10. Dezember 2011

Germany first

Hitler während seiner Rede zur Kriegserklärung an die Vereinigten Staaten im deutschen Reichstag (Berlin, 11. Dezember 1941) - Quelle: Bundesarchiv/Bild 183 - B06278

Deutschlands Kriegserklärung an die USA am 11. Dezember 1941

Kurt Pätzold

Die Bilanz des zu Ende gehenden Jahres 1941 war für die Führung des Reiches und den Diktator Hitler, mochten sie sich das eingestehen oder nicht, negativ. Anders als in den Jahren vorher war der Kriegsplan gescheitert. Dieser hatte vorgesehen, daß bis zum Einbruch des Winters der sowjetische Staat zerschlagen und dessen übriggeblienen Armeeeinheiten auf das Terrain jenseits des Ural abgedrängt und unfähig sein würden, noch irgendeine militärische Rolle zu spielen. Der vollständige Sieg im Osten sollte die Kräfte der Wehrmacht, die sich nun zusätzlich auf die geraubten Quellen würde stützen können, für die Konzentration des Krieges gegen Großbritannien an allen Fronten frei machen: im Luftkrieg, dem zur See und dort, wo sich Landarmeen schon gegenüberstanden oder noch aufeinander stoßen würden. Das war in Nordafrika und im Vorderen Orient der Fall, und dort insbesondere im Irak, in den britische Truppen vorgedrungen waren.

Dieser Plan war Makulatur. Die deutschen Truppen waren zwar bis Moskau und Leningrad vorgedrungen, hatten die Ukraine erobert. Aber sie lagen an der gesamten Frontlänge fest. Der Bewegungskrieg war beendet und der Gegner nicht geschlagen. Er hatte sich jedenfalls eine Atempause erkämpft. Wie sich aber der Krieg in der Sowjetunion hinzog, gewann auch Großbritannien Zeit, seine Abwehr zu stärken. Die Kräfte hingegen, über die die Wehrmacht gebot, als sie in die UdSSR eingefallen war, hatten sich auf ein Maß verringert, das keine Aussicht ließ, sie könnten durch Einberufungen und den Ersatz der vernichteten oder verschlissenen technischen Ausrüstung bis zum Frühjahr wieder auf den Stand gebracht werden, den sie auf dem Höhepunkt ihrer Mobilisierung im Juni 1941 erreicht hatten.

Nach Pearl Harbor

Die Mehrheit der Deutschen, ob Soldaten oder Zivilisten, mochte in diesem Moment noch nicht absehen, welche Veränderungen in der Kriegslage eingetreten waren und welche denkbaren Folgen sich daraus ergeben könnten. Aber daß der Feldzug im Osten, anders als ihnen in den ersten Wochen nach dem Überfall wieder und wieder gesagt worden war, noch »planmäßig« verlaufe, konnten sie nicht mehr glauben. In Gesprächen, so meldeten die Beobachter des Nazisicherheitsdienstes, werde immer wieder an Hitlers Rede von Anfang Oktober erinnert, als er prophezeit, nein konstatiert hatte, dieser Gegner sei geschlagen und werde sich nie wieder erheben. Offenbar konnte sich auch der »Führer« irren. Noch mochten viele Deutsche glauben, daß das 1941 Unerreichte im folgenden Jahr gelingen werde. Doch es gab keine klare Vorstellung, wie dieser Krieg überhaupt zu einem Ende gelangen könnte.

Diese Unsicherheit wurde am 11. Dezember größer, als Hitler in einer Rede in Berlin vor dem »Großdeutschen Reichstag«, jener Versammlung ausgesuchter Naziführer, die Kriegserklärung an die USA bekanntgab. Einen Tag später erläuterte er vor Reichs- und Gauleitern, also der Elite der Partei, dieses Vorgehen und auch die Lage an der Ostfront in einer Ansprache, deren Text nicht überliefert ist. Deutschland folgte mit diesem Schritt einem japanischen. Die Machthaber Nippons hatten am 7. Dezember den Krieg gegen die USA begonnen und ihn mit dem überraschenden Angriff auf die Pazifikflotte ihres Gegners in Pearl Harbor eröffnet. Die deutsche Presse berichtete von den Erfolgen des fernen Verbündeten, als wären es die eigenen. Denn Meldungen von dort waren ihr umso willkommener, als sie von den Fronten im Osten keinerlei erleichternde Botschaften zu bieten hatte. Mit dem Beginn dieses Krieges war aber auch klargestellt, daß Japans Machthaber sich gegen die Expansion auf Kosten der Sowjetunion entschieden hatten, also die Wehrmachtsarmeen nicht durch die Eröffnung einer »zweiten Front« im Fernen Osten entlasten würden. Die sowjetische Führung konnte nun mit aller Bestimmtheit davon ausgehen, daß sich Japan an den im April 1941 – übrigens zur Überraschung der Reichsregierung – in Moskau abgeschlossenen Nichtangriffsvertrag halten werde.

