5. Juli 2013

Heiße Luft

»Kommunalisierung der Groß-Warenhäuser«: Die Ankündigung der Nazis zielte auf jüdische Geschäfte, die dann aber aber an »arische« Eigner gingen (Aktion zum Kaufboykott, undatierte Aufnahme)

Am 5. Juli 1933 erklärte Adolf Hitler in einer Rede vor Reichsstatthaltern die »nationalsozialistische Revolution« für beendet. Zum Betrug mit dieser Vokabel und zu ­dessen Zwecken gestern und heute

Kurt Pätzold

Zu den Reklameschlagern der ­NSDAP, die sich in der Frühphase der Weimarer Republik in München gebildet hatte und an deren Spitze der bis dahin unbedeutende Adolf Hitler trat, gehörte die Parole von der »nationalsozialistischen Revolution«. Mit ihr operierte die Führung bis in das Jahr 1933 permanent. Daß sie das tat und damit Mitglieder und Wähler gewann, besaß eine doppelte Voraussetzung: Der Begriff »Revolution« mußte, wenn von ihm eine Sogwirkung ausgehen sollte, im Denken und Fühlen von Massen positiv besetzt sein. Mit ihm mußte sich eine Vorstellung von der Verbesserung ihrer Lage verbinden. Und: Die Vorstellungen von einer Revolution und deren erstrebenswerten Resultaten mußten in Teilen der Bevölkerung derart unbestimmt sein, daß sie dem nebelhaften Angebot dieser »Nationalsozialisten« auf den Leim gingen. Sie mußten sich ebenso für eine »nationalsozialistische«, »nationale« und vor allem »deutsche« Revolution anwerben lassen, die deren Propagandisten scharf von der Revolution abgrenzten, die Deutschland 1918/19 erlebt hatte und die als Werk von »Novemberverbrechern« diffamiert wurde.

Wer genauer wissen wollte, was die Hakenkreuzler unter ihrer »Revolution« verstanden, konnte zu deren Programm greifen, das im Februar 1920 bekanntgegeben und für unabänderlich erklärt worden war. Dort stieß er nach nationalistischen Bekenntnissen, Bekundungen des Antisemitismus und der Fremdenfeindlichkeit auf eine Aneinanderreihung von sozialen Forderungen, die sich gleich oder ähnlich in Programmen anderer bürgerlicher Parteien fanden wie die Schaffung von Arbeits-, Bildungs- und Lebensmöglichkeiten für alle. Das hieß in der Sprache der Hitlerpartei: für alle deutschen Volksgenossen. In keiner Passage des Programms war die Rede von tiefen Eingriffen in die Macht- und Eigentumsverhältnisse der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Einige Wendungen jedoch täuschten sie vor, so wenn in Punkt 17 zunächst eine »unseren nationalen Bedürfnissen angepaßte Bodenreform« gefordert wurde, unter der jeder sich vorstellen mochte, was immer er wollte – nur nicht die (entschädigungslose) Enteignung der Inhaber der großen Güter. Davon war keine Rede. Und an dem im weiteren verlangten »Gesetz zur unentgeltlichen Enteignung von Boden für gemeinnützige Zwecke« war nur das unentgeltliche neu, denn jeder beliebige Staat hätte weder eine Straße noch eine andere Verkehrsverbindung bauen lassen können, hätte er sich nicht das Recht genommen, Boden aus privatem Besitz zu öffentlichem Eigentum zu machen.

Doch es genügte die Verwendung des Begriffs »Bodenreform«, um als Sympathiesperre auf alle Großgrundbesitzer zu wirken. Also fiel diese Forderung aus dem angeblich unabänderlichen Programm schon 1927 der Streichung bzw. Umwandlung zum Opfer. Jetzt wurde sie auf das »jüdische« Bodeneigentum begrenzt, das aber nur einen geringfügigen Teil der land- und forstwirtschaftlichen Flächen ausmachte, mit denen die Hoffnungen landhungriger Kleinbauern und Gutsarbeiter nicht erfüllt werden konnten.

