25. August 2011

»Heilig soll uns der Mörder sein …«

Geschichte. 26. August 1921: Mitglieder der Organisation Consul erschießen den Zentrumspolitiker Matthias Erzberger

Manfred Weißbecker

In der jungen Weimarer Republik gingen zahlreiche politische Morde auf das Schuldkonto der politischen Reaktion und ihrer paramilitärischen Organisationen, die sich sorgfältig gehätschelt sahen von Reichswehr- und Wirtschaftsführern, von konservativen Politikern und Staatsbeamten aus Polizei und Justiz. Aus der langen, langen Liste – gewissenhaft von Emil Julius Gumbel eruiert (siehe jW vom 18./19.6.2011) – ragt der Mord an Matthias Erzberger in mehrfacher Hinsicht heraus: Die Schüsse nationalistischer Terroristen vom 26. August 1921 zielten nicht allein auf den erbittert gehaßten Mann, sie galten darüber hinaus allem, was seit dem Ende des Weltkrieges in und nach der Novemberrevolution an Veränderungen im politischen Herrschaftssystem von proletarischen und bürgerlich-demokratischen Kräften hatte durchgesetzt werden können. Die Untat traf ebenso das Streben nach friedlichen internationalen Beziehungen, die nach dem erklärten Willen der Siegermächte durch eine weitgehende Beschränkung der militärischen Kräfte des Reiches gesichert werden sollten.

Der Frevel gegen Erzberger stand zudem am Beginn einer neuen Welle des mörderischen Terrors, die sich nach wie vor gegen die Arbeiterbewegung richtete, zunehmend aber auch gegen jene Teile der Bourgeoisie, die sich auf die Realität bestehender Verhältnisse einzustellen bereit zeigten. Bereits am 9. Juni 1921 war der bayerische USPD-Abgeordnete Karl Gareis vor seiner Wohnung niedergeschossen worden. Im Oktober 1921 und am 4. Juni 1922 verfehlten Attentate gegen die Sozialdemokraten Philipp Scheidemann und Erhard Auer nur knapp ihr Ziel. Am 22. Juni 1922 erlag Walther Rathenau seinen Mördern, die dann auch Reichskanzler Joseph Wirth ins Visier nahmen.

Das Attentat auf Erzberger erfolgte außerordentlich hinterhältig, mit entmenschter Brutalität, einer Hinrichtung gleich. Zwei skrupellose junge Männer nutzten dessen Angewohnheit, während seines Erholungsurlaubs im Schwarzwald ausgedehnte Morgenspaziergänge zu unternehmen. Als er zusammen mit seinem Gesprächspartner, dem Reichstagsabgeordneten Karl Dietz von der katholisch-großbürgerlichen Zentrumspartei, die gewundene Straße von der Spitze des Kniebis hinunter nach Bad Griesbach beschritt, sprangen die Attentäter aus einer Waldschneise hervor. Einer trat dicht an den völlig Überraschten heran und gab zwei Schüsse auf ihn ab. Schwer verletzt schleppte sich der Getroffene zu einem nahe gelegenen Abhang und rollte ein paar Meter hinunter. Mehrmals feuerten beide Attentäter auf ihn. Einer kletterte dann noch hinab und schoß dem Sterbenden mehrmals in den Kopf.

