7. Juni 2010

Griff nach dem Kontinent

Geschichte. Vor 70 Jahren wurde Frankreich zur Errichtung der deutschen Hegemonie über Westeuropa unterworfen - nicht zuletzt wegen heftiger Differenzen zwischen den ­französischen Eliten

Martin Seckendorf

Zwischen dem 5. und 9. Juni 1940 eröffneten die an Somme und Aisne stehenden deutschen Truppen die unter der Deckbezeichnung »Fall Rot« geplante »Schlacht um Frankreich«. Sie sollte die endgültige Niederlage Frankreichs in dem seit dem 10. Mai 1940 laufenden deutschen Westfeldzug bringen und die deutsche Herrschaft über Westeuropa errichten. Die Luftwaffe flog schwere Angriffe gegen das französische Hinterland, hauptsächlich gegen große Städte, auch, um die Bevölkerung zu terrorisieren. Die Wehrmacht wollte in zwei Richtungen tief in das Innere des Landes vorstoßen. Die Heeresgruppe B sollte westlich von Paris die untere Seine erreichen und die Atlantikküste erobern. Die Heeresgruppe A hatte östlich der Hauptstadt in Richtung Reims-Dijon bis zur Schweizer Grenze vorzugehen, die Masse des französischen Heeres gegen die hintere Front ihrer Befestigungen, der »Maginot-Linie«, zu drücken und einzuschließen. Frankreich war es unter großen Mühen gelungen, von der Somme-Mündung bis Sedan eine geschlossene Front zu bilden. Diese Stellung wurde nach dem Oberbefehlshaber der französischen Truppen Maxime Weygand benannt. Weygand war zuvor Kommandeur der französischen Truppen in Nahost. Dort hatte er u.a. den Auftrag, die Besetzung der kaukasischen Erdölgebiete der Sowjetunion vorzubereiten, um das sozialistische Land zu schwächen. Damit sollten auch die vereinbarten Lieferungen nach Deutschland verhindert werden.

Bis Anfang Juni 1940 hatte die französische Armee die schweren Verluste in den Schlachten in Flandern und im Artois vom Mai noch nicht wieder ausgleichen können. 250000 Soldaten, ein Zehntel des Mannschaftsbestands, waren verloren. Die deutsche Militärführung ging davon aus, daß die Wehrmacht der französischen Armee im Verhältnis 2: 1 überlegen sei. Kurz vor Beginn der Schlacht meldete der Oberbefehlshaber des Heeres, Walther von Brauchitsch, seinem »Führer«, der Krieg sei so gut wie gewonnen.

KP fordert Volkskrieg

Die Besetzung nordfranzösischer Gebiete im Mai 1940 und das Auftauchen der Wehrmacht an der Somme verschärfte die innenpolitische Auseinandersetzung in Frankreich. Der Streit ging darum, mit welchen Mitteln eine nationale Katastrophe verhindert werden könnte. Die Gruppe um den konservativen Ministerpräsidenten Paul Reynaud wollte in enger Zusammenarbeit mit Großbritannien und den USA den Kampf gegen die Deutschen notfalls von den Kolonien aus fortsetzen. Sie folgte der Auffassung des britischen Premierministers Winston Churchill, daß der Krieg ein Weltkrieg sei und lange dauern werde. Zu dieser Gruppe gehörte auch der Staatssekretär im Kriegsrat Brigadegeneral Charles de Gaulle. In seinem berühmten Aufruf vom 18. Juni hatte er die Franzosen zum weiteren Kampf aufgefordert: »Frankreich hat eine Schlacht verloren! Aber Frankreich hat nicht den Krieg verloren.«

Dieser Gruppe stand die Fraktion der Kapitulanten gegenüber. Sie wollte so früh wie möglich einen Waffenstillstand mit den Deutschen, auch um die gesellschaftlichen Strukturen – vor allem die Armee – als »Ordnungsfaktor« zu erhalten. Die Gruppe gewann mit den deutschen militärischen Erfolgen im Juni 1940 schnell an Gewicht. Reynaud mußte deren Repräsentanten, Philippe Petain, der während des spanischen Bürgerkrieges Botschafter bei der franquistischen Putschregierung war, als Vizepremier ins Kabinett holen. Petain hatte schon vor Beginn der Kämpfe an der Somme auf einen Waffenstillstand hingearbeitet. Am 17. Juni wurde er Regierungschef.

