1. August 2011

Gladiatoren -– Gefangene -– Spaßmacher

Geschichte. Vor 75 Jahren eröffnete Hitler die Spiele der XI. Olympiade der Neuzeit

Kurt Pätzold

Die Legende vom unpolitischen Sport glauben heute wohl nicht einmal mehr aufgeweckte Kinder. Ob Regierungen ein Meinungshoch genießen oder ein Ansehenstief verkraften müssen, das Volk bei Laune zu halten, ist immer nützlich, und Sport­ereignisse sind dafür erwiesenermaßen besonders tauglich. Jedes Jahr ein kleines »Sommermärchen« – das bringt Freude ins nationale Haus, vor allem, wenn sich erweisen läßt, daß »wir« die Größten, also die Erfolgreichsten sind. Nicht mehr »Nicht Sieg, sondern Teilnahme« lautet die Parole, sondern die Unsrigen »erfüllen eine Mission«. Die Mission heißt Sieg. So ähnlich hat sich vor einem dreiviertel Jahrhundert schon »der Führer« die Sache gedacht. Und daher konnte ihm die Tatsache, daß dem Deutschen Reich 1931 gegen Konkurrenten, von denen zuletzt nur noch Barcelona blieb, der Zuschlag für die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele im Jahr 1936 gegeben worden war, wie ein Geschenk vorkommen. Das Spektakel sollte genutzt werden und davon kein Preis abschrecken.

Das Propagandastück

Noch 1933 wurde entschieden, daß Berlin in einer weiträumigen Anlage, die den Namen Reichssportfeld erhielt, eine Arena bekommen sollte, die 100000 Zuschauer faßt. 1934 begann der Bau, mit dem Tag der Eröffnung der Spiele wurde das Stadion eingeweiht. Dazu entstand ein sogenanntes Olympisches Dorf, das den Sportlern als Unterkunft diente und, nachdem die den Platz wieder geräumt haben würden, als Kasernenkomplex genutzt werden konnte. Weitere Bauten mußten – wer die Sommerspiele erhielt, war auch für die Ausrichtung der Winterwettkämpfe zuständig – im bayerischen Garmisch-Partenkirchen und für die Veranstaltung der Segler in der Kieler Förde errichtet werden. Die Vorbereitung der Spiele bot zunächst eine Möglichkeit der Arbeitsbeschaffung für Bauarbeiter.

Anders stand es um den politischen Preis, den das sich etablierende Regime zu entrichten hatte. Angesichts der politischen Verfolgungen, mehr noch aber wegen der im Zeichen des Rassismus ergriffenen judenfeindlichen Maßnahmen erhob sich 1933 in mehreren Staaten eine Protestbewegung. Sie reichte von der Forderung, deutsche Waren und Schiffspassagen zu boykottieren eben bis zu dem Verlangen, in einem Lande, daß Menschen nach »Rasse« oder Religion klassifiziere, sie in höher- und minderwertige einteile, keine Sportspiele stattfinden zu lassen, deren Grundgedanke doch die Freundschaft unter den Völkern sei. Das Internationale Olympische Komitee kam nicht umhin, von der deutschen Reichsregierung eine Erklärung zu fordern, daß von den Wettkämpfen niemand aufgrund seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe von Menschen oder wegen seines religiösen Bekenntnisses ausgeschlossen werden würde.

Der aus der Olympiade zu erzielende ­Prestigegewinn war Hitler und seiner Regierung diese Messe wert. Die Versicherung wurde prompt abgegeben. Doch zu einer vollständigen Beruhigung der antinazistischen Kräfte konnte sie nicht beitragen. Dies umso weniger, als am 15. September 1935, da waren es noch knapp elf Monate bis zum Beginn der Spiele, in Nürnberg die antijüdischen Gesetze angenommen wurden. Insbesondere in den USA, der bis dahin führenden Sportnation, erhielt sich die Protestbewegung. Wer teilnehme, würde die Rolle von »Gladiatoren, Gefangenen und Spaßmachern des Diktators« spielen, lautete eines ihres Argumente. Schließlich kam es zu einer Entscheidung auf dem Kongreß der Sportfunktionäre des Landes. Die Verfechter des Boykotts unterlagen denkbar knapp. Der Beschluß besaß über die Grenzen der Vereinigten Staaten hinaus Auswirkungen. Dem Beispiel der Großmacht folgten die anderen Sportorganisationen nun. Die Sportler zahlreicher Länder traten die Reise in das Land der Konzentrationslager, der politischen und »rassistischen« Verfolgungen und der unverkennbaren Kriegsvorbereitungen an.

