24. März 2014

Geschichte durchquert

Souveräner Blick zurück: Der Publizist Victor Grossman

Victor Grossman hat seine Autobiographie auf deutsch herausgegeben

Arnold Schölzel

Mehr als 120 Zuhörer drängten sich am vergangenen Dienstag in der völlig überfüllten jW-Ladengalerie, als der Publizist ­Victor Grossman seine Autobiographie »Crossing the River – Den Fluß durchqueren« vorstellte. In Ostdeutschland ist der 1928 in New York Geborene populär, dennoch – bekannte er – sei dies das erste Mal, daß er eines seiner zehn Bücher präsentiere. Der Abend verlief so, wie die Erinnerungen verfaßt sind: Voller Humor, nicht ohne Wehmut, mit einer Fülle genauer Beobachtungen von Verhältnissen und Verhalten (auch des eigenen), mit einem herzerwärmenden Bekenntnis zum politischen Lied (»Singen ist Bewegung, und die ist mehr als eine Partei«) – von Ernst Busch und Woody Guthrie über Paul Robeson und Pete Seeger (den er bereits auf der Schule erlebte, weil Seeger ein Neffe von Grossmans Geschichtslehrerin war) bis zu Joan Baez oder Bob Dylan. Grossman gestaltete im DDR-Rundfunk Mitte der 60er eine Sendereihe mit »seiner« Musik. Ohne ihn hätte der damals in der DDR lebende kanadische Songwriter Perry Friedman vermutlich 1966 nicht den Hootenanny-Club Berlin auf die Beine gestellt, mit dem eine Begeisterungslawine losgetreten wurde: Überall in Ostdeutschland entstanden Singeklubs.

Keine Schablonen

Schematisches ist Grossmans Sache nicht. Er blickt souverän auf das zurück, was die vergangenen Jahrzehnte für einen einen Linken jüdischer Herkunft aus Manhattan bereithielten. Als Stephen Wechsler geboren fiel seine Kindheit in die Zeit der Depression und deren langsamer Überwindung in den 30er Jahren. Seine Eltern – ein Kunsthändler und eine Bibliothekarin – verdienten mal mehr, mal weniger gut, Wohnungs- und Schulwechsel und solche zwischen Land und Stadt bestimmten das Familienleben. Als Jugendlicher bereits Mitglied der Young Communist League und 1945 Mitglied der KP der USA studierte er von 1945 bis 1949 in Harvard, nahm an den Weltjugendfestspielen 1947 in Prag teil, machte sein Diplom und ging anschließend auf Wunsch der Partei – »Wir sind zwar eine Arbeiterpartei, aber haben zu wenig Arbeiter als Mitglieder« – als Industriewerker nach Buffalo. 1950 folgte die Einberufung zur Armee, statt nach Korea in den Krieg schickte ihn die nach Bad Tölz, wo ihn zwei Jahre später eine Vorladung zum Militärgericht erreichte: Er hatte im Überprüfungsbogen auf die Frage, ob er linken Organisationen angehört habe, mit Nein geantwortet – in Zeiten von Senator Joseph McCarthy ziemlich gefährlich (einen vergleichbaren Fragebogen habe er erneut gesehen, erzählte Grossman bei der Buchvorstellung, als seine Frau – Bibliothekarin in einem Berliner Krankenhaus – nach dem DDR-Anschluß 1990 schriftlich der neuen Obrigkeit zu ihrer Vergangenheit Auskunft geben sollte). Wechsler fuhr nach Österreich, durchschwamm bei Linz die Donau Richtung damalige sowjetische Besatzungszone – und tauchte als Victor Grossman nach einigen Wochen in Bautzen wieder auf. In der sorbischen Stadt brachten die ostdeutschen Behörden alle ausländischen Soldaten unter, die in die DDR desertierten – politische Motive hatten längst nicht alle. Grossman leitete deren Kulturhaus, lernte seine spätere Frau kennen, absolvierte eine Lehre als Dreher und studierte von 1954 bis 1958 in Leipzig Journalistik. Er ist »der Einzige, der sowohl von der Harvard University als auch an der Karl-Marx-Universität ein Diplom erworben hat«. Danach Lektor beim DDR-Verlag für englischsprachige Bücher Seven Seas Publishers, Mitarbeit beim in den angelsächsischen Ländern vertriebenen German Democratic Report, der noch vor dem »Braunbuch« 1965 durch die Entlarvung von Altnazis in hohen BRD-Funktionen für Furore sorgt. Nach Tätigkeit bei Radio Berlin International und der Akademie der Künste, für die er das Paul-Robeson-Archiv einrichtet, wird er 1968 freischaffender Journalist, Dolmetscher, Übersetzer und Autor von Kinder- und anderen Büchern, darunter 1988 »If I Had a Song – Lieder und Sänger der USA«. 1994 fliegt er zum ersten Mal wieder in die USA zum Treffen seines Harvard-Jahrgangs, wird offiziell aus der US-Armee entlassen und kann sich wieder in seinem geliebten New York bewegen.

Aus nächster Nähe

Seine Erinnerungen sind auch eine Geschichte der DDR, auf die er mit dem Blick des Emigranten schaut: Mit ihr verbunden und zugleich vieles relativiert sehend. Er begegnet Unfug ironisch, mißt an Schwächen nicht das Ganze, nennt Vernünftiges vernünftig. Er läßt Staatssicherheit, Xenophobie oder »Totalitarismus« nicht weg – es ist auch eine Erzählung für Freunde über etwas ihnen Fremdes. Ein erster Teil der Erinnerungen erschien 1985 in der DDR, 2003 ein weiterer in den USA. Zu ihm schrieb Pete Seeger im Vorwort: »Ein außergewöhnlich ehrliches Buch. Jeder, der etwas aus nächster Nähe über die Geschichte des Kalten Krieges wissen will, sollte es lesen.« Dem ist nichts hinzuzufügen.

Victor Grossman: Crossing the River. Vom Broadway zur Karl-Marx-Allee. Eine Autobiographie. Verlag Wiljo Heinen Verlag, Berlin und Böklund 2014, 688 Seiten, 24,80 Euro

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