Ähnlich verwaschen war dieses eherne Programm im Punkt 13 formuliert, in dem ohne ausdrückliche Erwähnung des industriellen oder Bankeigentums verlangt wurde: »Wir fordern die Verstaatlichung aller (bisher) bereits vergesellschafteten (Trusts) Betriebe.« Da hinein ließ sich eine Veränderung der Eigentumsstruktur lesen, vorausgesetzt, es würde geklärt, wen und was die Naziprogrammatiker zu den schon vergesellschafteten Unternehmen zählten und wen nicht. Auch darüber aber lag Schweigen. Deutlicher wurden die Autoren einzig, wo sie die »sofortige Kommunalisierung der Groß-Warenhäuser und ihre Vermietung zu billigen Preisen an kleine Gewerbetreibende« ankündigten, waren hier doch auch Nutznießer der Veränderung genannt. Jedoch blieb im dunkeln, wo die Gruppe der »Groß-Warenhäuser« begann und ob und wie deren Kommunalisierung vor sich gehen, also auch finanziert werden sollte. Kurzum, wer sich auf das Studium dieses Programms einließ, begab sich quasi in den Nebel, der am dichtesten war, wo von der »Brechung der Zinsknechtschaft« geschrieben wurde. Und dieser Dunst war gewollt, denn die Partei umwarb erklärtermaßen alle deutschen und »arischen« Volksgenossen.

Der Begriff »Revolution« kam im Programmtext gar nicht vor, wohl aber in Artikeln und Schriften der Partei und in Reden ihrer Propagandisten. Keine Frage, es gelang, eine wachsende Zahl von Deutschen davon zu überzeugen, daß diese NSDAP eine gänzlich neue, von allen bisherigen Parteien scharf zu unterscheidende politische Bewegung verkörpere. Deren Ziel sei es, in Staat und Gesellschaft das Unterste zu Oberst zu kehren, das Chaos in Ordnung zu wandeln, an die Stelle von Unrecht Recht zu setzen, den – das war eine Devise für jeden Schrebergartenverein – Gemeinnutz über den Eigennutz zu erheben.

Skeptisches Großkapital

Aber der Propagandaschlager von der »nationalsozialistischen Revolution« hat in den von der NSDAP als ihrer »Kampfzeit« bezeichneten Jahren der Republik nicht nur Anziehungs-, sondern auch Abstoßungskraft besessen. Während die einen, die am Boden der Gesellschaft, in ihn ihre Hoffnungen hineinlegten, lasen andere in deren oberen Etagen daraus ihre Befürchtungen. In den Fraktionen und Zirkeln der Bourgeoisie, auf deren Gunst und Geld die Führer der Nazipartei doch zielten, wurde gerätselt, was wohl das wirkliche, das echte Programm dieser Partei sein werde, gelangte sie an die Regierung oder würde sie deren Teil. Es war der Sinn der öffentlichen Auftritte und vertraulichen Gespräche vieler Naziführer auf der oberen und mittleren Ebene, Besitzbürgern zu erklären, daß ihnen von einer regierenden Hitlerpartei keinerlei Unheil oder Nachteil drohe, sondern daß gerade sie von deren Politik profitieren würden. Das gelang in zahlreichen Fällen, wenn auch bis in den Januar 1933 sich in diesen Kreisen das Bedürfnis hielt, Sicherungen dagegen zu schaffen, daß eine Regierung mit diesem Führer auch nur bourgeoisen Interessen zuwiderlaufende Wirtschaftsgesetze verabschiede, und sei es aus Unkenntnis oder Dilettantismus.

