3. Juni 2013

Glück für alle!

Nazim Hikmet (rechts) beim Schriftstellerkongreß 1952 in der DDR, links Stephan Hermlin, der in dieser Zeit Hikmets »Türkische Telegramme« mitübersetzte - Fotquelleo: Bundesarchiv, Bild 183-14811-0012 / Gielow / CC-BY-SA

Vor 50 Jahren ist der große Dichter Nâzim Hikmet in Moskau gestorben

Gregor Kunz

Ein unbeschreibbares Leben, das des Nâzim Hikmet. Benennen lassen sich Gefängnis und Exil, doch was das heißt, kann nur sagen, wer diese Erfahrung ansatzweise hätte: Von 61 Lebensjahren 15 Jahre in türkischen Gefängnissen gewesen zu sein und 20 Jahre außer Landes. Dann gibt es noch das andere Leben des Nâzim Hikmet, aufgehoben in seinen Gedichten und doch wohl wurzelnd in jenem, dem unbeschreibbaren. Wie geht das zusammen?

»Wir öffnen die Türen, / wir schließen die Türen, / wir gehen durch die Türen, und am Ende dieser Reise keine Stadt, kein Hafen, // der Zug entgleist, / das Schiff versinkt, / das Flugzeug stürzt ab./ In Eis graviert ist die Karte, auf Vogelschwingen die Zeit. Hätte ich die Wahl, / diese Reise neu oder nicht zu beginnen, / ich begänne sie noch einmal.«

1902 ist er geboren, im noch türkischen Thessaloniki, aufgewachsen in Aleppo und Diyarbakr. Vater und Großvater sind politische Beamte eines Reichs im Niedergang, die Familie ist wohlhabend. Gedichte hätte er schon mit elf Jahren geschrieben, sagt Hikmet.

Das Ende des Weltkriegs, Zusammenbruch und Besetzung des Osmanischen Reiches führen den jungen Mann erst in die Nationalbewegung des Kemal Pascha, dann nach Sowjetrußland und an die Kommunistische Universität der Werktätigen des Ostens in Moskau. Der Kommunismus, Weltbild und Vision, wird zur zweiten lebenslangen Basis seines Denkens und Wünschens. In Moskau begegnet er Majakowski und Jessenin. Dazu schreibt Ilja Ehrenburg, der Hikmet gut gekannt hat: »Aus irgend­einem Grund nimmt man an, Nasim Hikmets Lehrer sei Majakowski gewesen. Nasim selbst erklärte mir mehr als einmal, Majakowski sei für ihn ein Muster an Kühnheit und menschlicher Heldentat, in der Dichtkunst aber gehe er einen anderen Weg«. Hikmet benennt als einen Wahlverwandten Paul Eluard, Vitezslav Nezval nennen die Gedichte. Für den Schritt in die literarische Moderne, deren wesentlicher Begründer Hikmet in der Türkei gewesen ist, dürfte das Beispiel Majakowski gleichwohl wichtig gewesen sein.

Zurück in der Türkei, setzt seine Verfolgung ein, vorerst noch im üblichen Rahmen des 20. Jahrhunderts. Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre erlebt Hikmet einige halbwegs normale Jahre eines Dichters, er schreibt und veröffentlicht in relativer Freiheit. Seine dritte Haftstrafe beendet dieses Leben definitiv: Ein Militärgericht verhängt 28 Jahre und Publikationsverbot für den Dichter und Kommunisten, das heißt: seine Vernichtung.

Nach zwölf Jahren, internationalen Protesten und einem Hungerstreik kommt Hikmet frei, doch nicht für lange. Mittlerweile schwer herzkrank, soll der 49jährige zum Militär, um dort zu sterben. Es bleibt ihm nur die riskante Flucht im Ruderboot über das Schwarze Meer in die Sowjetunion. Hier ist er am 3. Juni 1963 gestorben.

»In der Fremde zu sein, ist schwierig, ein schwieriges Handwerk … Das blutigste aller Handwerke ist es, Dichter zu sein, / um hinter das Geheimnis aller Geheimnisse zu kommen, / mußt du von deinem Herz essen und essen lassen.«

Das Schreiben Hikmets ist ein erfreutes Entdecken der Menschen und Dinge, ihrer Erscheinung und ihres Wesens, getragen von unbedingtem Mitgefühl, der Brüderlichkeit jenseits aller Parolen, getragen auch vom Wunsch, daß hinter dieser blutigen Welt eine andere sei, das Glück für alle und das Glück für Nâzim. Jannis Ritsos, der griechische Dichter, sieht in der Dichtung Hikmets das episch-lyrische Lied: »Quintessenz des Gefühls und der Erfahrung seines ganzen Lebens (…) Einfachheit, Ehrlichkeit und Klarheit« offenbaren den Menschen und seine Kunst und gehen »manchmal bis zu jener verehrungswürdigen, furchtlosen und sanften Naivität eines großen, sensiblen Kindes, das sich zusammenreißt und selbst belehrt«.

In einem Gedicht bezeichnet Hikmet den Dichter als eine Art Briefträger, als Überbringer von Schreiben mit frohen Botschaften. »Nachrichten von den Menschen, der Welt, der Heimat, / Nachrichten vom Baum, Vogel und Wolf/ brachte ich in der Morgendämmerung oder um Mitternacht/ den Menschen in der Tasche meines Herzens …«

Wie Briefe sind die Gedichte datiert und nennen oft den Ort. Wie Briefe lassen sie sich lesen. Briefe allerdings eigener Farbe, eigenen Tons, eigenen Atems, in denen die Dinge ihren Platz wechseln und lächeln, Geister ans Glas klopfen und Sprengstücken reichen, sehr lebendig.

»1957, 17. Januar: Die Kälte ist sonnig und hellrosa, / himmelblau ist die Kälte./ Es ist Schlag neun …/ In dieser Minute, dieser Sekunde wurde noch kein einziges Mal gelogen in Prag./ In dieser Minute, dieser Sekunde gebaren die Frauen ohne Schmerz, / und durch keine Straße fuhr der Leichenwagen./ In dieser Minute, dieser Sekunde/ stiegen alle Kurven, ausgenommen die der Kranken./ In dieser Minute, dieser Sekunde/ waren alle Frauen schön, alle Männer klug und die Mannequins ohne Trauer. (…) In dieser Minute, dieser Sekunde/ hast du mich geliebt, meine Liebe, wie du niemanden zu irgendeiner Zeit geliebt hast …«

Brüderlichkeit, der lächelnde Ton, die furchtlose Naivität waren sein Widerstand gegen den Tod.

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