18. März 2011

»Gefährliches Beispiel«

Geschichte. Vor 140 Jahren rief die revolutionäre Bevölkerung von Paris in der von ­preußischen Truppen belagerten französischen Hauptstadt die Kommune aus

Alexander Bahar

Als die Februarrevolution 1848 ­Louis Philippe vom Thron fegte und die Monarchie zerschlug, stand die französische Arbeiterschaft an der Spitze der Bewegung. Doch sie sollte nicht nachhaltig an der politischen Macht teilhaben. Als sich das Pariser Proletariat am 24. Juni 1848 ein weiteres Mal erhob und für seine politischen und sozialen Rechte kämpfte, ertränkten Armee und Nationalgarde den Aufstand in einem Meer von Blut. Die inneren Streitigkeiten der verschiedenen Fraktionen der Bourgeoisie ermöglichten es dem politischen Abenteurer Charles Louis-Napoleon Bonaparte sich mittels eines Staatsstreichs im Dezember 1851 an die Macht zu putschen. Ein Jahr später ließ er sich durch eine »Volksabstimmung« zum Kaiser der Franzosen proklamieren. »Napo­leon der Kleine« (Victor Hugo) spielte geschickt Monarchisten und Republikaner gegeneinander aus und begründete schließlich das Zweite Kaiserreich, wobei er sich selbst diktatorische Vollmachten zuerkennen ließ.

Außenpolitisch, insbesondere gegenüber dem deutschen Nachbarn, verfolgte das Zweite Kaiserreich eine revanchistische Politik, deren Herzstück die Rückforderung des deutschen linken Rheinufers war. Die Chance schien mit dem Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866 gekommen. Von Bismarck jedoch um die erwartete »Gebiets­entschädigung« betrogen und innenpolitisch mit zunehmenden Schwierigkeiten, den sozialen Folgen der Industrialisierung und dem Aufbegehren der Arbeiter gegen Verelendung und Rechtlosigkeit konfrontiert, setzte Napo­leon III. auf den Krieg als letzten Verzweiflungsstreich. Und auch Preußen benötigte den Krieg, um, wie Bismarck später selbst unverblümt bekannte, auch das südliche Deutschland zu »verpreußen«, wie es 1866 bereits Norddeutschland unter seine Vorherrschaft gebracht hatte.

Von Bismarck, damals preußischer Ministerpräsident, kühl kalkulierend in den Krieg gelockt, gab das französische Parlament am 16. Juli 1870 Finanzmittel für eine militärische Intervention frei. Die Kriegserklärung Frankreichs an Preußen vom 19. Juli 1870 wurde von allen deutschen Bündnisstaaten als Kriegserklärung an Deutschland verstanden. Auf preußischer Seite wurde der Krieg propagandistisch als Verteidigungskrieg gegen den »alleinigen Friedensstörer« Frankreich geführt, womit man allerdings die wirklichen Kriegsziele kaschierte. Diese formulierte Bismarck offen in einem Brief an den deutschen Botschafter in London vom August 1870. Darin bezeichnete er es als die »einzig richtige Politik«, »einen Feind, den man nicht zum aufrichtigen Freunde gewinnen kann, wenigstens etwas unschädlicher zu machen und uns mehr gegen ihn zu sichern, wozu nicht die Schleifung seiner uns bedrohenden Festungen, sondern nur die Abtretung einiger derselben genügt.«

Bewaffnetes Proletariat

Die entscheidende Schlacht bei Sedan am 1.September endete für die Franzosen mit einer vernichtenden Niederlage und der Kapitulation am folgenden Tag. Rund 100000 französische Soldaten gerieten in Kriegsgefangenschaft. Unter den Gefangenen war auch Kaiser Napoleon III. selbst.

Am Abend des 3. September erreichte die Nachricht von der Niederlage und der Gefangennahme des Kaisers Paris. Schon im August war es in der Hauptstadt zu Unruhen gekommen, die nun zu Massendemonstrationen anschwollen. Zunehmend schlug die Stimmung gegen Napoleon III. um, dem die Massen die Schuld an dem unglücklich verlaufenden Krieg gaben. Die inzwischen publik gewordenen Forderungen Preußens nach der Annexion des Elsaß und Teilen Lothringens unterstützten diese Entwicklung.

