10. September 2013

Gegen Hitler und den Krieg

Diese gewichtige Wortmeldung wurde in der Zeitung Freies Deutschland ­sowie als Flugblatt des NKFD veröffentlicht - Fotoquelle: jw-archiv

Mit der Gründung des »Bundes Deutscher Offiziere« vor 70 Jahren erfuhr die Bewegung »Freies Deutschland« eine willkommene Verstärkung

Peter Rau

Ohne Generale wird das nichts!« Auf diese knappe Formel brachte ein Teilnehmer an der Gründungsversammlung des Nationalkomitees »Freies Deutschland« im Juli 1943 in Krasnogorsk bei Moskau (siehe jW vom 12. Juli 2013) kurze Zeit danach gegenüber dem KPD-Funktionär Walter Ulbricht seine Bedenken angesichts der bislang weitgehend folgenlos gebliebenen Appelle des NKFD. Zwar hatten mit Oberst Luitpold Steidle, einem Regimentskommandeur der bei Stalingrad geschlagenen Paulus-Armee, und Oberstleutnant Alfred Bredt, dem Chef der Versorgungstruppen des dort eingesetzten XI. Armeekorps, auch höhere Offiziere als Beobachter bzw. Gäste an der ersten Versammlung des NKFD teilgenommen. Doch in der Mehrheit waren solche Chargen – von Generalen ganz zu schweigen – der NKFD-Gründung ferngeblieben.

Werben um die Generalität

Diese Distanz sollte sich erst nach und nach verringern. Selbst eine von Steidle und Bredt sowie Oberst Hans-Günther van Hooven, dem Nachrichtenchef der 6. Armee, ins Leben gerufene Initiativgruppe zur Schaffung eines eigenständigen Offiziersbundes, die etwa ein Dutzend Mitglieder zählte, stieß anfangs zumeist noch auf taube Ohren. »Es war schwer, gegen traditionelle, starr gewordene Ehrbegriffe zu argumentieren«, konstatierte Erich Weinert, der Präsident des Nationalkomitees, später. Als Hindernisse sah der kommunistische Schriftsteller Bedenken gegen Aktionen von feindlichem Boden aus, die den Offizieren den Vorwurf des Landesverrats einbringen würden. Und auch der ihnen jahrzehntelang eingetrichterte Antikommunismus und das daraus folgende Mißtrauen gegenüber dem NKFD als Propagandainstrument der sowjetischen Regierung waren so rasch nicht zu überwinden. Wenn es schließlich doch gelang, dann war das nicht zuletzt dem Wirken jener meist jüngeren Offiziere zu verdanken, die den schweren Weg der Erkenntnis schon hinter sich hatten. Bei ihnen handelte es sich um Mitglieder von in den Kriegsgefangenenlagern entstandenen Antifa-Aktivs, die nach Begegnungen und Gesprächen mit kommunistischen Emigranten sowie Vertretern der Sowjetarmee zu neuen Einsichten gelangt waren. Sie wurden in den der NKFD-Gründung folgenden Wochen in die Offizierslager gesandt, um für den neuen Bund zu werben. »Nach einem langen Weg des Denkens, Andersdenkens und Anderswerdens«, so Oberst Steidle in seiner Autobiographie »Entscheidung an der Wolga«, reifte allmählich auch bei etlichen höheren Offizieren die Bereitschaft, sich der Bewegung »Freies Deutschland« anzuschließen. Als dann selbst vier der rund 20 in Stalingrad gefangengenommenen Generale bekannten, keine Einwände gegen ein Mittun mehr zu haben, war der Weg zur Gründung des Offiziersbundes geebnet.

