1. März 2013

Heimatdienst – Kriegsdienst

Survival of the fittest statt Lebensglück: Körperliche Ertüchtigung diente nicht zuletzt der Wehrhaftmachung der Deutschen (Das Zentralorgan der Reichszentrale für Heimatdienst, 15. April 1926) - Fotoquelle: bpb

Am 1. März vor 95 Jahren wurde die Vorgängerin der Bundeszentrale für politische Bildung gegründet. Weiß sie wieder, warum?

Otto Köhler

Es eilte. Dr. Paul Franken, Direktor der Katholischen Hochschule Vechta, erhielt am 19. Oktober 1949 ein Telegramm aus Bonn: »Erbitte baldigen Besuch im Bundeskanzleramt.« Der Absender war sein Bundesbruder im Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine Dr. Hans Globke, noch nicht Ministerialdirigent, noch nicht Staatssekretär, aber schon der Strippenzieher hinter dem gerade erst gewählten Bundeskanzler (junge Welt, 13.2.2013). Franken, wenige Jahre zuvor noch Agent der militärischen »Abwehr« des Nazireiches und als solcher auch so ein Widerständler wie Globke, verstand: Es ist wichtig. »Spreche Freitag vor, Franken«, telegrafierte er zurück. Artgerecht trafen sich die beiden in dem auf rezente Wirbeltiere spezialisierten Museum Koenig, wo Konrad Adenauer seinen vorläufigen Amtssitz hatte.

Das war der erste Schritt zum zeitgerechten Wiederaufbau einer Einrichtung, die als »Zentrale für Heimatdienst« heute vor 95 Jahren, im Kaiserreich auf einem der letzten Höhepunkte deutscher Siege am 1. März 1918 gegründet worden war.

Einen Monat nach dem Telegrammwechsel und der darauf folgenden Aussprache schrieb Globke an Franken: »Die Unterlagen über die Zentrale für Heimatdienst übersende ich mit der Bitte, mich gelegentlich zu einer Besprechung hierüber aufzusuchen. Ich darf bitten, die Unterlagen vorläufig vertraulich zu behandeln. Mit vorzüglicher Hochachtung. Ihr ergebener Dr. Globke.« Damit hatte der Kommentator der Nürnberger Rassengesetze nicht nur verhindert, daß andere, womöglich Unzuverlässige, die politische Bildung der Bürger der gerade entstandenen Bundesrepublik in die Hand nahmen. Es eilte, weil er einer entsprechenden Initiative des Deutschen Städtetags zuvorkommen mußte. Der hatte für denselben Zweck Verhandlungen mit einem Institut aufgenommen. Jetzt, Anfang 1950, konnte Globke den Kommunen ordentlich Bescheid sagen: »Es ist damit zu rechnen, daß die Bundesregierung später wieder eine eigene Bundeszentrale für Heimatdienst ins Leben rufen wird. Ob sie dabei auf die vom Institut zur Förderung öffentlicher Angelegenheiten in Aussicht genommene Zentrale zurückgreifen wird, ist offen. Eine gewisse Zurückhaltung gegenüber dieser Einrichtung dürfte daher nicht schaden. Mit besten Empfehlungen. Ihr ergebener Globke.«

»Später« wolle die Bundesregierung das tun. Doch bevor der sorgfältig ausgesuchte Abwehragent aus Vechta 1952 sein Amt als erster Präsident der Bundeszentrale für Heimatdienst antrat, gab es noch eine andere, die dem Traditionszweck diente. Die im März 1918 gegründete Zentrale für Heimatdienst war zum Kampf gegen die »Zersetzung der inneren Front« in den Betrieben bestimmt als Pendant zu der schon bestehenden Zentrale für Frontdienst draußen, die mit »vaterländischem Unterricht unter den Truppen« der »Aufklärungstätigkeit« diente. Im Juli 1950 jedenfalls nahm noch vor der Bundeszentrale für Heimatdienst ein illegales Unternehmen unter dem Namen »Zentrale für Heimatdienst« seine halboffizielle Untergrundtätigkeit auf. Doch davon später.

