15. März 2013

»General Moses« war eine Frau

Harriet Tubman

Vor 100 Jahren starb die Sklavenbefreierin Harriet Tubman. Zuerst hatte sie sich selbst befreit

Victor Grossman

Die kleine schwarze Frau fiel durch eine böse Narbe am Kopf auf, die sie mit einer Art Turban zu verstecken versuchte. Harriet Tubman war als Sklavin geboren worden und mit Demütigungen und Gewalt aufgewachsen. Die Narbe stammte von einem Schlag ihres »Besitzers« mit einem schweren Metallgewicht, der sie fast das Leben gekostet hatte.

1848, sie war etwa 28 (bei Sklaven wurde nicht einmal das Geburtsjahr registriert), flüchtete Harriet. Nach hartem Fußmarsch von 145 km, meistens nachts, kam sie endlich an ein Grenzschild. Ein mutiger Sklavereigegner hat ihr auf dem Weg geholfen und ihr ein Zettel mit dem Wort »Pennsylvania« gegeben. Sklaven durften das Lesen nicht lernen, doch sie konnte die Buchstaben vergleichen und feststellen: Sie war in einem sicheren Bundesstaat angekommen, sie war frei.

Gleich im nächsten Jahr, obwohl als »entlaufene Sklavin« steckbrieflich gesucht, kehrte sie heimlich zurück und brachte ihre Eltern in die Freiheit. Und auch danach ging sie immer wieder, 19mal insgesamt, in den Süden und half Gruppen von Sklaven über Flüsse, durch Wälder und Sümpfe. Sie sei »Schaffnerin« gewesen, sagte sie, und fügte stolz hinzu: »Auf meiner Untergrundeisenbahn ist nie ein Zug entgleist, und ich habe nie auch nur einen einzigen Passagier verloren.«

Doch Pennsylvania bot nicht lange echte Freiheit. Der US-Kongreß, beherrscht von den Südstaaten, beschloß, daß auch im Norden geflüchtete Sklaven, wenn man sie erwischte, mit Gewalt wieder zu ihren Besitzern zu bringen wären, was immer Folter und oft den Tod für sie bedeutete. Also mußte Harriet ihre Passagiere zu Fuß bis nach Kanada führen.

1861 kam es zum Bürgerkrieg und damit zum Kampf für die Abschaffung der Sklaverei. Harriet Tubman wurde nun Kundschafterin im Dienste der Nordstaatenarmee, wurde zur führenden Aufklärerin der Nordstaaten im Süden und bekam den Rang eines Majors verliehen. Doch von den befreiten Sklaven wurde sie nur »General Moses« genannt, weil sie sie, wie einst Moses das Volk der Israeliten, in die Freiheit geführt hatte.

Am 2. Juni 1863 führte Harriet Tubman drei mit Unionstruppen besetzte Dampfschiffe auf dem verminten Combahee River. Die Soldaten griffen Plantagen an, und zugleich nutzten Hunderte Sklaven die Gelegenheit, auf die Schiffe zu flüchten. Mehr als 700 Männer, Frauen und Kinder sollen an diesem Tag befreit worden sein. Die meisten Männer meldeten sich gleich als Soldaten bei der Nordstaatenarmee.

Doch als Harriet Tubman nach Kriegsende an ihren Wohnort zurückkehrte, diesmal in einem richtigen Zug, zerrten Eisenbahner sie wegen ihrer Hautfarbe mit Gewalt aus dem Passagierwaggon und sperrten sie in den Postwagen. »Ich mußte warten, bis ich nach Hause kam, um mir die erste Kriegswunde zuzuziehen«, stellte sie bitter fest. Die Regierung lehnte es ab, ihr den verdienten Sold zu zahlen. So lebte sie weiter in großer Armut. Erst 1899 erhielt sie eine Pension für ihre Leistungen im 1865 beendeten Bürgerkrieg: magere 25 Dollar monatlich – bis diese Summe auf Druck der Abgeordneten aus den Südstaaten auch noch auf 20 Dollar reduziert wurde.

Als Tubman vor 100 Jahren, am 10. März 1913, 92jährig starb, wurde ihr eine kleine militärische Ehrung zuteil. Nachdem sie zunächst in Vergessenheit zu geraten drohte, ist sie heute in den USA eine der berühmtesten historischen Persönlichkeiten. Statuen erinnern an sie und sogar eine Brücke wurde nach ihr benannt – über den Fluß, auf dem sie einst als einzige Frau ein bewaffnetes Kommando führte.

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