27. Januar 2010

Herausforderung »Auschwitz«

Am 27. Januar 1945 wurde das Vernichtungslager durch die Rote Armee befreit. Es gibt keine schärfere Anklage der von Kapitalinteressen dominierten deutschen Gesellschaft des 20.Jahrhunderts als dieses KZ

Kurt Pätzold

Wann ich den Ortsnamen »Auschwitz« das erste Mal gehört habe, vermag ich nicht zu sagen. Und auch nicht, wann ich von jener Mordstätte, die sich auf immer mit dem Ort verbindet, eine Vorstellung zu gewinnen begann. Die wird für mich wie für alle, die dorthin nicht verschleppt wurden oder zu den Nachgeborenen gehören, eine Annäherung bleiben, wie viele Details Prozesse, Zeugenberichte und Dokumente auch davon bekanntgemacht haben. Hingegen erinnere ich mich gut, wann ich die ersten Überlebenden traf. Das war in Weimar, wohin es mich nach Kriegsende verschlagen hatte, und als der Sommer des Jahres 1945 zu Ende ging.

Die in Auschwitz noch am Leben waren, als die sowjetischen Armeen sich Ostoberschlesien näherten, waren unter todbringenden Verhältnissen in das KZ Buchenwald transportiert worden. Einige hatten auch das und die Monate im Lager auf dem Ettersberg überstanden. Dann kamen die US-amerikanischen Truppen General ­George S. Pattons und die Erhebung der Häftlinge. Die Befreiten gelangten zuerst meist in das am Fuß des Hügelzuges gelegene Weimar. Manche blieben dort. So auch Stefan Heymann, Sohn einer bürgerlichen Familie aus Mannheim, Kommunist, der nach der Gründung der DDR deren Botschafter in der Volksrepublik Polen wurde, zu der Auschwitz/Oswiecim nun gehörte. So auch Kurt Goldstein, der in seinem langen Leben an verschiedensten Plätzen für ein anderes, neues Deutschland arbeitete. Und dann auch begegnete ich Daniel Klowski, dem Juden aus Grodno (heute belarussisch: Hrodna).

Klowski und ich hatten uns in der kleinen Gruppe der antifaschistischen Jugend kennengelernt, die sich in Weimar in einer Gaststätte traf, die den Namen »Erholung« trug. Wenig später teilten wir für einige Monate das Zimmer in der Internatsschule Wickersdorf bei Saalfeld. Er hatte an der Seite seines Vaters, bevor er nach Auschwitz-Monowitz kam, schon mehrere Stationen als Gefangener der Eroberer durchlitten, Ghettos und Lager. Seine Mutter, das wurde ihm nach Kriegsende zur unabweisbaren Gewißheit, und alle seine jüngeren Geschwister waren von den Judenmördern umgebracht worden. Doch sein Haß galt einzig den Faschisten in diesem 60- bis 70-Millionenvolk der Deutschen. Mit polnischen Helfern hatte ihm einer von ihnen in Auschwitz das Leben gerettet – Stefan Heymann. Er nannte ihn seinen zweiten Vater.

Diese Begegnungen in der frühen Nachkriegszeit, aus denen lebenslange Beziehungen und auch Freundschaften wurden, haben mir zunächst keine Informationen über Auschwitz, Auschwitz-Birkenau und Auschwitz-Monowitz gebracht. Die erhielt ich aus Zeitungsberichten über den Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher, der am 20. November 1945 in Nürnberg begann. Dort waren auch Hans Frank, der Herrscher im »Generalgouvernement«, angeklagt und Ernst Kaltenbrunner, der Chef des Reichssicherheitshauptamtes, zu dem auch Adolf Eichmann gehörte. Über das sensationelle Strafverfahren haben wir in den langen Winterabenden auf unserer Bude im Wickersdorfer Schulhaus gesprochen. Nie hat Klowski ein Wort über Auschwitz dazugegeben. Und wir drei anderen – keiner von uns stammte aus einer Nazifamilie oder auch nur aus einer, die unter die Kategorie der Mitläufer fiel, die doch zumeist in dieser oder jener Form auch Mittäter waren – haben ihn nach seinem Erleben nicht gefragt. Zum einen aus einer uneingestandenen Scham, denn wir gehörten nun einmal zu dem Volk, dessen Armee in das Land eingefallen war, in dem seine Familie bis dahin friedlich gelebt hatte. Zum anderen, weil wir an unverheilten und wohl nie verheilenden Wunden nicht rühren wollten. Körperlich heruntergekommen, wie er nach den Jahren des Martyriums noch immer war, erhielt er auf dem Postweg eine zusätzliche Verpflegung. Wir richteten es so ein, daß er diese Sonderkost ruhig – in Gesellschaft von nun auch, bei weitem nicht in vergleichbarem Maße, Hungernden – essen konnte. Bald verließ er uns. Eine Knochentuberkulose führte ihn zunächst in eine Heilstätte für Opfer des Faschismus.

