27. Juni 2012

Gerechtigkeit und Freiheit

Historischer Beitrag zum Sieg über Hitlerdeutschland: Italienische Widerstandskämpfer in Venedig im April 1945. Die Aktionspartei stellte 198 Partisanenbrigaden - Quelle: Wikipedia

Vor 70 Jahren formierte sich in Italien die Widerstandgruppe Giustizia e Libertà zur Aktionspartei

Gerhard Feldbauer

Im Juni dieses Jahres wird in Italien an Geschehnisse vor 70 und 75 Jahren erinnert. In den Junitagen 1942 (das Datum ist nicht genau überliefert) ging aus der antifaschistischen Widerstandsgruppe Giustizia e Libertà (Gerechtigkeit und Freiheit, GeL) die Aktionspartei (Partito d’Azione, PdA) hervor.

Und am 9. Juni wird zweier tapferer Antifaschisten, der Brüder Carlo und Nello Rosselli, gedacht, die als Teilnehmer an der Verteidigung der Spanischen Republik 1937 von Mussolinis Geheimdienst ermordet wurden. Carlo war Mitbegründer und Vorsitzender der im Jahr 1929 gegründeten GeL gewesen.

Die 1899 bzw. 1900 geborenen Söhne einer jüdischen Familie aus Florenz beteiligten sich seit der Ermordung des Sozialistenführers Giacomo Matteotti durch Benito Mussolini 1924 aktiv am antifaschistischen Widerstand. Carlo studierte in den 1920er Jahren in Italien Politik- und Rechtswissenschaften, Nello Geschichte. Carlo gab längere Zeit die Zeitschrift Non mollare (dt.: Nicht locker lassen) heraus. Die Brüder lernten führende Sozialisten wie Pietro Nenni, Sandro Pertini und Emilio Lussu kennen, mit denen sie 1927 die Flucht des Mitbegründers und langjährigen Führers der Sozialistischen Partei (ISP) und Reformsozialisten, Filippo Turati, nach Frankreich organisierten. Dabei wurden beide verhaftet, Nello zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt, Carlo zusammen mit Lussu auf der Strafinsel Lipari inhaftiert, von wo aus ihnen 1929 die Flucht nach Frankreich gelang.

In Paris gründete Carlo Rosselli am 27. Juli 1929 mit Lussu sowie den Sozialisten Gaetano Salvemini und Ciana Tarchiani die Giustizia e Libertà, die ihn zum Leiter wählte. Das Entstehen der Gruppe war Ausdruck des von der Kommuistischen Partei Italiens (IKP) ausgehenden sich formierenden antifaschistischen Widerstandes der Arbeiterbewegung, der erhebliche kleinbürgerliche Schichten sowie Angehörige der Intelligenz anzog, darunter Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler: Alberto Moravia, der bereits 1929 mit seinem Roman »Die Gleichgültigen« den moralischen Niedergang der bürgerlichen Gesellschaft angeprangert hatte, veröffentlichte 1935 mit »Gefährliches Spiel« Satiren auf den Faschismus. Von Cesare Pavese erschienen unter dem Titel »Arbeit macht müde« aufrüttelnde Gedichte. Elio Vittorini schrieb über die Unterdrückung der Bevölkerung auf Sizilien. Renato Guttuso schuf das Gemälde »Erschießung«, das er dem von den Franco-Faschisten 1936 ermordeten spanischen Dichter Federico Garcia Lorca widmete. Der Bildhauer Giacomo Manzù trat dem Mailänder Kreis antifaschistischer Künstler bei, der die Zeitschrift Corrente herausgab.

Vinceremo – wir werden siegen

In der Giustizia e Libertà schlossen sich Sozialisten und liberale Demokraten zum antifaschistischen Kampf zusammen. Carlo Rosselli gab das gleichnamige Journal der GeL, zunächst als Vierteljahreszeitschrift, dann als Wochenausgabe heraus. Es erschien unter der Losung »Non vinceremo in un giorno, ma vinceremo« (»Wir werden nicht an einem Tag siegen, aber wir werden siegen«). Die Zeitschrift wurde illegal auch in Italien verbreitet. Die Gruppe trat für die Einheit aller antifaschistischen Kräfte unterschiedlicher politischer Ansichten und für eine sozialistische Orientierung ein. Eine Mitarbeit in der 1927 von Reformsozialisten, Liberalen und Republikanern gegründeten Concentrazione antifascista brach die GeL bald wieder ab, da diese im Gegensatz zu ihr eine Zusammenarbeit mit der Kommunistischen Partei ablehnte. 1930 organisierte Carlo den spektakulären Flug der Piloten Giovanni Bassanesi und Gioacchino Dolci, die am 11. Juli vom Schweizer Tessin aus mit einem Sportflugzeug starteten und über Mailand Flugblätter abwarfen, die zum Widerstand gegen das Mussolini-Regime aufriefen. Danach bildete die GeL mehrfach illegale Gruppen in Italien, die jedoch von der Polizei aufgedeckt wurden.

