15. Mai 2013

Herren des Gesamtinteresses

Im Deutschen Reich bildete sich um 1900 eine starke Kohle- und Stahlindustrie heraus. Deren Expansionsbedürfnisse wurden wesentlich von der ­Berliner Disconto-Gesellschaft formuliert (Bandagenwalzwerk der Krupp AG im Jahr 1900) - Fotoquelle: ThyssenKrupp AG/www.thyssenkrupp.com

Die Rolle der Großbanken im Konzentrationsprozeß der Monopolbourgeoisie

Kurt Gossweiler

1971 erschien im volkseigenen Deutschen Verlag der Wissenschaften in Berlin das Buch »Großbanken – Industriemonopole – Staat. Ökonomie und Politik des staatsmonopolistischen Kapitalismus in Deutschland 1914–1932« von Kurt Gossweiler. Es behandelt Entstehung und Entwicklung der nach der freien Konkurrenz und der Monopolbildung dritten Stufe im Werdegang des Kapitalismus im Deutschen Reich.

jW veröffentlicht aus der Neuauflage ein um alle Fußnoten gekürztes Kapitel zur Entwicklung der drei führenden ­Finanzmonopole Deutsche Bank, Disconto-Gesellschaft und Dresdner Bank.

Imperialismus bedeutet Herrschaft des Finanzkapitals. Das Finanzkapital geht, wie wir seit Lenins Imperialismusanalyse wissen, aus der Verschmelzung des Bank- mit dem Industriekapital hervor. Verbunden mit diesem Prozeß der Verschmelzung von Bank- und Industriekapital ist ein Prozeß des Hinüberwachsens der Banken »aus bescheidenen Vermittlern zu allmächtigen Monopolinhabern (…), die fast über das gesamte Geldkapital aller Kapitalisten und Kleinunternehmer sowie über den größten Teil der Produktionsmittel und Rohstoffquellen des betreffenden Landes oder einer ganzen Reihe von Ländern verfügen« (Lenin Werke, Band 22, Seite 214). Auf diese Weise spielen, wie Lenin zeigt, die Banken im Imperialismus eine neue Rolle: Die Monopolbanken unterwerfen sich »die Handels- und Industrieoperationen der ganzen kapitalistischen Gesellschaft« durch die Möglichkeit, »sich zunächst über die Geschäftslage der einzelnen Kapitalisten genau zu informieren, dann sie zu kontrollieren, sie durch Erweiterung oder Schmälerung, Erleichterung oder Erschwerung des Kredits zu beeinflussen und schließlich ihr Schicksal restlos zu bestimmen« (LW 22, S. 218).

Das Finanzkapital besteht also aus ungleichartigen Elementen, aus einem führenden Element, dem Bankkapital, und dem von ihm abhängigen und geführten Industriekapital. Diese führende Rolle der Monopolbanken gegenüber den Industriemonopolen wird noch verstärkt durch den »universalen Charakter« der Banken (LW 22, S. 226 f.), den sie infolge ihrer Geschäftsbeziehungen zu Unternehmungen in allen oder nahezu allen Wirtschaftszweigen erworben haben. Das bedeutet aber, daß »keine Großbank ausschließlich an einen Industriezweig gebunden (ist)« (Alfred Schröter: Krieg – Staat – Monopol 1914–1918, Berlin 1965, S. 138).

Der universale Charakter ihrer Geschäftsinteressen weist den Monopolbanken einen besonderen Platz im Gruppenkampf und bei der Entscheidung über die Politik der imperialistischen Bourgeoisie zu. Ihr allseitiges Engagement befähigt sie nicht nur, sondern zwingt sie dazu, stets solche Lösungen des Kampfes der widerstreitenden Gruppeninteressen zu suchen, die dem Gesamtinteresse der imperialistischen Bourgeoisie nahekommen. Ihre Einflußnahme auf die Kämpfe zwischen den industriellen Monopolgruppierungen kann auf vielfältige Weise, durch ökonomische und politische Aktivitäten, erfolgen. Erstens können die Banken durch ihre Finanzoperationen auf das ökonomische Kräfteverhältnis zwischen den kämpfenden Gruppen und damit auch auf den Ausgang ihrer Kämpfe Einfluß nehmen. Zweitens können sie durch direkte Einflußnahme auf die rivalisierenden Gruppen Druck ausüben, um eine ihnen genehme Entscheidung zu erzwingen. Diese erwünschte Entscheidung kann je nach den Umständen im Sieg einer der beiden Seiten oder auch in einer Kompromißlösung bestehen. Drittens können die Monopolbanken ihren Einfluß auf indirektem Wege, über das Eingreifen des Staates, geltend machen. Die imperialistischen Regierungen sind die politischen Sachwalter der Interessen der Finanzoligarchie. Die Leiter der Monopolbanken haben von allen Monopolisten in der Regel auf die Entscheidungen des Staates den maßgeblichsten Einfluß, einmal deshalb, weil das Bankkapital innerhalb des Finanzkapitals die dominierende Rolle spielt; zum andern auch deshalb, weil die Interessenlage der Großbanken auf Grund ihrer »Universalität« den Bankleitern eine Aufgabe zuweist ähnlich der der Regierungen, die jene Linie der Politik ausfindig zu machen haben, die am besten dem Gesamtinteresse der Finanz­oligarchie entspricht. Daher kommt es, daß im System des staatsmonopolistischen Kapitalismus die staatlichen Entscheidungen noch stärker als vorher von den Monopolbanken beeinflußt werden.

