30. Juni 2012

Goebbels’ Hetzblatt

Polizisten vor einem Schaufenster des Angriff in Berlin (1932) - Quelle: BUNDESARCHIV, BILD 102-13319

4. Juli 1927: Erstmalig erscheint die Nazizeitung Der Angriff

Manfred Weißbecker

In den Jahren des Neuaufbaus der NSDAP und bereits vor dem Beginn der Weltwirtschaftskrise verwandten die deutschen Faschisten einen beträchtlichen Teil ihrer Mittel für unzählige Propagandaschriften sowie für die Schaffung eigener regionaler Zeitungen. Einige erschienen zwar bereits, doch unterschieden sie sich vom Völkischen Beobachter, dessen Auflage 1929 mit 18 400 Exemplaren noch recht niedrig war, hauptsächlich durch den jeweiligen Zeitungskopf. Größeren Einfluß erlangte die Partei mit der Herausgabe diverser anderer Materialien: Bis Dezember 1928 brachte der schon seit 1921 parteieigene Eher-Verlag 61 Bücher und Broschüren mit über 400 000 Exemplaren heraus. Seit dem 1. März 1926 erschien in dem von Gregor Strasser gegründeten Kampf-Verlag für einige der nord- und westdeutschen Gaue eine eigene Zeitung mit dem Titel Der nationale Sozialist. Diese Formulierung richtete sich eindeutig gegen die in München residierende Führung der Partei. Strasser lehnte zwar die Radau- und Krawallmethoden seiner Münchener Kollegen nicht grundsätzlich ab, meinte aber, sie würden sich auf die weitere Entwicklung der NSDAP nicht fördernd auswirken, da mit ihnen in den Arbeiterbezirken wenig auszurichten sei.

In den programmatisch-politischen Auseinandersetzungen, die in der Mitte der 1920er Jahre die NSDAP erschütterten, setzten sich – wie stets in der Geschichte der Faschistenpartei – die extremste Variante und deren Verfechter durch. In Berlin verhalf dazu Joseph Goebbels, ein scharfzüngiger und redegewandter Intellektueller, der in seiner ursprünglich beabsichtigten schriftstellerischen Laufbahn gescheitert war und sich der Politik zugewandt hatte. Am 26. Oktober 1926 wurde er von Hitler als Gauleiter mit der Führung der Partei in Berlin betraut.

Aggressiver Aktionismus

Goebbels erwies sich bald als Organisator schlagkräftiger SA-Banden und provokatorischer Veranstaltungen in Gasthäusern und Sälen, die traditionell von Arbeiterorganisationen genutzt wurden. Antifaschisten warfen ihm politisches Rowdytum und skrupellose Hetze vor, und selbst in den eigenen Reihen sprach man besorgt über den »Meister von Gehässigkeiten und Falschheiten« oder vom »Lügenmaul« und »Aufschneider«. Dahinter verbarg sich vor allem ein Konflikt mit Strasser, der mit seiner Berliner Arbeiterzeitung einen anderen Kurs verfolgte. Goebbels plante, dem mit einem eigenen Organ entgegenzuwirken. Am 20. Juni 1927 holte er sich in München Hitlers Zustimmung.

Am 4. Juli erschien die erste Ausgabe seines Blattes – zusätzlich zu den 130 politischen Zeitungen, die es allein in Berlin gab – unter dem sinnfälligen Namen: Der Angriff. Goebbels wollte einen neuen Typ der Presse entwickeln. Deshalb verriet nicht allein der Titel, daß die Leser mehr überredet und geblendet als etwa denkend überzeugt werden sollten. Dem dienten offene Hetze, das Aufputschen sowie das Schüren nationalistischer und antisemitischer Ressentiments. Im Grunde brauchte Goebbels nur Praktiken zu übernehmen, die in Medien des vom Deutschnationalen Alfred Hugenberg geschaffenen Zeitungskonzerns bereits üblich waren. Es war auch kein Zufall, daß er auf den Posten eines Schriftleiters, d.h. des Chefredakteurs, ausgerechnet Julius Lippert holte, der zuvor in der skandalträchtigen deutschvölkischen Presse des Reinhold Wulle gearbeitet hatte und später Oberbürgermeister Berlins werden sollte.

Gehalten war das neue Blatt in absichtsvoll aggressivem Stil. Davon zeugten insbesondere die zumeist von Goebbels verfaßten Leitartikel sowie sein »Politisches Tagebuch«, in welchem er die Geschehnisse der vergangenen Woche kommentierte. Wort und Bild sollten in »agitatorischer Einheitlichkeit«, wie Goebbels in seinem Buch »Kampf um Berlin« betonte, nicht das Ziel verfolgen, »zu informieren, sondern anzuspornen, anzufeuern, anzutreiben«.