Soviel darüber, wie ich »mit Auschwitz« bekannt wurde. Was war dagegen der Verlust der Heimatstadt samt der darin zerstörten Habe? Was vorübergehende Trennung von Familienangehörigen, Freunden, Mitschülern, die sich später meist wieder finden ließen? Die Botschaft dieser meiner neuen Bekannten war nicht schwer zu entschlüsseln: Wenn du nicht willst, daß es in deinem Leben noch einmal zum Zusammentreffen mit Menschen kommt, die durchlebt haben, was hinter Stefan, Kurt und Daniel lag, mußt du mit ihnen dagegen etwas tun.

Trauern und Nachdenken

Heute gibt es eine reiche Buch- und Filmliteratur über Auschwitz. In Dokumentenbänden ist die Geschichte der Mordstätte von der ersten Idee zu ihrer Gründung bis zum Tag der Befreiung dokumentiert. Das gilt auch für den Auschwitz-Prozeß, der in Frankfurt/Main von 1963 bis 1965 verhandelt wurde, und für weitere Verfahren, in denen die Täter angeklagt und verurteilt wurden. Der erste hatte 1947 in Krakau stattgefunden. Der Name des Konzentrations- und Vernichtungslagers fehlt inzwischen in keinem einschlägigen deutschen Lexikon oder Schulbuch. Wer wissen will, muß nach Informationen nicht lange suchen.

Es gibt jedoch einen auf die unstrittigen Tatsachen seiner Geschichte gegründeten Umgang mit Auschwitz, der in nichts anderem mündet als in einer Klage, die sich etwa in den Worten ausdrückt: »Wessen der Mensch doch fähig ist!«. Darauf beschränkt, führt der Gedanke an die Millionen Ermordeten in die Kirche und zur Bitte »und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben« usw. Das eigentlich ist die umfassendste »Relativierung« von Auschwitz, eine Denkblockade, die zudem auf den ersten Blick nicht auszumachen ist. Denn, was dort verbrochen wurde, wird zum einen zu Recht in seine unbezweifelbar existierende Beziehung zur Menschheitsgeschichte gesetzt, die zu allen Zeiten voller Grausamkeiten und Mördereien rund um den Erdball war und geblieben ist. Die Wandlungen bestehen – bleibt der Blick an der Oberfläche des Frösteln und Gruseln machenden Geschehens haften – bei diesem Blick aber »nur« in den Methoden des Tötens: Kreuzigen, auf Scheiterhaufen verbrennen, Steinigen, bei lebendigem Leibe begraben, in Verliesen verhungern lassen, Rädern, Vierteilen, auf der Folter töten usw. Die deutschen Faschisten haben dieser Geschichte jedoch etwas hinzugefügt, indem sie das Töten perfektionierten, wobei die Bezeichnung ihres Verfahrens als »industriellen Massenmord« eine übertreibende Verallgemeinerung darstellt. Es war bei den zwischen 1941 und 1945 begangenen Untaten viel Manufaktur dabei, viel Handarbeit zu leisten, angefangen mit dem 24. Juni 1941 im litauischen Garsden, wo manche Täter, Polizeiangehörige, ihre jüdischen Opfer kannten. Sie hatten vordem gemeinsam am gleichen Ort gewohnt, nun streckten sie diese mit Handfeuerwaffen nieder. Die waren zwar in industriellen Werken hergestellt, betätigt aber wurden sie durch Menschenhände.

