10. Oktober 2011

Generalangriff von rechts

Manfred Weißbecker

Geschichte. 11. Oktober 1931: Harzburger Front eine »Kriegserklärung«

Manfred Weißbecker

Was am morgigen Tag vor 80 Jahren in Bad Harzburg geschah, gehört zu jenen geschichtlich außerordentlich bedeutsamen Ereignissen, die deutlich zu erkennen geben, wer die Ergebnisse der Novemberrevolution zu revidieren versuchte, wer Schritt für Schritt das Ende der Weimarer Republik vorbereitete, wer also mit Fug und Recht als Totengräber eines parlamentarisch-demokratischen Regierungssystems zu bezeichnen ist. Verfechter schlichter Extremismustheorien finden da schwerlich überzeugende Widerworte, zumal es Attacken nationalkonservativer Kreise gegen die neuen Verhältnisse – stets verknüpft mit Bemühungen um Wiederaufrüstung und Revanche für den 1918 verlorenen Krieg – von Anfang an gegeben hatte. Zwar scheiterten sie zumeist: der Kapp-Lüttwitz-Putsch im März 1920 oder das Hitlersche Unternehmen im November 1923. Die Ermordung sozialistischer und bürgerlich-demokratischer Politiker verhalf ebenfalls nicht zu erstrebtem Erfolg. Auch die nationalistisch geprägten Volksentscheide gegen den Young-Plan (1929) sowie gegen die sozialdemokratische geführte Regierung Preußens (1931) verfehlten ihr Ziel. Dennoch verschob sich in der Regel das politische Kräfteverhältnis ein wenig nach rechts, verfestigte sich jener Boden, auf dem alldeutsch-völkischer Nationalismus und schließlich der faschistisch-rassistische Ungeist triumphieren konnten.

Im Sommer 1931, mitten in einer Welle von Bankrotterklärungen großer Banken, startete die konservative Deutschnationale Volkspartei (DNVP) einen neuen Versuch, die vom Präsidialregime des Reichskanzlers Heinrich Brüning bereits eingeschränkten, jedoch noch vorhandenen parlamentarisch-demokratischen Regeln des Regierens vollends zu beseitigen. Alfred Hugenberg, seit 1928 Chef der Partei und in ihr mit »diktatorischen Vollmachten« ausgestattet, ergriff die Initiative und versuchte, alle im Reich wirkenden rechten Kräfte für ein großes, aufsehenerregendes Treffen zu mobilisieren. Nachdrücklich und vor allem in politisch beeindruckender Gemeinsamkeit sollte dieses vom Reichspräsidenten Paul von Hindenburg verlangen, Kanzler Brüning zu entlassen.

Vorstoß der Monopole

Was damit bezweckt war, brachte eine Gruppe prominenter Industrieller zu dieser Zeit in einem Brief an Brüning auf den Punkt: »Man muß der Wirtschaft die Fesseln abnehmen und ihr das Wirtschaften nach den ewig gültigen ökonomischen Gesetzen wieder freigeben, damit sie ihre Kräfte entfalten kann.« Am 6. September schrieb Paul Reusch, Generaldirektor der Gutehoffnungshütte, an Ludwig Kastl, geschäftsführendes Präsidialmitglied des Reichsverbandes der Deutschen Industrie (RDI), er sei der Meinung, daß Brüning die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllt habe. Der Kanzler habe nicht den Mut aufgebracht, sich »von der Sozialdemokratie zu trennen« und den Einfluß der Gewerkschaften, auf die alles »Unheil« zurückzuführen sei, zu brechen. Daher müsse er von der Industrie »auf das allerschärfste bekämpft werden«. Wenige Wochen darauf, am 29. September, kritisierten elf der bedeutendsten Wirtschaftsverbände in einer »Gemeinsamen Erklärung« die »Inaktivität« der Regierung. Obgleich der RDI als wichtigster Industriellenverband sich nicht auf einen Generalangriff auf Brüning festlegen lassen wollte, schrumpfte sein diesem gebotener Rückhalt zusehends. Wie andere Wirtschaftsverbände vertrat er auch die Meinung, es müsse Schluß gemacht werden mit einem »politisch diktierten Wirtschaftssystem«. Es dürfe keinerlei Kompromiß geben zuungunsten »individualistischen« Wirtschaftens. Daher wurde gefordert, die Ausgaben der öffentlichen Hand weiter umfassend abzubauen, das Tarif- und Schlichtungswesen zu »reformieren« und sich abzuwenden von einer »übertriebenen Ausweitung der Sozialversicherung« einschließlich der Arbeitslosenversicherung sowie von einer »Überspannung des Fürsorgeprinzips«.

