9. Juli 2011

Großer Crash

Vor 80 Jahren: Die deutschen Banken stecken tief in der Krise

Reiner Zilkenat

Am 13. Juli 1931 wird fast überall in Deutschland die Polizei in Alarmbereitschaft versetzt. Die viertgrößte Bank des Landes, die Darmstädter und Nationalbank (DaNat-Bank), hat ihre Zahlungsunfähigkeit erklärt und die Schalter geschlossen. Die Befürchtung, daß auch andere Kreditinstitute über keine ausreichenden Barbestände verfügen könnten, löst den Run auf die Banken aus. Im Laufe des Tages wird klar: Sie verfügen nicht über genügend Liquidität, um die Auszahlungswünsche ihrer Kunden befriedigen zu können. Die Reichsregierung unter Heinrich Brüning will Zeit gewinnen, um die Lage unter Kontrolle zu bekommen, und erwirkt mit Hilfe von Notverordnungen die Verkündung sogenannter Bankfeiertage: Am 14. und 15. Juli ruht der Zahlungsverkehr, in den Tagen danach dürfen lediglich Auszahlungen für Löhne, Gehälter, Arbeitslosenunterstützungen, Steuern und ähnliche Zwecke erfolgen. Zugleich wird die staatliche Devisenbewirtschaftung eingeführt, die unter anderem eine Ablieferungspflicht aller ausländischen Zahlungsmittel an die Reichsbank vorsieht.

Im Juli des Jahres 1931 zeigt sich: Die kapitalistische Weltwirtschaftskrise hat sich in Deutschland zugleich zu einer Bankenkrise ausgeweitet. Wie aber hatte es zu dieser Situation kommen können?

Nach der Beendigung der Hyperinflation Ende 1923 stabilisierten sich die wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland. Mitte der zwanziger Jahre war die Weimarer Republik zur stärksten kapitalistischen Wirtschaftsmacht in Europa aufgestiegen, eine Rationalisierungswelle erfaßte vor allem die exportorientierten Industrien, die Konzentration und Zentralisation des Kapitals erreichte neue Dimensionen, ablesbar an der Gründung der Vereinigten Stahlwerke 1925 und der IG Farben 1926. Zugleich kam es zu umfangreichen Unternehmenskäufen und -beteiligungen des US-amerikanischen Kapitals, das auf dem deutschen Markt günstige Absatzmöglichkeiten erkannte.

Es blieb die Frage zu klären, auf welchem Wege der »Kapitalhunger« für die Finanzierung der groß dimensionierten Investitionen gestillt werden sollte. Das Eigenkapital der Banken und die Spareinlagen der Kunden waren in der Zeit der Inflation schließlich weitgehend entwertet worden. Der Ausweg bestand in der Inanspruchnahme ausländischer Darlehen, besonders von US-amerikanischen Banken. Das Problem war allerdings, daß es sich vielfach um kurzfristige Kredite handelte, die als Basis für Investitionen dienten, die sich erst innerhalb eines längeren Zeitraumes amortisieren konnten. Zudem spekulierten einige Banken mit den hereingekommenen Dollars, anstatt die Gelder an Unternehmen auszureichen. Da die entsprechenden Darlehen jedoch zumeist verlängert wurden, wiegten sich die deutschen Kreditnehmer in Sicherheit. Am Vorabend der Bankenkrise, im Dezember 1930, betrug die deutsche Auslandsverschuldung gegenüber den USA etwa elf Milliarden Reichsmark, wovon allein 4,4 Milliarden kurzfristige Forderungen darstellten. Die Gefahr eines potentiellen Rückzugs der Wallstreet vom deutschen Finanzmarkt wurde von den Repräsentanten des Kapitals zwar erkannt, aber sie wurde propagandistisch dazu benutzt, um lauthals die »innere Kapitalbildung« zu fordern: Die Entlastung der Unternehmen von Steuern und Sozialabgaben bei gleichzeitiger Reduzierung der Löhne und Gehälter, um dadurch angeblich zusätzliche Mittel für Investitionen zu erhalten.

Ein weiteres Problem kam hinzu: Die öffentlichen Körperschaften deckten seit der Mitte der zwanziger Jahre ihren Kapitalbedarf teilweise mit Hilfe von Anleihen, die an der Wallstreet ausgegeben wurden. So legten US-amerikanische Banken allein im Jahre 1926 zum Beispiel für die Städte Düsseldorf, Frankfurt am Main, Berlin, Dresden und Duisburg Anleihen in der Größenordnung von 1,5 bis 15 Millionen Dollar auf, deren Zinssätze sich auf immerhin sechs bis sieben Prozent beliefen.

Zuletzt darf nicht unberücksichtigt bleiben, daß die an Frankreich, Bel­gien und Großbritannien zu zahlenden Reparationen nicht zum geringsten Teil mit Geld finanziert wurden, das US-amerikanische Banken dem Reich zur Verfügung stellten. Ein bedeutender Teil der Reparationszahlungen floß sogleich wieder in die USA zurück, bei denen sich die europäischen Alliierten im Ersten Weltkrieg hoch verschuldet hatten und die jetzt aus Washington zur Kasse gebeten wurden.