Abrechnung naht

Der erste Chef jener noch unter Wilhelm II. gegründeten »Zentrale für Heimatdienst« war Dr. Richard Strahl. Er blieb, als sich eine Art Republik aus dem Kaiserreich heraushangelte, nur der Name des Vereins änderte sich. Der hieß jetzt »Reichszentrale für Heimatdienst« und verbreitete am 8. Januar 1919 einen Aufruf der sozialdemokratischen Reichsregierung: »Gewalt kann nur mit Gewalt bekämpft werden. Die organisierte Gewalt des Volkes wird der Unterdrückung und der Anarchie ein Ende machen […] Die Stunde der Abrechnung naht!«

Genau eine Woche später waren Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht tot. Für die Gardeschützendivision, die Gustav Noske diese Aufmerksamkeit erwies, klebte die Reichszentrale Plakate, die für den Eintritt (»Auf in unsere Reihen!«) in diese »wilde, verwegene Jagd« warben.

Danach konnte Dr. Strahl in der Reichszentrale viel leichter planen, »langjährige, gesinnungstreue und sichere Mitglieder der sozialdemokratischen Mehrheitspartei« zur Aufklärung in bestimmten Wirtschaftsbetrieben einzusetzen und materiell zu unterstützen, um auf diese Weise »radikalen und wirtschaftsfeindlichen Elementen« die Möglichkeit zu nehmen, politische Streiks mit wirtschaftlichen Scheingründen zu provozieren«. So schrieb er am 10. Oktober 1919 dem Unterstaatssekretär in der Reichskanzlei.

1928 war er noch tiefer in das Wesen der Gesinnungstreuen eingedrungen. Über die inhaltliche Ausrichtung der Reichszentrale schrieb Strahl: »Bei der wesentlich erweiterten und gesteigerten Mitwirkung des Volkes am öffentlichen Leben liegt es nicht nur im Interesse des Staates, sondern auch des Staatsbürgers selbst, daß die objektive Unterrichtung über die Geschehnisse und Zusammenhänge des politischen Lebens zur Vervollkommnung und Vertiefung der politischen Urteilsfähigkeit auch der breiten Massen gewährleistet wird.«

Schon 1926 hatte Heimatdienstleiter Strahl die Urteilsfähigkeit der Masse beachtlich vertieft. »Die Kriegsschuldfrage«, hieß acht Jahre nach dem Ersten Weltkrieg eine Broschüre der Reichszentrale für Heimatdienst, die »Material für Vorträge« bot, das »in bestimmten Zeitabständen ergänzt und auf den neuesten Stand gebracht werden soll«, und dazu bestimmt war, »dem Redner authentische Unterlagen für Vorträge über das gesamte Gebiet der Kriegsschuldfrage« zu geben. Es sollte auch dem Redner die Möglichkeit geben, »auf Anfragen und Gegeneinwände in der Diskussion raschestens Antworten und Auskünfte zu erteilen.«

Die Grundantwort war ganz einfach: »Während Deutschland nichts erstrebte, was nur durch einen Krieg« – freiwillige Selbstunterwerfung der Feindmächte wäre ausreichend gewesen – »hätte verwirklicht werden können und Österreich lediglich« – durch totale Kapitulation Serbiens – »auf Erhaltung seiner Existenz bedacht war, konnten Rußland und Frankreich ihre Ziele nur im Rahmen eines allgemeinen europäischen Krieges verwirklichen«, lehrte der Heimatdienst seinen deutschen Staatsbürgern. Das war einleuchtend und bewiesen, denn: »Der deutsch-französische Gegensatz ist der älteste und schärfste.« Schuld sind »die Franzosen«, denn sie haben »niemals davon abgelassen zu versuchen, den Rhein in ihren Besitz zu bekommen«. Und außerdem ist die bekannte »nationale Eitelkeit und Ruhmsucht der Franzosen stets eine Quelle für kriegerische Verwicklungen« gewesen.