Parallel und ganz im vorgegebenen Sinne inszenierte der Alldeutsche Verband eine Briefkampagne: Personen, auf deren Urteil der Reichspräsident großen Wert legte, schrieben diesem fordernd, er möge den Weg zu einer »nationalen Rechtsregierung« unter einem Kanzler Hugenberg freimachen. Zu den Absendern gehörten der westfälische Großgrundbesitzer Fürst zu Salm-Horstmar, der Vorsitzende des Reichslandbundes, Graf Eberhard von Kalckreuth, Prinz zu Schoenaich-Carolath als Sprecher schlesischer Magnaten, Emil Kirdorf als Senior der Ruhrindustriellen, Fritz Thyssen, Albert Vögler und Ernst Brandi von der Vereinigten Stahlwerke AG, dem größten deutschen Montantrust, Generaldirektor Fritz Springorum vom Hoesch-Konzern, Louis Ravené vom Eisengroßhandel, der Hamburger Werftenherr Rudolf Blohm u.a.m. Bei der Zusammenkunft in Harzburg hieß es dementsprechend, die »nationale Opposition« stehe vor der Einleitung eines »Entscheidungskampfes«, denn es gelte nunmehr, das »heutige System« endgültig niederzuringen.

Ort und Termin des Treffens waren sehr bewußt gewählt: Das am Nordrand des Harzes gelegene Städtchen gehörte zum Freistaat Braunschweig, an dessen rechtsgerichteter Regierung sich seit kurzem auch Nazis beteiligen durften. Verbote oder Protestdemonstrationen schienen da nicht in Sicht oder wurden als leicht zu verhindern betrachtet. Die demonstrative Zurschaustellung eigener Macht sollte wenige Tage vor einer neuen Sitzung des Reichstages stattfinden, nachdem dieser ein halbes Jahr lang in eine Zwangspause geschickt worden war. DNVP und NSDAP planten, am 13. Oktober einen Mißtrauensantrag gegen die Regierung zu stellen. Diesem sollte zuvor außerordentlicher Nachdruck und breite Popularität verliehen werden.

Brüning – noch von einer bourgeoisen Mehrheit gestützt sowie vom Vertrauen Hindenburgs getragen – konterte allerdings und bildete sein Kabinett am 9. Oktober um. Entlassen wurde Joseph Wirth, der sich schärfer als andere Minister gegen die Nazipartei gewandt und nicht viel vom Vorschlag des Reichswehrministers Wilhelm Groener für ein Verbot der KPD gehalten hatte. Doch ausgerechnet letzterem wurde zusätzlich das Amt des Innenministers übertragen, womit er über zwei der wichtigsten Machtinstrumente des Staates verfügte. Der Kanzler übernahm auch das Amt des Außenministers. Neuer Wirtschaftsminister wurde Hermann Warmbold, ein Vorstandsmitglied der I.G. Farbenindustrie AG, des größten europäischen Chemieunternehmens. Weitere Großindustrielle einzubinden mißlang jedoch, so daß rechte Kreise die Neuformierung der Regierungsmannschaft als eine »Notlösung« bewerteten.