Angesichts der existentiellen Bedrohung rief die von der französischen Reaktion in die Illegalität gedrängte Kommunistische Partei zur konsequenten Verteidigung Frankreichs und zur Umwandlung des Krieges in einen Volkskrieg auf. Das Volk sollte bewaffnet, die Städte sollten befestigt und die profaschistischen Kräfte aus dem Staatsapparat entfernt werden. Mit Blick auf die Erfahrungen von 1870, als das Volk von Paris seine Geschicke in die eigenen Hände genommen und tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen erzwungen hatte, um preußisch-deutschen Truppen erfolgreich Widerstand zu leisten, lehnten alle Fraktionen der französischen Bourgeoisie solche Pläne ab.

Paris gibt Rückzugsbefehl

Als die Wehrmacht am 5. Juni an Somme und Aisne angriff, stieß sie unerwartet auf heftigen Widerstand. Der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B, Fedor von Bock, notierte am 6. Juni im Kriegstagebuch: »Schwerer krisenreicher Tag! Es scheint, als ob wir festsitzen!« Die benachbarte Heeresgruppe A urteilte, »daß der Gegner sehr zäh gekämpft hat und von hoher Kampfmoral gewesen sein muß«. Die französischen Soldaten hatten vorübergehend der Wehrmacht den Zugang ins Innere Frankreichs verlegt. Die Deutschen brauchten Tage, um unter großen Verlusten taktische Durchbrüche zu erzwingen als Voraussetzung für den Stoß in die operative Tiefe.

Die durch die Standhaftigkeit der französischen Soldaten errungene Atempause für Frankreich wurde von der defätistischen, auf einen Kuhhandel mit den Deutschen fixierten französischen Armeeführung nicht zu einer politischen und strategischen Umorientierung etwa im Sinne des Aufrufs der Kommunistischen Partei vom 6. Juni zur Proklamierung des Volkskrieges genutzt. Sie entblößte Paris militärisch. Die Metropole wurde zur offenen Stadt proklamiert und damit die von den Deutschen gefürchtete Rückhaltelinie hinter der Weygand-Stellung durch die Verbindung zwischen den starken in Ostfrankreich stehenden Armeen und jenen Kräften, die westlich Paris bis an den Atlantik lagen, verhindert. Am 11. Juni erging als Höhepunkt des Defätismus ein allgemeiner Rückzugsbefehl an die französischen Truppen. Danach existierte in Frankreich keine geschlossene Front mehr. Unter die nun demoralisiert zurückflutenden Soldaten mischten sich Millionen Flüchtlinge, die sich vor den Deutschen in Sicherheit zu bringen suchten. Die Trecks waren bevorzugte, auch weil ungefährlich zu attackierende Ziele der deutschen Luftwaffe.

In diesem Chaos stießen deutsche Panzer rasch bis zur spanischen und zur Schweizer Grenze vor. Von den Atlantik- und Kanalhäfen gelang in letzter Minute die Evakuierung der Reste des britischen Expeditionskorps in Stärke von 140000 Mann zusammen mit 18000 französischen sowie 30000 polnischen und tschechoslowakischen Soldaten nach England. Am 14. Juni marschierte die 87. Infanterie-Division der Wehrmacht in Paris ein. Mitte Juni griff die Heeresgruppe C beiderseits Saarbrücken und am Oberrhein in Richtung Colmar die Befestigungen der Maginot-Linie frontal an und kam angesichts des inzwischen allgemeinen Durcheinanders schnell vorwärts.