Wer Klage und Trauer allein nicht für den angemessenen Umgang mit der Erfahrung Auschwitz hält, fragt, unter welchen Umständen– Voraussetzungen und Bedingungen, objektiven wie subjektiven – das barbarische Geschehen zur Möglichkeit und dann zur Wirklichkeit wurde. Das führt in verwickelte Zusammenhänge, in die gesellschaftlichen Zustände Deutschlands, seine soziale, politische und (un-)geistige Verfaßtheit und damit auf das ureigene Terrain der Geschichtswissenschaft. Unter ihren Experten lassen sich Gruppierungen ausmachen. Das rührt daher – um ein Bild aus der Geologie zu gebrauchen –, daß ihre Arbeit an verschiedenen Stellen ansetzt und unterschiedlich tief reicht. Während aber diejenigen, die nach bestimmten festen oder flüssigen Stoffen bohren, ihren Erfolg oder Mißerfolg vorweisen können, sie haben gefunden, was sie suchten, oder etwas anderes, was sie nicht gesucht hatten und womöglich nicht gebrauchen können, liegt die Sache in der Historiographie etwas komplizierter.

Keinen Zweifel gibt es unter Fachleuten darüber, daß eine extrem antiaufklärerische Ideologie, die des antijüdischen Rassismus, unabdingbare Voraussetzung für jene Aktionen war, die in Auschwitz mündeten. Julius Streicher, der sich als Antisemit Nr. 1 bezeichnete, hat die Idee von der Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt, in öffentlicher Rede vor Tausenden Faschisten im Berliner Sportpalast 1935 als jüdisch zu diffamieren gesucht und behauptet, in den Adern der Juden fließe Raubtierblut. Damit wurde allen, die eine Rechtfertigung für ihr Morden brauchten, lange bevor das noch geplant und organisiert wurde, eine Legitimation geliefert. Aus dieser Erfahrung leitet sich die Erkenntnis ab, daß der kompromißlose Kampf gegen alle Irrlehren von Menschen und »Untermenschen«, von »Höher-«, »Weniger-« und »Nichtswertigen«, von »Lebenstüchtigen« und »Ballastexistenzen« Pflicht aller bleibt, die wollen, »daß es nicht wieder geschieht«. Das ließe sich die erste Lehre aus Auschwitz nennen.

»Befehl ist Befehl«

Unstrittig ist nach jahrzehntelangen Forschungen auch, daß eine weitere Voraussetzung für das Massenmorden, denen mit den Juden Slawen, Rotarmisten, Sinti und Roma zum Opfer fielen, in der formierten Existenz von Übeltätern bestand, die sich aus zwei Gruppen zusammensetzten. Zum einen aus den im beschriebenen Sinne Ideologisierten, die glaubten, ein Werk der »Säuberung« zu verrichten, und zum anderen aus gedankenlosen, gleichgültigen, verrohten Typen, denen Befehl Befehl war und die, wenn sie überhaupt ausnahmsweise an Verantwortlichkeit und gar Schuld dachten, sich selbst davon nicht betroffen sahen. Sie führten in einem militärisch organisierten Verband aus, was befohlen wurde. Sie waren erzogen, heute diesen, morgen jenen Gegner, Schädling, Feind, Mann, Frau oder Kind, allesamt unbewaffnet, niederzustrecken. Daraus ergibt sich, was als die zweite Lehre von Auschwitz bezeichnet werden kann: Es ist der Formierung solcher Mörderschwadronen, die nicht von einem Tag auf den anderen geschieht, von ihren Anfängen an zu begegnen.

In seiner zweiten Kriegsrede, gehalten auf dem Alten Markt in Danzig am 19. Dezember 1939, hatte Hitler noch beruhigend, davon gesprochen, daß er der Wehrmacht den Befehl gegeben habe, die polnische Zivilbevölkerung zu schonen, und erklärt, es widerstrebe den Deutschen, Krieg gegen Frauen und Kinder zu führen. Da hatte der Krieg aus der Luft und auch zu Lande schon mit äußerster Brutalität begonnen. Und von Tag zu Tag und Woche zu Woche gewöhnten sich immer mehr deutsche Soldaten an diese Kriegführung und billigten sie. Nicht anders auch Zivilisten. Mit dem Verweis auf eigene Leiden riefen sie im weiteren Kriegsverlauf nach »Vergeltung«, die sie in jeder Form und mit jeglichen Folgen guthießen. Die in Auschwitz Kinder lebendigen Leibes in Feuer warfen, wurden als Mörder nicht geboren. Doch sie wurden auf Schulen, an Universitäten, in militärischen Formationen und politischen Organisationen befähigt, als Verbrecher durch eroberte Lande zu ziehen. In deren Gesellschaft sind Menschen auch zufällig geraten. Manche haben sich dem Mittun verweigert, was ohne Folgen für ihr Leib und Leben blieb. Andere beugten sich dem Gruppendruck, sie wollten sich nicht »Feigling« schimpfen lassen. Wenn von »Auschwitz« die Rede ist, sollte an deutschen Schulen über Opfer und Täter nicht nur in Verallgemeinerungen gesprochen werden, sondern auch von diesen Situationen und den in ihnen getroffenen Entscheidungen.