Am 4. September wurde die gesetzgebende Körperschaft von Volksmassen gestürmt, kurz darauf die Absetzung des Kaisers und seiner Regierung verkündet und die Dritte Republik ausgerufen. Noch in der selben Nacht verließ die Kaiserin Eugenie Paris und floh nach England. »Das Kaiserreich klappte zusammen wie ein Kartenhaus, die Republik wurde wieder proklamiert.« (F. Engels)

Unter dem Druck der Volksmassen bildeten die Pariser Abgeordneten zur ehemaligen gesetzgebenden Versammlung eine »Regierung der Nationalen Verteidigung« unter Louis Adolphe Thiers, die sich allesamt aus altbekannten Handlangern des bankrotten Zweiten Kaiserreichs rekrutierte.

In ihrer verbalen Zurückweisung der preußischen Annexionsforderungen konnte die provisorische Regierung auf die Unterstützung der Pariser Bevölkerung zählen. Unter Ausnutzung des großen Schwungs der Septembersiege waren die deutschen Armeen unter Moltke inzwischen auf die französische Hauptstadt vorgedrungen; seit dem 19. September war Paris eingeschlossen; die kaiserlichen Armeen waren entweder in Metz eingekesselt oder in Deutschland gefangen. Um ihre Hauptstadt zu verteidigen, waren nahezu alle waffenfähigen Pariser in die Nationalgarde eingetreten und bewaffnet worden, so daß die Arbeiter dort nun in der Überzahl waren.

Schon bald jedoch kamen die Klassengegensätze zwischen der fast nur aus Besitzbürgern bestehenden Regierung und dem bewaffneten Proletariat zum Ausbruch. Beschleunigt wurde diese Entwicklung, als immer mehr Details über die preußisch-deutschen Forderungen bekannt wurden. Es war Bismarcks offensichtliches Kalkül, Frankreich für Jahrzehnte zu schwächen, Gebiete zu erobern und hohe Kriegsentschädigungen zu erpressen.

Verteidigung oder Kapitulation

Während die Werktätigen zur Verteidigung des Landes und seiner Hauptstadt entschlossen waren und für eine Fortsetzung des Krieges eintraten, um die republikanischen Freiheiten zu sichern, setzten sich in der Regierung die liberal-konservativen Kräfte um Thiers und Außenminister Claude-Gabriel-Jules Favre durch, die möglichst rasch Friedensverhandlungen mit dem Gegner aufnehmen wollten. Entgegen ihren vollmundigen Beteuerungen, man werde nie kapitulieren, war die provisorische Regierung weit davon entfernt, alle Kräfte der Nation gegen die Preußen zu bündeln. Wie aus später von der Kommune veröffentlichten Unterlagen hervorgeht, verfolgte insbesondere Louis-Jules Trochu, Präsident der Regierung der Nationalen Verteidigung, von Anfang an den Plan der Kapitulation von Paris. In der Hauptstadt befanden sich 246000 kriegsbereite Soldaten und Angehörige der Marine, 7500 Offiziere und 125000 Nationalgardisten, doch die Pariser Bevölkerung forderte vergeblich von der Regierung die Bewaffnung der Nationalgarde sowie die allgemeine Mobilmachung. Empört von der Aussicht auf einen Waffenstillstand und die Kapitulation von Metz, stürmten am 31. Oktober Arbeiterbataillone das Rathaus von Paris und nahmen vorübergehend einen Teil der Regierungsmitglieder gefangen. In der Folge gewann jedoch die Regierung die Oberhand und erließ gegen die »Anführer« des 31. Oktober (darunter Louis-Auguste Blanqui) Haftbefehle.

Noch vor Jahresende wurde Paris von den deutschen Belagerern auf Veranlassung Bismarcks mit Artillerie beschossen. Am 28. Januar 1871 kapitulierte die Stadt schließlich; die Kapitulationsvereinbarung, die Thiers und Favre mit Bismarck ausgehandelt hatten, sah einen dreiwöchigen Waffenstillstand vor; innerhalb dieser Zeit sollten die Besiegten eine Nationalversammlung wählen lassen, die über Krieg und Frieden zu entscheiden hatte.