»Gesinnungsgemeinschaft«

Der das Harzburger Treffen vorbereitende Arbeitsausschuß hielt die Kabinettsumbildung für völlig unzureichend. Sein deutschnationales Mitglied, der Reichstagsabgeordnete Otto Schmidt aus Hannover, erklärte in der Presse, man könne trotz dieser »Rechtsverlegung (…) in Ruhe zur Tagesordnung übergehen«. Im Klartext bedeutete dies, auf keinen Fall vom Kurs auf eine Radikallösung sowohl in der Innen- als auch in der Außenpolitik abgehen zu wollen. Pathetisch klang hingegen die Formulierung, das Treffen werde »lebendiger Ausdruck eines Kräftestromes« sein, der nicht aufgehalten werden könne. Stolz berichtete Schmidt von neuen Zusagen zur Teilnahme, wodurch sogar »die durch die Raumverhältnisse leider gezogenen Grenzen« weit überstiegen würden. Man wolle keine neuen Organisationsformen, auch keine neue »Arbeitsgemeinschaft« schaffen, sondern eine »geschlossene Front«, die »nach einem einheitlichen Plan unter Ausschaltung aller Kompetenz- und Führerstreitigkeiten« als Grundlage der angestrebten neuen Regierung zu wirken habe. Man sprach von einer »politischen Gesinnungsgemeinschaft«, die alle Brücken zur Sozialdemokratie abbreche. Deren Politik des »kleineren Übels« sah man im Grunde schon für überflüssig und hinderlich an. Es sei »ein Ding der Unmöglichkeit, daß bewußt konservative Gruppen und Marxisten sich in der ›schöpferischen Synthese‹ Brünings zusammenfinden«, hieß es. Damit folgte man der Linie, die der RDI bei Beginn der Weltwirtschaftskrise vorgegeben hatte: Bruch jeglicher Zusammenarbeit mit SPD und Gewerkschaften.

Jene Intentionen, welche die NSDAP mit ihrer Beteiligung am Treffen der stockreaktionären Kreise verfolgte, benannte Joseph Goebbels am 9. Oktober 1931 im Berliner Sportpalast: Sinn der angekündigten Tagung in Bad Harzburg sei ein »grundlegender Systemwechsel« und die Bildung einer neuen Regierung, und in dieser werde seine Partei als größte Kraft in der »Widerstandsfront« für sich die Führung beanspruchen. Das Ziel heiße schärfste Opposition gegen die Regierung, endgültiger Sturz des Kabinetts und Machtübernahme durch die nationale »Aufmarschfront«. Offen bezeichnete er das Harzburger Treffen als »Kriegserklärung« an die Adresse der bestehenden Reichsregierung.

Nazipartei wird salonfähig

Im Vorfeld der Zusammenkunft zeigte sich, daß einer ganzen Reihe von Großunternehmern und Großgrundbesitzern, Generälen der Reichswehr und Monarchisten die Entwicklung nach rechts weder schnell noch weit genug ging. Seit dem Frühjahr, verstärkt ab Sommer 1931 forderten sie eine abrupte Hinwendung zu einer autoritären Diktatur. Unter der Parole »Unternehmer an die Front!« verlangten sie von ihresgleichen auf allen Gebieten mehr politische Aktivitäten, um die Regierungspolitik rigoros auf ihren Kurs festlegen zu können. Ganz in diesem Sinne gestalteten sich die Verbindungen zwischen den NSDAP-Führern und Angehörigen des Finanz- und Industriekapitals, des großen Grundbesitzes und zur Militärkaste immer enger. So konnte die Partei nunmehr, anders als noch zur Zeit des Volksbegehrens gegen den Young-Plan, vollständig gleichberechtigt auftreten. Gleichsam geadelt durfte sich Hitler fühlen, als er unmittelbar vor seiner Fahrt nach Bad Harzburg erstmalig vom Reichspräsidenten zu einem Gespräch empfangen worden war.

Weder das terroristische Auftreten noch das rassistisch-antisemitische Gebaren der NSDAP und erst recht nicht ihre Mitwirkung an der »Harzburger Front« hinderten Großindustrielle, sich für diese zu engagieren. An den Beratungen und Kundgebungen des 11. Oktober beteiligten sich einige bekannte wie auch weniger prominente Generaldirektoren und Direktoren aus Bergbau und Hüttenwesen, der Kali- und der Werftindustrie; andere stimmten zwar mit den Ideen der Organisatoren überein, zeigten sich aber nicht bereit, dies auch öffentlich zu bekunden. Möglicherweise befürchteten sie, Brüning werde seine Drohung wahr machen und im Falle seines Sturzes pikante Details aus dem Innenleben von Großindustrie und Bankwesen publizieren. Vertreten waren ferner der ehemalige Präsident der Reichsbank, Hjalmar Schacht, und der Bankier Emil Georg von Stauß, die Generale Hans von Seeckt, Rüdiger Graf von der Goltz und Walther Freiherr von Lüttwitz, der Hohenzollernprinz Eitel Friedrich von Preußen sowie eine Reihe von Großagrariern und Funktionären des Reichslandbundes.