Jedoch wurde nicht die gesamte Führung um Hitler als gleichermaßen vertrauenswürdig beurteilt – und das selbst noch, nachdem sich eine Funktionärsgruppe um Otto Strasser Mitte 1930 von der Partei mit der öffentlichen Erklärung »Die Sozialisten verlassen die NSDAP« verabschiedet hatte. Denn die soziale Demagogie blieb ein unverzichtbarer Bestandteil der Agitation derer mit dem Hakenkreuz. Und wer sich, wie Joseph Goebbels, der Reichspropagandaleiter und Gauleiter in der Hauptstadt, wohin er entsandt worden war, das »rote Berlin« zu erobern, besonders lautstark populistisch gebärdete und sich der Arbeiterschaft anbiederte, konnte in den Verdacht geraten, Absichten zu verfolgen, die bourgeoises Vertrauen und Förderung nicht verdienten.

Schließlich knüpfte sich an Parolen wie die »nationalsozialistische Revolution«, selbst wenn die sie benutzenden Führer als verläßlich angesehen wurden, noch eine Befürchtung anderer Art. Wenn Hunderttausende und dann Millionen Kleinbürger und Arbeiter, darunter Massen von jungen Leuten, mit sozialrevolutionären Phrasen vollgepumpt und mit Versprechen mobilisiert worden waren und die Führer, die das getan hatten, die Regierungsmacht erhielten – welchen Druck würden diese Massen dann auf sie ausüben? Und wenn das geschah, würden Hitler und die Seinen an der Spitze dem standhalten oder zu Konzessionen an ihren Anhang geneigt sein? Die Frage war an Verhandlungstischen nicht zu klären. Mit ihr verband sich ein Risiko, das unvermeidlich mit der Machtübergabe an Hitler und seine Mitführer verknüpft blieb. Hoffnungen ließen sich freilich darauf setzen, daß die paramilitärischen Verbände der Partei zu strikter Befehlsdisziplin erzogen waren.

Als Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt und die Koalitionsregierung von Faschisten und Deutschnationalen gebildet worden war, bezeichneten die Sieger dies und die folgenden Ereignisse als ihre Revolution. Allerdings nicht immer und überall. Bei seiner Ansprache am 21. März 1933 vor den Abgeordneten der bürgerlichen Parteien und einer streng ausgewählten Zuhörerschaft in der Potsdamer Garnisonkirche vermied Hitler dies und redete über den Beginn eines »Reformwerkes«. Er nahm darauf Rücksicht, daß bei vielen der dort als Gäste anwesenden Herzensmonarchisten in den Uniformen des kaiserlichen Heeres und der Reichswehr und auch manchen Zivilisten das Wort »Revolution« unerfreulichste Erinnerungen an die Novembertage 1918 wecken mußte, insbesondere bei den drei anwesenden Söhnen des geflohenen Kaisers. Zwei Tage darauf sprach Hitler in der Kroll-Oper in seiner Regierungserklärung hingegen von »unserer«, von der »deutschen« und der »nationalen Revolution«. Doch wurde diese Kennzeichnung nicht obligatorisch und das Geschehen vielfach auch oder zusätzlich als »Aufbruch«, »Erhebung«, »Wiederaufstieg« und dann gar als »Wiederauferstehung« der deutschen Nation bezeichnet.

Diese »Revolution« nun war noch kein halbes Jahr alt, als von der Führung der faschistischen Partei erklärt wurde, sie sei beendet. Das entscheidende Wort sprach Hitler am 5. Juli 1933 in einer Rede vor Reichsstatthaltern, den obersten Staatsbeamten in den Ländern, einer neu geschaffenen machtvollen Position, die zumeist mit den regionalen Parteiführern besetzt worden war. Der »Führer« sagte: »Die Revolution ist kein permanenter Zustand, sie darf sich nicht zu einem Dauerzustand ausbilden. Man muß den freigewordenen Strom der Revolution in das sichere Bett der Evolution hinüberleiten.« Deutlicher noch wurde fünf Tage später Reichs­innenminister Wilhelm Frick in einem Erlaß, der den Abschluß der »nationalen Revolution« erklärte und strenge Maßnahmen gegen jeden ankündigte, der unter der Parole der »zweiten Revolution« Eingriffe in die Wirtschaft versuche oder vornähme.