Am 1. März rückten die deutschen Truppen in die Außenbezirke der Stadt ein, um die dortigen Forts zu besetzen. Doch die Kapitulation von Paris erfolgte »mit bisher in der Kriegsgeschichte unerhörten Ehren«, schreibt Friedrich Engels. »Die Forts wurden übergeben, der Ringwall entwaffnet, die Waffen der Linie und Mobilgarde ausgeliefert, sie selbst als Kriegsgefangene betrachtet. Aber die Nationalgarde behielt ihre Waffen und Kanonen und trat nur in Waffenstillstand gegen die Sieger. Und diese selbst wagten nicht, in Paris im Triumph einzuziehn. (…) Solchen Respekt flößten die Pariser Arbeiter dem Heere ein, vor welchem sämtliche Armeen des Kaiserreichs die Waffen gestreckt; (…)«

Bei den Wahlen am 8. Februar wählte Paris mehrheitlich republikanisch, was einer Fortsetzung des Krieges und einem Votum für die Republik gleichkam, während die Provinz, wo die Regierung der »Nationalen Verteidigung« noch einen großen Einfluß auf die Bauernschaft hatte, konservativ, also für den Frieden, stimmte. Dementsprechend dominierten in der Nationalversammlung, die schließlich am 13. Februar 1871 in Bordeaux zusammentrat, die Royalisten mit 450 von insgesamt 750 Abgeordneten. Thiers, der zum Regierungschef berufen wurde, begab sich zusammen mit Außenminister ­Favre Ende Februar zu Friedensverhandlungen ins deutsche Hauptquartier nach Versailles, wo König Wilhelm I. im Spiegelsaal des Schlosses am 18. Januar 1871 von den deutschen Fürsten zum deutschen Kaiser ausgerufen worden war. Im Präliminarfrieden vom 26. Februar 1871, der von der Nationalversammlung in Bordeaux mit 546 zu 107 Stimmen ratifiziert wurde, trat Frankreich das Elsaß (ohne Belfort) und einen Teil Lothringens (mit Metz) an das Deutsche Reich ab und verpflichtete sich, eine Kriegsentschädigung von fünf Milliarden Goldfranken innerhalb von drei Jahren zu zahlen.

Bereits am 12. März 1871 war die Nationalversammlung mitsamt der Regierung und einem Großteil der Beamtenschaft nach Versailles übergesiedelt. Die konservative Regierung demonstrierte damit, daß sie das republikanisch dominierte Paris nicht mehr als legitime Hauptstadt anerkannte. Infolge dieses Schrittes und als Protest gegen den Verrat von Regierung und Nationalversammlung erhob sich am 15. März der Aufstand der Kommune in der Hauptstadt. Im Zuge der Belagerung der Stadt war die Nationalgarde zunehmend in die Rolle einer politischen Organisation hineingewachsen. Als Reaktion auf das Verhalten der Nationalversammlung wählten die Bataillone der Nationalgarde am 24. Februar ein eigenes Zentralkomitee. Hatten sich die Pariser Arbeiter während des Krieges darauf beschränkt, die energische Fortsetzung des Kampfes zu fordern, trat nun der bisher durch den Kampf gegen die preußische Invasion in den Hintergrund gedrängte Klassencharakter der Pariser Bewegung immer offensichtlicher zu Tage. Die Regierung Thiers mußte erkennen, »daß die Herrschaft der besitzenden Klassen – großer Grundbesitzer und Kapitalisten – in steter Gefahr schwebe, solange die Pariser Arbeiter die Waffen in der Hand behielten.« (F. Engels)