Organisierter Terrorismus

Die Mörder gehörten, wie sich rasch herausstellte, der terroristischen Organisation Consul (OC) an. Diesen geheimnisumwitterten paramilitärischen Verband – unter den vielen Freikorps, Bünden und rechtsextremen Vereinen einer der bedeutendsten – hatte Ende 1920 Korvettenkapitän Hermann Ehrhardt aus der Taufe gehoben. Damit war jener Mann wieder aktiv geworden, der im März 1920 an der Spitze einer Marinebrigade den Kapp-Putsch in besonderer Weise unterstützt und zu verantworten hatte. Gefangennahme und Verurteilung nach dem Scheitern dieses Unternehmens befürchtend, zog er sich nach Bayern zurück, da ihm und seinesgleichen in der »Ordnungszelle« keinerlei Verfolgung drohte. Im Gegenteil: Unterstützt vom Münchner Polizeipräsidenten Ernst Pöhner und getarnt als »Bayerische Holz-Verwertungs-Gesellschaft« konnte Ehrhardt die OC gründen und ihr gewalttätiges Netz über ganz Deutschland spannen. In ihrer Satzung – sie schloß »Fremdrassige« ausdrücklich aus – wurde als Zweck einer »Sammlung von entschlossenen nationalen Männern« benannt: »1.Die vollständige Revolutionierung Deutschlands zu verhindern; 2. bei den großen inneren Unruhen deren vollständige Niederwerfung zu erzwingen und durch Einsetzung einer nationalen Regierung die Wiederkehr der heutigen Verhältnisse unmöglich zu machen.« Als drittes Ziel sollte »die durch den Versailler Vertrag angestrebte Entmannung und Entwaffnung« verhindert werden. Man wollte mit allen Mitteln die deutsche »Wehrmacht und die Bewaffnung« erhalten. In diesem Sinne schrieb das Statut den Mitgliedern der Organisation Consul die »Bekämpfung alles Anti- und Internationalen, des Judentums, der Sozialdemokratie und der linksradikalen Parteien« vor. In ihren Reihen sammelten sich nationalistisch-völkische Kräfte, kriegserfahrene, nun jedoch demobilisierte Soldaten, erfüllt von Haß gegenüber der Weimarer Republik und allen Versuchen, parlamentarisch-demokratisch zu regieren.

Für ihr Vorgehen hatten sie aus der Niederlage im Kapp-Putsch gelernt. Nun betrieb man alles zweigleisig: Offiziell wurde im Bereich legaler Politik agiert, man pflegte gute Kontakte zu Reichswehr und Polizei, doch insgeheim wurde eine regelrechte Terrorkampagne organisiert. Es entstand ein funktionsfähiges Netzwerk, das über klare Führungsstrukturen, getarnte Waffenlager und konspirative Wohnungen verfügte. Dem Bund, der nach allen Regeln eines militärischen Geheimdienstes handelte, gehörten mindestens 5000 Mann an, die zumeist aus der Kriegsmarine stammten. Vorgesehen war, daß sie in wenigen Stunden bei Alarm marschbereit sein sollten. In der Literatur wird von einem »Halbdunkel lizenzierter Illegalität« (Gotthard Jasper) gesprochen, von einem »janusköpfigen Gebilde« (Susanne Meinl) sowie von einer »terroristischen Vereinigung« (Martin Sabrow). Zudem war sie offensichtlich eine verdeckte Einrichtung des Reichswehrministeriums, die Aufgaben eines militärischen Nachrichtendienstes und der »Abwehr« zu erfüllen hatte (Hannsjoachim W. Koch).

»Fort mit Erzberger!«

Unfähig, die Ursachen der Niederlage Deutschlands im Krieg zu erkennen, und willens, alle Kräfte für eine Revision sowohl des Kriegsergebnisses als auch der Novemberrevolution zu mobilisieren, sahen die bürgerkriegsbereiten nationalkonservativen Kräfte alles Übel in einer Person konzentriert: Matthias Erzberger. Sein Schuldkonto schien ihnen ungeheuer groß zu sein – hatte Erzberger doch während des Krieges die Fronten gewechselt: Aus dem annexionistischen Kriegszielbefürworter war ein Politiker geworden, den Verstand und Realitätssinn erkennen ließen, daß der Krieg für das Reich nicht zu gewinnen war. Ihm wurde bewußt, daß seine ursprünglichen Kriegszielvorstellungen, wie er selbst schrieb, »auf einem erheblichen Irrtum über die militärische und politische Gesamtlage« beruht hatten. Vor allem auf seine Initiative hin war von einer Mehrheit des Reichstages im Juli 1917 eine »Friedensresolution« beschlossen worden, in der versichert wurde, Deutschland lasse sich nicht von Eroberungssucht leiten und suche einen »Verständigungsfrieden«. Den Kriegseintritt der USA befürchtend, lehnte Erzberger auch den uneingeschränkten U-Boot-Krieg ab, was ihm üble Beschimpfungen als »Vaterlandsfeind«, »Flaumacher« und »Reichsverderber« eintrug. Die zu dieser Zeit gegründete Deutsche Vaterlandspartei – im Grunde eine Vorläuferin der NSDAP – verstand sich selbst als Anti-Erzberger-Partei und wetterte, der ihr immer noch möglich erscheinende »Siegfrieden« würde, sollte man sich mit den Alliierten verständigen, lediglich zu einem beschämenden »Verzichtfrieden« geraten.