Die in den Vereinigten Staaten sich immer stärker ausprägende Wirtschaftskrise verursachte den Abfluß von im Ausland angelegten Kapital, nicht zuletzt aus Deutschland, da es jetzt in den USA selbst benötigt wurde. Am einfachsten geschah dies, indem kurzfristig ausgeliehenes Geld bei Fälligkeit zurückgefordert und nicht durch neue Kredite ersetzt wurde. Immer wieder hatte die Deutsche Reichsbank große Schwierigkeiten, den Geldnotenumlauf mindestens zu vierzig Prozent durch Devisen und Gold decken zu können –so wie es gesetzlich vorgeschrieben war.

Zugleich hatte das Verhältnis des Eigenkapitals zum Volumen der ausgereichten Kredite bei vielen Banken beängstigende Ausmaße angenommen. Es betrug bei der DaNat-Bank unglaubliche 1909 Prozent, bei der Dresdner Bank 1657 Prozent und bei der Deutschen Bank 930 Prozent.

Eine neue Qualität bekamen die krisenhaften Erscheinungen im Bankensektor, als im Gefolge der Pleite der größten österreichischen Bank, der Österreichischen Kreditanstalt, am 19. Juni 1931 die Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei mit Verbindlichkeiten von zirka 200 Millionen Reichsmark ihre Illiquidität mitteilte. Die »Nordwolle«, einer der weltweit größten Betriebe dieser Branche mit mehr als 20000 Arbeiterinnen und Arbeitern, hatte vor allem von der Österreichischen Kreditanstalt und der DaNat-Bank hohe Darlehenssummen erhalten, die nun abgeschrieben werden mußten. Zugleich wurde öffentlich bekannt, daß der Karstadt-Konzern und die Nordstern-Versicherungsgruppe ebenfalls kurz vor der Zahlungsunfähigkeit stünden.

Zeitgleich beschleunigte sich der Abfluß von Devisen. Zum Vergleich: Am 7. Oktober 1929 verfügte die Reichsbank über Devisen im Werte von 349 Millionen Reichsmark; am 15. Oktober 1930 betrug ihr Wert 173 Millionen; am 8. Juni 1931 waren es gerade noch 113 Millionen. Der Wert der Goldreserven sank im Zeitraum von 7. Oktober 1929 bis zum 7. Oktober 1931 von 2,2 auf 1,2 Milliarden Reichsmark.

Doch damit nicht genug. Nachdem die DaNat-Bank ihre Schalter schließen mußte, wurden auch andere Großbanken von einer drohenden Zahlungsunfähigkeit betroffen. Hier ging es vor allem um die Dresdner Bank sowie um die Commerz- und Privatbank. Aus eigener Kraft waren die drohenden Konkurse der betroffenen Großbanken, zu denen sich noch eine Anzahl mittlerer und kleinerer Institute hinzugesellte, nicht mehr zu vermeiden. Gefragt war jetzt die Reichsregierung, die gemeinsam mit den Repräsentanten der betroffenen Kreditinstitute möglichst schnell – und im Sinne des Finanzkapitals – Auswege aus der alarmierenden Situation finden mußten.

»Bankenrettung« auf Staatskosten

Die Verhandlungen, die nach dem Zusammenbruch der DaNat-Bank folgten, ließen an Dramatik nichts zu wünschen übrig. Worum ging es im Kern? Um nichts weniger als die Aufrechterhaltung des Zahlungsverkehrs und die Vermeidung eines vollständigen Kollapses der kapitalistischen Ökonomie nicht nur in Deutschland.

In Deutschland wurde die Sanierung der maroden Banken am Ende mit Staatsgeldern herbeigeführt. Die Deutsche Bank, die Dresdner Bank und die Commerz- und Privatbank gaben neue Aktien aus, die von der Reichsregierung aufgekauft wurden. Somit avancierte der Staat zum Großaktionär dieser Kreditinstitute, von denen die Dresdner Bank Anfang 1932 zwangsweise mit der kollabierten DaNat-Bank fusioniert wurde. Außerdem erfolgten Ausfallbürgschaften und direkte Zuschüsse. Die Kosten dieser Transaktionen beliefen sich auf zirka 1,6 Milliarden Reichsmark! Allerdings dachte die Regierung nicht daran, sich in das operative Geschäft der nunmehr in staatlichem Teilbesitz befindlichen Kreditinstitute einzumischen, obwohl nicht weniger als 90 Prozent des Aktienkapitals bei der Dresdner Bank, mehr als 30 Prozent bei der Deutschen Bank und 14 Prozent bei der Commerz- und Privatbank sich in Staatsbesitz befanden! Letztlich waren es die in der kapitalistischen Weltwirtschaftskrise ständig steigenden Steuerzahlungen der Allgemeinheit, die das Geld für die Sanierung der Großbanken zur Verfügung stellen mußte. Die Eingriffe der Reichsregierung in das Geschäftsgebaren der Kreditinstitute erfolgten aus »systemischen« Gründen, um den Zahlungsverkehr in Deutschland vor dem Zusammenbruch zu retten, aber schließlich auch, um die in ihrer bis dahin tiefsten Krise befindliche kapitalistische Gesellschaftsordnung zu retten – koste es, was es wolle!

In der Zeit des Faschismus wurden die »bad banks« von anno 1931 rückabgewickelt, das heißt sie wurden wieder privatisiert. Der Sozialisierung der Verluste folgte die Privatisierung der jetzt wieder winkenden Gewinne.

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