Restlos überführen

Da war es eigentlich kaum noch nötig, daß 1929 der Abgeordnete Dr. Josef Goebbels für die NSDAP in den 15köpfigen Beirat einzog, der für den Reichstag das Kontrollrecht über die Reichszentrale für Heimatdienst ausübte. Alles knorke, wie Dr. Goebbels so gern sagte. 1933 konnte er zufrieden sein, als er vier Tage nach Schaffung seines neuen Ministeriums für Volksaufklärung und Propaganda das letzte Rundschreiben von Dr. Richard Strahl las, der seit 1918 jene Reichszentrale für Heimatdienst leitete, die nunmehr in ein höheres Leben überging. Mit der Errichtung eines Reichspropagandaministeriums unter Dr. Joseph Goebbels habe der Gedanke einer staatlichen Aufklärungsarbeit, so deren bisheriger Betreiber, seine Kontinuität behalten und zugleich eine adäquate Organisationsform gefunden. Der Vorzeigedemokrat Dr. Strahl fuhr – 19 Tage nach dem Reichstagsbrand und dem darauffolgenden Terror – fort: »Die ganze Entwicklung der innenpolitischen Verhältnisse, die letztlich auf den Versuch einer ungeheuren Konzentration aller nationalen Kräfte hinausläuft, gibt unseren Bemühungen recht, wenn auch die Methoden, mit denen wir versucht haben, diesen Zielen vorzuarbeiten in vieler Hinsicht andere sind, als die jetzt angewandten.«

Goebbels mußte natürlich den Vertreter des Systems, der ihm vorgearbeitet hatte – in Gnaden – beurlauben, aber seine Anerkennung für die Arbeit der Reichszentrale fand darin ihren Ausdruck, daß er Strahls Stellvertreter behielt: Wilhelm Ziegler. Als Anhänger Friedrich Eberts seit 1919 in der Reichszentrale, Mitglied der nationalliberalen Deutschen Volkspartei und bald, am 1. Mai 1933, in die NSDAP übergetreten. Goebbels machte den Heimatdienst-Vize zum Wissenschaftsreferenten in seinem Propagandaministerium, dann zum Judenreferenten und stellvertretendem Leiter der Schrifttumsabteilung. Er berief ihn zum Leiter des Instituts zum Studium der Judenfrage und verschaffte ihm eine Professur für Neuere Geschichte und Judenfrage. Da er diese Tätigkeit nach 1945 nicht fortsetzen konnte, ernannte – zur Wiedergutmachung – der hessische Ministerpräsident Georg Augst Zinn (SPD) den von der NSDAP in den Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) übergetretenen Professor Wilhelm Ziegler zum Staatskommissar für die Zonengrenzkreise in der Hessischen Staatskanzlei. Solidarität der Demokraten.

Die blieb auch letztes Jahr noch streng gewahrt, als die Bundeszentrale für – ja wirklich – politische Bildung am 24. Juli über ihre Vorvorgängerin, die Reichszentrale für Heimatdienst, per Internetbeitrag verkündete: »Dr. Richard Strahl, ein Verwaltungsjurist, wurde 1918 zum Leiter der Behörde berufen und Dr. Wilhelm Ziegler, Historiker und Theologe, zu seinem Stellvertreter ernannt. Beide Personen blieben bis 1933 im Amt«. Ziegler habe »seinen Platz« in Goebbels’ Ministerium gefunden. Doch kein Wort verrät, wie dieser Finder seines Platzes, der in der »weißen Rasse« das »Salz der Erde« sah, unter Dr. Joseph Goebbels seine Volksaufklärungsarbeit als bekennender Antisemit fortsetzte.