Angesichts dieser Konstellation war es nicht zwingend, daß Berlin auf den Schritt Tokios seine Kriegserklärung folgen lassen werde. Deutschland hatte bereits zwei Großmächte zum Kriegsgegner. Mußte es eine dritte herausfordern? In der deutschen Bevölkerung wurde im zweiten Halbjahr 1941 die künftige Haltung der Vereinigten Staaten im Krieg fortgesetzt diskutiert. Dazu gab das Verhalten der Regierung Franklin D. Roosevelts, wiewohl die Nachrichten darüber nur gefiltert und mißdeutet ins Reich gelangten, genügend Anlaß. Sie besagten, daß die USA in dem Krieg Deutschlands gegen Großbritannien und dessen Verbündete deren Partei ergriffen hatten. Selbst noch neutral, halfen sie doch den Briten, aus- und durchzuhalten. Das bezeugte eine Kette von Handlungen. Im März 1941 wurde von den parlamentarischen Gremien in Washington das Leih- und Pachtgesetz (Land-Lease-Act) beschlossen, das eine sachlich und finanziell großzügige Unterstützung der britischen Kriegsanstrengungen legalisierte. Sodann wurden die deutschen Guthaben in den USA eingefroren und die Konsulate des Reiches geschlossen. Im Juli besetzten Truppen der Vereinigten Staaten Stützpunkte im zu Dänemark gehörenden Island zu dem Zweck, die eigenen Handelstransporte zu den britischen Inseln militärisch zu sichern. Als sich Churchill und Roosevelt im August schließlich vor der Küste Kanadas getroffen und die Atlantik-Charta verabschiedet hatten (siehe jW vom 13. August 2011), war auch demonstrativ klargestellt, welcher Seite die USA den Sieg herbeiwünschten. Die Kapitäne der zur Bewachung der Handelsschiffe eingesetzten US-Zerstörer erhielten den Auftrag, auf sich nähernde deutsche U-Boote zu schießen. Der Seekrieg zwischen Deutschland und den USA hatte faktisch begonnen.

Bis Berlin-Karlshorst

Als an jenem 11. Dezember 1941 dem Geschäftsträger der USA die von dem Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop unterzeichnete förmliche Kriegserklärung übergeben wurde, geschah das mit dem Verweis auf diese Parteinahme Washingtons. Staatssekretär Ernst von Weizsäcker beschrieb die Wahl, vor die sich die deutsche Führung gestellt sah und deren Entscheidung in seinen Notizen so: »Man legt bei uns Wert darauf, daß die USA nicht uns, sondern wir ihnen den Krieg erklären.« Freilich gaben sich die deutschen Machthaber auch dabei als die Friedfertigen. Die Kriegshetzer seien in den USA, und dort wären es – wer sonst – die Juden. In Wahrheit hatten sich in den Vereinigten Staaten die Politiker durchgesetzt, die kein von Nazideutschland beherrschtes Europa wollten, das dann versuchen würde, seine über den Kontinent hinausreichenden Ambitionen zu verwirklichen.

Vor allem unter den älteren Generationen der Deutschen konnte kein Gespräch über das Land jenseits des Atlantiks stattfinden, ohne daß die Gedanken und die Rede auf die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs kamen. Da hatten die USA am 6. April 1917 ihre Neutralität aufgegeben und auf seiten von Deutschlands Gegnern Frankreich, Großbritannien, Italien und Rußland eingegriffen. Nicht, daß dies den Ausschlag für den Ausgang des Krieges gegeben hätte, aber auf den Schlachtfeldern Frankreichs erschienen frische Truppenkontingente aus Übersee, und das war über die militärische Bedeutung hinaus auch von moralischer Wirkung und hat die deutsche Niederlage jedenfalls beschleunigt. Mit einer Wiederholung dessen war im Dezember 1941 nicht sogleich zu rechnen. In Westeuropa gab es keine Landfront. Zudem ließ sich darauf vertrauen, daß die USA zunächst genügend mit dem Kriegsgegner Japan beschäftigt sein würden und also in die europäischen Schlachten nicht eingreifen könnten. Wie also nahmen die Deutschen es auf, daß im Verlauf eines halben Jahres, vor dem sie noch darauf gehofft hatten, daß mit dem Sieg über Großbritannien der Krieg enden werde, nun zwei neue Gegner existierten? Der Bericht des sogenannten Sicherheitsdienstes vom 15. Dezember 1941 über die Wirkungen der »Führerrede« strich heraus, daß Einsicht über die Unausweichlichkeit der Kriegserklärung an die USA herrsche. Lediglich in bäuerlichen Kreisen sei vereinzelt Überraschung und »Besorgnis über das Hinzukommen eines weiteren Kriegsgegners laut« geworden. Allgemein aber werde mit einer längeren Dauer des Waffengangs gerechnet.

Die Frage, was dieser Schritt der USA bedeute, wurde den Deutschen alsbald praktisch beantwortet. Vertreter der USA wie Großbritanniens entschieden bereits an der Jahreswende 1941/1942, worauf sie in diesem weltweiten Krieg ihre Kräfte zunächst konzentrieren würden und bestimmten: »Germany first« (»Deutschland zuerst«). Zunächst löste sich die US-amerikanische strategische Luftflotte mit den britischen Verbänden bei ihren Angriffen auf deutsche Städte und Industriezentren ab. Dann setzten Truppen der USA über den Atlantik und landeten in dem französischen Kolonialgebiet in Nordwestafrika. Von da bewegten sie sich in Richtung Tunesien und Libyen und nahmen das deutsche Afrikakorps unter General Erwin Rommel und die italienischen Verbände in die Zange. Als die vernichtet waren, erfolgte der Sprung nach Sizilien und von da auf das süditalienische Festland. Schließlich wurde im Juni 1944 die zweite Front in Frankreich eröffnet. Im April 1945 waren die Truppen des Generals Dwight D. Eisenhower in Leipzig und Chemnitz. Dann kam mit der sowjetischen und der britischen Delegation eine US-amerikanische nach Berlin-Karlshorst, um die Kapitulationsurkunde auszufertigen. Germany first war erledigt.

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