11. Oktober 2013

Gedenken an eine Internationalistin

Andrea Wolf

Andrea Wolf ging vor 20 Jahren nach Kurdistan. Das türkische Militär tötete sie 1998

Florian Osuch

Aktivisten der Solidaritätsbewegung für den kurdischen Freiheitskampf erinnerten am Mittwoch abend auf einer Veranstaltung in Hamburg an die vor 20 Jahren getötete Andrea Wolf. Die gebürtige Münchnerin hatte sich Mitte der 1990er Jahre der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) angeschlossen. Im Oktober 1998 wurde sie vom türkischen Militär umgebracht, die genauen Umstände sind bis heute nicht geklärt. Wolfs Einheit der »Volksbefreiungsarmee Kurdistans« wurde von türkischen Soldaten nahe der Ortschaft Catak im äußersten Südosten der Türkei angegriffen, insgesamt 24 Personen starben. Augenzeugen wollen gesehen haben, wie Ronahî – so Wolfs Name bei der Guerilla – zunächst gefangengenommen, verhört und dann getötet worden sei. Nach Angaben der Frankfurter Rundschau bestätigten türkische Behörden damals Datum und Ort des Gefechts, äußerten sich jedoch nicht zum Verbleib der 33jährigen Deutschen.

Bei der Veranstaltung in Hamburg skizzierte eine Bekannte den Lebensweg von Ronahî. Als Jugendliche beteiligte sie sich in München an Hausbesetzungen und Demonstrationen. Mit 16 Jahren wurde sie das erste Mal von der Polizei aufgegriffen, wenig später wegen einer Attacke auf eine Bank zu einer 18monatigen Haftstrafe verurteilt. Andrea Wolf beteiligte sich an Protesten gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf und zog 1986 nach Frankfurt am Main. Auch dort war sie politisch aktiv, etwa bei der Unterstützung politischer Gefangener und erneut bei Hausbesetzungen. In dieser Zeit knüpfte sie erste Kontakte zu Gefangenen aus der RAF.

Andrea Wolf war Gründungsmitglied der Gruppe Libertad, die heute Teil des Netzwerks Interventionistische Linke ist. 1992 engagierte sich Wolf bei Protesten gegen den Weltwirtschaftsgipfel in München. Später reiste sie nach El Salvador, um dort den Widerstand gegen die damalige Militärdiktatur kennenzulernen.

1993 wurde sie mit dem Anschlag der RAF auf den Gefängnisneubau im hessischen Weiterstadt in Verbindung gebracht, obwohl sie sich zum Zeitpunkt des Anschlags in Lateinamerika aufgehalten hatte. Später wurde Haftbefehl gegen Wolf erlassen; sie tauchte unter. Ihre Annäherung an den kurdischen Befreiungskampf »hatte ihre Wurzel in dem Wissen, daß eine revolutionäre Perspektive nur international erkämpft werden kann. [Andrea Wolf] hat das für sich praktisch gemacht«, heißt es in einem kurz nach ihrem Tod erschienenen Buch.

In Kurdistan soll sich Wolf zunächst im irakischen Teil aufgehalten haben, durchlief eine Parteischule der PKK und traf auch deren Chef Abdullah Öcalan. Die kurdische Freiheitsbewegung sei zu dieser Zeit sehr offen gegenüber Internationalisten gewesen, Einzelne und kleine Unterstützergruppen hätten sich der Guerilla angeschlossen, erzählte eine Weggefährtin Wolfs in Hamburg.

Später kämpfte Ronahî mit einer Fraueneinheit der PKK in Nordkurdistan (Türkei). Sie sei insbesondere von der gelebten Solidarität und Kollektivität nicht zuletzt unter den Frauen ihrer Armee begeistert gewesen, im Gegensatz zum westlichen Individualismus.

»Im Dschungel der Städte, in den Bergen Kurdistans … Leben und Kampf von Andrea Wolf«, Selbstverlag, Dezember 1999, vergriffen, Download als PDF bei der Informationsstelle Kurdistan, www.kurzlink.de/AndreaWolf

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