4. September 2010

Gegen Ölmultis

1960 wurde auf Initiative Venezuelas und Saudi-Arabiens die OPEC gegründet

Joachim Guilliard

Die meisten Europäer und Nord­amerikaner traf im Herbst 1973 die Erkenntnis wie ein Schlag, daß ihr Alltag vom Erdöl abhängt. Die Reaktion auf die »Ölkrise« war geradezu panikartig. Zum ersten Mal sei »eine Zivilisa­tion nicht durch Schießkrieg, sondern durch Wirtschaftskrieg bedroht«, beurteilte beispielsweise der Spiegel (50/1973) die Situation. »Die arabische Ölpolitik« habe »das feinnervige Energieversorgungssystem des Westens schockartig gestört.«

Im Rampenlicht stand damals auch ein Zusammenschluß, der bis dahin nur Insidern bekannt war: die »Organisation der Erdöl exportierenden Länder«, kurz OPEC. Sie hatte als Reaktion auf die westliche Unterstützung Israels im Jom-Kippur-Krieg (6.–26.10.1973) die Öllieferungen ab dem 17. Oktober um fünf Prozent gedrosselt. Die arabischen Mitgliedsstaaten reduzierten ihre Produktion bald noch stärker und verhängten zudem einen Lieferstopp für die USA, die Niederlande, Portugal, Rhodesien und Südafrika. Die Auswirkungen waren gravierend. Der Ölpreis stieg bis Frühjahr 1974 von rund drei US-Dollar pro Barrel (159 Liter) auf die Rekordhöhe von zwölf US-Dollar, nach heutigen Preisen 42 Dollar.

Im Westen betrachtete man dieses »Ölembargo« als Angriff auf den Lebensstandard. Die OPEC wurde als gieriges Kartell gesehen, das mit aller Macht den Preis des wichtigsten Rohstoffs der Industriestaaten künstlich in die Höhe treibt. Tatsächlich beendete die erste »Ölkrise« nur die jahrzehntelange Phase von Dumpingpreisen, die die USA und die großen Ölkonzerne bis dahin durchsetzen konnten. Bei der Überwindung der kolonialen Abhängigkeiten spielte die OPEC ihre wichtigste Rolle.

Entkolonialisierung des Öls

Die Gründung der Organisation war ein rein defensiver Akt. Indem sie die Listenpreise (»posted price«) für Rohöl eigenmächtig heruntersetzten, hatten die Ölmultis Ende der 50er Jahren die Förderländer regelrecht an die Wand gedrückt. Da die Einnahmeverluste sie in den Bankrott zu treiben drohten, waren die bislang zerstrittenen Regierungen gezwungen, sich zu einigen. Unter Führung von Perez Alfonso, Öl- und Bergbauminister Venezuelas, damals größtem Ölexporteur, und von Scheich Abdallah Al-Tariki, Ölminister Saudi-Arabiens, überwanden Irak, Iran, Kuwait, Saudi-Arabien und Venezuela ihr gegenseitiges Mißtrauen und gründeten auf einer Krisenkonferenz vom 10. bis 14. September 1960 in Bagdad die Organisation Öl exportierender Länder.

In den ersten Jahren blieb der Einfluß der OPEC noch recht gering. Ab 1970 setzen ihre Mitgliedsstaaten jedoch Schritt für Schritt einen höheren Anteil an den Öleinnahmen aus ihren Quellen durch. Vorreiter war dabei der gerade an die Macht gelangte libysche Staatschef Muammar Al-Ghaddafi, der den Ölgesellschaften als erstes durch Androhung eines Produktionsstopps deutlich bessere Konditionen abringen konnte. Iran und Kuwait zogen sofort nach. In den »Teheraner Verhandlungen« vom Januar 1971 gelang es den OPEC-Staaten erstmals, ihre Macht effektiv zu bündeln und ihre wesentlichen Forderungen gegenüber den dort vertretenen 22 Ölkonzernen durchzusetzen: mindestens 55 Prozent Steuern auf die von den Konzernen geförderte Ölmenge, eine Erhöhung der Listenpreise von 2,55 auf 3,45 Dollar und ihre stetige Anpassung an den Kaufkraftverlust des Dollars.

Von nun an ging es den Förderländern darum, auch die Verfügungsgewalt über ihre Ressourcen zu erkämpfen. Im Februar 1971 übernahm Algerien 51 Prozent der Ölkonzessionen der das Land beherrschenden französischen Konzerne. Im Dezember 1971 verstaatlichte Libyen die Anteile von BP im Land. Mit aktiver Unterstützung der OPEC-Partner nationalisierte der Irak im Juni 1972 mit der Iraq Petroleum Company die Ölproduktion zwischen Euphrat und Tigris und setzte die bisherigen Eigner – BP, Shell, Mobil und die Vorgänger von Total und Exxon – vor die Tür. Auch die übrigen OPEC-Länder verstaatlichten in den folgenden Jahren Schritt für Schritt ihre Ölindustrie.