Nach dem Putsch vom Juli 1936 gegen die Volksfrontregierung in Spanien schickte der »Duce« dem »Gaudillo« Francisco Franco ein Interventionskorps von 120000 bis 150000 Mann mit Hunderten von Kampfflugzeugen und Panzern. Etwa 3300 Italiener gingen nach Spanien, um die Republik gegen die von Hitler und Mussolini unterstützten Franco-Faschisten zu verteidigen. Carlo und Nello Rossellli trafen bereits im August 1936 in Spanien ein. Hier gehörten sie zu den Initiatoren der von italienischen Antifaschisten gebildeten Einheit »Giustizia e Libertà« bzw. der nach ihnen benannten »Kolonne Rosselli«. Als eine der ersten Einheiten der Internationalen Brigaden formierte sich Ende Oktober das nach dem Nationalhelden aus dem Risorgimento Giuseppe Garibaldi benannte Bataillon der italienischen Antifaschisten. Während der Verteidigung von Madrid prägte Carlo in einer Rede auf Radio Barcelona am 13. November 1936 die für den Kampf der italienischen Antifaschisten prophetische Losung »Heute in Spanien, morgen in Italien«. Sie wurde zum Schwur, mit dem die Garibaldiner in den Kampf zogen und dazu beitrugen, die Faschisten vor der Hauptstadt aufzuhalten und ihnen im März 1937 bei Guadalajara eine empfindliche Niederlage beizubringen.

Hinterhältige Mordtat

Der Sieg bei Guadalajara, wo vor allem das italienische Interventionskorps eingesetzt wurde, erhielt eine besondere Bedeutung (siehe »Erbitterte Schlacht«, jW vom 17./18. März 2012). Der »Duce« hatte persönlich in einem Befehl gefordert, die Schlacht müsse »unbedingt mit dem Sieg gekrönt werden«. Die Garibaldiner trafen direkt auf die Truppen Mussolinis und forderten ihre Landsleute zum Überlaufen auf. Von den 60000 Mann des Korps fanden ein Drittel den Tod oder wurden gefangengenommen. Den Antifaschisten in Italien gab das die doppelte Zusicherung, daß die Flamme des Widerstandes noch brannte und die Macht des Faschismus nicht unüberwindbar war. Das Wirken der GeL für eine antifaschistische Einheit rief den besonderen Haß des »Duce« hervor. Als Carlo und Nello sich zur Behandlung einer Verwundung in dem französischen Badeort Bagnoles-de-l’Orne (Normandie) befanden, ließ er sie durch Agenten seines Geheimdienstes in Zusammenarbeit mit dem französischen faschistischen Geheimbund Cagoule (Die Maske) am 9. Juni 1937 hinterrücks ermorden.

Seit der Überfall Mussolinis auf Griechenland 1940/41 scheiterte und im Mai 1941 mit der Kapitulation der italienischen Truppen in Ostafrika dort das Kolonialreich zusammenbrach, wurde das Scheitern der italienischen Expansionskriege deutlich. Die fast völlige Vernichtung der 230000 Mann der Armata Italiana in Russia (ARMIR), die Rom zur Unterstützung der bereits angeschlagenen deutschen Wehrmacht geschickt hatte, im Dezember 1942 in der verschneiten Donez-Steppe und die Kapitulation der 250000 zur Hälfte aus Deutschen und Italienern bestehenden Heeresgruppe Afrika am 13. Mai 1943 bei Tunis leiteten die Krise des Mussolini-Regimes ein. Mit der Landung der Alliierten am 9. Juli 1943 auf Sizilien brach sie offen aus und führte zwei Wochen später zur Palastrevolte und dem Sturz des »Duce«.