Am 11. und 12. September 1943, einem Wochenende, war es soweit. In Lunowo bei Moskau versammelten sich 94 Delegierte aus fünf Gefangenenlagern für Offiziere sowie zivile Mitglieder des Nationalkomitees und weitere Gäste zur Gründung des »Bundes Deutscher Offiziere«. Wie aus dem Protokoll hervorgeht, nahmen zunächst mit den Obersten van Hooven und Steidle sowie Oberstleutnant Bredt Mitglieder der Initiativgruppe am Vorstandstisch Platz. Als Alterspräsident eröffnete Bredt die Versammlung. Er sprach den Sowjetbehörden Dank dafür aus, »daß sie gemäß Artikel 129 der Verfassung der UdSSR, die denjenigen Asylrecht gewährt, die einen nationalen Befreiungskampf führen, uns die Möglichkeit gaben, die heutige Konferenz einzuberufen«. Den zu gründenden Bund nannte er »ein geeignetes Mittel, um unser Ziel, den Rücktritt des Hitlerregimes, zu erreichen, den Friedenswillen des deutschen Volkes zu bekunden und dadurch zu einem baldigen Friedensschluß beizutragen«.

Das Gebot der Stunde

Anschließend nahm Oberst Hooven eine Bewertung der Lage aus militärischer, politischer und wirtschaftlicher Sicht vor. Zugleich erinnerte er an den nach der Niederlage von Stalingrad von Propagandaminister Joseph Goebbels ausgerufenen »totalen Krieg«. Sein Resümee: »Der totale Krieg ist total aussichtslos geworden. Seine Fortsetzung wäre daher unsinnig und unsittlich. An seinem Ende stehen völlige Vernichtung, Aufruhr, Kampf aller gegen alle, Blutbad, Teilung des Reiches, Zerstörung der Industrie und Wirtschaft, Hunger, Elend, Sklaverei. (…) Nur ein rechtzeitiger Friedensschluß kann an diesem voraussehbaren Schicksal etwas ändern, weil er das einzige Instrument bewahrt, das die Ordnung sichern und das Chaos verhindern kann: die deutsche Wehrmacht.« Da mit einem freiwilligen Rücktritt der Hitler und Co. nicht zu rechnen sei, bleibe Deutschland nur eine Wahl: »Entweder Krieg unter Hitler bis zur völligen Vernichtung oder Sturz des Regimes und Bildung einer neuen, starken nationalen Volksregierung. (…) Der Krieg muß sofort beendet, ein Waffenstillstand abgeschlossen und das deutsche Heer auf die Grenzen Deutschlands zurückgeführt werden.« Abschließend erinnerte van Hooven noch einmal an das Schicksal der 6. Armee, von der Hitler behaupten ließ, es gebe keine Überlebenden: »Heute erheben sich die Totgesagten und rufen auf zur Besinnung und Rettung des Vaterlandes in letzter Stunde. Und hierzu hat niemand ein größeres Recht als sie. Es lebe das freie, das unabhängige und friedliche Deutschland!«

Nach ihm ergriff Oberst Steidle das Wort. Er zerpflückte die Legenden, die Hitler von sich selbst als »Mann der Vorsehung« schaffen ließ, geißelte dessen von Rassismus getragene Rechtsbrüche und die mit ihm einhergehende »sittliche Verrohung und Verwahrlosung aller Rechtsbegriffe«. Der »größte Feldherr aller Zeiten« habe sich damit selbst entlarvt. Es gibt daher nur eine Rettung: Los von Hitler!«