Heerschau der »Nationalen«

So vorbereitet und werbetechnisch perfekt inszeniert versammelte sich in Bad Harzburg die größte Schar der politischen Rechten, die man jemals öffentlich beisammen gesehen hatte. Das Treffen begann mit einer Kundgebung und der Parade mehrerer paramilitärischer Formationen – 2000 Mann aus der SA und 3000 Stahlhelmer. Als erstere die Tribüne passiert hatten, verließ Hitler diese und nahm auch nicht am gemeinsamen Mittagessen teil. Am Nachmittag drängten sich die Teilnehmer im großen Saal des Harzburger Kurhauses dicht an dicht, wie die Presse berichtete. Auch in den benachbarten Räumen lauschten Hunderte Gäste den Tiraden der Redner. Im Hause habe ein geradezu lebensgefährliches Gewühl geherrscht, vor allem als die Führer von DNVP und NSDAP den Saal betraten und dort von sich immer wiederholenden Rufen »Heil Hugenberg!« bzw. »Heil Hitler!« begrüßt wurden. Diese Ovationen hätten etwa zehn Minuten lang gedauert. Geredet wurde danach viel, wobei inhaltliche Unterschiede kaum zu erkennen waren, gleich ob da Hugenberg, Hitler, die Stahlhelm-Vorsitzenden Franz Seldte und Theodor Duesterberg, Graf Eberhard von Kalckreuth vom Reichslandbund, Schacht, der Vorsitzende des Alldeutschen Verbandes, Heinrich Claß, oder ein weiterer Graf, Rüdiger von der Goltz, der die Vereinigten Vaterländischen Verbände Deutschlands führte, auftraten.

Allen in ihrer Kritik an Brüning regelrecht wetteifernden Rednern galt stürmischer Applaus. Den erhielt in hohem Maße Hitler, vor allem aber Schacht, der allein mit seinem unangekündigten Erscheinen und seinem Vortrag großes Aufsehen erregte. Nach seiner Aussage diene die deutsche Währung nur noch dazu, »die Illiquidität unserer Finanzinstitute und der öffentlichen Hand zu verbergen«. Es gelte, so bekannte er, »grundsätzliche« Fehler des Systems zu kritisieren, »anstatt bei den einzelnen Tatsachen unseres Elends zu verweilen«.

Die Entschließung, die feierlich in Harzburg angenommen und entsprechend bejubelt wurde, beschrieb apokalyptisch die Lage des Reiches. Die Regierungen und der Staatsapparat hätten versagt »gegenüber dem Blutterror des Marxismus, dem fortschreitenden Kulturbolschewismus und der Zerreißung der Nation durch den Klassenkampf«, sie hätten gegenüber dem Ausland eine »Politik der Unterwürfigkeit« betrieben und Deutschland politisch, wirtschaftlich und militärisch »entmannt«. Hindenburg wurde beschworen, in »letzter Stunde durch Berufung einer wirklich nationalen Regierung den rettenden Kurswechsel« herbeizuführen: »Nur der starke nationale Staat kann das Leistungsprinzip in jeder Form verwirklichen und die zur Herbeiführung einer wahren Volksgemeinschaft notwendigen sozialen Maßnahmen durchführen.« Am Ende hieß es vielsagend: »Wir verlangen von allen Volksgenossen Pflichterfüllung und Opfer.«