Die Kommune wählt

Am 18. März sandte die Regierung Thiers aus dem sicheren Versailles Truppen nach Paris mit dem Befehl, die 227 Artilleriegeschütze zu rauben, die die Nationalgarde in den Außenbezirken von Paris vor den Deutschen gerettet hatte. Diese Geschütze waren durch Beiträge der Pariser Bevölkerung beschafft worden. Doch das übereilte Manöver mißlang. Anstatt ihren Befehl auszuführen, verbündeten sich die abkommandierten Soldaten mit dem revolutionären Volk. Die Generäle Lecomte und Clément Thomas, die zuvor befohlen hatten, auf die versammelte Volksmenge zu schießen, wurden von den eigenen Soldaten entwaffnet und von einer aufgebrachten Menschenmenge getötet. Das Zentralkomitee der Nationalgarde übernahm nun zunächst die Macht in der Hauptstadt. Es veranlaßte die Besetzung der strategisch wichtigen Punkte der Stadt sowie der öffentlichen Gebäude, wobei es allerdings versäumte wurde, so zentrale Einrichtungen wie das Hauptpostamt und die Bank von Frankreich zu besetzen. Gerade letzteres sollte sich in der Folgezeit noch verheerend auswirken. Da sich das Zentralkomitee explizit nicht als Regierung begriff, bereitete es schnell Wahlen für den auf 90 Köpfe festgelegten »Kommunalrat von Paris« (Kommune) vor, der am 26. März gewählt und am 28. März proklamiert wurde und die exekutive und legislative Gewalt in sich vereinen sollte.

Anders als die Feinde der Kommune gehofft hatten, verliefen die Wahlen völlig ruhig, wobei die Wahlbeteiligung in den Arbeitervierteln wesentlich höher war als in den bürgerlichen Vierteln, was sich denn auch in der sozialen Zusammensetzung des Rats der Kommune widerspiegelte, in dem sich linksbürgerliche und mehr oder weniger sozialistische Abgeordnete die Macht teilten. Zur Lösung der Staatsaufgaben setzte man zehn Kommissionen ein, die als kollektiv geleitete Ministerien fungierten. Grundprinzip war die Wählbarkeit und Absetzbarkeit aller Abgeordneten und Staatsfunktionäre. Obwohl das Zentralkomitee der Nationalgarde damit die Regierungsverantwortung abgab, behielt es sich ausdrücklich die Autorität über militärische Fragen vor.

Revolutionäre Dekrete

Als erstes schaffte die Kommune das stehende Heer ab, erklärte die Nationalgarde, der alle waffenfähigen Bürger angehören sollten, zur alleinigen bewaffneten Macht und ordnete die Verteidigung von Paris sowohl gegen die deutschen Belagerer als auch gegen die französischen Regierungstruppen an. Weitere Maßnahmen, mit denen die alten staatlichen Institutionen zerschlagen und durch neue demokratische Organe ersetzt wurden, waren die Säuberung des bonapartistischen Polizeiapparates und der Justiz. Richter sollten von nun an vom Volk selbst gewählt werden – und konnten wie alle Amtsträger auch wieder abgewählt werden.