Das Koordinatenkreuz

Bisher war davon die Rede, wie die Großbanken auf die Gruppenkämpfe der industriellen Gruppierungen Einfluß nehmen. Damit ist ihre Rolle aber noch nicht ausreichend gekennzeichnet. Bedeutsamer ist noch, daß die Monopolbanken selbst Monopolgruppen bilden, Finanzgruppen, in deren Mittelpunkt jeweils eine Monopolbank steht, und deren übrige Elemente die mit dieser Bank fest und dauerhaft verbundenen Unternehmungen in Industrie, Handel, Verkehr usw. sind. Die Gruppenbildung in der Monopolbourgeoisie erfolgt also nicht nur um eine, sondern um zwei Achsen, erstens um die Achse der sich aus den ökonomisch-technischen Produktions- und Absatzbedingungen ergebenden spezifischen Industriezweiginteressen, zum anderen um die Achse der aus finanzkapitalistischen Verflechtungen hervorgehenden Interessen. Beide Achsen überschneiden sich, stellen gewissermaßen die Abszisse und die Ordinate im monopolkapitalistischen Koordinatensystem dar. Daraus ergibt sich, daß die Einordnung eines industriellen Monopols oder eines einzelnen Monopolisten in dieses Koordinatensystem einer zweifachen Bestimmung bedarf: erstens nach der Zugehörigkeit zu einer Gruppierung im industriellen Bereich, zweitens nach der Zugehörigkeit zu einer Finanzgruppe. Ohne diese zweifache Bestimmung wird es kaum gelingen, aus der Vielzahl widerstreitender Interessen, die in jedem Konzern und in jeder Großbank wirksam sind, das dominierende Interesse herauszufinden, das letzten Endes die Linie des Handelns bestimmt. Wenn im folgenden von irgendeiner Bank oder irgendeinem Konzern als von Vertretern eines ganz bestimmten Interesses gesprochen wird, dann immer im Sinne eines solchen vorherrschenden, nicht dagegen im Sinne eines einheitlichen, einzigen Interesses.

Erst die Aufdeckung und Enthüllung dieses dominierenden Interesses liefert uns den Schlüssel für das Verständnis der konkreten Einwirkung der Monopole auf die Politik, für die Umsetzung von Ökonomie in Politik durch das Monopolkapital. Die Existenz der Finanzgruppen wirkt auf die industriellen Gruppierungen ein und umgekehrt: 1. Durch die Zugehörigkeit zur gleichen Finanzgruppe wird gewöhnlich die Austragung von gegensätzlichen Interessen zwischen Monopolen unterschiedlicher industrieller Gruppen gedämpft und die Suche nach vermittelnden Lösungen stimuliert. 2. Im Kampf rivalisierender Finanzgruppen stehen Monopole konkurrierender industrieller Gruppen gemeinsam in einer Front gegen ihre jeweiligen industriellen Partner, die einer anderen Finanzgruppe angehören. Die Existenz der Finanzgruppen schwächt somit in gewisser Weise den Zusammenhalt der industriellen Gruppierungen ab.

Die Finanzgruppen sind ebensowenig festgefügte, monolithische Gruppen wie die industriellen. Sie können das schon deshalb nicht sein, weil sie den Interessengegensatz zwischen Bank- und Industriekapital nicht aufzuheben vermögen. Nach wie vor stammen die Profite der Banken aus der Teilung des Mehrwertes in Unternehmergewinn und Zins, also aus einem Abzug vom Bruttoprofit des industriellen Kapitalisten (vgl. Marx-Engels-Werke, Band 25, S. 350 f.). Damit ist zwischen dem Industrie- und dem Bankkapitalisten eine Quelle ständigen Kampfes um die Höhe dieses Abzuges gegeben. Daraus resultiert auch das ständige Bestreben der Industriemonopole nach Beseitigung oder wenigstens Verringerung ihrer Abhängigkeit vom Bankkapital durch Ausnutzung des Konkurrenzkampfes der Großbanken.