Vom Kompagnon zum Favoriten

Die Schlachtordnung gegen die Weimarer Republik, gegen das Kabinett Brüning und die deutsche Arbeiterbewegung schien hergestellt, wenngleich noch nicht bis ins einzelne. Denn nichts konnte eine Tatsache verdecken: NSDAP und DNVP hatten sich weder über Führung und Zusammensetzung des Kabinetts noch über dessen Programm geeinigt. Da aber weder die Konservativen noch die Nazis eine Chance sahen, auf eigene Faust voranzukommen, ließ sich absehen, daß über alle Meinungsverschiedenheiten hinweg sich die Verständigungsversuche wiederholen würden. Hitler und die Seinen waren auf dem besten Wege, in diesem gemeinsamen Konzert die erste Geige zu spielen, sich vom Juniorpartner und Kompagnon zum Favoriten zu mausern. Für die NSDAP sprach, daß sie über eine im großen und ganzen einheitliche Parteispitze verfügte und zunehmend einen Massenanhang aufbieten konnte, während Person und Politik Hugenbergs auch in der DNVP umstritten waren und deren Partei- und Wählerbasis stagnierte. Allerdings konnten die deutschnationalen Führer noch darauf vertrauen, in der deutschen Gesellschaft und quer durch alle Oberschichten als die politische Kraft zu gelten, deren Haltung zu Tradition, Macht, Eigentum, Privilegien keinem Zweifel unterlag, und daß sie nicht nur die älteren, sondern auch die vertrauteren Beziehungen zu Hindenburg und den Militärkreisen besaßen. Daher beanspruchten sie ehrgeizig und hochmütig die Führungsrolle. Sie glaubten, Hitler und seine Partei als ihre Hilfskräfte in Dienst nehmen zu können. Allerdings wies das Zustandekommen der zeitweiligen antirepublikanischen Einheitsfront am 11. Oktober 1931 stärker als jedes Ereignis vorher darauf hin, daß die äußersten Rechtskräfte sich energisch und mit wachsenden Erfolgsaussichten an die Regierung zu drängen verstanden.

Keine Woche war seit der Kundgebung in Harzburg vergangen, als in Braunschweig 100000 SA-Leute aufmarschierten. Sie fielen in proletarische Viertel ein, töteten drei Arbeiter und verletzten 70 schwer. Die blutige Demonstration unterstrich noch einmal den Führungsanspruch der NSDAP innerhalb der Opposition. Aus dem Treffen in Harzburg, so erklärte ein Naziführer bei einer Veranstaltung in der Berliner »Neuen Welt«, könne nicht geschlossen werden, daß »Hitler mit Hugenberg Hand in Hand gehe«. Erneut wurden die angeblich grundlegenden Differenzen zwischen NSDAP und DNVP »auf sozialem Gebiete« hervorgekehrt und die eigene Partei als Kraft des Fortschritts hingestellt. Als deutschnationale Blätter die NSDAP-Führer der Untreue bezichtigten und Meldungen über Verhandlungen zwischen der NSDAP und dem Zentrum verbreiteten, dementierte Hitler dies nicht nur, sondern erklärte, das System werde durch die NSDAP und nicht durch die DNVP gestürzt werden. Wechselseitig beschuldigten sich die Harzburger Partner, am Zerfall der Front schuld zu sein.

Dennoch markierte das Treffen von Bad Harzburg eine neue Phase im Ringen der Reaktion um die Aufhebung sozialer und demokratischer Rechte, um die Zerstörung der geltenden bürgerlich-demokratischen Verfassungsordnung. Trotz aller Konkurrenz untereinander (sie wird von einigen Geschichtsschreibern zu Unrecht, aber gern und mit entsprechenden Hintergedanken in den Vordergrund gehoben) verbündeten sich die großen Parteien der deutschen Rechten erneut und leiteten schließlich am 30. Januar 1933 als »Regierung der nationalen Konzentration« den schrecklichsten Teil deutscher Geschichte ein.

»Im Gleichschritt zur Diktatur« – so lautet treffend der Titel einer Ausstellung, die seit Februar 2009 in der Wandelhalle des Bad Harzburger Kurbetriebes an den 11. Oktober 1931 erinnert. Sie wurde im Juli 2011 teilweise zerstört.

Aus den Quellen:

Aus dem Artikel »Vor dem Bankrott«, verfaßt von Heinz Pol und veröffentlicht in Die Weltbühne vom 9. Dezember 1930:

»Der Zusammenbruch der Demokratie in Deutschland geht mit einer Schnelligkeit vor sich, die im direkten Zusammenhang mit der Brüchigkeit des Systems steht: die Verfassung von Weimar, die Errungenschaften der Revolution, der sogenannte republikanische Gedanke – alle diese Dinge waren unmittelbar abhängig und lebten nur von der Gnade oder Uneinigkeit ihrer Gegner. Die Demokratie stirbt dahin, weder in Schönheit noch etwa unmerklich, sondern in aller Öffentlichkeit, auch von den Dümmsten bemerkt. Das Unheil, auf das man zwölf Jahre wartete – jetzt tritt es durch die Tür.«