Erzberger war schließlich auch der Mann, der am 11. November 1918 im Wald von Compiègne den Waffenstillstand unterzeichnet hatte. Von seiner »schwächlichen Nachgiebigkeit« ging stets die Rede, beklagte man in Deutschland die Härte der alliierten Bedingungen. Verschwiegen hingegen wurde die aktenkundig belegbare Tatsache, daß die obersten Militärführer selbst den Abschluß eines Waffenstillstandes gefordert und in Kenntnis der Bedingungen sogar zur Unterzeichnung gedrängt hatten. Mit Bedacht wollten die Militärs bei dem als schmählich empfundenen Vorgang nicht in Erscheinung treten und die Sache einem »Zivilisten« überlassen, somit einen Grundstein für die berüchtigte These vom tödlichen »Dolchstoß« der Heimat in den Rücken des siegreichen Heeres legend.

In der sich konstituierenden Weimarer Republik stand Erzberger auf der Seite jener bürgerlichen Kräfte, die glaubten – nach wie vor in strikter Feindschaft gegenüber den Organisationen der Arbeiterbewegung –, ihre Macht mit den Mitteln des neuen parlamentarisch-demokratischen Regimes sichern zu können, auch wenn es dazu gewisser Zugeständnisse und vor allem eines von Katastrophen freien Wiederaufbaus der deutschen Wirtschaft bedurfte. Sie bemühten sich intensiv um eine Finanzreform, die zwar mit den erhöhten Steuern auf Verbrauchsgüter vor allem die einfachen Leute traf, darüber hinaus jedoch auch vorsah, Wohlhabende durch Steuererhöhungen und die Einführung neuer Steuern zur Kasse zu bitten, was die Sozialdemokraten zur Voraussetzung für ihre Zustimmung erhoben hatten. Als Reichsfinanzminister (Juni 1919 bis März 1920) setzte Erzberger auch die Finanzhoheit des Reiches und Ansätze einer zentralen Steuerverwaltung durch – ein Graus für alle dem Föderalismus frönenden Landesfürsten. Kriegsgewinnler schimpften nach dem »Reichsnotopfer« vom Dezember 1919, das alle privaten Vermögen über 5000 Mark betraf, Erzberger sei ein »konfiskatorischer Sozialist«.

In die politisch motivierten Auseinandersetzungen mischten sich auch persönliche Differenzen, insbesondere die zwischen Erzberger und Karl Helfferich, dem führenden Mann der Deutschnationalen Volkspartei. Dessen Haß auf den Zentrumspolitiker stammte schon aus Vorkriegszeiten, in denen dieser mannigfach Unredlichkeiten im kaiserlichen Kolonialamt aufgedeckt hatte, wodurch der Deutschnationale seinen führenden Posten in der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes hatte aufgeben müssen. Helfferich entfachte mit einer Reihe von Reden und Schriften – eine davon betitelt »Fort mit Erzberger!« – ein publizistisches Dauerfeuer, zudem in einer ungewöhnlich gehässigen Polemik. Alle, die unter den Konservativen und Völkischen, unter den Nationalliberalen und auf dem rechten Flügel von Zentrum und Bayerischer Volkspartei Rang und Namen hatten, beteiligten sich an den publizistischen Angriffen auf Erzberger. Helfferich gelang es im Vorfeld des Kapp-Putsches, dank zahlreicher infamer, zumeist haltloser Beschuldigungen und niederträchtigen Beleidigungen, Erzberger zu einer Anklage gegen ihn zu treiben. Im sogenannten Erzberger-Prozeß wurde der Angeklagte zu einer lächerlich geringen Geldstrafe verurteilt, dennoch sah sich der Kläger so diskreditiert, daß er als Reichsfinanzminister seinen Abschied nehmen mußte und seine politische Karriere beendet zu sein schien. Völlig berechtigt kann Helfferich als Anstifter zum Mord bezeichnet werden, als ein Schreibtischtäter besonderer Art, auch wenn es damals diesen Begriff nicht gab und der Mann heuchlerisch alle Schuld von sich wies.