Braun und schwarz-weiß-rot

Zu den Konzessionen, welche die deutsche Regierung auf dem Weg zu den Spielen in Berlin einräumte, gehörte auch die Akzeptanz des international auf diplomatischem Parkett erfahrenen Theodor Lewald, eines Beamten des Kaiserreichs und der Weimarer Republik, der es 1919 bis zum Staatssekretär im Reichsinnenministerium gebracht hatte. Er, der aus einer christianisierten jüdischen Familie stammte, hatte sich viele Verdienste um die Förderung des Sports erworben und bereits verschiedenste Funktionen in der anwachsenden Sportbewegung ausgeübt. Lewald war seit 1924 Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees und nun Chef des deutschen Organisationskomitees für die Spiele 1936. Wie die Deutschnationalen im Auswärtigen Amt, die dem Regime zu Ansehen und Kredit verhalfen und für die es in den Reihen der karrieresüchtigen Nazis keinen gleichwertigen Ersatz gab, so paßte den faschistischen Sportfunktionären auch Lewald in ihr Konzept. Die propagandistische Vorbereitung und Ausbeutung im Innern übernahmen sie selbst unter der Regie des Reichssportführers Hans von Tschammer und Osten, eines Mitglieds der Nazipartei und der SA, dessen Verdienste um die Faschisierung und Militarisierung des Sports noch hohe Belohnung finden sollten. Er stieg bis zum Staatssekretär im Reichsinnenministerium auf.

An Lewalds Seite wirkte als Generalsekretär des Organisationskomitees Carl Diem, der zwar in den Naziorganisationen nicht exponiert, aber ein Faschist und Militarist von echtem Schrot und Korn war. Im Krieg lobte er den Sport als Voraussetzung für den Erfolg der Wehrmacht in den Feldzügen der Jahre 1939 und 1940, die er als Sturm- und »Siegeslauf für ein besseres Europa« bezeichnete. Diem setzte seine Karriere in der Bundesrepublik fort. 1947 wurde er Rektor der Sporthochschule in Köln und 1950 Mitarbeiter im Bundesinnenministerium. Das »Triumvirat« Lewald, von Tschammer und Osten und Diem symbolisierte mit seinen Biographien und seiner Rolle gleichsam das Bündnis der alten konservativen und der neuen faschistischen Elite, ohne das das Naziregime nie jene Stabilität und Kräfte hätte gewinnen können, über die es bis weit in den Krieg hinein verfügte.

Der Platz, den die Spiele im Denken und Planen der deutschen Machthaber einnahmen, wird klar, wenn man sich deren auslandspolitische Strategie verdeutlicht. Der blutige Auftakt der Nazidiktatur bewirkte 1933 zunächst ihre hochgradige Isoliertheit. Dessen ungeachtet hatte der Vatikan sich mit dem faschistischen Deutschland auf einen Vertrag, das Reichskonkordat, eingelassen. Dann folgte die Regierung Polens 1934 mit dem Abschluß eines Nichtangriffsvertrages. 1935 vereinbarte Großbritannien mit dem Reich einen Vertrag über die jeweilige Flottenrüstung. Doch Berlin blieb, eingedenk der von der Nazipartei seit Jahren betriebenen Anti-Versailles-Hetze verdächtig, auf Krieg auszugehen. Die Maßnahmen zur materiellen Aufrüstung und die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht sprachen nicht gerade dagegen. Eine skrupellose Friedensdemagogie erschien den deutschen Machthabern als die geeignete Rückversicherung für die Fortsetzung ihres Weges in den Krieg. Hitler geizte in öffentlichen Reden nicht mit schwülstigen Beteuerungen seiner aus eigener Lebens- und Kriegserfahrung herrührenden Friedensliebe. Was aber war eine Rede gegen eine Veranstaltung wie diese Olympischen Spiele, die Blicke von Millionen nach Berlin lenken würde?