Zensor Heuss

Aber dieses Internet-»Spezial« zur »Geschichte der Bundeszentrale für politisch Bildung« weiß genau: »Namhafte Intellektuelle wie der spätere Bundespräsident Theodor Heuss« gehörten zu den »frühen Unterstützern und Autoren im Kreis der Reichszentrale.« Was der da wohl gemacht hat?

Heuss zensierte. Und zwar einen, wenn nicht den namhaften Intellektuellen der Weimarer Republik, den Rechtsphilosophen und zeitweiligen Reichsjustizminister Gustav Radbruch. Der schrieb am 24. April 1929 dem Reichsheimatdienstchef Strahl einen Beschwerdebrief: Heuss habe es für gut befunden, »prägnante Wendungen zu banalisieren, auch ganze Textstücke selbst einzufügen mit der Zumutung, daß ich sie mir so zu eigen machen sollte«. Es ging um den Beitrag des ehemaligen Ministers für das Gedenkbuch der Reichsregierung zum zehnten Verfassungstag. Radbruch zog seinen Beitrag zurück: »Ein Schriftsteller, der etwas auf sich hält, kann sich derartiges unmöglich gefallen lassen.«

Beleidigt wie eine Majestät reagierte Zensor Heuss auf die Beschwerde des von ihm verstümmelten Rechtshistorikers: »Ich muß gestehen, daß ich höchlichst« – höchlichst – »erstaunt war, daß ich nun in Ihrer Vorstellung der Mann bin, der in dieser Sache, wenn ich so sagen darf, schuldhaft vorgegangen ist.« Dankbar müsse Radbruch ihm sein, meinte Heuss und fügte in seiner Sprache hinzu: »Was ich wollte, war doch nur, Sie selber entlasten.« Und behauptete: »Ich bin schließlich auch kein Analphabet.«

Heuss fühlte sich nur als ausführendes Organ der Reichsheimatdiensthabenden: »Der Einspruch gegen Ihr Manuskript erfolgte von den Beamten«; er richtete sich gegen die, so Heuss, »konkrete Behandlung einiger Sachprobleme und die parteimäßig pointierte Schärfe an verschiedenen Punkten des Manuskripts«. Insbesondere hatten sie Anstoß genommen »an der zugespitzten Herausarbeitung des Gegensatzes von Schwarz-weiß-rot und Schwarz-rot-gold«. Diesen Bedenken habe er, Heuss, sich angeschlossen, damit »nicht durch ein paar Wendungen« die Verbreitung des Buches gefährdet werde.

Republik der fallenden Hände

Am 12. September 1949 wird Heuss, nachdem er zwischendurch schnell mal die Hand für Hitlers Ermächtigungsgesetz gehoben hatte, Präsident der nagelneuen Bundesrepublik Deutschland. Acht Monate später sieht die schon wieder uralt aus. Das heißt: Sehen kann man das eigentlich von unten, aus ihrem Volk, nicht. Das freut sich immer noch über den jungen Franz-Josef Strauß, der im Wahlkampf 1949 verkündet hatte: »Wer noch einmal ein Gewehr in die Hand nehmen will, dem soll die Hand abfallen.«

Da entstand ganz plötzlich eine »Zentrale für Heimatdienst«. Am 24. Mai 1950 ernannte der Bundeskanzler den Grafen Gerhard von Schwerin zu deren Leiter, einen Mann der geballten Erfahrung: er kam aus der Garde-Kavallerie-Schützen-Division und ihrer wilden verwegenen Menschenjagd. Im Kriegsdienst veranstaltete der Graf 1940 ein Massaker an unbewaffneten, bereits gefangenen französischen Soldaten nichtweißer Hautfarbe – auch heute wieder unter Verteidigungsminister Thomas de Maizière eine Karrierevoraussetzung bei der Bundeswehr. Im Heimatdienst bewährte er sich 1944 in Aachen: unter seinem Kommando wurden dort zwei Vierzehnjährige als Plünderer erschossen, dreizehn Jahre später durfte er sich – dafür? – in das Goldene Buch der Stadt eintragen.

