5. Februar 2011

Griff nach Nahost

Vor 70 Jahren fiel das Deutsche Afrika-Korps in Tripolis ein

Martin Seckendorf

Am 11. Februar 1941 unterzeichnete Adolf Hitler die »Weisung Nr. 22«. Unter der Deckbezeichnung »Sonnenblume« sollte ein gepanzerter Großverband nach Libyen entsandt werden, um die dortigen italienischen Streitkräfte im Kampf gegen britische Truppen zu unterstützen. Als Befehlshaber in Nordafrika wurde der als Panzerspezialist geltende Generalleutnant Erwin Rommel, dem man zusätzlich die italienischen motorisierten Verbände in Libyen unterstellte, eingesetzt. Am gleichen Tag trafen in Tripolis erste deutsche Einheiten ein. Nach wenigen Wochen war der Verband, der am 18. Februar offiziell die Bezeichnung Deutsches Afrika-Korps erhielt, im vorgesehenen Umfang von zwei Divisionen, der 5. leichten und der 15. Panzerdivision, in Libyen versammelt.

Um die Entsendung dieses Interventionsverbandes ranken sich, ausgehend vom Text der »Weisung Nr. 22«, bis heute fortwirkende Legenden.

Kampf an der Peripherie

Die »Weisung Nr. 22« bezeichnet die Entsendung als »deutsche Hilfeleistung« für die in Bedrängnis geratenen italienischen Verbände, gewissermaßen als eine Defensivmaßnahme, eine gegenüber dem Verbündeten ritterliche Geste. Tatsächlich erlitten die Italiener im Zuge der seit dem 9. Dezember 1940 laufenden britischen Offensive gegen die am 12. September von der italienischen Kolonie Libyen in das britisch kontrollierte Ägypten eingedrungenen Truppen Mussolinis bedeutende Verluste. Die Briten rückten binnen zehn Wochen etwa 800 Kilometer nach Westen vor. Es bestand die Möglichkeit, daß die italienische Kolonie vollständig verloren geht und die britischen Streitkräfte eine ausgezeichnete Basis für die Bekämpfung des faschistischen Italiens gewinnen. Ein gewaltiger politischer und militärischer Rückschlag für die »Achsenmächte« drohte. Das Mittelmeer wäre der Kontrolle der Faschisten weitgehend entrissen worden. Zudem hatten die italienischen Truppen in Nordafrika starke britische Kontingente gebunden, die dann für andere Kriegsschauplätze frei geworden wären – gewichtige Gründe für die Nazis, militärisch zu intervenieren. Aber die Lage der Italiener war nicht der einzige Grund für den Einsatz deutscher Truppen. Die »Weisung Nr. 22« muß auch als administrative Zusammenfassung einer seit Sommer 1940 in der deutschen Militärführung intensiv geführten strategischen Diskussion angesehen werden.

Nordafrika geriet im Zusammenhang mit der Fortsetzung des Kampfes gegen Großbritannien seit Juli 1940 in den Fokus der deutschen Militärs. Sie hofften, daß sich die Briten vor dem geplanten faschistischen Angriff auf die UdSSR auf einen Kompromißfrieden mit den Deutschen einlassen würden und die Wehrmacht freie Hand im Osten erhielte. Doch trotz Bombenkriegs und der Drohung mit einer Invasion gaben die Briten nicht nach. Operative Studien der deutschen Militärs hatten zudem ergeben, daß eine Landung schwierig sei. Die Invasion wurde verschoben, die Deutschen suchten nach Alternativen. Der Chef des Wehrmachtsführungsstabes, Alfred Jodl, dekretierte am 14. August 1940, der »englische Widerstandswille« müsse bis zum Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion gebrochen werden. Man könne die Briten »auch auf anderem Wege als durch eine riskante Landung auf der Insel in die Knie zwingen«, nämlich durch die »Wegnahme (…) Ägyptens« durch die Italiener, »wenn erforderlich mit deutscher Hilfe«. Die Machtstellung Englands im Mittelmeer wäre gebrochen und die Bedrohung der Südflanke des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion durch britische Luftstreitkräfte beseitigt. Italien, das am 10. Juni 1940 an der Seite Deutschlands in den Krieg eingetreten war, wurde gedrängt, von Libyen aus in Ägypten einzufallen und einen brauchbaren Hafen für die Landung deutscher Truppen zu erobern. Im Vertrauen auf die deutschen Waffenversprechungen und darauf, daß die Invasion der britischen Inseln bevorsteht, eröffneten italienische Truppen am 12. September eine Offensive gegen Ägypten. Am 19. September stellte Rodolfo Graziani, der italienische Oberbefehlshaber, den Vormarsch ein. Er kannte die Tücken des Wüstenkrieges. Mehr noch als die britischen Panzer beschäftigte ihn der Wasser- und Treibstoffnachschub. Erst wenn diese Probleme gelöst waren, wollte er weiter vorrücken. Seine Strategie wurde von Faschistenführern in Rom und Berlin als »Politik der Wasserleitungen« verspottet. Die Mißachtung dieser Regeln des Wüstenkrieges durch Rommel war ein Grund dafür, daß das Afrika-Korps nach vorübergehenden Erfolgen bald in Schwierigkeiten geriet. Mussolini aber hatte Hitler am 3. Oktober 1940 zugesagt, die Offensive trotz Bedenken seiner Generäle umgehend fortzusetzen. Die Entsendung des deutschen Verbandes wurde Gegenstand intensiver Planungen. Eine Kommission unter dem Panzerspezialisten Wilhelm Ritter von Thoma reiste nach Libyen. Das Oberkommando des Heeres (OKH) veranschlagte für Nordafrika zwei Panzerdivisionen und eine motorisierte Division. Die Truppen sollten im Februar 1941 in Libyen eintreffen.