Aus einem Brief des sächsischen NSDAP-Gauleiters Martin Mutschmann an den Fabrikbesitzer Fritsche:

»Lassen Sie sich doch nicht immer durch die Schlagworte ›Nieder mit dem Kapitalismus!‹, die wir auf unsere Plakate schreiben, verwirren. Diese Schlagworte sind notwendig. Sie müssen wissen, mit der Losung ›Deutschnational oder National‹ allein würde es nie möglich sein, unser Ziel zu erreichen. Wir müssen die Sprache der verbitterten sozialistischen Arbeiter sprechen, sonst werden sich diese nie bei uns zu Hause fühlen. Aus diplomatischen Gründen können wir nicht mit unserem wirklichen Programm herauskommen, ohne dessen Durchführung von vornherein unmöglich zu machen.«

Aus einer Rede des Aufsichtsratsvorsitzenden der I.G. Farbenindustrie AG, Carl Duisberg, vor Mitgliedern der Industrie- und Handelskammer am 23. Juni 1931 in Düsseldorf:

»Kommt nun ein Mann, der bewiesen hat, daß er keine Hemmungen hat, und der gesonnen ist, den Geist der Frontgeneration in friedlicher Befreiungsarbeit einzusetzen und zu verwirklichen, so muß diesem Mann auch unbedingt Folge geleistet werden.«

Aus der Rede Alfred Hugenbergs vom 11. Oktober 1931:

»Was Arbeitslosigkeit der industriellen Völker heißt, weiß jetzt die ganze Erde. Ihr wird der erste große Kampf der regierenden Nationalen Opposition gelten. Die Arbeitslosigkeit hängt eng mit dem zweiten Weltkrieg zusammen, den ein irregeleitetes internationales Kapital heute gegen das nationale Kapital und die nationale Volkswirtschaft der ganzen Welt führt. Da der Brennpunkt dieses Krieges Deutschland ist, kann die Erlösung von der Geißel der Arbeitslosigkeit nur von Deutschland aus kommen. Sie kann auch, da der andere treibende Grund der deutschen Arbeitslosigkeit der Marxismus ist, nur von den Gegnern des Marxismus, nur von der deutschen Nationalen Opposition kommen.«

Aus der Rede Hjalmar Schachts:

»Ich überlasse es Ihnen zu urteilen, wohin ein marxistisches Gewerkschaftssystem zu klassifizieren ist, welches ohne Rücksicht auf den Erfolg der Wirtschaft seine Ansprüche mit politischen Mitteln durchzusetzen sucht. Es bedarf einer grundsätzlichen Umstellung in unserem Volke dahin gehend, daß jeder einzelne, wo immer im Produktionsprozeß er steht, verantwortlich ist für den Erfolg des Ganzen. Wenn das Wort Demokratie überhaupt noch einen Sinn haben soll, so bedeutete es die Einordnung des einzelnen, Unternehmers wie Arbeiters, unter die große Forderung des Gemeinnutzes.«

Aus einem Vortrag von Peter Schyga, Vorsitzender des Vereins Spurensuche Harzregion e.V., zur Ausstellung »Im Gleichschritt zur Diktatur« (20.1.2011):

»Die Terror- und Vernichtungsdynamik startete nicht in Bad Harzburg, doch ihre Wurzeln waren hier geerdet, die inneren Triebkräfte ihrer Akteure wurden hier geweckt (…) Hier wurde der Knoten gelöst, der latente Einstellungen und Ansichten im Privaten, am Stammtisch, im Kriegerverein, bei irgendwelchen Weihen gefangenhielt. Bad Harzburg bewirkte, daß schwelende antidemokratische und antirepublikanische Einstellungen und Verhaltensmuster sich Raum verschaffen konnten hin zur bedingungslosen Unterstützung der Nationalsozialisten.«

Im August erschien von Manfred Weißbecker im PapyRossa Verlag: Das Firmenschild: Nationaler Sozialismus. Der deutsche Faschismus und seine Partei 1919 – 1946, Köln 2011, 218 S., 14,90 Euro. Der Band enthält zahlreiche Texte, die erstmals in jW erschienen sind

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