Auf eine andere Art wirkte das koloniale Erbe jedoch noch fort. Die kleineren Golfstaaten hatte die britische Kolonialmacht Ende des 19. Jahrhunderts geschaffen, indem sie die Ölfelder vom bevölkerungsreichen Hinterland abgrenzte und örtliche Feudalherren zu Oberhäuptern der neuen Protektorate machte. In deren Hände flossen die ab den 70er Jahren immer üppigeren Öleinnahmen und anschließend wieder als Investitionen und Kapitalanlagen zurück in die USA und nach Westeuropa. Auch die Ölscheichs und Saudi-Arabien, das nach dem Zweiten Weltkrieg von den USA per Schutzabkommen unter die Fittiche genommen worden war, nationalisierten die Ölproduktion, blieben aber enge Verbündete des Westens innerhalb der OPEC.

Nachdem die USA 1971 die Goldbindung des Dollars aufgegeben hatten, wurden innerhalb der OPEC Alternativen zum Dollar diskutiert. Im Gespräch war ein Korb mit den zehn wichtigsten Währungen. In geheimen Verhandlungen mit den saudischen Herrschern machte die Nixon-Administration jedoch diesen ein Angebot, das sie nicht ausschlagen konnten: Für die Zusicherung des weiteren Schutzes ihres Regimes verpflichteten sie sich, Öl auch in Zukunft ausschließlich in Dollar zu berechnen und ihre Überschüsse vorwiegend in US-Schatzanleihen zu investieren. Mit diesem Abkommen wurde das System geschaffen, das als Petrodollar-Recycling bekannt ist. Wenig später setzte Saudi-Arabien auch in der OPEC die Beibehaltung des Dollars als alleinige Handelswährung durch. Damit war dessen Rolle als Leitwährung der Welt gesichert. Da jeder Dollar braucht, um Öl zu kaufen, können die USA seither mehr Geld ausgeben als sie einnehmen und Liquiditätsengpässe durch das Anwerfen der Notenpresse ausgleichen.

Schwindender Einfluß

Der in den 70er Jahren erreichte Einfluß der OPEC währte nicht lange. Zwar gab es 1979/80 noch mal einen enormen Schub für den Ölpreis von 14 auf die Rekordhöhe von 38 Dollar (über 74 Dollar nach heutigen Preisen). Gründe dafür waren jedoch der Einbruch der iranischen Produktion wegen der dortigen Revolution und der Beginn des Krieges zwischen Iran und Irak.

Bald ging es jedoch mit dem Ölpreis rapide bergab. 1986 lag er bei nur noch elf Dollar (18 Dollar nach heutigen Priesen). Ölkrise und hoher Preis hatten nicht nur umfangreiche Energiesparmaßnahmen zur Folge, sondern auch Vorkommen in anderen Regionen, z.B. in der Nordsee oder vor Alaska, förderwürdig gemacht. Der Marktanteil der OPEC sank von 68 Prozent auf weniger als 40 Prozent. Versuche der Organisation, durch Verringerung der Förderquoten gegenzusteuern, scheiterten u.a. daran, daß einige Mitglieder sie systematisch unterliefen. Die Überproduktion Kuwaits Ende der 80er Jahre war ein wesentlicher Grund für die irakische Invasion 1990 (siehe jW-Geschichte vom 31.7.2010).

In den letzten Jahren wächst der Einfluß der OPEC wieder rapide. Ihr Anteil an der Weltproduktion ist zwar nur mäßig auf zirka 43 Prozent gestiegen, doch der Rohstoff wird immer knapper. Während viele der ab 1980 erschlossenen Quellen langsam versiegen, kontrollieren die OPEC-Staaten rund drei Viertel der noch vorhandenen bekannten Reserven.

Quellentext. Gründungsstatut der OPEC

Artikel 1

Die Organisation der Erdöl exportierenden Länder (OPEC), nachstehend »die Organisation« genannt, geschaffen als eine permanente zwischenstaatliche Organisation in Übereinstimmung mit den Resolutionen der Konferenz der Regierungsvertreter des Irans, Iraks, Kuwaits, Saudi-Arabiens und Venezuelas, durchgeführt vom 10. bis 14. September 1960 in Bagdad, soll ihre Aufgaben entsprechend der nachstehenden Bestimmungen durchführen.

Artikel 2

A. Das Hauptziel der Organisation soll die Koordinierung und Vereinheitlichung der Erdölpolitik der Mitgliedsstaaten und die Bestimmung der besten Mittel, ihre Interessen zu schützen – individuell und kollektiv –, sein.

B. Die Organisation soll Wege und Mittel erarbeiten, um die Stabilisierung von Preisen auf den internationalen Ölmärkten zu sichern, mit dem Ziel, schädliche und unnötige Schwankungen zu verhindern.

C. Jederzeit soll den Interessen der produzierenden Nationen und der Notwendigkeit, den produzierenden Ländern ein festes Einkommen zu sichern, gebührende Beachtung geschenkt werden; eine effiziente, wirtschaftliche und regelmäßige Belieferung von Erdöl für die Abnehmerstaaten und eine faire Rendite ihres Kapitals für jene, die in die Erdölindustrie investieren, soll gesichert werden.

Artikel 3

Die Organisation soll sich vom Prinzip der souveränen Gleichheit ihrer Mitgliedsstaaten leiten lassen. Mitgliedsstaaten sollen die von ihnen, entsprechend dieses Statuts angenommenen Verpflichtungen auf Treu und Glauben erfüllen. aus: www.opec.org

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2010/09-04/001.php