21. Februar 2014

Gegen die »Demut des Weibes«

Eva Geber dokumentiert die feministische Seite der österreichischen Arbeiter-Zeitung 1900–-1933

Christiana Puschak

Unter dem Motto der Historikerin Gerda Lerner – »Jede Frau ändert sich, wenn sie erkennt, daß sie eine Geschichte hat« – bereitet Eva Geber jetzt in dem Buch »Der Typus der kämpfenden Frau« ein vernachlässigtes Stück Geschichte auf. Es ist die Geschichte der Frauen, die in der Arbeiter-Zeitung, dem sozialdemokratischen Traditionsblatt Österreichs, über Mitstreiterinnen der Frauenbewegung Artikel verfaßten. Geber, ehemalige Redakteurin von AUF. Eine Frauenzeitschrift, hat Beiträge gesammelt, die zwischen 1900 und 1933 in dem Blatt erschienen sind. Vorgestellt wird u.a. Adelheid Popp, die Lily Braun als »vorbildlichen Typus der kämpfenden Frau« beschreibt. Therese Schlesinger würdigt Rosa Luxemburgs frühen »genialen Einblick in die Triebkräfte der Weltpolitik«, Marianne Pollak bewundert an George Sand die Intensität ihres Lebens. Emma Adler erzählt beeindruckt, doch nicht kritiklos von der schillernden Gestalt Olympe de Gouges. Auch die heute vergessenen Pionierinnen und Heldinnen der Frauen- und Arbeiterbewegung finden Aufnahme in die Sammlung: die wortgewaltige Anna Altmann, die unverzagte Streiterin Maria Krasa oder die Streikanführerin Amalie Seidel-Ryba.

»Das Wissen um die Vorkämpferinnen begeistert und inspiriert«, schreibt Eva Geber und fügt hinzu: »Wenn wir Frauen von solchem Wagemut und Charisma zitieren, demonstrieren wir, wie historisch unsere Forderungen sind und wie überfällig ihre Erfüllung.« Die Herausgeberin und langjährige Aktivistin der österreichischen Frauenbewegung hat zu jedem Zeitungsartikel biographische Skizzen sowohl über die beschriebenen Frauen als auch über die Autorinnen der Porträts verfaßt. Zusätzlich informiert sie über deren soziales und politisches Umfeld, kommentiert und erläutert den historisch-gesellschaftlichen Hintergrund. Entstanden ist ein eindrucksvolles Panorama des politischen Kampfes von Frauen, ohne daß die Unterschiede zwischen der bürgerlichen und der sozialistischen Frauenbewegung nivelliert würden. Gewürdigt werden Engagement, Leben und Wirken der rebellierenden Frauen, dieser Bewegung innerhalb einer Bewegung, wie Ruth Klüger es nannte. Von Brüchen und Aufbrüchen, vom Sich-Aufraffen und Aufbegehren, vom »Recht, Rechte zu haben«, wird erzählt.

Als ein gewichtiges Zeitdokument sozialistischen Frauenkampfes erweist sich der Artikel »Zwanzig Jahre Arbeiterinnenbewegung« von Adelheid Popp. Sie zeigt, wie Frauen gegen männlichen Widerstand und Vorurteile in der Arbeiterbewegung die Arbeiterinnen-Zeitung, die »eigens für die Frauen berechnet« war, durchsetzten, denn »nichts ist kulturfeindlicher als die Demut des Weibes«. In mehreren Beiträgen wird geschildert, wie schwer sich Persönliches mit Politischem, private Schicksalsschläge mit öffentlichem Engagement, Solidaritätsgefühl mit Opferbereitschaft verbinden ließen. Erschütternd der Bericht über Anna Frey, Tochter der Psychoanalytikerin und Politikerin Therese Schlesinger, die »mit ganzer Seele bei jeder Parteiarbeit, mit ihrem ganzen Denken bei jedem Parteiproblem« war, aber glaubte, den hohen Anforderungen, die sie an sich selbst stellte, nicht genügen zu können. Daß auch Beiträge wie jener über die Freundschaft zwischen Rosa Luxemburg und Luise Kautsky Eingang in die Textauswahl gefunden haben, rundet das Bild ab.

Zwar ist das Buch an einigen Stellen in einem zu pathetischen Stil geschrieben, und manch schwammige Begrifflichkeit wie z.B. »gefühlsbetonter, romantischer Feminismus« trübt den Lesegenuß, aber insgesamt ist die Lektüre ausgesprochen spannend und lohnenswert.

Eva Geber (Hg.): Der Typus der kämpfenden Frau. Frauen schreiben über Frauen in der Arbeiter-Zeitung von 1900–1933, 201 S., Mandelbaum Verlag, Wien 2013, 19,90 Euro

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