Von Rechts wegen, aber das zählte nicht, hätte Adenauer aus dem Bundeskanzleramt ins Zuchthaus umziehen müssen, als er diesen Grafen zu seinem »Militärberater« ernannte – jegliche Wiederbewaffnung war der noch nicht souveränen Bundesrepublik nach den geltenden Gesetzen der Westalliierten verboten. Aber das war nur ein schöner Schein.

Unter dem Deckmantel dieser »Zentrale für Heimatdienst« traten am 6. Oktober 1950 fünfzehn führende Generale und Offiziere der Hitlerwehrmacht im Kloster Himmerod heimlich zusammen und berieten über die Art und Bewaffnung neuer deutscher Truppen – eine kräftige Zensur der öffentlichen Meinung war auch vorgesehen.

Doch Graf Schwerin taktierte etwas ungeschickt. Adenauer entließ ihn am 12.Oktober und ernannte den CDU-Abgeordneten Theo Blank. Die Zentrale für Heimatdienst wurde vorläufig in »Amt Blank« umbenannt. Der Name war wieder frei. Nach einigem Hin und Her entstand am 15.November 1952 die »Bundeszentrale für Heimatdienst« unter dem bereits von Globke vorgesehenen Abwehr-Mann Paul Franken zur ideologischen Aufbereitung der Bundesrepublik und vor allem zur propagandistischen Begleitung ihrer Remilitarisierung. 1963 bekam sie ihren neuen Namen »Bundeszentrale für politische Bildung«.

Geistig-moralische Wende

Nach dem sozialdemokratischen Intermezzo Brandt/Schmidt rief Helmut Kohl als neuer Kanzler die geistig-moralische Wende aus. Zu diesem Zweck machte er schließlich den Dr. Günther Reichert (CDU) zum Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung. Ein sachkundiger Mann – er war vorher Bürochef von Alfred Dregger, dem Führer der CDU-Stahlhelmfraktion. Jetzt ging es noch ordentlicher rückwärts.

Am wichtigsten war – wie schon immer – die Propaganda fürs Militär. Zum fünfzigsten Jahrestag der »deutschen Katastrophe« durfte der Bundeswehrgeneral a.D. Günter Kießling 1995 im von der Bundeszentrale herausgegebenen »Parlament« einen sehr dienstlichen Aufsatz über »die letzten Tage der deutschen Wehrmacht« veröffentlichen. Überschrift: »Warum sie trotz allem nicht aufgegeben haben«. Belehrung: »Wie lang kann für ihn, der da mit dem Gewehr und der Panzerfaust ausharren muß – im Angesicht des Todes – eine Minute sein, eine Stunde, ein Tag! So etwas kann niemand durchhalten, der nicht kämpfen will, sondern den Sieg der anderen Seite herbeisehnt! Mag so die törichte Behauptung von der ersehnten Befreiung durch den Gegner widerlegt sein.« Und so findet Kießling die Idee nicht gut, wenigstens in den letzten Tagen des Krieges einfach die Waffen wegzuwerfen. Da hätte doch »ein gewaltiges Chaos entstehen müssen.«

Es war, als wäre die Zentrale für Heimatdienst vom März 1918 wiedererstanden. Und General Kießling stand mit solcher Durchhaltelyrik nicht allein. Um 1995 tummelten sich dort Geschichtsrevisionisten aus der Gruppe um den Ernst-Nolte-Adepten Rainer Zitelmann, Rechtsradikale und Antisemiten. Der Chef selbst, Günter Reichert, überwand sich, trat auf den Juden zu und fragte ihn freundlich, wie ihm die Rede »seines« Präsidenten gefallen habe. Ignatz Bubis, damals der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, war da über seine erneute Deportation – diesmal nach Israel – etwas verwundert. Er hatte nicht eine Ansprache seines Bundespräsidenten gehört. Sondern eine Rede des israelischen Staatspräsidenten Chaim Weizmann. Der Präsident der Bundeszentrale für die politische Bildung des deutschen Volkes muß sehr erstaunt gewesen sein, wer sich da alles in eben demselben als ganz normaler Bürger herumtreiben darf.