Verständnisvolle Richter

Die systematisch geschürten Mordgelüste zeigten früh ihre Wirkung. Der Untat im Schwarzwald gingen mehrere Anschläge auf Erzberger voraus. Bereits 1919, als die Nationalversammlung in Weimar tagte, versuchten Soldaten des Freikorps Maercker – eigentlich zum Schutz der Regierung berufen –, ins Schloß einzudringen und ihn zu verprügeln. Später war vorgesehen, auf einer seiner Wahlveranstaltungen ihn mit einer Handgranate zu töten, dann verletzte ihn der Schuß eines Offiziersanwärters schwer an der Schulter. Milde Urteile gegenüber den Attentätern und deren »Begründungen« – in der Regel sprachen die Richter von der ehrenwerten nationalen Gesinnung der Täter – schufen eher Spielraum für neue Untaten, als strafend und abschreckend zu wirken. Zum letzten Schlag wurde ausgeholt, nachdem am 10. Mai 1921 eine neue Reichsregierung, geleitet vom linken Zentrums- und »Erfüllungs«-Politiker Joseph Wirth, berufen worden war und Erzberger erklärt hatte, er wolle wieder in das politische Leben zurückkehren. Seinen Entschluß hatte er im Parteivorstand des Zentrums nur gegen massiven Widerstand durchsetzen können. Der Miesbacher Anzeiger, ein bekanntes Blatt bayerischer Reaktionäre, empörte sich am 6. August, es wolle also der »feist gefressene Lump« erneut einen Platz im öffentlichen Leben einnehmen.

Die Greueltat vom 26. August 1921 begingen zwei Männer: Heinrich Schulz und Heinrich Tillessen. Sie müssen sich recht sicher gefühlt haben: Die Reste ihrer wenig sorgfältig zerrissenen Post fand die Polizei rasch im Umfeld ihres Quartiers. Und sie konnten nach Ungarn flüchten, von München aus mit dem nötigen Geld versorgt. OC-Chef Ehrhardt, der im Münchner Polizeipräsidium ein und aus ging, entkam dank rechtzeitiger Warnung ebenfalls. Die meisten der 34 verhafteten Mitglieder des Geheimbundes wurden indessen bald wieder auf freien Fuß gesetzt. Eine Anklage gegen Manfred von Killinger, der in der Münchner OC-Zentrale die Fäden gezogen hatte und nach heutigem Sprachgebrauch ein Topterrorist zu nennen wäre, endete mit einem Freispruch. Geringfügige Strafen gab es lediglich für einige Randfiguren der OC. Fünf Monate nach der Ermordung Rathenaus konnte Ehrhardt zwar in München verhaftet werden, doch er entkam mit Hilfe seiner Leute bereits im Juli 1923 aus der Untersuchungshaft; es hatte also nach den staatlichen Maßnahmen von 1921 nicht lange gedauert, bis die geheime Organisation wieder funktionstüchtig agieren konnte …

