24. Dezember 2011

»Gott, vernichte ihn«

Ab Oktober 1940 wandte sich Thomas Mann mit einer antifaschistischen Radiosendung an die Bevölkerung in Nazideutschland - Quelle: Wikipedia

Thomas Manns Ansprache an die deutschen Hörer zur »Kriegsweihnacht« 1941

Kurt Pätzold

Vor 70 Jahren begingen die Deutschen die dritte Kriegsweihnacht. Die erste 1939, hatten sie als solche noch nicht recht wahrgenommen. Der Krieg im Osten, gegen Polen, war gewonnen, das Land erobert. Und wie es nun weitergehen werde, darüber existierten keine Vorstellungen, die sich an vergangene Bilder hätten heften können. 1940 war Frankreich überraschend schnell besiegt worden und Großbritannien der einzige verbliebene Kriegsgegner. Kaum jemand zweifelte, daß man mit dem noch fertigwerden würde. Nun, 1941, sah sich die Welt anders an. Die deutschen Soldaten waren als Besatzer verteilt vom Nordkap bis zu den griechischen Mittelmeerinseln. Ihre Hauptmasse fror vor Moskau und vor Leningrad und war, wie jüngste Nachrichten besagten, gar im Süden der Sowjetunion durch Gegenangriffe bei Charkow zurückgeschlagen worden. Das Kriegsende war den Deutschen vollkommen außer Sicht geraten. Und Hitler hatte in einer Ansprache am 11. Dezember, als er die Kriegserklärung an die Vereinigten Staaten bekanntgab, die Deutschen auf einen langen Krieg eingestimmt. Sein Versuch, sie im Hinblick auf dessen Ausgang mit Zuversicht auszurüsten, war ohne Nachhall geblieben.

Gedrückte Stimmung

Ende November 1941 war der OKW-Bericht, der die Räumung des schon erobert geglaubten Rostow mitteilte, als verklausulierte Nachricht von der ersten Niederlage der Truppen im Osten gedeutet worden. Meldungen des Sicherheitsdienstes vom Dezember 1941 sprachen von einer Ernüchterung in der deutschen Bevölkerung, wiewohl die dürftigen Berichte aus dem Führerhauptquartier dieser noch keine Vorstellungen von den tatsächlichen Ereignissen am Mittelabschnitt der Ostfront gegeben hatten. Doch daß das Bild von der Roten Armee grundlegend zu korrigieren war, hatte die Mehrheit der Deutschen inzwischen eingesehen. Die Nachrichten von Anfang Oktober, daß die Kraft dieser Roten Armee gebrochen sei, betrachteten sie als verfrüht und irreführend. Die Hoffnung, daß Moskau und Leningrad noch im Jahr 1941 eingenommen werden könnten, war aufgegeben. Nun, da der Krieg in den Winter ging und das Oberkommando der Wehrmacht in einem Bericht den Übergang zum Stellungskrieg bekanntgab, war ihnen auch klar, daß daraus der Gegner Gewinn ziehen werde, der neue Formnationen bilden und auch die erlittenen Verluste an technischen Kriegsmitteln ersetzen konnte. Die Wiederaufnahme der Offensive im kommenden Jahr werde mithin eine erhebliche Zahl von weiteren Opfern erfordern.

Schwierigkeiten in der Lebensmittelversorgung in mehreren Städten trugen dazu bei, daß sich eine gedrückte vorweihnachtliche Stimmung ausbreitete. Das galt insbesondere für die Familien, die Angehörige an der Ostfront wußten. Feldpostbriefe gingen von Hand zu Hand, aus denen sich eine ungefähre Vorstellung von dem gewinnen ließ, was die Soldaten an der erstarrten Ostfront erlebten. Das sind Sätze, die von Beobachtern des Sicherheitsdienstes in ihrem Bericht zitiert wurden: »Ich bin der letzte des alten Stammes meines Truppenteils...« Oder: »Von meiner Kompanie sind nur noch 15 Mann am Leben.« Oder: »Ich habe nur noch den einen Wunsch, lebend aus der Hölle rauszukommen.«

In dieser Situation wandte sich Thomas Mann aus dem fernen Pacific Palisades bei Los Angeles im Westen der USA über den britischen Rundfunk an »Deutsche Hörer«. Das tat er aufgrund einer Einladung, die im Herbst 1940 an ihn ergangen und der er ohne langes Zögern gefolgt war.

Die erste dieser Sendungen war im Oktober 1940 ausgestrahlt worden. Da tobte die Luftschlacht über den britischen Inseln. Viele Deutsche hofften, die Kapitulation dieses letzten Kriegsgegners sei nahe und damit auch das Ende des Krieges. Daß sich Mann über den Rundfunk – und zwar auf der Langen Welle, die im Reich auch mit einfacheren Radioapparaten zu empfangen war – an die Deutschen wenden konnte, erforderte einigen technischen Aufwand. Anfänglich waren seine Texte verlesen worden, inzwischen aber war ein Weg gefunden, daß Konserven mit seiner eigenen Lesung über den Atlantik gelangten und so die Stimme des Schriftstellers gehört werden konnte – unter Beachtung aller Vorsichtsmaßregeln, die durch die bei Kriegsbeginn erlassene Verordnung geboten waren. Diese hatte das Hören von Feindsendern unter strenge Strafen gestellt.