Folglich wurde tief in den Schminkkasten gegriffen. Schon in den Wochen vor den Winterspielen waren in Bayern die Tafeln und Plakate mit Inschriften verschwunden, die gegen die Juden aufhetzten und ihnen beispielsweise den Zutritt zu Ortschaften, Bädern und anderen öffentlichen Einrichtungen untersagten. Die antisemitische Wochenzeitschrift Der Stürmer, in Nürnberg herausgegeben von Julius Streicher, dem sogenannten Frankenführer, der sich »Antisemit Nr. 1« nannte, erhielt Anweisungen und wurde darauf kontrolliert, daß sie sich in ihren Ausfällen zurückhielt. Den noch existierenden jüdischen Sportvereinen, die als Folge des Ausschlusses der Juden aus Klubs, in denen sie nicht länger geduldet wurden, neue Mitglieder erhalten hatten, wurden die Aktionsmöglichkeiten erweitert. Denn die Kommunen wurden angewiesen, ihnen die Benutzung ihrer Sportstätten nicht zu verweigern. Und schließlich nahm man in die deutsche Olympiamannschaft zwei Vorzeigejuden auf. Niemand konnte nach den Erfahrungen des Jahres 1935 glauben, daß damit der Antisemitismus der Nazis dauerhaft abgemildert würde. Doch die Herren im Internationalen Olympischen Komitee sahen die Bedingungen als erfüllt an, unter denen in Deutschland die Spiele stattfinden konnten.

Ölzweig und Militärmärsche

Am 1. August 1936 startete das Sportfest. Mit Gefolge traf Hitler, das deutsche Staatsoberhaupt, im Stadion ein, um den obligatorischen Eröffnungsspruch aufzusagen, der im Wortlaut vorgeschrieben war. Zum sportpolitischen Theaterstück, an dem »der Führer« als einer der Hauptdarsteller mitwirkte, soll die Aufwartung gehört haben, die der Grieche Spyridon Louis ihm machte, der Sieger des ersten Marathonlaufes, der 1896 stattfand. Der betagte Mann, der auch die Fahne beim Einmarsch der griechischen Athleten getragen hatte, habe ihm aus Olympia einen Ölzweig überreicht, Symbol des Lebens und des Friedens. Und es vergingen keine fünf Jahre, und Hitler hatte der deutschen Wehrmacht den Angriff auf Griechenland befohlen. Nur Monate, bevor sein Land ins Unglück stürzte, war Spiridon Louis verstorben.

Die Zeremonie nahm ihren Lauf. Es tönten das Deutschland- und das Horst-Wessel-Lied, die gemeinsam zur Nationalhymne erklärt worden waren, durch das weite Oval. Zum ersten Mal traf die Fackel aus dem griechischen Olympia, transportiert von Tausenden Läufern, ein, womit eine Tradition begründet wurde. Dann endlich kamen die Sportler. Sie grüßten mit erhobenem Arm, dem »Olympischen Gruß«, was sich an diesem Tage und in dieser Umgebung doch ansah wie eine Huldigung an den Gastgeber. Das Bild, das die Aufmarschierenden abgaben, das Neben- und Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft und verschiedener Hautfarben, war ein totales Gegenbild zu jenem der deutschen Nazis, die »Herren-« und »Untermenschen« unterschieden und in deren Begriffs- und Vorstellungswelt es so etwas wie Menschheit nicht gab.

Die Kolonnen begrüßte und begleitete Marschmusik. Ausgewählt wurden dafür nicht Sportlermärsche oder -hymnen. Das Repertoire reichte von Beethovens Marsch Nr. I, der mit Bezug auf die Befreiungskriege gegen Napoleon auch als Yorckscher Marsch bezeichnet wurde, bis zu den Märschen auf den sterbenden Kaiser Friedrich und einen russischen Alexander. Dazu gehörte ebenfalls Gottfried Piefkes Königgrätzer Marsch, geschrieben auf den Sieg von 1866, wobei nicht überliefert ist, ob der oder der Fridericus-Rex-Marsch beim Einzug der dann 1938 »ins Reich heimgeholten« Gäste aus dem Alpenlande erklang. Zu letzterem gab es obendrein einen Text von Willibald Alexis, der die »Kais’rin in Wien« bezichtigte, sich mit den Franzosen alliiert zu haben. Die deutschen Programmgestalter schienen beim Blick auf das »Fest der Völker« (so auch ein Untertitel des zweiteiligen Olympiafilms der Leni Riefenstahl) an der fidel-kriegerischen Laune, die aus den Versen spricht, wonach im Kriege ja nicht jede Kugel treffe und der schießende Preuße gut bezahlt wird, keinen Anstoß genommen zu haben.