Die verschiedenen Finanzgruppen sind nicht durch scharfe, unüberschreitbare Grenzen voneinander geschieden. Der Konkurrenzkampf und die Konzentration und Zentralisation des Kapitals führen dazu, daß zwischen den rivalisierenden Großbanken immer engere Beziehungen entstehen. Das gemeinsame Profitinteresse veranlaßt sie, sich über Aufteilung der Interessensphären, Konditionen der Kreditgewährung, Aufteilung der Quoten in Bankenkonsortien und ähnliches zu verständigen. Die Großbanken werden auch dadurch zu gemeinsamen Geschäften zusammengeführt, daß Industrieunternehmen, die verschiedenen Finanzgruppen angehören, fusionieren. Solche Zusammenschlüsse können den Anstoß geben für die Vereinigung der betroffenen Großbanken und damit für die Verschmelzung der beiden Finanzgruppen zu einer einzigen.

Es mag sich überhaupt die Frage aufdrängen, weshalb sich die Großbanken nicht schon längst zu einer einzigen Großbank zusammengeschlossen haben, da sie doch alle Institute universalen Charakters sind und daher ihre spezifischen Interessen viel näher beieinander liegen müßten, als dies bei den Industriemonopolen der Fall sein kann. Zweifellos sind die Hindernisse und Hemmungen für die Zentralisation des Kapitals im Bankwesen geringer als in der Industrie. Aber dennoch bleibt jede Großbank geprägt durch ihre Vergangenheit. Die geschäftlichen Schwerpunkte ihrer »Jugendzeit« wirken nach bis in die Gegenwart. Deshalb sind auch die von den einzelnen Großbanken verfochtenen Interessen nicht deckungsgleich mit dem monopolistischen Gesamtinteresse, wenngleich sie sich diesem viel stärker annähern als das Interesse eines beliebigen Industriekonzerns.

Von wachsender Bedeutung für die Interessendivergenzen der Großbanken sind ihre unterschiedlichen Auslandsverbindungen. Das zeigte sich in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg besonders deutlich am Beispiel der Kämpfe zwischen Deutscher Bank und Disconto-Gesellschaft auf der einen und Dresdner Bank auf der anderen Seite. Der Grund für diese Kämpfe wurde aber schon vor dem Ersten Weltkrieg gelegt.

Zwei Finanzmonopole

Von den elf Großbanken, die wir um die Jahrhundertwende in Deutschland registrieren können, hatten die 1851 von David Hansemann gegründete Disconto-Gesellschaft und die 1870 errichtete und bis 1901 von Georg von Siemens geleitete Deutsche Bank die Spitzenposition inne. Diese Berliner Großbanken waren die beiden Hauptzentren des nach Expansion strebenden deutschen Imperialismus. Der scharfe Konkurrenzkampf, den sich diese beiden Riesenbanken lieferten, läßt sich am besten an ihrem Wettlauf um das höchste Aktienkapital ablesen.

Erhöhung des Aktienkapitals (in Millionen Mark)

1889 Disconto-Ges. von 60 auf 75

1895 Deutsche Bank von 75 auf 100

1895 Disconto-Ges. von 75 auf 115

1897 Deutsche Bank von 100 auf 150

1898 Disconto-Ges. von 115 auf 130

1902 Disconto-Ges. von 130 auf 150

1904 Disconto-Ges. von 150 auf 170

1905 Deutsche Bank von 180 auf 200

1911 Disconto-Ges. von 170 auf 200

19141) Deutsche Bank von 200 auf 250

19142) Disconto-Ges. von 225 auf 300

1)31.3.1914; 2)29.5.1914

Obwohl die Beziehungen beider Banken in alle Industriezweige, sowohl zur Schwerindustrie als auch zu den neuen Industrien und zur verarbeitenden Industrie reichten, entsprach der Gegensatz zwischen ihnen in starkem Maße dem Gegensatz zwischen Schwerindustrie und neuen Industrien. In der Disconto-Gesellschaft dominierte die Interessenverflechtung mit der Ruhrindustrie; sie war diejenige Bank, unter deren Führung Emil Kirdorf die Gelsenkirchener Bergwerks-A.-G., und das Rheinisch-Westfälische Kohlensyndikat und Stinnes die Deutsch-Luxemburgische Bergwerks- und Hütten A.-G zusammengebracht hatten. Kirdorf war auch noch im Jahre 1929 der erste stellvertretende Vorsitzende ihres Aufsichtsrates, dem damals außerdem der Generaldirektor der Gelsenkirchener Bergwerks-A.-G, der »Gelsenberg«, Willi Huber, angehörte. Die Deutsche Bank dagegen – obwohl in der Ruhrschwerindustrie kaum schwächer vertreten als die Disconto-Gesellschaft – war vorzugsweise die Bank der neuen, aufkommenden Industrien, anfangs vor allem der Elektroindustrie, später auch der Chemieindustrie, des Automobilbaues und anderer Industriezweige. Ursprünglich führte die Deutsche Bank bei beiden Elektrokonzernen, bei Siemens und bei AEG, 1896 aber überließ sie mit Rücksicht auf die scharfe Konkurrenz zwischen beiden und die intimen Beziehungen der Deutschen Bank zum Hause Siemens ihren Platz bei der AEG der befreundeten Berliner Handels-Gesellschaft (BHG).