Im Dezember 1941, dem Monat, in dem sich an der Ostfront vor Moskau die Wende des Krieges zum ersten Mal ankündigte, war Mann zweimal zu hören, im üblichen Monatsrhythmus und in einer Sondersendung am 24. Dezember. Da war soeben die Mitteilung erfolgt, daß Hitler den Oberbefehlshaber des Heeres Walther von Brauchitsch, der diesen Posten seit 1938 bekleidete und nach Sieg über Frankreich zum Generalfeldmarschall befördert worden war, verabschiedet und sich selbst an dessen Stelle gesetzt hatte. Mit Brauchitsch, der den Rest des Krieges auf seinem Gut im Protektorat verbrachte, waren weitere Generale, die im Osten befehligt hatten, abgelöst worden. Darauf bezog sich Mann in seinem Text einleitend so: »Wie hat euch der Tagesbefehl gefallen, mit dem Führer Hitler seine in Rußland geschlagenen Generäle absetzte und sich selbst, auf Weisung der ›Stimmen‹, die er hört, zum Oberstkommandierenden auf allen Schauplätzen des deutschen Welteroberungskrieges ernannte?« Darauf folgt eine Analyse der Verlautbarung, mit der nicht nur die Deutschen an der Front und im Hinterland zum äußersten Anstrengungen getrieben werden sollten, sondern mit der sich dieser grenzenlos eitle Führer dem Volke als ein Weitschauender und Weiser präsentiert hatte, der alles so habe kommen sehen, wie es eben gekommen ist. Der Mann, der sich bei Kriegsbeginn rühmte, einen Zweifrontenkrieg vermieden zu haben, erzählte den Deutschen nun, »gewußt zu haben, daß er eines Tages die drei größten Mächte der Welt, England, Rußland und die Vereinigten Staaten, gegen sich (...) haben würde.« Diesen Anspruch auf Vorwissen kommentierte Mann knapp: »Da spricht ein Elender sich schuldiger, als er ist (…).« Und dann endete die Weihnachtsansprache mit dem Ruf »Gott im Himmel, vernichte ihn!« Das war nicht als ein Abwälzen der Aufgabe gemeint, die den Völkern bevorstand.

»Welteroberungskrieg«

Thomas Mann hat in seinen Reden an »Deutsche Hörer« immer wieder gesucht, Erkenntnisse und Einsichten zu verbreiten, die sich so gruppieren lassen: Erstens versicherte er den Deutschen, daß kein Weg an der Niederlage des Naziregimes vorbeiführen werde. Wie lange der Krieg auch dauere – und Hitler hatte in der Ansprache am 11. Dezember die »Volksgenossen« soeben auf dessen unbestimmte Länge ausgerichtet –, an seinem Ende werden die Mächte der Antihitler-Koalition siegen. Zweitens trachtete er danach, den Hörern unumwunden klarzumachen, was Deutschland für einen Krieg begonnen habe und führe. Die in der Weihnachtsansprache gebrauchte Wendung vom »deutschen Welteroberungskrieg« könnte beanspruchen, die hierzulande gebräuchlich gewordene von »Hitlers Vernichtungskrieg« zu ersetzen, beschreibt sie doch das Ziel des verbrecherischen Unternehmens, in dessen Ergebnis, wie Mann sagte, die versklavten Völker stehen sollten. Drittens unternahm es Mann, den Hörern unmißverständlich zu sagen, wessen Führung sie sich da unterworfen hatten. In dieser einen Sendung vom 24. Dezember nannte er Hitler »dieses schlecht ausgefallene Individuum«, »einen wütenden Kettenhund«, den »Unhold« und »blinden Abenteurer«, einen »Elenden« und die »gottloseste aller Kreaturen«. Und schließlich – viertens – kündete er den Deutschen an, daß sie für das, was sie anderen Menschengruppen, vor allem den Juden, den Polen, den Russen jetzt antaten, eines Tages unweigerlich zu zahlen haben würden, zumal sich gegen sie weltweit ein unvergleichlicher Haß auftürme.

Es ist mit Sicherheit nicht zu sagen, ja nicht einmal ungefähr zu schätzen, wie viele Deutsche eine oder mehrere der insgesamt 55 Sendungen Thomas Manns, die später auch gedruckt wurden, hörten und was sie auslösten und bewirkten. Gewiß ist nur, daß sie nicht ins Nichts gesprochen wurden. Mit der Verlogenheit und Armseligkeit der Meldungen, die ihnen aus dem Hauptquartier zukamen, und der immer wieder bestätigten Entdeckung von Beschönigungen und Unterschlagungen wuchs die Zahl derer, die es riskierten, sich beim verteufelten »Feind« zu informieren, der in einer immer grotesker wirkenden Umkehrung von der Goebbels-Propaganda als Lügner hingestellt wurde.

Was sich in den Dezembertagen im Mittelabschnitt der Ostfront ereignete, wurde den Deutschen vorsätzlich vorenthalten. Sie waren auf Vermutungen angewiesen. Die wären zahlreich, wurde im letzten überlieferten Bericht des Sicherheitsdienstes für 1941 – er stammt vom 18. Dezember – mitgeteilt, und sie besagten »ein Zurückgehen unserer Truppen im Osten«. Den Deutschen dämmerte, und Mann sagte es ihnen unumwunden: Das wird nicht die letzte Kriegsweihnacht gewesen sein.

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