Schadenfreude und Triumphgeheul

Erbärmlich und beschämend reagierten jene Teile der Deutschen, die sich nicht den umfangreichen Protestaktionen von Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschaftern und anderen anschlossen. Zynisch hieß es an Stammtischen ebenso wie in bürgerlichen Salons, solch ein Mord sei zwar nicht gutzuheißen, doch immerhin durchaus der Richtige getroffen worden. Im Berliner Lokalanzeiger las man: »Jedes andere Volk würde solchen Verschwörern unbegrenztes Verständnis entgegenbringen.« Viele gute Deutsche hätten »ein gewisses Gefühl der Befreiung« verspürt, schrieb die deutschnationale Pommersche Post am Tag danach. Der Reichsbote verkündete sogar, es sei durch den Tod Erzbergers »Deutschland vor einem Bürgerkrieg bewahrt worden«. Doch nicht allein der Lynchjustiz wurde das Wort geredet: In manchen Städten schmückten Leute anläßlich der »deutschen Tat« ihre Fenster mit schwarz-weiß-roten Fähnchen. Berichtet wurde auch, daß Hochstapler sich als die Attentäter ausgaben und für ihre »Flucht« ansehnliche Summen ergaunern konnten. Burschenschaftler sangen:

»Nun danket alle Gott

Für diesen braven Mord!

Den Erzhalunken, scharrt ihn ein.

Heilig soll uns der Mörder sein;

Die Fahne schwarz-weiß-rot!«

Diese Liedzeilen brachten extrem nationalistische Gesinnung und äußerste Gewissenlosigkeit zum Ausdruck, im Grunde bereits auch faschistische Denkweisen. Ebenso offenbarte sich als abscheulich, was diffiziler daher kam und wohl die Haltung bürgerlicher und kleinbürgerlicher Kreise eher charakterisierte. Selbst aus der Partei, der Erzberger angehört hatte, ließen sich nur wenige Stimmen harscher Kritik am Mord vernehmen. Die rechte Presse kritisierte sogar recht unverfroren alle Ansätze eines gesetzlich fixierten Republikschutzes. Als Reichspräsident Friedrich Ebert drei Tage nach der Tat eine Ausnahmeverordnung erließ, um ein Verbot von Druckschriften oder Veranstaltungen zu ermöglichen, sah sich die satirische Zeitschrift Kladderadatsch veranlaßt, ausgerechnet die Schillersche Forderung »Sire, geben Sie Gedankenfreiheit« an Ebert zu richten. Eine andere Karikatur verunglimpfte ebenfalls das Staatsoberhaupt mit der realitätsfremden Unterstellung, Ebert würde – dargestellt als Gott Jupiter – seine Blitze einzig und allein gegen die Rechte richten. Die bayerische Regierung weigerte sich sogar, die Verordnung auszuführen, und protestierte in Berlin offiziell gegen sie. Hingegen erhielt Helfferich viel Anerkennung und Lob. Eine Darstellung aus dem Jahre 1926 widmete sich einzig und allein dem »Währungspolitiker und Gelehrten«. Ihr Verfasser Karl von Lumm fand kein einziges Wort über Helfferichs Rolle im Erzberger-Prozeß, kein Wort über die Mordtat, kein Wort zum bürgerkriegsähnlichen Vorgehen der Feinde des Weimarer Staates.

Karrieren und milde Strafen

Auch die Art und Weise, wie das Reichsgericht die Voruntersuchungen zu einer juristischen Aufarbeitung des Mordes an Erzberger führte, spricht Bände. Es gliederte im April 1922 die beabsichtigten Verfahren auf und bearbeitete nur noch die Anklagen gegen einzelne Mitglieder der OC. Das wegen Geheimbündelei schwebende Verfahren wurde einem Landgericht übertragen – ausgerechnet einem bayerischen! Erst die großen, machtvollen Demonstrationen gegen den Mord an Rathenau erzwangen ernsthaft unternommene Schritte zur Zerschlagung der OC. Deren Organisatoren schufen indessen ungerührt neue Verbände – zunächst den Neudeutschen Bund, im Mai 1923 den Bund Wiking.