Nach Steidle übernahm General Walther von Seydlitz den Vorsitz der Versammlung. Der Chef eines Armeekorps in Stalingrad referierte zum Thema »Rücktritt Hitlers – das Gebot der Stunde«. »Das Ziel ist, den Krieg bald zu beenden und einen ehrenvollen Frieden vorzubereiten. Die Beseitigung des Hitlerregimes ist die notwendige Vorbedingung. Sie ermöglicht, eine vom Vertrauen des Volkes getragene, friedensentschlossene Regierung zu bilden, in einem Waffenstillstand weitere sinnlose Blutopfer zu ersparen, als Beweis des Friedenswillens die Wehrmacht geordnet an die Grenze zurückzuführen und sie dem Volke zu erhalten. (…) Alle anderen Wege, vor allem die Fortsetzung des Krieges, führen in den Untergang.« Adolf Hitler habe das vom Volk in ihn gesetzte Vertrauen schmählich mißbraucht. »Der Kampf um die Befreiung Deutschlands und die Beendigung des Krieges erfordert den Zusammenschluß aller Kräfte, die guten Willens sind und die denselben Zielen zustreben. In erster Linie wollen wir daher unsere Kameraden, vom General bis zum letzten Flieger und Panzerschützen und bis zum letzten Grenadier und Kanonier, gewinnen und die Kampfkraft durch sie verstärken. Ohne Rücksicht auf Partei und Beruf, auf Klasse und Stand, auf konfessionelle und weltanschauliche Unterschiede soll das ganze deutsche Volk zu einer Einheitsfront zusammengeschlossen werden. Mit dem Nationalkomitee, das den Kampf bereits begonnen hat, wollen wir Schulter an Schulter fechten und uns in die Bewegung ›Freies Deutschland‹ zu gemeinsamem Vorgehen auf das gemeinsame Ziel einreihen.«

Dann verlas der General den von der Initiativgruppe in Absprache mit sowjetischen Beratern vorgeschlagenen »Aufruf an die deutschen Generale und Offiziere, an Volk und Wehrmacht«. Ihm folgte Major Hermann Lewerenz, der »Aufgaben und Zielsetzung des Bundes Deutscher Offiziere« vorstellte. Nachdem beide Dokumente von allen anwesenden Deligierten unterzeichnet waren, wurden zum Abschluß des ersten Konferenztages die Führungsgremien des Bundes gewählt. Der 55jährige General von Seydlitz, Nachfahr früherer preußischer Generale, zu denen auch ein maßgeblicher Befürworter der historischen Konvention von Tauroggen im Jahr 1812, dem deutsch-russischen Bündnis gegen Napoleon, gehört hatte, wurde erwartungsgemäß an die Spitze des Offiziersbundes gewählt. Ebenfalls einstimmig erfolgte wie Wahl der Vizepräsidenten: Generalleutnant Alexander Edler von Daniels, einer der Divisionskommandeure von Stalingrad, sowie die Obersten van Hooven und Steidle. Zu den etwa 20 Vorstandsmitgliedern gehörten auch Dr. Otto Korfes und Martin Lattmann, die im Range eines Generalmajors in Stalingrad ebenfalls eine Division geführt hatten.

Am zweiten Tag referierten zunächst Leutnant Adolf Greifenhagen über Propaganda, Presse- und Rundfunkarbeit und Oberstleutnant Gerhard Bechly zum Thema Betreuung und Werbung für den Bund in den Offiziersstammlagern. Ihnen folgte General Lattmann, der sich – zum Teil aus ganz persönlicher Sicht – mit Fragen des einst auf Hitler geleisteten Fahneneides auseinandersetzte. »Da wir der Ansicht sind, daß jeder weitere Kampf den Untergang unseres deutschen Volkes herbeiführt, sehen wir den unter ganz anderen Voraussetzungen geleisteten Eid gegenüber der Person Adolf Hitlers als nichtig an. (…) Er aber, dem wir diese Treue gelobten, machte diesen Eid zur Lüge; nun aber halten wir uns unserem Volke umso mehr verpflichtet.«

»Schritt in Neuland«

Für die bereits im Nationalkomitee vereinten Offiziere sprach danach Major Karl Hetz, Vizepräsident des NKFD. »Die Gründung des Nationalkomitees war für uns Offiziere ein Schritt in Neuland. Aber wir fürchteten diesen Schritt nicht, im Gegenteil, wir beschleunigten ihn. Unser Herz sprach zu uns, daß das deutsche Volk den Frieden will und den Frieden erkämpfen wird.« Namens der anwesenden Offiziere, die bereits Mitglieder des Nationalkomitees waren, bat er um deren Aufnahme in den »Bund Deutscher Offiziere«. Dieser Bitte wurde entsprochen und im Gegenzug bestätigt, daß das Präsidium des BDO den Antrag stellt, in das NKFD aufgenommen zu werden.