Weiter verfügte die Kommune eine Reihe von sozialen, politischen und ökonomischen Maßnahmen, um die Lebensbedingungen der werktätigen Bevölkerung zu verbessern. Im sozialen Bereich sind in erster Linie Dekrete über den rückwirkenden Erlaß von fälligen Wohnungsmieten, der Verkaufsstopp und die Rückgabe von verpfändeten Gegenständen sowie die Abschaffung der Nachtarbeit für Bäckergesellen zu nennen. Den Hausbesitzern erlegte die Kommune ein Kündigungsverbot auf. Mitte April verfügte sie die generelle Aufhebung der Pfandhäuser. Weitere wichtige Beschlüsse waren die Begrenzung der Gehälter von Kommune-Mitgliedern und Angestellten auf maximal 6000 Francs (4800 Mark). Zu den sozialen Maßnahmen grundsätzlicher Natur gehörte, daß die Kommune den Frauen und Waisen von Nationalgardisten, die bei der Verteidigung von Paris gefallen waren, eine Pension zugestand, egal ob es sich dabei um legitime oder illegitime Frauen bzw. Kinder handelte. Die Frauen forderten und erhielten erstmals das Recht auf Arbeit und gleichen Lohn wie die Männer und erstritten weitere Rechte wie die Gleichstellung ehelicher und nichtehelicher Kinder sowie die Säkularisierung von Bildungs- und Krankenpflegeeinrichtungen. Frauen kämpften auf den Barrikaden mit, und es entstand die erste Massenorganisation, die sich explizit die Emanzipation der Frauen zum Ziel setzte. Eine Maßnahme grundsätzlichster Natur war die Trennung von Kirche und Staat und die Abschaffung aller staatlichen Zahlungen für religiöse Zwecke sowie die Umwandlung aller geistlichen Güter in Nationaleigentum. In der Konsequenz wurde die Entfernung aller religiösen Symbole, Bilder, Dogmen, Gebete etc. aus den Schulen angeordnet und nach und nach umgesetzt. Nach einem nicht minder wichtigen Dekret sollten Fabriken, die deren Besitzer bei der Flucht zurückgelassen hatten, in Kollektiveigentum überführt und durch eine »kooperative Assoziation der Arbeiter, die in ihnen beschäftigt waren«1, betrieben werden. Alle diese Genossenschaften sollten zu einem großen Verband vereinigt werden. Mit diesem wie mit weiteren Beschlüssen, etwa dem über die Beschlagnahmung leerstehender Wohnungen, die den Bewohnern der bombardierten Viertel zur Verfügung gestellt werden sollten, wurde »zum ersten Mal das kapitalistische Privateigentum bis hart an die Grenzen der Enteignung angetastet«2.

Zu den symbolkräftigsten Handlungen der Kommune gehörte, daß sie die Guillotine auf dem Place Voltaire öffentlich verbrennen, die als Sühne für die Hinrichtung Ludwigs XVI. errichtete Bußkapelle schleifen sowie die zu Ehren der militärischen Siege Napoleon I. errichteten Siegessäule des Vendôme-Platzes, Sinnbild des Chauvinismus und Militarismus, umstürzen ließ.

Ideologisch war die Kommune in zwei Lager gespalten. Die Mehrheit bildeten radikale Demokraten, kleinbürgerliche Neojakobiner und Blanquisten, Anhänger des von der Thiers-Regierung festgesetzten sozialistischen Theoretikers und Praktikers der revolutionären Verschwörung Louis-Auguste Blanqui (1805–1881). Die Minderheit machten überwiegend Proudhonisten aus, Anhänger des Ökonomen und Soziologen Pierre Joseph Proudhon, darunter 17 Mitglieder der Internationalen Arbeiterassoziation (13 andere saßen in den Kommissionen).

Zeichneten für die politischen Erlasse der Kommune im wesentlichen die Blanquisten verantwortlich, so trugen für deren ökonomische Dekrete die Proudhonisten die Verantwortung. Das führte dazu, »daß in ökonomischer Beziehung manches unterlassen wurde, was nach unsrer heutigen Anschauung die Kommune hätte tun müssen«, kritisiert Engels, der den schwersten politischen Fehler der Kommune in deren »heilige[m] Respekt« vor der Bank von Frankreich ortet, wäre die Bank in den Händen der Kommune, so Engels weiter, doch »mehr wert« gewesen »als zehntausend Geiseln«.

Diese sträfliche, kaum begreifliche Unterlassung, die sich dadurch erklärt, daß Proudhon und seine Anhänger jeden Eingriff in das private Eigentum an Produktionsmitteln ablehnten, erwies sich als umso schlimmer, als die Nationalversammlung vor ihrem Umzug nach Versailles nahezu sämtliche Kassen hatte mitgehen lassen, während in den Tresoren der Bank von Frankreich ein riesiges Vermögen gehortet wurde, auf welches die Kommune so gut wie keinen Zugriff hatte3.