Diktat von Compiègne

Die Situation Frankreichs verschlechterte sich weiter, als am 21. Juni Italien an der Alpenfront den Kampf eröffnete, um sich seinen Anteil an der französischen Beute zu sichern. Die Regierung Petain ersuchte um Waffenstillstand, der am 22. Juni 1940 im Wald von Compiègne abgeschlossen wurde. Die demütigende Zeremonie fand im gleichen Salonwagen statt, in dem am 11. November 1918 Marschall Ferdinand Foch in Compiègne den Deutschen die Bedingungen zur Beendigung des Ersten Weltkrieges diktiert hatte. Der Waffenstillstand war recht allgemein gehalten, auch um die seit einiger Zeit laufenden ausufernden Planungen der deutschen Wirtschaft, Politik und Wehrmacht zur großflächigen territorialen Amputation und hemmungslosen Ausbeutung Frankreichs nicht ruchbar werden zu lassen. Deutschland befürchtete eine Versteifung des Volkswiderstandes. Außerdem ging es um einen Ausgleich mit Großbritannien. Man glaubte, daß eine scheinbar moderate Behandlung Frankreichs dem Ausgleich, den die Deutschen unbedingt noch vor Beginn des geplanten Überfalls auf die Sowjetunion erreichen wollten, förderlich sei. Erst nach dem »Endsieg« wolle man die Karten offenlegen, so eine Anweisung aus dem Reichspropagandaministerium. Mit Frankreich wird in einem später zu schließenden »Friedensvertrag abgerechnet«. Frankreich werde »in Zukunft die Rolle einer ›vergrößerten Schweiz‹ in Europa spielen und ein Reiseland werden, eventuell auch gewisse modische Erzeugnisse herstellen dürfen«, so die Weisung des ­Ministeriums vom 9. Juli 1940 weiter.

Nach dem Diktat von Compiègne wurden drei Fünftel des Landes von deutschen Truppen besetzt. Die deutsche Zone schloß die französische Kanal- und Atlantikküste sowie alle wichtigen Industrie- und Rohstoffgebiete ein. Die Deutschen hatten einen Landweg nach Spanien erzwungen und günstige geographische Positionen zur Lösung der »Englandfrage«, für den Krieg im Atlantik und für die rigorose Ausnutzung der französischen Wirtschaft erreicht. Das restliche Gebiet in Mittel- und Südfrankreich wurde der auf Kollaboration ausgerichteten Petain-Regierung, die ihren Sitz nach Vichy in der Auvergne verlegte, unterstellt. Zwei Millionen Soldaten kamen in deutsche Kriegsgefangenschaft. Der Vichy-Regierung wurden die französische Flotte, die Kolonien und ein 100000-Mann-Heer zur Aufrechterhaltung der »inneren Ordnung« überlassen. Frankreich wurden immense Besatzungskosten auferlegt. Nachdem auch Italien mit Frankreich einen Waffenstillstand geschlossen hatte, war der große Krieg auf französischem Boden für fast vier Jahre zu Ende. Hitler tönte im Völkischen Beobachter vom 25. Juni, der Erfolg werde »in die Geschichte eingehen als der glorreichste Sieg aller Zeiten«. Tatsächlich hatte sich das Kräfteverhältnis in Europa erheblich zugunsten des Nazireiches verändert. Über Frankreich senkte sich die Nacht faschistischer Okkupation.

Unterwerfung neutraler Staaten

Entscheidende Voraussetzung für den schnellen Vormarsch in Frankreich im Juni 1940 bildete der am 10. Mai 1940 begonnene Überfall auf Holland, Belgien und Luxemburg, der in der Wehrmachtsführung als »Fall Gelb« vorbereitet worden war. Die völkerrechtswidrigen Angriffe auf die neutralen Beneluxländer sowie auf die ebenfalls neutralen Staaten Dänemark und Norwegen unter der Deckbezeichnung »Fall Weserübung« dienten außerdem dazu, durch die Besetzung der »Gegenküsten« zu den britischen Inseln Großbritannien von einem Einschreiten auf dem Festland abzuhalten sowie Stützpunkte für Luftwaffe und Marine zu erringen.

Die 1940 durchgeführten Aggressionsakte waren schon lange vor Kriegsbeginn geplant worden In der Besprechung am 23. Mai 1939 (siehe jW-Thema vom 23. Mai 2009) zur Vorbereitung des Überfalls auf Polen wies Hitler an: »Die holländischen und belgischen Luftstützpunkte müssen militärisch besetzt werden. Auf Neutralitätserklärungen kann nichts gegeben werden.« Weiter führte er aus: »Gelingt es, Holland und Belgien zu besetzen und zu sichern sowie Frankreich zu schlagen, dann ist die Basis für einen erfolgreichen Krieg gegen England geschaffen. (…) Hierbei spielen Recht oder Unrecht oder Verträge keine Rolle. (…) England kann dann auf dem Kontinent nicht kämpfen.«