In einer der ersten Nummern schrieb Goebbels über die Juden: »Dieses Negativum muß ausradiert werden aus der deutschen Rechnung ...« Mit Raffinesse konzentrierte er seine haßerfüllten antisemitischen Tiraden auf eine Person: Am 15. August 1927 widmete er dem Berliner Vizepolizeipräsidenten Bernhard Weiß, einem Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei, einen ersten Leitartikel und nannte ihn diffamierend »Isidor«. Dieses Schmähwort wurde häufig verwendet und ließ den Angriff als ein »Anti-Isidor-Kampfblatt« erscheinen. Die häufigen Verbote der Zeitung – zwischen November 1930 und August 1932 13 Mal; für insgesamt 19 Wochen fiel das Blatt aus – nahmen die Nazis in Kauf. Allein der Erfolg zählte, zunächst in der innerparteilichen Auseinandersetzung mit Strasser, dem Goeb­bels auch als Berliner Gauleiter das Wasser abzugraben verstand, dann bei der Mobilisierung neuer Wählerscharen für die Partei. Es zahlte sich auch für Goebbels aus: Bereits am 28. April 1928 ernannte Hitler ihn zum Reichs­propagandaleiter der NSDAP. Und er gehörte zu den wenigen Abgeordneten der NSDAP, die im Mai 1928 in den Deutschen Reichstag einzogen.

Rassistische Karikaturen

Zunächst erschien Der Angriff nur als eine Wochenzeitung, bald jedoch zweimal wöchentlich und seit November 1930 als Tageszeitung. Ab Oktober 1932 gab es sogar an jedem Tag zwei Ausgaben. Die Auflage steigerte sich von 2000 Exemplaren auf rund 150000 im Jahr 1939 und verdoppelte sich bis 1945 noch einmal. Für den Sturm der Nazis auf die (allerdings sehr nachgiebigen!) Bastionen der Weimarer Republik spielte das Blatt eine erhebliche Rolle. Goebbels gab nach dem 30. Januar 1933 sein Amt als Herausgeber auf, und in den folgenden Jahren erschien Der Angriff als Die nationalsozialistische Abendzeitung bzw. als Die Tageszeitung der Deutschen Arbeitsfront. Im April 1945 kam die letzte Ausgabe heraus.

Charakteristisch für das Blatt wurden auch die Karikaturen aus der Feder von Hans Herbert Schweitzer. Der hatte sich den Künstlernamen »Mjölnir« zugelegt – ein Rückgriff auf die altgermanische Sagenwelt und den Namen, mit dem der die Welt beherrschende Wurfhammer des Gottes Thor bedacht wurde. Schweitzer, der schon 1926 der NSDAP beigetreten war, fand mit seinen Zeichnungen im Angriff – von Goebbels als »zeichnerisches Genie« bejubelt – bald den Gefallen der anderen Zeitungen deutscher Faschisten, insbesondere in Streichers Stürmer, im Völkischen Beobachter und in der Brennessel, dem Satireblatt der Partei. Er avancierte später zum Reichsbeauftragten für Künstlerische Formgebung und Vorsitzenden des Reichsausschusses der Pressezeichner. Seine Zeichnungen verherrlichten die gewaltbereiten SA-Kämpfer und verhöhnten die politischen Gegner. Beteiligt war Schweitzer auch am Kampf der Nazis gegen die »entartete Kunst«. Nach 1945 – mit einer lächerlich geringen Geldstrafe »entnazifiziert« – zeichnete er weiter und durfte zeitweilig auch für das Bundespresseamt tätig sein. Rechtsextremisten schätzen ihn nach wie vor und verwenden oftmals für ihre Angriffe auf Demokratie, Parlamentarismus und Völkerverständigung erneut das vieldeutig-eindeutige Hammer-Symbol.

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Aus den Quellen: »Neue Demagogen treten auf«

Aus einem Aufruf der KPD vom 2. April 1924: »Neue Demagogen treten auf (…) Sie gaukeln eine alles einigende Volksgemeinschaft, eine nationale Diktatur (vor), die das Befreiungswerk nach innen und außen vollziehen werde. Sie predigen den Schafen und Wölfen die Einheit des Tierreiches. Sie hetzen gegen das jüdische Kapital, aber die christlichen Wucherer, Ausbeuter und Blutsauger wollen sie als ›schaffendes Kapital‹ erhalten und schützen. Sie reden von ›Werksgemeinschaften‹ und meinen damit die Beseitigung der Gewerkschaften, der Betriebsräte, des Kollektivvertrages, des staatlichen Arbeitsschutzes.«

Aus der Hitler-Rede vom 27. April 1927 in Essen vor Großindustriellen: »Wenn man begriffen hat, daß die Schicksalsfrage darin besteht, daß der Marxismus gebrochen wird, dann muß auch jedes Mittel recht sein, das zum Erfolg führen kann ...«

»Thors Hammerwurf« – ein Gedicht von Felix Dahn, veröffentlicht 1911 in der vom Antisemiten Theodor Fritsch herausgegebenen der Zeitschrift Heimat und Welt: »Thor stand am Mitternacht-Ende der Welt, / Die Streitaxt warf er, die schwere: / »So weit der sausende Hammer fällt, / Sind mein das Land und die Meere!« – / Und es flog der Hammer aus seiner Hand, / Flog über die ganze Erde, / Fiel nieder an fernsten Südens Rand, / Daß alles sein eigen werde. / Seitdem ist’s freudig Germanen-Recht, / Mit dem Hammer Land zu erwerben: / Wir sind von des Hammer-Gottes-Geschlecht / Und wollen sein Weltreich erben.«

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