Angst vor dem Volksaufstand

Die Palastrevolte erfolgte unter dem Einfluß der sich formierenden antifaschistischen Bewegung durch realistisch denkende Kreise der herrschenden Klasse bis hin zu Großbourgeoisie, Königshaus und führenden Militärs. Sie waren 20 Jahre Träger der Mussolini-Herrschaft, wollten aber nun, angesichts der sich abzeichnenden Niederlage der faschistischen Achse, sich nicht in diese hineinziehen lassen. Außerdem befürchteten sie, der von den Kommunisten und Sozialisten dominierte antifaschistische Widerstand könnte das Regime in einem Volksaufstand stürzen.

Denn über mehrere Stadien war auf Initiative der IKP im Herbst 1942 ein Komitee der verschiedenen antifaschistischen Strömungen entstanden. Nach dem Sturz Mussolinis im Juli 1943 und der Okkupation Nord- und Mittelitaliens durch Hitlerdeutschland am 8. September konstituierte es sich einen Tag später als Comitato di Liberazione Nazionale (CLN), dem alle Parteien der Opposition, von den Kommunisten, Sozialisten und den Aktionisten bis zu den Republikanern und den vor allem großbürgerliche Kreise vertretenden Liberalen und der Democrazia Cristiana (DC), beitraten.

In diesem Prozeß spielte die GeL eine aktive Rolle. Im Juni 1942 hatte sie sich unter Ferruccio Parri zur Aktionspartei formiert. Parri wurde zu ihrem Vorsitzenden gewählt. Mit »Aktionspartei« wurde der Parteiname der revolutionären Demokraten unter Giuseppe Mazzini und Giuseppe Garibaldi in der italienischen Revolution von 1948/49 gewählt. Die PdA wurde zu einem Sammelbecken radikaler kleinbürgerlicher Demokraten und Intellektueller, die sich mehrheitlich den politischen Ansichten der durch ein Aktionseinheitsabkommen verbundenen Kommunisten und Sozialisten annäherten. Die PdA trat für die Beseitigung der faschistischen Herrschaft und ihres Trägers, der Monarchie, sowie für eine Republik auf radikal-demokratischer Grundlage ein, forderte die Nationalisierung der großen Monopole des Industrie- und Finanzkapitals, eine progressive Besteuerung und die Vertretung der Arbeiterinteressen durch Betriebsräte. Zu ihren Mitgliedern gehörten Persönlichkeiten wie der Republikaner Ugo La Malfa und der Philosoph und Historiker Norberto Bobbio. Ein starker linker Flügel trat für die Orientierung auf eine sozialistische Gesellschaft ein. Die PdA gab die illegale Parteizeitschrift L’Italia Libera heraus.

Bedeutende Rolle

Die PdA schloß sich dem von der IKP entworfenen Aufruf des Nationalen Befreiungskomitees zum bewaffneten Kampf gegen das Besatzungsregime Hitlerdeutschlands an. Zusammen mit Luigi Longo von der IKP und Sandro Pertini von der ISP widmete sich Parri sofort dem Aufbau von Partisaneneinheiten. Nach 575 von der IKP aufgestellten Garibaldi-Brigaden stellte die PdA mit 198 Brigaden der Guistizia e Libertà den zweitgrößten Anteil des Truppenkontingents der Armee. Unter dem Kommando der ISP standen 70 Matteotti-Brigaden, 181 waren vor allem auf die DC ausgerichtet. Longo und Pertini waren gleichberechtigte Befehlshaber der Partisanenarmee.

Die PdA trat im April 1944 der nach dem Sturz des »Duce« von Marschall Pietro Badoglio gebildeten Regierung bei, die auf die Seite der Antihitlerkoalition übergetreten war und Deutschland den Krieg erklärt hatte. Diesen Schritt gingen auf Initiative der IKP alle Parteien des CLN, was dem Kabinett den Charakter einer antifaschistischen nationalen Einheitsregierung verlieh (Wende von Salerno). Die PdA übernahm in der Regierung die Ressorts für nationale Bildung und für öffentliche Arbeit. Nach der Einnahme Roms am 4. Juni 1944 setzte das CLN die Abdankung von Vittorio Emanuele III. durch, dem aber gestattet wurde, den Kronprinzen Umberto bis zum nach Kriegsende vorgesehenen Referendum über die Staatsform als Statthalter einzusetzen. Gleichzeitig wurde Badoglio zum Rücktritt gezwungen und der Liberale Ivanhoe Bonomi zum Ministerpräsidenten berufen. Seine Ernennung erfolgte durch das CLN, womit die bisherigen Rechte des Monarchen, darunter generell auch die Funktion des Staatsoberhauptes, dem Statthalter verwehrt wurden. Mit der »Wende von Salerno« wurden die reaktionären Pläne zur Konservierung der faschistischen Machtstrukturen vereitelt.