Kurze Zeit nach der Niederwerfung Polens nahmen die Kriegspläne konkrete Gestalt an. In der »Weisung Nr. 6 für die Kriegführung« vom 9. Oktober 1939 wurde befohlen: »Am Nordflügel der Westfront ist durch den luxemburgisch-belgischen und holländischen Raum eine Angriffsoperation vorzubereiten. Dieser Angriff muß so stark und so frühzeitig als möglich geführt werden.« Die Weisung »Weserübung« vom 1. März 1940 begründete den Überfall auf Dänemark und Norwegen wie folgt: »Hierdurch soll englischen Übergriffen nach Skandinavien und der Ostsee vorgebeugt, unsere Erzbasis in Schweden gesichert und für Kriegsmarine und Luftwaffe die Ausgangsstellung gegen England erweitert werden.«

Die Besetzung Nord- und Westeuropas war ein entscheidender Schritt zur Errichtung der deutschen Herrschaft über den Kontinent. Sie sollte in großem Umfang neue Wirtschaftsressourcen und Arbeitskräfte für die deutsche Rüstung sichern, bessere Möglichkeiten für die Auseinandersetzung mit Großbritannien und für eine effektive Kontrolle internationaler Seegebiete schaffen sowie Rückenfreiheit für den Überfall auf die Sowjetunion bringen. Am 10. Oktober 1939 schrieb Hitler an den Oberbefehlshaber des Heeres, bei der Offensive im Westen gehe es um die Ausschaltung der westlichen Gegner in einem Ausmaß, daß sie sich einer deutschen »Weiterentwicklung nach Osten« nicht mehr entgegenstellen könnten.

Während die deutsche Marineleitung seit September 1939 bei Hitler auf einen baldigen Angriff gegen Dänemark und Norwegen drängte, schien einem Teil der Heeresgeneralität angesichts der Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg die Vorbereitungszeit für einen Krieg gegen die Benelux-Staaten und Nordfrankreich (»Fall Gelb«), nicht auszureichen. Aus der unterschiedlichen Lagebeurteilung resultierten erhebliche Differenzen über die operativen Grundlinien einer Offensive. Der Angriffstermin »Fall Gelb« wurde fast 30mal verschoben. Erst im Frühjahr setzte sich die endgültige Auffassung über den Westfeldzug durch, die später von Churchill als »Operation Sichelschnitt« bezeichnet wurde.

Die Offensive war als Blitzfeldzug geplant. Das Überraschungsmoment und der Einsatz starker Panzerverbände, die eigenständig und nicht mehr als Begleitung der Infanterie, aber in engem Kontakt mit der Luftwaffe operierten, bildeten die Kernpunkte des Konzepts. Der Angriff sollte zwar an der gesamten Front von Luxemburg bis zur holländischen Nordseeküste mit zwei Heeresgruppen (B nördlich von Lüttich, A südlich davon) erfolgen. Der Schwerpunkt lag jedoch an der Front gegen Luxemburg und Belgien. Man wollte mit den Panzerverbänden der Heeresgruppe A an der Nahtstelle zwischen der Maginot-Linie, die nur die deutsch-französisch-luxemburgische Grenze, nicht aber die Grenze zu Belgien sicherte, und den belgischen Festungswerken südlich Lüttich durch die Ardennen Richtung Westen durchbrechen, die Maas an mehreren Stellen südlich Namur forcieren und schließlich die Somme-Mündung bei Abbeville erreichen. Der Marsch durch die Ardennen mit sieben Panzerdivisionen und motorisierten Verbänden hätte schnell in einem Fiasko enden können. Schließlich verfügten die Westalliierten über eine intakte Luftwaffe und über zahlenmäßig mehr Panzer als die Wehrmacht. Außerdem waren die westalliierten Panzer, der französische »Char B I« und der britische »Matilda I«, den deutschen Kampfwagen an Panzerung und Feuerkraft überlegen. Doch sie konnten ihre taktischen Vorteile nicht ausspielen. Sie waren als Begleitwaffe der Infanterie und als »rollende Festungen« eingesetzt. Außerdem hatten die westlichen Militärführer den Schwerpunkt der Verteidigung und des Truppenaufmarsches nach Norden, nach Flandern verlegt. Sie waren der Ansicht, die Ardennen seien für Panzer und motorisierte Verbände unpassierbar. Die deutsche Führung legte schließlich den Angriff gegen Dänemark und Norwegen für den 9./10. April und gegen die Benelux-Staaten für den 10. Mai 1940 fest.