Parteisieg als Revolution

Was war in den zurückliegenden Monaten geschehen? Ein Machtwechsel und zu erheblichem Teil ein Personalwechsel auf allen Ebenen des Staatsapparates von der Reichsregierung bis in die Bürgermeistereien der Dörfer. Zu ihm gehörte die Gründung wie die Beseitigung von Institutionen oder ihr Funktions- und Kompetenzwandel. Letzteres war vor allem an der veränderten Stellung des Reichstags deutlich, der zu einem bloßen Dekor gemacht wurde. Binnen weniger Monate hatte sich das politische Kräfteverhältnis, ja die gesamte politische Landschaft einschneidend verändert. Von den Parteien war einzig die ­NSDAP übriggeblieben, die einen Massenzustrom verzeichnete. Andere waren wie die kommunistische und die sozialdemokratische verboten und in die Illegalität gedrängt worden, während die bürgerliche Konkurrenz sich für aufgelöst erklärt hatte (siehe jW-Thema vom 27.6.2013). Gleiches war mit einer Vielzahl von politischen Verbänden und Vereinen geschehen. Andere führten noch ein Schattendasein. Die Summe dieser Wandlungen war es, welche die Faschistenführer ihre Revolution nannten, die nun also an ihr Ende gekommen sei.

Die offizielle Verlautbarung der NSDAP darüber besaß zwei Adressaten. Nach innen richtete sie sich an die Funktionäre und Aktivisten der eigenen Organisationen, insbesondere die auf mittlerer und lokaler Ebene. Die hatten sich fortan strikt an die Weisungen und Befehle der Obrigkeit zu halten und Aktionen auf eigene Faust zu unterlassen. Das betraf auch die von ihnen ergriffenen Terrormaßnahmen, mit denen die Macht befestigt und monopolisiert worden war und ohne die auch die weitere Etablierung der Diktatur nicht auskommen konnte. Doch, so wurde ihnen bedeutet, die Zeiten der wilden Unternehmungen wie der Errichtung von Folterstätten in SA-Lokalen und von Konzentrationslagern unter eigener Regie seien vorbei. Der andere Adressat waren die Oberschichten der Gesellschaft, denen signalisiert wurde, daß sie auch künftig für ihre Geschäfte und Lebensweise nichts zu fürchten hätten. Nicht vorgesehen sei, nachdem sie von Kommunisten und Sozialdemokraten befreit worden waren, erneut Front gegen sie zu machen.

Die bisherigen Revolutionen gingen mindestens mit dem programmatischen Vorsatz einher, Teilen, meist aber der Mehrheit des Volkes mehr oder überhaupt Rechte zu erkämpfen, die ihnen Einflußmöglichkeiten in der Gesellschaft und mithin für die Vertretung und Durchsetzung ihrer Interessen verschafften. Die »nationalsozialistische Revolu­­tion« hingegen, angeführt von einem Manne, dem sich die Massen gleich einer Herde verbanden, hatte solche Ziele nicht. Im Gegenteil: Sie entzog den Massen ausnahmslos jene Rechte, die eine kämpfende Minderheit von ihnen 14 Jahre zuvor in einer Revolution errungen hatte und die allen Bürgern ab 20 Jahren per Verfassung bis dahin zugesichert worden waren. Dieses Faktum allein sollte Demokraten verbieten, mit Blick auf das Jahr 1933 von Revolu­tion statt von Konterrevolution zu sprechen.