Grußworte richteten anschließend auch Gefreiter Hans Zippel als im Juli 1943 gewähltes NKFD-Mitglied und Erich Weinert als Präsident des Nationalkomitees an die Delegierten. Wie Zippel, von Beruf kaufmännischer Angestellter, betonte, habe die gemeinsame Liebe zu Deutschland »alle äußeren Schranken, die bisher zwischen uns bestanden, niedergerissen und ein gemeinsames Wollen geboren. Die ernste Gefahr, in der Volk und Vaterland schweben, hat uns zum gemeinsamen Handeln bewegt.« Weiter führte er aus: »Jede echte Volksbewegung kann nur von unten kommen, aus dem Volke selbst. Unsere Bewegung ist eine solche Volksbewegung. Wir sehen hier in unserer nationalen Freiheitsbewegung eine wirklich breite Volksfront von links bis rechts. Hier steht der Kommunist mit dem Sozialdemokraten, dem Mann der bürgerlichen Mitte, dem Deutschnationalen und dem ehemaligen Nationalsozialisten in einer Front. Hier steht die Masse der parteilosen Arbeiter, Angestellten, Gewerbetreibenden, Unternehmer und Intellektuellen mit den Berufssoldaten und Berufsoffizieren zusammen. Sie alle geben der Bewegung die Stoßkraft, die den Sturz Hitlers und die Rettung Deutschlands herbeiführen soll. (…) Bewußt stellen wir heute viele unserer politischen und wirtschaftlichen Forderungen zurück und beschränken uns auf das Programm unserer Bewegung. Nur so, das wissen wir, ist die jetzt so bitter notwendige Einheit aller Deutschen herzustellen, um Volk und Reich zu retten. Wir haben das feste Vertrauen, daß Sie uns in diesem Kampf zur Rettung Deutschlands treue Kampfgefährten sein und gemeinsam mit uns alle Ihre Kraft einsetzen werden.«

Für das Nationalkomitee begrüßte hernach sein Präsident Weinert die Gründung des Offiziersbundes und dessen angekündigten Anschluß an die Bewegung »Freies Deutschland«. »Wenn wir im Juli auch schon eine breite nationale Front geschaffen hatten, so vermißten wir mit großem Bedauern doch die Teilnahme jener Männer an unserem Kampfe, deren Stimme in der deutschen Wehrmacht ein besonderes Gewicht hat.« Die Gründung des BDO wertete Weinert als »Beweis dafür, daß niemand, der sein Vaterland wahrhaftig liebt, in dieser entscheidenden Stunde resignieren will, aber auch, daß niemand mehr an der Erkenntnis vorbeigehen kann, daß es nur einen Weg gibt – den das Manifest des Nationalkomitees vorgezeichnet hatte.« Voller Hochachtung sprach er vom bereits erwiesenen kameradschaftlichen, ja herzlichen Miteinander beider Organisationen, »nicht etwa um eines diplomatischen Kompromisses willen, sondern um alle diese lebendigen vaterlandsliebenden Kräfte zu einer wahren Kampfgemeinschaft zu sammeln. (…) Quittieren Sie den Dienst in der Hitlerarmee nun auch mit dem Herzen! Machen Sie aus dem eingelernten Haß gegen andere Völker den gerechten und edlen Haß gegen die Schänder des deutschen Namens, gegen ihre Fahnen und Embleme!«

Zum Abschluß der Gründungstagung bekräftigte der Präsident des Offiziersbundes noch einmal die Verbundenheit mit den Vorkämpfern des Nationalkomitees: »Die Lauterkeit ihres Wollens, die Gemeinsamkeit unseres Weges und die Gleichheit des Endzieles binden uns unauflöslich zusammen.«