Reorganisation der Reaktion

Während die Regierung Agenten nach Paris schickte mit der Aufgabe, die öffentlichen Dienste und das Militär zu desorganisieren und Abtrünnige zu werben, begann man in Versailles allmählich mit der Reorganisation des Militärs. Die Thiers-Regierung konnte dabei auf die rückständige Landbevölkerung zurückgreifen. Ende März waren die Truppen der Versailler bereits 65000 Mann stark, doch noch immer nicht stark genug, einen Angriff auf Paris zu wagen. Noch immer hätte die Kommune ihr durch einen Marsch auf Versailles und die Festsetzung der Regierung zuvorkommen können. Genau das hatte An­toine Brunel, Mitglied des Zentralkomitees der Nationalgarde, am 18. März vorgeschlagen. Doch die Mehrheit des Rats hing offenbar der Illusion an, der gesellschaftliche und politische Wandel ließe sich auch ohne einen militärischen Sturz der Regierung realisieren – ein folgenschwerer Irrtum! Inzwischen hatten die Versailler nämlich längst zum Gegenschlag gerüstet und sich zu diesem Zweck mit dem Feind von gestern verbündet, der in der Kommune ein »gefährliches Beispiel« für das Proletariat in den deutschen Staaten zu wittern begann. Nach den Bedingungen des Waffenstillstands durften in der Umgebung von Paris nicht mehr als 40000 Mann stationiert sein. Ein Abkommen, das Thiers am 8.April mit den Preußen aushandelte, erleichterte die Rückkehr der Kriegsgefangenen von Metz und Sedan und erlaubte den Versaillern, die Stärke ihrer Truppen auf schließlich 170000 Mann zu erhöhen. Zwei Monate nach der blutigen Niederschlagung der Kommune, am 28. Juli, dankte Jules Favre den Preußen für das seiner Regierung entgegengebrachte Vertrauen.

Die Hauptoffensive der Versailler begann am 11. April mit der Besetzung strategisch wichtiger Punkte um Paris. Die Nationalgarde der Kommune hatte dem plötzlichen Vorstoß des militärisch besser ausgebildeten und gut ausgerüsteten Berufsheers der Versailler nicht viel entgegenzusetzen. Dieses konnte seine Verluste zudem immer wieder durch neue Rückkehrer ersetzen. Zwar war die Nationalgarde nach dem 18. März auf insgesamt 194291 Mann angewachsen (davon 80449 Aktive), ihre 200 Bataillone waren allerdings nur bedingt einsatzfähig, und die Führung der Nationalgarde verstand es nicht, das waffentechnische Potential, das sie in der Hand hatte, auch effektiv einzusetzen.

In den großen Städten Frankreichs (Lyon, Marseille, Toulouse, Narbonne, Saint Etienne, Le Creusot, Limoges) waren fast zur gleichen Zeit wie in Paris Kommunen ausgerufen worden, und selbst in den ländlichen Gebieten flackerte der Widerstand auf. Die Aufstände waren jedoch allesamt isoliert und konnten sich jeweils nur wenige Tage halten. In Paris, das durch einen doppelten Belagerungsring von Versaillern und Preußen weitgehend von den revolutionären Erhebungen in der Provinz und in den großen Städten abgeschnitten war, sah man die unbedingte Notwendigkeit, den Kontakt zu diesen Erhebungen herzustellen, um die geballte militärische Kraft Versailles von Paris abzuwenden. Unablässig rief Paris zum Widerstand gegen die Versailler auf. Diesen gelang es jedoch, die revolutionären Erhebungen in der Provinz immer wieder blutig zu unterdrücken, so daß am 11. April, als Thiers zur großen Offensive gegen Paris ansetzte, auf Hilfe von dort nicht mehr zu rechnen war.

Ab Anfang Mai nahmen die immer zahlreicher aufmarschierenden Heeresverbände der Versailler Regierung Paris unter Dauerfeuer. Im Bewußtsein seines zunehmenden militärischen Übergewichts hatte Thiers bereits am 23. April die Unterhandlungen mit der Kommune über einen von dieser angebotenen Geiselaustausch abgebrochen. Das Angebot der Kommunarden bestand darin, den Pariser Erzbischof Darboy zusammen mit einer Reihe anderer von ihr festgehaltener Kleriker allein gegen den Revolutionär Blanqui auszutauschen, der zweimal in die Kommune gewählt worden war, aber von den Versaillern gefangen gehalten wurde. Als die Versailler Regierung durch das fortgesetzte Erschießen gefangen genommener Kommunarden deutlich machte, daß sie an ernsthaften Verhandlungen nicht interessiert war, sah die Kommune keine andere Möglichkeit, als ihrerseits zur Hinrichtung ihrer 64 Geiseln zu schreiten. Dem daraufhin einsetzenden Verleumdungschor der »Ordnungspartei« antwortete Karl Marx im »Bürgerkrieg in Frankreich«: »Der wirkliche Mörder des Bischofs Darboy ist Thiers. (…) Er wußte, daß er der Kommune mit Blanqui einen Kopf geben werde, während der Erzbischof seinen Zwecken am besten dienen würde als – Leiche.«