Das hatte ein Ende, als nach dem Wahlsieg von Rot-Grün ein Sozialdemokrat aus dem Osten den Dregger-Mann Reichert ablöste: Er war nackt. Mit dem Motto »eine ehrliche Haut« hatte sich Thomas Krüger auf seinen Wahlkampfplakaten völlig unbekleidet abbilden lassen. Und als nackter Mann, unbelastet von den Hypotheken der Vergangenheit und fern aller Seilschaften, wollte er die Bundeszentrale in eine andere Zukunft führen. Es gab viel Krach. Da hatte er mal geäußert, daß »islamistische und evangelikale Gruppen die wichtigen Freiheitsrechte infrage stellen.« Es gab erregte Proteste, weil man christlichen Fundamentalismus nicht mit dem islamistischen Terror auf eine Stufe stellen dürfe. Inzwischen ist Krüger zum Anfang zurückgekehrt, dem Heimatdienst. Seine letzte Rede stammt vom 4. Februar 2013 und hebt an: »Gemeinsam mit unserem Partner, dem Bundesministerium der Verteidigung, widmen wir uns in diesem Jahr mit der Energiepolitik einem Thema, das die Öffentlichkeit in hohem Maße bewegt.« Es gehe darum »den sicherheitspolitischen und geostrategischen Implikationen der Energiepolitik im globalen Kontext« nachzugehen. Globaler Kontext ist für seinen »Partner« angesichts des »weltweiten Kampfes um Energieressourcen« globaler Krieg. »Das Argument der Rohstoffe ist unwiderleglich wahr« – habe schon Walther Rathenau am Vorabend des Ersten Weltkriegs gesagt. Und er sagte auch, das verschweigt Krüger, als Rohstoffkommissar im Krieg: »Meine Hoffnung hinsichtlich der Metalle und anderen Rohmaterialien beruht auf unserer Invasion im Westen« – dort erwartete er fette Beute.

Das alles bleibt – so wieder der Präsident für unsere politische Bildung – »nicht weniger aktuell als vor 100 Jahren: Wie steht es um die Sicherheitskonzepte für Deutschland und Europa? Sind wir für die Auseinandersetzungen um die immer knapper werdenden Ressourcen gewappnet?«

Vor 100 Jahren gab es bald Weltkrieg. Und vor 95 Jahren wurde, um ihn ideologisch abzusichern, die Zentrale für Heimatdienst gegründet.

»Einseitig in der Bewertung«

Zweierlei Sichtweisen auf Staat und politische Bildung

Im Jahre 1976 veröffentlichte der Reservefregattenkapitän aus dem Marineführungsstab im Bundesverteidigungsministerium Klaus W. Wippermann seine Dissertation »Politische Propaganda und staatsbürgerliche Bildung. Die Reichszentrale für Heimatdienst in der Weimarer Republik.« Die Darstellung war materialreich, aber so behutsam geschrieben, daß sie alsbald von der Bundeszentrale für politische Bildung für ihre Kunden nachgedruckt wurde. Wippermann wurde auch schnell eingestellt, als Referatsleiter und zuletzt als verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte. Im Aufbaustab für das Bonner Kohl-Museum (»Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland«) war er ebenfalls vertreten. Nach seiner Pensionierung im Mai 2003 zeigte Wippermann sofort, was alles noch in ihm steckt. In der Jungen Freiheit räumte er mit der »Kriegschuldlüge« auf und forderte, daß »Worte, die lügen« wie der Begriff »Friedensvertrag von Versailles« in Schulbüchern und Geschichtswerken nicht »ohne distanzierende Anführungszeichen « geschrieben werden dürfen. Kenner Wippermann lobte im rechtsradikalen Blatt den »Kampf gegen ›Versailles‹« durch die »Reichszentrale für Heimatdienst« als »Rettung der ersten deutschen Demokratie«.