Zangenbewegung

Die Deutschen dachten von Anfang an weiter. Man plante einen Vorstoß über den Nil und den Suezkanal. Diese Operation sollte der südliche Arm einer riesigen Zangenbewegung werden. Gleichzeitig müsse man durch Bulgarien und die Türkei nach Süden vorstoßen und sich etwa bei Haifa mit den Rommel-Truppen vereinen. Der Leiter der Operationsabteilung im OKH, Adolf Heusinger, schlug am 26. Oktober 1940 dem Oberbefehlshaber des Heeres, Walther von Brauchitsch, vor, die Italiener zum Angriff auf Griechenland zu bewegen. Deutsche Truppen hätten Kreta und Ägypten zu erobern. »Dazu«, führte er weiter aus, müsse man »Bulgarien und Türkei, letztere nötigenfalls mit Gewalt, zur Freigabe des Weges nach Syrien über den Bosporus veranlassen«. Damit wäre das Mittelmeer in der Hand der faschistischen Mächte sowie der Weg nach dem Nahen Osten und zu den Ölfeldern des Iran, Irak und Saudi-Arabiens geöffnet. »So kamen die erstaunlichen Planungen dieses Sommers und Herbstes 1940 zustande«, schrieb Dietrich Eichholtz in dieser Zeitung, »in denen Görings Fachleute (…) 40 Millionen Tonnen Öl als jährlichen Bedarf veranschlagten, die so gut wie ausschließlich aus Arabien (Irak, Saudi-Arabien, Kuwait und Bahrain) und aus dem Iran geholt werden müßten.« Die Planung der Militärs und der Konzerne wurde im Juni 1941 noch vor dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion mit zwei Weisungen Hitlers für die Kriegsführung (Weisung Nr. 30 und 32) in konkrete militärisch-operative Befehle umgewandelt. Die deutsche Führung war der Meinung, der Krieg gegen die Sowjetunion dauere nur wenige Wochen. Danach sei man der Herr des Kontinents. Großbritan­nien sei auch in Nordafrika und Nahost kein ernstzunehmender Gegner mehr, die Erreichung selbst der »kühnsten« Ziele sei möglich. Durch die Schlachten vor Moskau und Rostow im November/Dezember 1941, in denen die deutsche Blitzkriegsdoktrin scheiterte und der Wehrmacht der Zugang zum Kaukasus verwehrt wurde, erhielt Nordafrika in der deutschen Strategie den Rang eines Nebenkriegsschauplatzes mit allen Folgen für die Zuführung von Truppen, Waffen und Treibstoff. Die für Rommel desaströse Schlacht von El Alamein im Oktober 1942 widerspiegelt eindrucksvoll das inzwischen dramatisch veränderte Kräfteverhältnis zugunsten der Anti-Hitler-Koalition. Am 13. Mai 1943 war Nordafrika von den faschistischen Truppen befreit.

Nazideutsches Kriegsziel: Vorstoß nach Vorderasien »durch konzentrischen Angriff«

Schon bevor italienische Truppen in Libyen von den Briten im Dezember 1940 zurückgedrängt wurden, planten deutsche Militärs die Eroberung Ägyptens und eine durch Bulgarien und die Türkei nach Süden führende Operation.

Am 27. Oktober 1940 referierte General Friedrich Paulus im Oberkommando des Heeres (OKH) über einen Angriff gegen Ägypten. Generalstabs­chef Franz Halder notiert dazu in seinem Kriegstagebuch: »Eine auf lange Sicht wirksame Operation im östlichen Mittelmeerraum für Landkräfte setzt neben der ägyptischen Operation eine solche durch Anatolien und Syrien voraus (…). Die Gedankenbildung entspricht meiner mit (dem) Oberbefehlshaber des Heeres schon wiederholt besprochenen Beurteilung.«

Elf Tage vor dem Überfall auf die Sowjetunion erläßt Hitler am 11. Juni 1941 die »Weisung Nr. 32«. Darin heißt es:

»Nach der Zerschlagung der sowjetrussischen Wehrmacht werden Deutschland und Italien das europäische Festland – vorläufig ohne die iberische Halbinsel – militärisch beherrschen (…) Aus dieser Lage heraus (…) können der Wehrmacht für den Spätherbst 1941 und den Winter 1941/42 folgende strategische Aufgaben erwachsen: Fortsetzung des Kampfes gegen die britische Position im Mittelmeer und in Vorderasien durch konzentrischen Angriff, der aus Libyen durch Ägypten, aus Bulgarien durch die Türkei und unter Umständen auch aus Transkaukasien heraus durch den Iran vorgesehen ist.«

Am 28. Juni 1941 erteilt das OKH dem Deutschen Afrika-Korps den Befehl, eine Offensive zur »Inbesitznahme« des Suez-Kanals vorzubereiten.

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