Keine Umverteilung

Ganz haben die Faschistenführer jedoch auch nach dem Juli 1933 nicht darauf verzichtet, sich und ihren Sieg mit dem Begriff »Revolution« zu schmücken. Das geschah zunächst noch, um das zurückliegende Verdienst und die fortdauernde Rolle der Sturmabteilung (SA) hervorzuheben, womit den Treuesten der Treuen weiter geschmeichelt wurde. Denkwürdig tat das der Stabschef der SA, Ernst Röhm, in einer vor dem diplomatischen Korps und der Auslandspresse am 18. April 1934 gehaltenen Rede, in der er sagte: »Als unerschütterliches Bollwerk gegen Reaktion, Spießer- und Muckertum steht die SA – denn in ihr verkörpert sich alles, was den Begriff der Revolution ausmacht.« Für ihn und einige SA-Führer, die sich eine andere Stellung ihrer Organisation und ihrer selbst im »Dritten Reich« erhofft hatten, machte der Begriff jedoch noch anderes aus. Doch waren Röhm und seine engsten Gefolgsleute zweieinhalb Monate später tote und bald auch vergessene Leute. Die gefestigte Diktatur brauchte keine SA-Leute mehr, die permanent ein Wächteramt beanspruchten und ausüben wollten. Das erledigte die von SS-Führern übernommene Geheimpolizei mit den ihr politisch unterstellten Konzentrationslagern und in Zusammenarbeit mit der Justiz.

Die braun uniformierten Marschierer hingegen hatten sich ganz auf das Machtdemonstrieren und den militärischen Drill umzustellen, Hilfskraft der Reichswehr zu werden und sich als eine Reserve auf Abruf bereitzuhalten. Die »nationalsozialistische Revolution« verschwand in die Geschichtserzählungen der Machthaber. Sie wurde Erinnerung und Schmuck in einem Traditionsbild aus dem das Blut der »alten Kämpfer« tropfte. Mit dem Begriff verband sich keine Funktion mehr. Das prägte Hitler seinen in Nürnberg zum Reichsparteitag 1934 aufmarschierten Anhängern noch einmal ein: »Die nationalsozialistische Revolution ist als revolutionärer, machtmäßiger Vorgang abgeschlossen! Sie hat als Revolution restlos erfüllt, was von ihr erhofft werden konnte.«

Auch als propagandistischer Reklameartikel hatte sie ausgedient. Was immer sich in den Köpfen der Mitglieder und Wähler der Faschistenpartei mit dem Begriff verbunden hatte, es war unzweckmäßig, ja mitunter geradezu provokatorisch, daran zu erinnern. Man denke nur an die Kommunalisierung der »Groß-Warenhäuser«, die sich zu einem Teil noch in jüdischen Händen befanden, zu einem anderen in die »arischer« Eigner gewechselt hatten, aber nirgendwo in das Eigentum von Kommunen übergegangen und von Kleinhändlern in Besitz genommen worden waren. Ähnlich stand es mit den versprochenen Veränderungen auf anderen Gebieten von Eigentum und Besitz.

Entleerter Revolutionsbegriff

Angesichts dieses Befundes mag es verwundern, daß in Geschichtsschreibung und -publizistik in der Bundesrepublik für die Wende der deutschen Geschichte im Jahre 1933 der Begriff von der »nationalsozialistischen Revolution«, wenn auch nicht dominierend, so doch wieder benutzt wird – und das ohne irgendwelchen distanzierenden Kommentar. Vorliebe für seine Verwendung läßt sich besonders dort antreffen, wo das antikommunistische Interesse regiert. Dann verbindet sie sich mit dem Kalkül, Verdächtigung, Ablehnung, gar Abscheu und Ekel mögen sich von den »braunen« auf die »roten« Revolutionäre dehnen. Freilich erzeugt dieser Gebrauch dann auch das Problem der Bewertung der französischen Revolution von 1789 und der englischen, die 1640 begann.