Vernichtung durch Arbeit

Weit auseinander gehen hingegen die Meinungen der Forscher, wenn die Felder von Ideologie und Psychologie verlassen werden, die Blicke sich nicht nur auf einzelne oder Gruppen, Führer oder Geführte, Befehlende oder Befehligte, sondern aufs Ganze richten und gefragt wird, in welcher Gesellschaft das Verbrechen Auschwitz geschah. Kontroversen ergeben sich, wenn gefragt und geforscht wird, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Charakter dieser Gesellschaft, ihrem Eroberungskrieg und den Massenmorden in Auschwitz, Chelmno, Sobibor, Treblinka, Majdanek und den vielen anderen Orten gibt, die in der Geschichte des »Holocaust« vermerkt sind. Sie sind auszutragen, wenn danach gefahndet und darüber geurteilt wird, ob der irrational erscheinenden Untat nicht eine reale Rechnung vorausging, ob nicht zur Ideologie ein kalt abgewogenes Kalkül kam, die Erwägung von Vor- und Nachteilen, von Gewinnen und Verlusten, die aus dem Vorhandensein oder der Beseitigung von Millionen Menschen erwachsen könnten. Kurzum, wenn geprüft wird, ob bei dem Morden nicht Brauchbarkeits- und Nützlichkeitserwägungen im Spiele waren.

Das sind nicht erst Fragen, die später die Ereignisse rekonstruierten und interpretieren! Die Dokumente der Täter sprechen selbst davon. Ihre Abwägungen begleiteten die Judenverfolgungen in Deutschland seit 1933, und sie hörten nicht auf, als der Schritt von den Vertreibungen zum Massenmorden getan wurde. Reinhard Hey­drich, Chef des Reichssicherheitshauptamts, hatte gegen Einwendungen auf der sogenannten Wannseekonferenz versprochen, den Bedürfnissen der Industrie beim Deportationsprogramm Rechnung zu tragen. Und das geschah, nicht immer und überall, aber doch dort weithin, wo große Kriegswirtschaftsinteressen existierten. Die Vernichtung wurde zur Vernichtung durch Arbeit. Von dem Moment an aber, da die Juden zur Tötung bestimmt waren, schien jede Frage nach dem Nutzen erledigt und absurd zu sein. Doch das nur, wenn von jenen Kalkülen abgesehen wird, die in der faschistischen Führung für den Transformationsprozeß von der Kriegs- in ihre Nachkriegsgesellschaft schon existierten.

Diese Pläne besagten, daß im von Deutschland beherrschten eroberten Großraum ein gefährlicher Überfluß an unbrauchbaren, arbeitslosen, in ärmlichen und elenden Verhältnissen lebenden Menschen existieren werde, die, da sie sich mit diesem ihren Leben nicht abfinden würden, zur permanenten Gefahr für die eigene Herrschaft werden mußten. Die Schlußfolgerung der faschistischen Barbaren lautete, daß diese Masse vorbeugend dezimiert werden müsse. Zu ihr gehörten die Juden, zumal sie obendrein als die gefährlichsten unter allen Gegnern angesehen wurden, unter anderem als die vorgeblichen Erfinder des Marxismus und Bolschewismus. Ihre Vernichtung war, wie der grassierende Tod unter den sowjetischen Kriegsgefangenen und den Zivilisten in Polen und im besetzten Westen des sowjetischen Riesenreichs, ein Vorgriff auf die künftige Gestaltung Europas unterm Hakenkreuz und nicht nur eine Wahnsinnstat. Rassenhaß und Weltherrschaftskalkül gingen in der Politik des Judenmords eine Allianz ein.