»Komischer Krieg«

Die Westalliierten hatten zu Beginn des deutschen Überfalls auf Polen dem Nazireich den Krieg erklärt. In der deutschen Führung herrschte große Furcht vor einem Angriff insbesondere auf das Ruhrgebiet. Hitler sagte am 23. November 1939: »Wir haben eine Achillesferse: das Ruhrgebiet. Vom Besitz des Ruhrgebiets hängt die Kriegführung ab.« Doch die Westmächte blieben militärisch inaktiv. Der daraus resultierende Sitz- oder komische Krieg hatte fatale Folgen für sie. Ihre Militärführungen hatten die operative Unsicherheit der faschistischen Führung nach dem Sieg über Polen nicht genutzt und verharrten hinter den als unbezwingbar geglaubten Befestigungen. An den französischen und belgisch-holländischen Festungslinien, so ihre Auffassung, werde die Wehrmacht, wie im Ersten Weltkrieg das kaiserliche Heer, verbluten. Die deutsche Offensive mit dem operativen Schwerpunkt südlich Lüttich und dem Einsatz selbständiger Panzerverbände hat die Alliierten überrascht und sie taktisch und operativ schnell ausmanövriert.

Eine andere schwerwiegende Folge des Sitzkrieges für die Alliierten war, daß sich die Wehrmacht gründlich auf den Krieg im Westen vorbereiten konnte. Die beträchtlichen Verluste, die die Panzer- und motorisierten Verbände während der Aggression gegen Polen erlitten hatten, wurden ausgeglichen, die allgemeine Motorisierung der Wehrmacht zügig fortgesetzt und die Ausrüstung der Panzerdivisionen mit modernen Panzern III und IV vorangetrieben. Bis zum Angriffsbeginn hatte sich die Ausstattung der Panzerverbände mit den neuen Modellen verdoppelt. Außerdem wurde der Munitionsvorrat erheblich aufgestockt. Die neu aufgestellten Verbände und die Führungskader konnten entsprechend der Angriffsdoktrin gründlich ausgebildet werden – ein Faktum, das entscheidend zu dem schnellen Erfolg beitrug.

Am 10. Mai begann der Angriff. Er verlief im wesentlichen nach den Vorstellungen der deutschen Führung. Luxemburg war am 11. Mai besetzt, Holland kapitulierte am 15. Mai. Um die Holländer zur Kapitulation zu zwingen, war die Vernichtung Rotterdams durch die Luftwaffe geplant. Obwohl Verhandlungen mit den holländischen Militärs begonnen hatten, griffen deutsche Flugzeuge an und legten die historische Altstadt in Schutt und Asche. Etwa 900 Zivilisten starben. Seitdem steht Rotterdam wie Guernica und Warschau, später Coventry und Belgrad als Synonym verbrecherischen deutschen Bombenterrors gegen die Zivilbevölkerung. Brüssel fiel am 17. Mai. Am 19. Mai wurde die Somme-Mündung erreicht. Die Verbände drehten nach Norden ein und drückten das Gros des britischen Expedi­tionskorps, die 1. französische Armeegruppe und die belgische Armee gegen die Front der von Osten herandrängenden deutschen Heeresgruppe B und kesselte die Truppen im Raum Dünkirchen/Dunkerque ein. Bis zum 4. Juni konnten fast 370000 alliierte Soldaten unter Zurücklassung der schweren Waffen in letzter Minute nach England evakuiert werden. Die Wehrmacht stellte sich an Somme und Aisne zur am 5. Juni beginnenden »Schlacht um Frankreich« bereit.

Als der deutsche Angriff im Westen begonnen hatte, wurde Winston Churchill britischer Premierminister. Die Ära der hitlerfreundlichen Appeaser war beendet. In seiner Antrittsrede erklärte er: »Ich habe nichts zu bieten als Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß. (…) Wir haben viele, viele lange Monate des Kämpfens und des Leidens vor uns. (…) Unsere Politik ist, (…) Krieg zu führen gegen eine ungeheuerliche Tyrannei, die in dem finsteren, trübseligen Katalog des menschlichen Verbrechens unübertroffen bleibt.« Erst vier Jahre später wurden die Deutschen aus Frankreich vertrieben.

Dr. Martin Seckendorf ist Historiker und Mitglied der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V.

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