Gemischte Bilanz

In den folgenden Tagen wetteiferten die Athleten von 49 Nationen. Unter den 3633 Teilnehmern waren nicht mehr als 328 Frauen. Doch hatten sich Kämpfer aus allen Erdteilen eingefunden. Die meisten natürlich aus Europa, wo selbst Monaco und Liechtenstein Medaillenbewerber entsandt hatten. Der »schwarze Kontinent« war nur durch Athleten Ägyptens und des Apartheidsstaats Südafrika vertreten. Aus Asien waren Sportler von Japan, China, Indien, den Philippinen und Afghanistan aus angereist. Australien und Neuseeland waren vertreten. Zu den Olympioniken aus den USA und Kanada im Norden sowie Mexiko waren Teilnehmer aus sieben südamerikanischen Staaten nach Berlin gekommen.

Als die Spiele am 16. August endeten, konnten die deutschen Machthaber in mehrerlei Hinsicht zufrieden sein. Deutschland hatte sich als ein sportfreudiges Land präsentiert, in der Nationenwertung lag es weit vorn auf Platz eins, gefolgt von den USA, Ungarn und Italien. Die Deutschen, nicht nur die Berliner, waren in hellen Scharen zu den Wettkämpfen geströmt. Die Nazifreizeitorganisation »Kraft durch Freude« hatte Anreisen organisiert, und dafür hatte es verbilligte Preise gegeben. Tausende ausländische Gäste brachten eine beträchtliche Devisensumme ins Land. Und es war ihnen das frohe, glückliche und saubere »nationalsozialistische Deutschland« vorgeführt worden. Davon gaben im Reich und über seine Grenzen hinaus die Olympiafilme Kunde. Zu den Attraktionen der Tage hatten auch die ersten Fernsehübertragungen gehört und u.a. Unterwasseraufnahmen von den Schwimmwettbewerben. Die Reklame, die für den Sport gemacht worden war, paßte ganz in das Erziehungskonzept der allgemeinbildenden wie der Hohen Schulen. Dort sollten männliche Kinder und Heranwachsende »leibesertüchtigt« werden, d.h. auch und gerade als Soldaten belastungsfähig sein. Wenn es in dieser Bilanz eine offene Stelle gab, dann betraf sie die Teilnahme der ausländischen Staatsprominenz. Eingestellt hatte sich der Nachwuchs aus diesem und jenem europäischen Herrscherhaus, so der Kronprinz Paul von Griechenland, dessen Großvater der deutsche 99-Tage-Kaiser Friedrich III. war und der eine hannoversche Prinzessin ehelichte. Sein Besuch wurde fünf Jahre später uneingeladen erwidert, als das Königshaus vor der vordringenden Wehrmacht über Kreta nach Ägypten und dann nach Großbritannien floh.

Vier Athleten

Die Erinnerung an die Spiele des Jahres 1936 verbindet sich für die deutschen Zeitgenossen mit vier Namen. Nicht alle sind an die Nachgekommenen überliefert. Am ehesten bekannt ist noch Jesse Owens, der US-Amerikaner mit afrikanischen Vorfahren. Er kam als Inhaber mehrerer Weltrekorde nach Deutschland und errang in Berlin als erster Teilnehmer von Olympiaden der Neuzeit vier Goldmedaillen. Da das in so wichtigen Disziplinen wie den Kurzstreckenläufen und dem Weitsprung geschah, war seine Popularität in Deutschland außerordentlich und konnte sich mit der des finnischen Mittel- und Langstreckenläufers Paavo Nurmi messen. Dabei lenkte Owens Auftritt die Aufmerksamkeit auf die Daseinsverhältnisse der schwarzen Staatsbürger der USA, die unter dem Rassismus der Weißen litten, der so mächtig war, daß sich der Präsident ­Franklin D. Roosevelt nicht einmal dazu herabließ, Owens nach seiner Rückkehr zu empfangen. Und der Weg bis zu jenen Olympischen Spielen in Mexiko-Stadt 32 Jahre später war noch weit, als die US-Sprinter John Carlos und Tommie Smith bei der Siegerehrung die in einem schwarzen Handschuh steckenden geballten Fäusten gen Himmel streckten und damit das in der Bürgerrechtsbewegung Black Power übliche Zeichen des Protestes gaben.