Blutbad von Paris

Nach einer Reihe militärischer Erfolge gelang es den Versaillern schließlich, am 21. Mai, »durch Verrat und infolge von Nachlässigkeit der hier aufgestellten Nationalgarde« (F. Engels), in die Stadt einzudringen. Unter dem Schutz der preußischen Belagerer konnten die Versailler Truppen ungestört über das ihnen durch den Waffenstillstand verbotene Gelände im Norden der Stadt vorstoßen. Unter dem Hagel des Artilleriefeuers fiel Barrikade um Barrikade. Die Versailler Truppen wüteten mit unglaublicher Rachsucht unter den Verteidigern. Gefangene Nationalgardisten, auch Zivilisten wurden kurzerhand erschossen oder auf andere Weise niedergemetzelt.

Erst nach achttägigem zähem Kampf »erlagen die letzten Verteidiger der Kommune auf den Höhen von Belleville und Ménilmontant, und nun erreichte das Morden wehrloser Männer, Weiber und Kinder, das die ganze Woche hindurch in steigendem Maße gewütet, seinen Höhepunkt«, so Friedrich Engels. Die Blutgier der Versailler äußerte sich in einer Weise, daß die Londoner Times vom 27. Mai entrüstet schrieb: »Die Partei der Ordnung (gemeint sind die Versailler, A.B.), deren Feigheit die Hauptursache des Krieges war, zeichnet sich jetzt durch ihre Blutgier aus. Überall werden die Häuser nach Aufständischen durchsucht, und viele von denen, die sie finden, werden erschossen.« Noch Anfang Juni kam es zu wahllosen Exekutionen auf dem Friedhof Père-Lachaise. Insgesamt wurden während der Blutwoche 30000 Menschen ermordet, 40000 eingekerkert oder zu Zwangsarbeit verurteilt und ausgewiesen.

Mit der preußischen Unterstützung bei der blutigen Niederschlagung der Pariser Kommune hatte Bismarck die bürgerliche Ordnung im Lande des geschlagenen »Erbfeindes« gesichert und zugleich die sozialistische Arbeiterbewegung in die Schranken gewiesen. »Die Verschwörung der herrschenden Klasse zum Umsturz der Revolution durch einen unter dem Schutz des fremden Eroberers geführten Bürgerkrieg (…) – gipfelte in dem Blutbade von Paris«, resümierte Karl Marx im »Bürgerkrieg in Frankreich«.

Während der »unerhörte Bruch des Völkerrechts« die Regierungen Europas keineswegs aufrüttelte, daß sie das »rechtsbrüchige Preußen (…) in die Acht der Völker erklären« (Karl Marx), bekundete »das ganze europäische Proletariat und alles, was noch ein Gefühl für Freiheit und Unabhängigkeit in der Brust trägt« (August Bebel) seine Verbundenheit mit dem heldenhaften Kampf des Pariser Proletariats.

Anmerkungen

1 Jean Villain, Die großen 72 Tage. Ein Report über die Pariser Kommunarden, Berlin 1971, S. 196

2 Marlis Meergans/Eberhard Noll, Die Pariser Kommune, Die 72 Tage der Pariser Kommune, ohne Orts- und Jahresangabe (online unter www.glasnost.de)

3 Auf Initiative der Thiers-Regierung gewährte die Bank von Frankreich der Kommune nur geringe Mittel. Den ihr bewilligten Geldern in Höhe von rund 20 Millionen Francs stand eine Summe von insgesamt 258 Millionen Francs gegenüber, die der Regierung in Versailles im gleichen Zeitraum gezahlt wurde

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