Die bedeutende Rolle der Aktionspartei im nationalen Befreiungskrieg gegen Hitlerdeutschlands verdeutlichte die Wahl Ferruccio Parris zum Vorsitzenden des Befreiungskomitees für Nord­italien (CLNAI). Das Komitee übernahm mit dem Beginn des bewaffneten Aufstandes am 25. April 1945 als Organ des antifaschistischen Einheitskabinetts alle Regierungsvollmachten. Zusammen mit Giancarlo Pajetta von der IKP gehörte Parri der Delegation des CLNAI an, die am 7. Dezember 1944 mit General Maitland Wilson als Beauftragtem der Alliierten das »Römische Protokoll« zur Herstellung von Beziehungen zwischen dem Generalkommando aller Partisanen und dem angloamerikanischen Kommando unterzeichnete. Der Abordnung gehörten weiter je ein Vertreter der DC und der Liberalen an. Wichtigstes Ergebnis war, daß die Abordnung die Anerkennung des CLNAI als Organ der antifaschistischen Einheitsregierung mit allen entsprechenden Vollmachten durchsetzte. Das bildete dann die Grundlage dafür, daß in den im Ergebnis des bewaffneten Aufstands befreiten Städten Norditaliens antifaschistischen Komitees sofort als Regierungsorgane aktiv zu werden vermochten, das CLNAI das Kriegsrecht ausrufen konnte und seine Tribunale in der Lage waren, Urteile gegen Faschisten, darunter Mussolini, zu verhängen, die auch vollstreckt wurden. Dafür mußte die CLNAI-Delegation allerdings zustimmen, »sämtliche Weisungen des Oberkommandierenden der alliierten Streitkräfte in Italien auszuführen«.

Kapitulation der Faschisten

Des weiteren forderte das Alliierte Kommando, alle Partisanenformationen nach Kriegsende zu demobilisieren. Während IKP, ISP und PdA das ablehnten, waren die bürgerlichen Vertreter dafür. Das CLNAI stimmte dem Protokoll auf der Grundlage einer von Pajetta eingebrachten Bedingung, daß die Partisanen in »reguläre Streitkräfte« eingegliedert würden, schließlich zu. Die Forderung konnte nach dem Sieg über den Faschismus jedoch nicht durchgesetzt werden.

Mit dem Aufruf des CLNAI zum bewaffneten Aufstand am 25. April 1945 setzte sich Parri über die Forderung des Alliierten Kommandos, das jegliche diesbezügliche Aktivitäten strikt untersagte, hinweg. Zu diesem Zeitpunkt setzte die Partisanenarmee zum Angriff auf Mailand an, während die alliierten Truppen sich erst auf das rund 300 km südwestlich liegende Bologna vorkämpften. Die Partisanen befreiten an die 200 Städte, darunter alle Großstädte Norditaliens. Mailand wurde nach schweren Kämpfen am 27. April eingenommen, fünf Tage vor dem Eintreffen der Alliierten am 2. Mai. In den befreiten Städten nahmen die örtlichen Komitees des CLNAI sofort ihre Arbeit als revolutionäre Machtorgane auf. In den Fabriken, die von den Unternehmensleitungen verlassen worden waren, bildeten Kommunisten, Sozialisten und Aktionisten Fabrikräte, welche die Leitung der Produktion übernahmen. Auf Weisung Parris griff die Partisanenarmee zwischen Piemont und Venetien auf einer Breite von über 400 Kilometern die Stellungen der Wehrmacht an, deren Truppen in Stärke von noch 19 Divisionen zwischen Friuli und Carnia konzentriert waren. Am Fluß Piave legte das X. Panzerkorps die Waffen nieder. Insgesamt ergaben sich bis zum 2. Mai über 200000 deutsche Soldaten den Partisanen. Die Gefangenen wurden nach dem Eintreffen der alliierten Truppen diesen übergeben. In allen Fällen hatten die Partisanenkommandeure auch hier einer Forderung des Alliierten Kommandos zuwider gehandelt, Wehrmachtsangehörige nicht gefangenzunehmen, sondern in den Stellungen zu verharren und auf das Eintreffen der alliierten Truppen zu warten.

