7. September 2013

»Gegen die Deutschen!«

Neapel erfolgreich von Partisanen verteidigt: Die faschistische Wehrmacht zog am 30. September 1943 ab - Fotoquelle: jW Archiv

9. September 1943: Nach Italiens Waffenstillstand mit den Alliierten gründete sich ein breites antifaschistisches Komitee

Gerhard Feldbauer

Am 25./26. Juli 1943 stürzte der faschistische Diktator Benito Mussolini. Kurz darauf setzte durch eine Palastrevolte führender Kreise von Kapital, Monarchie und Militär, unterstützt vom Vatikan, König Vittorio Emanuele III. mit Marschall Pietro Badoglio an der Spitze eine Militärregierung ein (siehe jW-Geschichte 20./21.7.2013). Die Verschwörer brachen mit der faschistischen Achse mit Hitlerdeutschland und nahmen Waffenstillstandsverhandlungen mit den anglo-amerikanischen Alliierten auf. Sie wollten jedoch im Krieg eine neutrale Position einnehmen. Innenpolitisch wurden die Partei des »Duce« und ihre Gliederungen verboten – die faschistische Diktatur sollte in eine klerikal-faschistische umgewandelt werden. Von der Freilassung der politischen Gefangenen suchte Badoglio zunächst Kommunisten und Anarchisten auszuschließen. Erst als Gewerkschafter, Kommunisten (IKP) und Sozialisten (ISP) einen Generalstreik dagegen ankündigten, wurden die Beschränkungen Mitte August aufgehoben.

Am 31. August begannen beim anglo-amerikanischen Kommando in Casibile auf Sizilien die geheimen Waffenstillstandsverhandlungen. Sie wurden von General Dwight D. Eisenhower, dem Oberkommandierenden im Mittelmeerraum, und auf italienischer Seite von General Giuseppe Castellano geleitet. Im Waffenstillstandsabkommen akzeptierte Italien die »Zusammenarbeit mit den Alliierten im Kampf gegen die Deutschen«, was den Übertritt auf die Seite der Anti-Hitler-Koalition bedeutete. Am 13. Oktober 1943 folgte die Kriegserklärung an Deutschland.

Dem deutschen Generalstab war die Aufnahme der Waffenstillstandsverhandlungen nicht verborgen geblieben. Bereits unmittelbar nach dem Sturz des »Duce« hatte er begonnen, die Besetzung Nord- und Mittelitaliens vorzubereiten, die dann nach Bekanntgabe des Waffenstillstands am 8. September erfolgte. 30 Heeresdivisionen wurden dazu eingesetzt. Im Rahmen des Überfalls sollte in Rom auch ein Staatsstreich die Regierung Badoglio stürzen, der wegen italienischer Gegenmaßnahmen aber ausblieb. Vier Tage später gelang eine Operation des Sturmbannführers Otto Skorzeny, der den gefangengehaltenen Mussolini vom Gran Sasso in den Abruzzen holte und nach Deutschland brachte.

Widerhall in Armee

Nach Beginn der Okkupation konstituierte sich auf Initiative der IKP am 9. September das Komitee der antifaschistischen Strömungen (IKP, ISP, Aktionspartei, Christdemokraten, Liberale und Republikaner) zum Nationalen Befreiungskomitee (Comitato di Liberazione Nazionale) und rief alle Italiener zum Kampf gegen den Faschismus für ein freies Vaterland auf. Der Appell, den die von der IKP herausgegebene Zeitschrift Il Combattente am 1. Oktober 1943 veröffentlichte, formulierte die Stoßrichtung: »Heute gibt es für die Italiener nur noch eine Front: Gegen die Deutschen und gegen die fünfte faschistische Kolonne. Zu den Waffen!«

Nach dem Aufruf entstanden erste Partisaneneinheiten. Er fand starken Widerhall in den Streitkräften. Etwa 200000 italienische Soldaten und Offiziere, darunter Teile einer Armee und über zehn Divisionen, leisteten der Okkupation in Italien, auf dem Balkan und auf Korsika zum Teil über zwei Monate erbitterten Widerstand. Diese Gegenwehr erfolgte durchweg auf Initiative der zuständigen Kommandeure, denn der König als Oberbefehlshaber und die Regierung Badoglio flohen am 9. September aus Rom zu den Alliierten und überließen die Armee ohne klare Befehle ihrem Schicksal.