Dafür hat der deutsche Historiker Hans-Ulrich Wehler, ein Antikommunist von Graden, eine Lösung schon anläßlich des 70. Jahrestags der faschistischen Konterrevolution angeboten. Er plädierte für die Benennung »Revolution«, wollte das Problem aber durch einen abgrenzenden Zusatz lösen, und zwar mit Hilfe des Wortes »totalitär«. Zur Begründung dessen hat er es an theoretischer Anstrengung nicht fehlen lassen und nach »einigen verallgemeinerungsfähigen Revolutionskriterien« gefragt. Unter einer Revolution, meint er, werde »ein Umwälzungsprozeß mit destruktiven und konstruktiven Elementen verstanden«. Dieses Kriterium sei 1933 erfüllt worden mit dem »Aufbau einer neuen Herrschaftsordnung, der Einrichtung von Sonderstäben zur effizienten Erreichung der Systemziele, der Etablierung neuer Rechtsnormen«. Mit derlei Verweisen haben schon die deutschen Faschisten ihre Maßnahmen als Revolution auszugeben versucht. Als »ein weiteres Revolutionskriterium« gilt Wehler, daß »die überlieferten Ordnungsprinzipien außer Kraft« gesetzt werden. Das sei 1933 ebenfalls erfüllt worden, denn »in der Tat wurde das gesamte politische System 1933/34 umgestülpt, der Führerabsolutismus, das Einparteienmonopol, die Instrumentalisierung oder Zerstörung aller autonomen Machtfaktoren durchgesetzt«. Auch da hätten Politiker und Ideologen des deutschen Faschismus zugestimmt. Und als drittes Kriterium jeder Revolution benennt der Historiker »durchweg auch die Veränderung der Mentalität« und dazu »stets eine ›Gesinnungsrevolution‹«. Beides hätten die Faschisten ebenfalls bewirkt. Exakt dies – den »deutsch« und »arisch« und »heldisch« denkenden Gefolgsmann – hat Hitler als Ziel seiner »Revolution« betrachtet, ausgegeben und gerühmt, und so würde er auch da nichts zu widersprechen gehabt haben.

Wehler hat das nazistische Revolutionsverständnis ausgepackt und es obendrein als ein allgemeines präsentiert. Er favorisiert eine Kennzeichnung, die von allen sozialen Forderungen absieht, die in Revolutionen erhoben und, waren sie erfolgreich, auch durchgesetzt worden sind. Oder, endeten solche Umwälzungen mit Kompromissen, sie wurden doch in Teilen verwirklicht. Revolutionen haben, die Französische gilt dafür als das klassische Beispiel, Türen zum Eintritt in neue Epochen der Geschichte aufgestoßen und die Gesellschaften gründlich, im wahrsten Wortsinn: bis zum Grunde hin, verändert. Die »Revolution« von 1933 hingegen hat die Voraussetzungen für den Übergang zu einer Politik geschaffen, die nach den Plänen ihrer Verfechter in einen Welteroberungskrieg mündete.

Um den Begriff »Revolution« für das Jahr 1933 und die Folgen gegen alle Einwände zu behaupten, erfand Wehler vorbeugend schließlich zwei Typen von neuartigen Revolutionen. Dem zweiten, den er die »totalitäre Revolution« nannte, ordnete er die russische Oktoberrevolution von 1917, die »nationalsozialistische« von 1933 und die chinesische von 1949 zu. So ist Ordnung geschaffen und die französischen Ereignisse von 1789, die englischen von 1640 und der folgenden Jahre und der »amerikanischen« Revolution von 1776 sind vor Verdächtigungen und Herabsetzungen geschützt. Die Totalitarismusdoktrin, wieviel auch gegen sie sachlich eingewandt wurde, wird der Antikommunisten liebstes ideologisches Kind bleiben. Und auf so geringfügige Unterschiede wie – um einen einzigen zu nennen – den, daß das erste Wort der Revolution von 1917 Friede lautete, und das erste der »Revolution« von 1933 aus Hitlers Munde, freilich nicht öffentlich, Krieg hieß, kommt es dieser »Geschichtsschreibung großen Stils« nicht an, handelt es sich doch im einen Fall »nur« um die Lebensrettung für Tausende Soldaten der einstigen Zarenarmee, im anderen um das Todesurteil nicht allein für Millionen deutsche Wehrmachtssoldaten.

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