Als das Kommando der Wehrmacht in Italien vor dem Alliierten Kommando mit Wirkung vom 2. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation unterzeichnete, hatte das antifaschistische Italien zu diesem Sieg über Hitlerdeutschland und die Mussolinifaschisten einen historisch bedeutsamen Beitrag geleistet. Im CLN bestand Konsens jedoch nur im Kampf gegen das Besatzungsregime der deutschen Faschisten und hinsichtlich der Wiedererlangung der nationalen Unabhängigkeit. Als dieses Ziel erreicht war, brach das Bündnis nach und nach auseinander. Es begann, wie Lenin es genannt hatte, die Umgruppierung der Klassenkräfte. Die Großbourgeoisie und die Monarchisten, vertreten durch die DC und die Liberalen, die sich, unterstützt von der US-amerikanischen Besatzungsmacht, auch bald der Faschisten bedienten, lehnten eine von den Linken (IKP, ISP und PdA) verfolgte antifaschistische, antiimperialistische, revolutionär-demokratische Umgestaltung zur Beseitigung der politischen und sozialökonomischen Grundlagen des Faschismus entschieden ab. Das geschah, obwohl die Linken einschließlich der IKP einen parlamentarischen Weg einschlugen.

IKP auf Kompromißkurs

Im Juni 1945 gelang es den Linken, Ministerpräsident Ivanhoe Bonomi zum Rücktritt zu zwingen. Die DC lehnte den Sozialisten Pietro Nenni ab und benannte stattdessen Alcide De Gasperi, den wiederum die Linken nicht akzeptierten. Diese setzten dann die Berufung von Parri durch. Um die antifaschistische Einheitsregierung zu erhalten, ging die IKP, oft im Gegensatz zu ISP und PdA, schwerwiegende Kompromisse ein. Sie stimmte der Auflösung der Partisanenverbände zu; ebenso der Amtsenthebung der örtlichen Befreiungskomitees als Regierungsorgane. Das bedeutete, daß die eingeleiteten revolutionär-demokratischen Prozesse gestoppt und generell rückgängig gemacht wurden. Palmiro Togliatti (IKP) stimmte als Justizminister der Auflösung des »Hohen Kommissariats zur Verfolgung der Regimeverbrecher« und einer sogenannten Amnestie der »nationalen Versöhnung« zu. Die IKP akzeptierte, der verfassungsgebenden Versammlung keine Gesetzgebungsvollmachten zu übertragen, sondern diese bei der Regierung zu belassen.

Als im November 1945 DC und Liberale mit dem Rücktritt ihrer Minister eine Regierungskrise provozierten, trat Parri am 24. November als Ministerpräsident zurück. Um die Auseinandersetzungen im CLN vor den Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung nicht zuzuspitzen, stimmten die Linken am 10. Dezember der Berufung De Gasperis zum neuen Regierungschef zu. Auf dem Kongreß der PdA im Februar 1946 stellte der sozialistische Flügel die Mehrheit der Delegierten, worauf sich eine republikanisch-liberale Fraktion formierte. Bei den Wahlen zur Constituente am 2. Juni 1946 erreichte die PdA nur 1,5 Prozent der Stimmen. Im Juli 1947 löste sich die Partei angesichts einer fehlenden Massenbasis auf. Der Mehrheitsflügel trat unter Emilio Lussu der ISP bei, die Minderheit schloß sich unter Ugo La Malfa den Republikanern an. La Malfa übernahm mehrmals Ministerposten in der Regierung De Gasperi und wurde 1965 bis 1975 Vorsitzender der Republikaner.

Gerhard Feldbauer arbeitet als freiberuflicher Publizist. Er hat zahlreiche Bücher und Aufsätze zu Geschichte und Politik in Italien veröffentlicht, zuletzt: Wie Italien unter die Räuber fiel. Und wie die Linke nur schwer mit ihnen fertig wurde, PapyRossa Verlag, Köln 2012

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