Dies fand wenige Tage später auch organisatorisch Ausdruck, als am 14. und 15. September 1943 das Nationalkomitee »Freies Deutschland« zu einer Vollsitzung zusammenkam und dort den Anschluß des »Bundes Deutscher Offiziere« an das NKFD bekanntgab. Einstimmig wurden 18 zusätzliche Mitglieder in das bisher 38köpfige Nationalkomitee gewählt. Neben elf Vertretern des Offiziersbundes, darunter die Generale von Seydlitz, Edler von Daniels, Korfes und Lattmann, gehörten dazu mit Gerhard Klement, Max Emendörfer, Hans Gossens und Theo Grandy vier weitere Unteroffiziere bzw. Soldaten sowie der Schriftsteller Theodor Plivier und die emigrierten KPD-Mitglieder Hermann Matern und Rudolf Herrnstadt. Als Vizepräsidenten rückten von Seydlitz, Edler von Daniels und Emendörfer in das Führungsgremium des NKFD nach.

Appell an Volk und Wehrmacht

Richtschnur des Handelns blieb neben dem wiederholt genannten »Manifest des Nationalkomitees« zunächst der vom Offiziersbund beschlossene »Aufruf an die deutschen Generale und Offiziere, an Volk und Wehrmacht«. In dem von der Wochenzeitung Freies Deutschland am 18. September 1943 veröffentlichten Dokument wird u.a. hervorgehoben: »Jeder denkende deutsche Offizier versteht, daß Hitler den Krieg verloren hat. Das fühlt das ganze Volk. Das wissen auch die regierenden Kreise, die das Unheil heraufbeschworen haben. Hitler und sein Regime tragen vor der Geschichte die volle, ungeteilte Verantwortung für die verderblichen Fehlentscheidungen, die Deutschland dem Untergang entgegenführen, wenn Volk und Wehrmacht nicht rechtzeitig die Umkehr erzwingen. (…) Wir sprechen vor allem zu den Heerführern, den Generalen, den Offizieren der Wehrmacht. In Eurer Hand liegt eine große Entscheidung! Deutschland erwartet von Euch den Mut, die Wahrheit zu sehen und demgemäß kühl und unverzüglich zu handeln. Tut das Notwendige, damit es nicht ohne Euch oder gar gegen Euch geschehe! Das nationalsozialistische Regime wird niemals bereit sein, den Weg, der allein zum Frieden führen kann, freizugeben. Diese Erkenntnis gebietet Euch, dem verderblichen Regime den Kampf anzusagen und für die Schaffung einer vom Vertrauen des Volkes getragenen Regierung einzutreten.«

Wenngleich auch dieser Appell weder in der Heimat noch bei den Führern der Wehrmacht oder den Truppen an der Front nennenswerten Widerhall fand, so vermochte er zumindest doch, in den sowjetischen Kriegsgefangenenlagern weitere Mitstreiter zu gewinnen. Schon im September zählte der Offiziersbund bereits mehr als 500 Mitglieder, und im Oktober gehörten mit Arno von Lenski, Helmuth Schlömer und Carl Rodenburg auch drei weitere Stalingrad-Generale dazu.

Ringen um eine »Seydlitz-Armee«

Noch im September 1943 informierten Generalmajor Iwan Petrow als Leiter der Verwaltung für Kriegsgefangene und Internierte beim Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten der UdSSR und dessen Stellvertreter Nikolai Melnikow ihren Minister über einen Plan des BDO-Präsidenten. Demzufolge hatte Walther von Seydlitz vorgeschlagen, analog zu in der UdSSR bereits formierten Einheiten polnischer und tschechoslowakischer Antifaschisten aus dem Kontingent der deutschen Kriegsgefangenen ein Korps mit drei Divisionen und einer Stärke von insgesamt 30000 Freiwilligen zu bilden. Zudem sollten die Angehörigen der Frontorganisation des ­NKFD, die seit August im Aufbau begriffen war, für die Bildung von speziellen Kampfgruppen verantwortlich gemacht werden, die hinter den Frontlinien einzusetzen waren. Diese sollten im Hinterland Verbindung zu höheren Truppenkommandeuren aufnehmen und sie für gemeinsame Aktionen gegen die Hitlerregierung gewinnen. Außerdem sollten sie innerhalb der Wehrmacht für den Aufbau von Gruppen der Bewegung »Freies Deutschland« sorgen.

