedener antifaschistischer Gruppen zu einem Komitee der nationalen Einheit. Der bis dahin größte Erfolg der Einheitsbestrebungen war am 3. März 1943 ein in Lyon zwischen ISP, IKP mit der im Juni 1942 aus der Giustizia e Libertà hervorgegangenen Aktionspartei geschlossenes Abkommen über gemeinsame Aktionen. Es sah »bewaffnete Aktionen von Partisanen« und die Vorbereitung einer »nationalen Erhebung« zum Sturz der faschistischen Diktatur vor. Diese zielstrebige, strategisch orientierte Bündnisarbeit war die Grundlage dafür, daß nach der Okkupation Nord- und Mittelitaliens durch die Hitlerwehrmacht am 9. September 1943 die antifaschistischen Gruppierungen auf Vorschlag der IKP ein Comitato di Liberazione Nazionale (CLN) bildeten, das alle Italiener zum bewaffneten Befreiungskampf gegen den Faschismus für ein freies Italien aufrief. Dem Befreiungskomitee gehörten Kommunisten, Sozialisten und Aktionisten, die im Herbst 1942 gebildete Democrazia Cristiana, die Republikaner und die Liberalen an.

Der Streik vom März 1943 jedenfalls war ein entscheidender Meilenstein im Kampf gegen den Faschismus und verschaffte der Antikriegsstimmung weiteren Auftrieb.

Aktionseinheit als entscheidende Grundlage

Was befähigte Italiens Arbeiterklasse, führende Kraft der Resistenza, des bewaffneten antifaschistischen Widerstandes 1943–1945 zu werden? Die entscheidende Grundlage war, daß die Vorsitzenden der beiden Arbeiterparteien in Italien, Luigi Longo (IKP) und Pietro Nenni ( ISP) 1934 ein Aktionseinheitsabkommen schlossen, das in Spanien im Kampf gegen die Franco-Faschisten und ihre deutschen und italienischen Verbündeten gefestigt und 1937 mit einer klarem antiimperialistischen Bekenntnis und dem Ziel des »Aufbaus einer sozialistischen Gesellschaft« vertieft wurde. Erste Grundlagen dazu hatte bereits Antonio Gramsci gelegt, der sich frühzeitig gegen das Linkssektierertum gewandt, die nationale Besonderheit in der Strategie der Kommunisten betont, die auf dem VI. KI-Kongreß aufgestellte Sozialfaschismusthese abgelehnt und die Sozialdemokratie als Teil der Arbeiterbewegung anerkannt hatte. Das einheitliche Handeln der Arbeiterparteien zog erhebliche kleinbürgerliche Schichten sowie Angehörige der Intelligenz auf ihre Seite und beeinflußte die Haltung des bürgerlichen Lagers einschließlich der herrschenden Kreise (s. o.). IKP-Generalsekretär Palmiro Togliatti setzte zusammen mit Luigi Longo nach dem Sturz Mussolinis die von Gramsci ausgearbeitete antifaschistische Bündniskonzeption mit der Bildung des CLN im September 1943 und dem Beitritt zur antifaschistischen Einheitsregierung im April 1944 in die Tat um.

Literatur: Luigi Longo: Viva l’Italia libera! Der Kampf des italienischen Volkes für seine Befreiung vom Joch des italienischen und deutschen Faschismus. Berlin (DDR) 1963

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