Bis dahin gehen strikte Verfechter historisch-idealistischer Geschichtsdeutung verständlicherweise schon nicht mit. Daß in alle Politik mate­rielle Interessen hineinspielen, wird jedoch in der Mehrheit der Zunft heute schon anerkannt. Nur wenn die Rede auf Auschwitz kommt, erfolgt die Verkürzung der Gedankengänge auf Hitler, den Wahn, die Büttel. Das ist eine ideologische Abweichung vom sonst Üblichen. Denn kommt ein sozialistischer Staat in dieses Forschungsvisier, wird jedes Unrecht und Verbrechen selbstredend den dort herrschenden gesellschaftlichen Zuständen, dem großen Ganzen zugerechnet und aus seiner Existenz erklärt. Bei dieser Beschränkung wird es bleiben, solange die bürgerliche Gesellschaft in ihren Grundstrukturen weiterexistiert. Es gibt keine schärfere Anklage der von Kapitalinteressen dominierten deutschen Gesellschaft des 20. Jahrhunderts als eben Auschwitz. Gewiß, der Weg dahin war nicht Ausdruck einer unabwendbaren Gesetzmäßigkeit, sondern Menschenwerk, woraus die Frage folgt, ob das Beschreiten eben dieses Weges nicht abgewendet werden konnte.

Niederlage der Hitler-Gegner

Setzt das Forschen danach erst mit der Überlegung ein, warum Auschwitz nicht bombardiert wurde, dann sind die an die deutsche Geschichte zu stellenden Fragen – ja, nicht nur an sie allein – exportiert, ins Ausland entsorgt, an Militärführer der USA im Zweiten Weltkrieg verwiesen. Damit, absichtsvoll oder nicht, wird eine Kette von Fragen gemieden, an deren Beginn die Aufklärung darüber stehen müßte, wer die Errichtung des Regimes, in dessen Geschichte das Verbrechen Auschwitz steht, wollte und erfolgreich betrieb. Warum, als der Nazistaat einmal etabliert war, konnte er sich bis zu der Fähigkeit entwickeln, 1939 diesen Krieg zu beginnen, ohne den sich inmitten Europas dieser Judenmord doch nicht hätte verwirklichen lassen.

Die an die Deutschen zu richtende Frage führt, nimmt sie die Hitler-Förderer ins Visier, wieder auf das ungeliebte Terrain des Zusammenhangs von wirtschaftlichen und Herrschaftsinteressen und den Triumph der Faschisten am 30. Januar 1933. Nicht auf das gleiche, aber auf ähnlich beschaffenes Terrain gelangt, wer die Hitler-Gegner auf die Gründe ihrer Schwäche, ihres Scheiterns hin untersucht. Er muß nolens volens zu deren Zwietracht Partei ergreifen, was aktuelle Bezüge besitzt. Und weiter: Als die Gegner des Faschismus in Deutschland geschlagen waren, war die Chance der Bändigung des zum Krieg strebenden Systems nicht schon vertan. Sie existierte noch jenseits der Reichsgrenzen. Doch wer fragt, warum auch sie vertan wurde, gelangt wieder zur Erörterung nationaler und internationaler Kapitalinteressen, die einen politischen, ökonomischen und moralischen Boykott dieses Nazideutschland verhinderten. Solange wir dieser Gesellschaft nicht entronnen sind, werden Forschungen, die diese Zusammenhänge enthüllen, unwillkommen sein und auf Hindernisse stoßen. Zu schweigen davon, daß sich mit ihnen eine Wissenschaftlerkarriere nicht eröffnen läßt.

Kurzum: Auschwitz gedenken und nicht nur trauern, bleibt eine Herausforderung, sich Fragen zu stellen und zwar einer langen Reihe, deren Formulierung allein schon Anstrengungen erfordert. Sie lohnen sich.

Von Kurt Pätzold erschienen im vorletzten Jahr in der edition ost seine Memoiren »Die Geschichte kennt kein Pardon. Erinnerungen eines deutschen Historikers« (auch im jW-Shop erhältlich)

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2010/01-27/015.php