Viele italienische Offiziere rechneten mit der Unterstützung der Anglo-Amerikaner, da Eisenhower bei den Waffenstillstandsverhandlungen General Castellano den Einsatz eines Luftwaffenverbands bei Rom zugesagt hatte. Im Vertrauen darauf eröffneten im Gebiet der Hauptstadt vier italienische Divisionen die Kampfhandlungen gegen die Hitlerwehrmacht. Ihr Korpskommandeur, General Giacomo Carboni, folgte einem Vorschlag des IKP-Vorsitzenden Luigi Longo und ließ Waffen an Freiwillige ausgeben. Sie und die Division Granatieri zogen am 8. September an der Porta San Paolo ins Gefecht. Carboni wartete jedoch vergebens auf die zugesagte Luftlandeoperation. Eisenhower brach sein Wort, das er bei der Bekanntgabe des Waffenstillstands über Radio gegeben hatte. »Alle Italiener, die dazu beitragen, den deutschen Angreifer vom italienischen Boden zu vertreiben, werden die Hilfe der Vereinten Nationen (damals die Alliierten) erhalten.« Angesichts der Übermacht der deutschen Truppen stellten die Italiener bei Rom den Kampf nach vier Tagen ein.

Eruptiver Ausbruch

Die IKP konnte erste Früchte ihrer langfristigen zähen und geduldigen Arbeit für die Herstellung einer breiten antifaschistischen Einheitsfront ernten. Ihre Anstrengungen hatte sie 1933 nach der Machtübergabe an Hitler in Deutschland verstärkt.

Bereits wenige Monate nach dieser verhängnisvollen Entwicklung fand am 4. Juni 1933 in Paris auf ihre Initiative hin ein Kongreß der Antifaschisten des Landes statt, mit dem ein Grundstein für die in den folgenden Jahren sich formierende antifaschistische Einheitsfront gelegt wurde. Der nächste Schritt wurde am 17. August 1934 mit der Unterzeichnung eines Aktionseinheitsabkommens zwischen Kommunisten und Sozialisten durch Luigi Longo und Pietro Nenni gemacht. Die entscheidenden Grundlagen dafür hatte der von Mussolini ins Gefängnis geworfene und im April 1937 verstorbene Kommunist Antonio Gramsci mit seiner antifaschistischen Bündniskonzeption geschaffen. Deren Kern bildet die These vom »Historischen Block«. Gramsci entwarf ein System von Bündnissen der Arbeiterklasse mit den Mittelschichten und der Intelligenz, dem ohne das gemeinsame Handeln der Arbeiterparteien kein Erfolg beschieden sein konnte.

Das einheitliche Handeln der Arbeiterparteien zog breite kleinbürgerliche Schichten sowie Angehörige der Intelligenz auf ihre Seite. Studenten, Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler schlossen sich der antifaschistischen Bewegung an. Alberto Moravia, der bereits 1929 mit seinem Roman »Die Gleichgültigen« den moralischen Niedergang der bürgerlichen Gesellschaft angeprangerte, veröffentlichte 1935 mit »Gefährliches Spiel« Satiren auf den Faschismus. Von Cesare Pavesi erschienen unter dem Titel »Arbeit macht müde« aufrüttelnde Gedichte. Elio Vittorini schrieb über die Unterdrückung der Volksschichten auf Sizilien. Renato Guttuso schuf das Gemälde »Erschießung«, das er dem von den Franco-Faschisten ermordeten spanischen Dichter Federico García Lorca widmete. Der Bildhauer Giacomo Manzù trat dem Mailänder Kreis antifaschistischer Künstler bei, der die Zeitschrift Corrente herausgab. Giustizia e Libertà konstituierte sich Anfang 1943 als Aktionspartei, was dem Prozeß zur Herstellung der antifaschistischen Einheitsfront neue Impulse verlieh.

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Eisenhower nutzte die Chance nicht

Mit einer Landung bei Rom hätte sich das alliierte Kommando eine Operationsbasis für ein rasches Vordringen schaffen können. Statt dessen begann es seine Operationen am 8. September auf dem südlichen Festland bei Taranto und Salerno. Die Untätigkeit Eisenhowers ermöglichte der faschistischen Wehrmacht nach der Besetzung Nord- und Mittelitaliens, nahezu ungestört südlich von Rom durch den Apennin mit der strategisch bedeutsamen Stellung auf dem 519 Meter hohen Monte Casino eine Abwehrfront aufzubauen. Diese Abwehrfronten versuchten alliierte Truppen monatelang unter schweren Verlusten zu stürmen. Erst nach der Einnahme des Bergs durch polnische Verbände unter General Wadysaw Anders am 18. Mai 1944 konnten die 5. US-amerikanische und die 8. britische Armee auf Rom vorstoßen.

Ziel der strategischen Konzeption der anglo-amerikanischen Alliierten war vor allem, daß die UdSSR sich in der gewaltigen militärischen Auseinandersetzung mit Deutschland weiter ausbluten, Italien als Mittelmeermacht ausgeschaltet und ein abhängiger Staat werden sollte. Schließlich ging es darum zu verhindern, daß die italienischen Kommunisten und Sozialisten Einfluß auf die Streitkräfte erhielten, so wie später versucht wurde, die Operationen der vor allem von ihnen maßgeblich geführten kampfstarken Partisanenverbände zu behindern und auch regelrecht zu sabotieren.

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