Während solche Kampfgruppen mit kriegsgefangenen Soldaten und Offizieren tatsächlich nicht nur vereinzelt eingesetzt wurden, hielt sich die sowjetische Seite jedoch allezeit bedeckt, was die Bildung einer deutschen »Befreiungsarmee« betraf. Auch die wiederholt aus den Reihen des Offiziersbundes vorgetragene Bitte um Anerkennung des NKFD als eine Art deutscher Exilregierung fand in Moskau wenig Gegenliebe. Das geschah nicht zuletzt mit Rücksicht auf die westlichen Alliierten der Sowjetunion. Denen gegenüber sah man sich in der Pflicht, alles zu vermeiden, was auf irgendeine Art von Sonderbehandlung des erklärten Kriegsgegners hindeuten könnte. Aus diesem Grunde kam es auch nicht dazu, wie vom BDO vorgeschlagen, »eine zahlenmäßig kleine und kampfkräftige Armee aus den Kriegsgefangenen zu bilden, die bei der Machtergreifung von der neuen Regierung in Deutschland eingesetzt werden könnte«.

Unabhängig davon absolvierten Generale und Offiziere sowie Vertreter der Mannschaftsdienstgrade und kommunistische Emigranten in den diversen Arbeitsgruppen von NKFD und BDO ein beträchtliches Arbeitspensum. Etwa im »Arbeitskreis für kirchliche Fragen«, bei der Erstellung von Flugblättern zur Frontpropaganda oder in den später geschaffenen Kommissionen zur Wirtschaft im »Dritten Reich«, zur deutschen Geschichte oder zur Umgestaltung des Unterrichtswesens im Nachkriegsdeutschland.

In den Lagern für Kriegsgefangene trugen Bevollmächtigte der Bewegung gemeinsam mit den politischen Instrukteuren – zumeist deutsche Emigranten – zur Aufklärung der Insassen über das Wesen des Faschismus und die Ursachen des Hitlerkrieges bei. Weinert zufolge bekannten sich in einem der größten Mannschaftslager im Laufe eines Jahres nach anfänglich 4,5 Prozent (Juli 1943) schließlich im Juli 1944 über 90 Prozent der Soldaten und Unteroffiziere zum Nationalkomitee. In einem Offizierslager waren zum 1. November 1944 von 3373 Gefangenen 1100 Offiziere als Mitglieder des BDO registriert.

Maßgeblichen Anteil an solchen Entwicklungen hatten insbesondere auch die Wochenzeitung Freies Deutschland und der gleichnamige Rundfunksender. In beiden Redaktionen wirkten neben kommunistischen Emigranten wie Anton Ackermann, Rudolf Herrnstadt, Hans Mahle, Alfred Kurella oder Wolfgang Leonhard auch namhafte Vertreter des Offiziersbundes wie Major Egbert von Frankenberg und Proschlitz, Hauptmann Ernst Hadermann oder die Majore Heinrich Homann und Herbert Stößlein. Mit militärpolitischen Betrachtungen und Lageeinschätzungen traten dabei immer wieder die BDO-Generale um Korfes, Lattmann oder von Lenski hervor, so daß die Zeitung vielfach schon scherzhaft als »Generalsanzeiger« bezeichnet wurde.

