1. Juni 2013

Frische Luft

Johannes XXIII. (* 25. November 1881 in Sotto il Monte, Provinz Bergamo, Lombardei; † 3. Juni 1963 in der Vatikanstadt) – bürgerlicher Name Angelo Giuseppe Roncalli – wurde am 28. Oktober 1958 als Nachfolger von Pius XII. zum 261. Papst der Römisch-katholischen Kirche gewählt. - Fotoquelle: Wikipedia

Vor 50 Jahren starb Johannes XXIII. Ein Papst, der die reaktionäre Traditionslinie der Kurie unterbrach und sozialreformerische Positionen vertrat

Gerhard Feldbauer

Vor 50 Jahren, am 3. Juni 1963, verstarb nach nur fünf Jahren Amtszeit im Alter von 81 Jahren Papst Johannes XXIII. Mit Angelo Giuseppe Roncalli, so sein bürgerlicher Name, kam am 28. Oktober 1958 der Sohn eines armen Vier-Hektar-Bauern auf den Stuhl Petri. Nachwuchs aus den Reihen der Ärmsten zu rekrutieren, ist so selten nicht in der Praxis der Kurie. Erwartet man von diesen Zöglingen doch eine besonders dankbare Wahrnehmung der Pflichten der Papstmonarchie. Bei Giuseppe Roncalli ging das allerdings sehr daneben. Er wich als Pontifex von der Faschismus und Reaktion stützenden Traditionslinie der Kurie ab. Schon zu Lebzeiten war einer seiner Beinamen »Papst des Friedens«.

Charakteristisch war bereits seine Haltung zum Faschismus in Deutschland und Italien. Roncalli, in dieser Zeit Erzbischof und Nuntius in Istanbul, machte Pius XII. auf »die Greuel in Auschwitz« aufmerksam. In Istanbul unterhielt er Kontakte zu dem Emissär der Jewish Agency, Haim Barlas, von dem er umfangreiche Informationen über die in diesem Konzentrationslager begangenen Verbrechen erhielt.

Sie stammten von zwei Juden, die im April 1944 aus Auschwitz fliehen konnten, und wurden später als »Protokolle von Auschwitz« bekannt. Aus ihnen ging klar hervor, was in Auschwitz betrieben wurde – die massenhafte Vernichtung der Juden. Roncalli schickte unverzüglich eine Zusammenfassung des Berichts per Telegramm nach Rom. Dieses wird in einem Briefwechsel erwähnt, den der Nuntius mit Barlas führte, der in dessen privatem Nachlaß in Israel gefunden wurde. Unter der Überschrift »Ein ignoriertes Telegramm« berichtete die spanische Geschichtszeitschrift Historia y Vida (Nr. 467/2007) darüber und hielt fest, daß die bis heute verbreitete Version des Vatikans, er habe »erst im Oktober 1944« über genauere Details der Vorgänge in Auschwitz verfügt, eine Lüge ist.

Mit der fadenscheinigen Begründung, die in den vatikanischen Archiven gelagerte Korrespondenz Roncallis sei (nach über einem halben Jahrhundert) noch nicht »deklassifiziert« (Offenlegung einer Verschlußsache, d.Red.) worden, lehnte es der Vatikan ab, zum hartnäckigen Verschweigen der Information Stellung zu nehmen. Giovanni Ventitre (it. für Johannes XXIII.) aber wird dafür in Jerusalem in der Gedenkstätte Yad Vashem gedacht. Es ist eine Ehrung, die Pius XII., obwohl es ein öffentlich bekanntes Anliegen des Ratzinger-Papstes war, verwehrt wird.

Überfällige Öffnung

Johannes XXIII. wollte, wie Norbert Sommer, Mitherausgeber der aufschlußreichen Studie »Rolle rückwärts mit Benedikt XVI.« schrieb, »die längst überfällige Öffnung der Kirche gegenüber der Welt« einleiten. Sein Ziel war, sie auf realistischen Grundlagen neuen Entwicklungsbedingungen anzupassen, sie damit weniger anfällig zu machen und so zu stärken. Keinesfalls ging es ihm darum, ihren weltweiten Einfluß abzubauen.

Seine herausragende Leistung war die Einberufung des II. Vatikanischen Konzils. Gegen den Widerstand der konservativen Kreise des Klerus, darunter der einflußreiche New Yorker Kardinal Francis Spellmann, eröffnete er diese Versammlung der Erzbischöfe, Bischöfe und Ordensoberen aus aller Welt im Oktober 1962.

Da das erste vatikanische Konzil 1870 das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit in allen Angelegenheiten des Glaubens und der Sitte dekretiert hatte, stand die Frage, welchem Ziel das einberufene Konzil dienen sollte. Der Vatikanspezialist Lawrence Elliott schrieb in seiner Biographie »Das Leben eines großen Papstes«, Johannes sei, als er in seinem Arbeitszimmer danach gefragt wurde, zum Fenster gegangen, habe es geöffnet und gesagt: »Wir erwarten vom Konzil, daß es frische Luft hereinläßt.«

Von herausragender Bedeutung waren besonders die Beschlüsse des Vatikanums zur Durchsetzung von Toleranz unter den Religionen, die in dem Dekret »Über die Religionsfreiheit« ihren Niederschlag fanden. Dazu gehörte die Absage an den Antijudaismus, indem die Kirche »alle Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemanden gegen die Juden gerichtet haben«, beklagte. Der 1991 verstorbene französische Erzbischof Marcel Lefebvre, der spätere Begründer der Piusbruderschaft, nannte die Beschlüsse des Konzils eine Folge des satanischen Einflusses auf die Kirche und verweigerte seine Unterschrift unter das Toleranzdekret. Ebenso lehnte Lefebvre das Dekret über den Ökumenismus »Unitatis redintegratio«, die Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen »Nostra aetate« und die Lehre über das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen ab.