Sowohl die politischen Morde als auch der Umgang mit den politischen Morden jener Zeit können nicht anders als vorbereitende Schritte auf dem Weg hin zum Staatsterror der deutschen Faschisten bezeichnet werden. Und folgerichtig fanden in deren Diktatursystem nach Hindenburgs Straffreiheitsverordnung vom 21. März 1933 die Mörder aus den Reihen der Freikorps und anderer paramilitärischer Verbände, auch die Erzbergers, ihren angemessenen Platz:

Der eine, Tillessen, bis 1918 ein Torpedoboot-Wachoffizier, avancierte im Zweiten Weltkrieg zum Korvettenkapitän. Zwischen 1945 und 1947 gab es zunächst ein langes juristisches Hin und Her, bevor ihn ein Gericht in Konstanz wegen Mord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit nach dem Kontrollratsgesetz Nr. 10 zu 15 Jahren Freiheitsentzug verurteilte. Bereits im Mai 1952 durfte er sich der Haftverschonung erfreuen. Im Dezember 1952 wurde die Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt, im März 1958 die Strafe ganz und gar auf dem Gnadenwege erlassen. Der andere, Heinrich Schulz, wurde Mitglied der SS und 1939 zum Sturmbannführer, 1943 zum Obersturmbannführer ernannt. Im Juli 1950 verurteilte ihn das Landgericht Offenburg nur wegen Totschlages, nicht wegen Mordes, zu zwölf Jahren Haft. Bereits am 22. Dezember 1952 wurde die Strafe zur Bewährung ausgesetzt.

Von Manfred Weißbecker erscheint in diesen Tagen im Kölner PapyRossa Verlag: »Das Firmenschild: Nationaler Sozialismus. Der deutsche Faschismus und seine Partei, etwa 180 S., ca. 12,90 (dann auch im jW-Shop erhältlich)

Aus den Quellen:

Aus Die rote Fahne vom 27.8.1921: »Nach dem politischen Zusammenbruch 1918 trat Erzberger für die bürgerlich-demokratische Republik ein, als der für die Bourgeoisie günstigsten Liquidation der proletarischen Revolution. Er wußte, daß die Bourgeoisie dem Proletariat gewisse Zugeständnisse machen müsse, um die Entfaltung der revolutionären Kräfte der Arbeiterklasse zu verhindern. Deswegen haßte ihn die Rechte, die den Arbeitern keinerlei Zugeständnisse machen wollte. (…) Ein politischer Mord, das letzte Glied einer langen Kette. Sie beginnt mit Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, sie geht weiter zu Kurt Eisner und Gareis, sie endet vorläufig bei Erzberger. Zuerst die kommunistische Vorhut, dann unabhängige Arbeiterführer, jetzt ist’s vom Fleisch der Bourgeoisie einer, der unbequem wurde.«

Nach der Mordtat schrieb der konservative Reichsbote: »Die Gefahr, daß Erzberger wieder auf der Bildfläche erschiene, war größer als viele glaubten. Die letzten Schranken der Linksentwicklung wären dann gefallen. Nicht nur der Block Erzberger-Scheidemann, sondern der Block Erzberger-Scheidemann-Breitscheid würde dann zur Tat geworden sein. Durch seinen Tod ist Deutschland vor einem Bürgerkrieg bewahrt geblieben.«

Aus dem Artikel »Mildernde Umstände«, erschienen am 27.8.1921 in der Zeitung Deutsches Tageblatt des völkischen Politikers Reinhold Wulle: »Dieser Mann war ein aufgelegter Hochverräter, als Mitschuldiger des Dolchstoßes von 1918 und seither. Er war persönlich ein unsauberer Mensch. Die staatliche Rechtspflege hat ihm gegenüber versagt. Es ist nicht zu entschuldigen, aber es ist geschichtlich gesehen überaus natürlich, daß Richter Lynch da auf dem Plan erschien (…) Gewiß, wer Menschenblut vergießt, des Blut soll wieder vergossen werden. Das werden die jungen Leute, unter deren Revolver nach der Aussage des Abgeordneten Dietz der Ermordete geblieben ist – falls es nicht einfach bolschewistische Mordbuben waren– sich von vornherein gewiß sein. Und sie werden ihr Los, wenn das Schicksal es will, mit Anstand auf sich nehmen. Aber bei all dem denkt man an das Alte: Es lebt ein Gott, zu strafen und zu rächen!«

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2011/08-25/024.php