Einsatz am Kessel

Auch Walther von Seydlitz beschränkte sich nicht auf seine Tätigkeit in Lunowo, wo NKFD und BDO ihren Sitz hatten. Im Oktober/November 1943 begab er sich an einen Frontabschnitt bei der deutschen Heeresgruppe Nord, um dort den ihm bekannten Befehlshabern persönlich gehaltene Botschaften zukommen zu lassen. Darin informierte er die Wehrmachtskommandeure über die Ziele der Bewegung »Freies Deutschland« und, wenn auch noch ohne durchschlagenden Erfolg, über die Aussichtslosigkeit der Fortsetzung des Krieges. Kein halbes Jahr später eilte der BDO-Präsident erneut an die Front, und zwar an den Kessel von Tscherkassy bei Korsun-Schewtschenko in der Ukraine. In diesem Gebiet waren neun Wehrmachtsdivisionen sowie zwei SS-Verbände eingeschlossen worden. Auch hier ließ er Briefe von ihm wie von Korfes und Edler von Daniels an die Kommandeure übermitteln. Etwa 18000 Mann hatten die Kämpfe überlebt und sich in Gefangenschaft begeben. Während einigen tausend Eingekesselten der Ausbruch gelang, blieb allerdings die Mehrzahl auf dem Schlachtfeld zurück.

Zu der Zeit hatten NKFD und BDO bereits nicht mehr eine Rückführung der Wehrmacht auf die Reichsgrenzen propagiert, sondern dazu aufgerufen, den Kampf einzustellen, die Waffen niederzulegen und auf die Seite des »Freien Deutschland« überzugehen. Spätestens seit der Konferenz von Teheran im Spätherbst 1943 stand schließlich die gemeinsame Forderung nach einer bedingungslosen Kapitulation Hitlerdeutschlands auf der Tagesordnung. Zum dritten Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion beschwor der BDO-Präsident seine noch immer weiterkämpfenden Generalskollegen, Verbindung mit dem Nationalkomitee aufzunehmen und den Krieg unverzüglich zu beenden. Sein Aufruf schloß mit den Worten: »Hitler muß fallen, damit Deutschland lebe!«

Aufruf der 50 Generale

Nach dem 20. Juli 1944 erfuhr die Bewegung einen beträchtlichen Zuwachs, vor allem in den Reihen der Kriegsgefangenen. Zuvor schon hatte mit Generalleutnant Vincenz Müller ein kommandierender Armeechef in der Heeresgruppe Mitte die Kampfhandlungen eingestellt und sich dem Offiziersbund zur Verfügung gestellt. Nach dem euphorisch begrüßten Attentat in der Wolfsschanze folgten noch im selben Monat weitere Generale, die in ihrem Aufruf vom 22. Juli Gehorsamsverweigerung, Einstellung des Kampfes und des sinnlosen Blutvergießens forderten. Nachdem Anfang August 17 Generale ihren Beitritt zum Offiziersbund erklärt hatten, folgte Mitte des Monats endlich auch das langwierig erkämpfte Ja von Generalfeldmarschall Friedrich Paulus zum BDO. Seinem Beispiel schlossen sich weitere hochrangige Truppenkommandeure an, so daß der Aufruf vom 8. Dezember 1944 an Volk und Wehrmacht zur sofortigen Beendigung des Krieges die Unterschriften von insgesamt 50 kriegsgefangenen Generalen trug.

Doch auch deren meist späte Einsicht konnte die Katastrophe, die man fast zwei Jahre zuvor mit der Bildung des Nationalkomitees und des Offiziersbundes noch zu vermeiden trachtete, nicht verhindern. Aber man darf dem NKFD wie dem BDO zugute halten, bis zu ihrer von Moskau angeordneten Selbstauflösung im November 1945 Zehntausenden deutschen Soldaten und Offizieren einen Weg zum Überleben gewiesen zu haben.

Peter Rau schrieb zuletzt an dieser Stelle am 12. Juli 2013 über die Gründung des Nationalkomitees »Freies Deutschland«.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2013/09-10/017.php