Die Junge Freiheit selbst würdigte 2005 den Auftritt ihres neuen Mitarbeiters bei einer Tagung der gleichgesinnten Staats- und Wirtschaftspolitischen Gesellschaft, wo Wippermann »die Pervertierung bundesrepublikanischer Erinnerungspolitik « anprangerte. Sie bestehe »im wesentlichen« darin, »die Geschichte zu Deutschlands Ungunsten ebenso zu fälschen wie zugunsten der ehemaligen Gegner«. Anschließend sangen alle »Deutschland, Deutschland über alles.« Und forderten in einem »Hamburger Aufruf« an den Bundestag die »Beendigung der überzogenen und unangemessenen Bußkultur«.

Ein Zeitzeuge, auf den man bei der korrekten Beurteilung der Arbeit in der Bundeszentrale für politische Bildung nicht verzichten darf.

Klaus W. Wippermann: Politische Propaganda und staatsbürgerliche Bildung. Die Reichszentrale für Heimatdienst in der Weimarer Republik. Köln 1976, 584 Seiten

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Vor sieben Jahren schon witterte der Präsident der Bundeszentrale die Gefahr. Am 5. Mai 2006 warnte er bei einem Journalisten-Workshop vor einem »Kölner Forschungsprojekt aus jüngster Zeit« das »bislang nicht wissenschaftlich publiziert« sei – »nur Bewertungen« seien an die Öffentlichkeit gedrungen. Thomas Krüger: »Glaubt man Gudrun Hentges, wäre die Frühgeschichte der Bundeszentrale geprägt gewesen von Altnazis, durch Kooperation mit stramm rechten und antikommunistischen Kräften, die dem vor allem antikommunistischen Wirken der Institution ihren Stempel aufdrückten. «

Doch die »Zeitzeugen«, so hoffte er noch, würden »diesen Befund für die Bundeszentrale für Heimatdienst in Frage« stellen – einer tut das, siehe oben. Krüger 2006 über das seit wenigen Wochen vorliegende Buch: »Ich halte das doch für recht einseitig in der Bewertung – als ob diese Institution so rein gar nichts damit zu tun hätte, daß die Menschen allmählich mit der parlamentarischen Regierungsform und den politischen Spielregeln der Demokratie vertraut wurden, wie es in ihrem Gründungsauftrag heißt. Wer solche Vorwürfe formuliert, sollte doch zunächst einmal die Fakten auf den Tisch legen.«

Die Fakten liegen jetzt auf dem Tisch, sie sprechen für sich und gegen die Art von politischer Bildung, wie sie die Reichs- und Bundeszentralen seit 95 Jahren lieferen.

Gewiß, in dem Buch von Gudrun Hentges, das auch für diesen Beitrag nützlich war, gibt es Flüchtigkeitsfehler, die normalerweise – aber da ist heute nichts mehr normal – der Verlag beseitigt: nicht »Paul« Klee malte das »Personenlexikon zum Dritten Reich«, Ernst Klee schrieb es. Und der ab Seite 16 stets »Göbbels« geschriebene Volksaufklärungsminister, was macht da der Lektor? Er merkt was. Korrigiert er? Nein, er vermerkt nur hinten im Register: »Göbbels, Joseph (= Goebbels, Joseph)«.

Aber das ändert daran nichts: diese Habilitationsschrift bei Christoph Butterwegge in Köln ist eine kundige Restaurationsgeschichte der Bonner Republik von Anfang an.

Gudrun Hentges: Staat und politische Bildung. Von der »Zentrale für Heimatdienst« zur »Bundeszentrale für politische Bildung«. Wiesbaden 2013, 496 Seiten

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