Als der ärgste Kontrahent von Owens im Kampf um die Medaille im Weitsprung, den der Amerikaner mit 8,06 Meter gewann, wurde Luz (eigentlich: Karl Ludwig) Long bekannt, der den zweiten Platz erreichte. Während des Wettstreites und nach seinem Ende hatten die beiden am Rande der Grube sich zu- und miteinander so verhalten, daß von den Nazigeboten, sich von »Fremdrassigen« fernzuhalten, nichts zu bemerken war, sondern bis auf den Tribünen etwas von einer Völkerfestatmosphäre spürbar wurde. Fotos, die beide zeigen, haben diese Beziehung festgehalten. Der gebürtige Leipziger war ein studierter Jurist, promovierte 1939 und wurde 1943 bei den Kämpfen in Sizilien als Obergefreiter der Wehrmacht so schwer verwundet, daß er an den Folgen der Verletzungen verstarb. Sein Grab befindet sich auf der italienischen Insel.

Die dritte Athletin, deren Teilnahme eine gewisse Denkwürdigkeit besitzt, ist die in Offenbach am Main geborene Helene Mayer, Tochter eines Arztes, eine erfolgreiche Florettfechterin. Ihre Popularität erreichte einen Höhepunkt, als sie 1928 bei den Olympischen Spielen in Amsterdam eine Goldmedaille errang. Die nach den Nürnberger Gesetzen als »Halbjüdin« eingestufte Frau lebte seit 1932 in den USA, war aber deutsche Staatsbürgerin geblieben und als solche und »Konzessionsjüdin« in die deutsche Olympiamannschaft aufgenommen worden. Der Schritt allein trug ihr bereits Kritik ein, die sich vermehrte, als sie bei der Siegerehrung, sie hatte eine Silbermedaille gewonnen, den »deutschen Gruß« zeigte. 1940 US-amerikanische Staatsbürgerin geworden, kehrte sie 1952 nach Deutschland zurück. Ein Jahr darauf verstarb sie in München.

Das politische Kontrastbild zu Helene Mayer bildete der aus der Arbeitersportbewegung hervorgegangene Werner Seelenbinder, Absolvent einer Volksschule, Transportarbeiter in einem Berliner AEG-Betieb. Er hatte als Ringkämpfer 1928 an der Moskauer Spartakiade teilgenommen und eine Medaille errungen. Als Mitglied der Kommunistischen Partei war Seelenbinder seit 1933 an illegalen antifaschistischen Aktionen beteiligt, wobei er Verbindungen nutzen konnte, die sich bei Wettkämpfen im Ausland herstellen ließen. Mehrfacher Deutscher Meister im Halbschwergewicht, qualifizierte er sich auch für die Olympiateilnahme 1936 und das in der Absicht, auf der Treppe der Sieger den »deutschen Gruß« zu verweigern. Dazu kam es nicht, er belegte den vierten Platz. Werner Seelenbinder blieb seiner Überzeugung treu. Als die Gruppe deutscher Widerstandskämpfer, der er angehörte, von der Gestapo entdeckt worden war, kam er ab 1942 in Konzentrationslager und Zuchthäuser und vor den Volksgerichtshof, der ihn zum Tode verurteilte. Er starb 1944 in der Hinrichtungsstätte Brandenburg.

Die Olympischen Spiele 1936 gehören wegen einiger hervorragender Leistungen in die Geschichte des Sports. Sie beanspruchen auch einen Platz in der Geschichte der Technik, wegen der neuartigen Verfahren, Bilder zu verbreiten, und einen weiteren in der Geschichte der Architektur von Sportbauten. Denkwürdig geblieben aber sind sie vor allem als ein Beispiel und Studienobjekt für die Ausbeutung populärer sportlicher Veranstaltungen für demagogische politische Zwecke. Die damals erzielten sportlichen Leistungen sind mehr oder weniger lange überboten. Gleiches gilt für die der Technik und der Baukunst. Vervollkommnet hat sich hingegen jene Praxis, die gemeinhin »Mißbrauch des Sports« durch die Politik genannt wird. Der wird sich erst mit der Politik abschaffen lassen.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2011/08-01/019.php