Johannes XXIII. konnte das Konzil nicht zu Ende führen. Er starb während der Versammlung am 3. Juni 1963. Seine Nachfolger Paul VI. und nach diesem der polnische Papst Wojtyla sorgten dafür, daß die von ihm ins Auge gefaßten sehr gemäßigten Reformen, wo sie nicht rückgängig gemacht wurden, stagnierten. In der reaktionären Gegenoffensive Benedikts XVI. bildete die Aufhebung von Konzilsbeschlüssen den Schwerpunkt.

Kritik am Imperialismus

1959, ein Jahr bevor in Afrika 17 Staaten die nationale Unabhängigkeit errangen und damit der völlige Zerfall des alten Kolonialsystems besiegelt war, sprach Johannes XXIII. sich für die Anpassung der katholischen Kirche an den Entkolonisierungsprozeß aus und sicherte dem autochthonen Klerus der »Dritten Welt« volle Gleichberechtigung zu. In der 1961 erlassenen Enzyklika »mater et magistra« (Mutter und Lehrmeisterin) erörterte er Fragen von »Christentum und sozialem Fortschritt« und wollte eine vorsichtige Reform einiger überholter Leitsätze der katholischen Soziallehre einleiten, welche die »unerbittliche Hütung des Privateigentums« postuliert hatte. Er trat natürlich nicht für dessen Beseitigung ein, setzte aber einige neue Akzente.

Er ging auf die Ärmsten in den Industrienationen ebenso wie auf die noch Ärmeren in den Entwicklungsländern und in den noch bestehenden Kolonien ein. Er erwähnte ihren Bedarf an Grundgütern, aber auch ihre Menschenwürde und forderte soziale Gerechtigkeit, die er als Teilnahme aller Menschen am Wohlstand definierte.

Giovanni Ventitre setzte das Recht auf Privateigentum in Zusammenhang mit dem Recht auf Mitbestimmung am Arbeitsplatz und den Problemen der »Vergesellschaftung«. Er gebrauchte den Begriff der »Sozialisation« und nannte ihn »Ausdruck eines sozusagen unwiderstehlichen Strebens der menschlichen Natur; des Strebens, sich mit anderen zusammenzutun, wenn es darum geht, Güter zu erlangen, die von den einzelnen begehrt werden, jedoch die Möglichkeiten und Mittel des einzelnen überschreiten«. Das waren zwar lediglich reformistische Gedanken, die aber die meisten sozialdemokratischen Parteien zu dieser Zeit aufgegeben hatten.

In »mater et magistra«, wandte er sich auch Problemen zu, die später als Nord-Süd-Konflikt zusammengefaßt wurden. Die mit Reichtum und Überfluß gesättigten Staaten mahnte er, jene Völker nicht zu vergessen, die »vor Elend und Hunger fast zugrunde gehen«. Es war eine Kritik am imperialistischen System, wie sie kein Papst vor und bis heute nach ihm übte.

Papst des Friedens und der Verständigung

In seiner dritten Enzyklika, »pacem in terris« (Frieden auf Erden) trat Johannes XXIII. für ein Verbot der Atomwaffen und für das Ende des Wettrüstens ein, verurteilte die Rassendiskriminierung und setzte sich für den Schutz von Minderheiten und die Rechte politischer Flüchtlinge ein.

Als der Generalsekretär der ­KPdSU, Nikita Chruschtschow, ihm zu seinem 80. Geburtstag im November 1961 Grüße »mit dem aufrichtigen Wunsch für gute Gesundheit und Erfolg bei dem edlen Bemühen zur Stärkung und Festigung des Friedens in der Welt« übermittelte, hörte er nicht auf die Ratschläge, sie unbeantwortet zu lassen. Er sandte dem sowjetischen Führer seinen aufrichtigen Dank, dem er hinzufügte, »ich werde für das Volk Rußlands beten.« Vom Tauwetter in den Beziehungen zwischen dem Vatikan unter Johannes XXIII. zeugte, daß die Bischöfe der sozialistischen Staaten am Konzil teilnahmen. Natürlich verfolgte der Vatikan auch unter Johannes XXIII. eine Strategie der Aufweichung der sozialistischen Staaten. Aber sie war bei weitem nicht so aggressiv wie die Kreuzzugsideologie eines Karol Wojtyla und Joseph Ratzinger

Gerhard Feldbauer: Der Heilige Vater - Benedikt XVI/Ein Papst und seine Tradition. Papyrossa, Köln 2010, 209 Seiten, 14,90 Euro

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