Zwei Industriemonopolgruppen

Die Deutsche Bank pflegte ganz bewußt die sogenannten Pionierkredite für die Entwicklung neu aufkommender Industrien. Es ist für diese Bank außerordentlich kennzeichnend, daß von allen Ruhrkonzernen ihre Aufmerksamkeit und Unterstützung vor allem dem Mannesmann-Konzern galt, der in gewisser Hinsicht weit mehr den neuen Industrien zuzurechnen ist als der Schwerindustrie. Wie die Elektro- und die Chemieindustrie eroberte sich der Mannesmann-Konzern seine Weltgeltung durch neue technische Verfahren und Patente (vor allem zur Herstellung nahtloser Rohre). Die Angliederung von Kohlen- und Erzzechen und Hüttenwerken erfolgte nur zu dem Zweck, sich eine eigene Rohstoffbasis zu sichern. Bei der »Gelsenberg« und der Deutsch-Luxemburgischen, also bei Kirdorf und Stinnes, war umgekehrt der Rohstoff, Kohle und Eisen, der Ausgangspunkt für die Bildung vertikaler Konzerne.

Es entsprach der Orientierung der Deutschen Bank auf die Verbindung mit den zukunftsträchtigen neuen Industriezweigen, daß sie sich zu Beginn unseres Jahrhunderts als erste auch dem Petroleumgeschäft zuwandte und den Versuch unternahm, das rumänische Erdöl an sich zu reißen. Dadurch wurde sie allerdings in einen Kampf mit Rockefeller verwickelt, aus dem sie als Verlierer hervorging. An dieser Niederlage der Deutschen Bank war die Disconto-Gesellschaft nicht unbeteiligt. Diese Episode ist im Rahmen unserer Arbeit vor allem dadurch bedeutsam, daß in ihr ein Mann eine große Rolle spielte, der später einer der maßgeblichsten Förderer der Nazipartei werden sollte, Emil Georg von Stauß. Nachdem der gebürtige Württemberger seine Lehre in der Kgl. Württembergischen Hofbank absolviert hatte, trat er 1898 in die Deutsche Bank ein, wurde zunächst Privatsekretär ihres Leiters Georg von Siemens und nach dessen Tod (1901) der seines Nachfolgers Arthur von Gwinner, der Zentralfigur im Kampf gegen Rockefellers Standard Oil. Stauß übernahm 1906 die Leitung der Ölgeschäfte der Deutschen Bank und war einer der hauptsächlichen Repräsentanten des Expansionsdranges des deutschen Imperialismus über den Balkan nach dem Orient. 1913 unternahm er eine Amerikareise und brachte dabei eine Verständigung mit dem Rockefellertrust zustande. Seit 1915 gehörte er dem Vorstand der Deutschen Bank an. Dort war und blieb sein Arbeitsgebiet auch nach dem Kriege fachlich vor allem die Elektro-, Chemie-, Automobil-, Luftfahrt-, Film- und Leichtindustrie, geographisch der Süden Deutschlands, d. h. Bayern und Württemberg.

Die hochentwickelte verarbeitende Industrie dieser Gebiete litt besonders empfindlich darunter, daß sich »die Schwerindustrie (…) alle übrigen Zweige der Industrie tributpflichtig« (LW 22, S. 220) gemacht hatte; deshalb war in den Unternehmerkreisen Süddeutschlands die Opposition gegen die Vormachtstellung der Ruhrmonopole besonders stark ausgeprägt. Emil Georg von Stauß war also als Direktor der Deutschen Bank gerade mit jenen Industrien am engsten verbunden, die in scharfem Interessengegensatz zur Ruhrschwerindustrie standen.

Die Pflege der Beziehungen zu den antipreußisch-partikularistischen Kräften Süddeutschlands durch die Deutsche Bank geht auch daraus hervor, daß die Bank einen der verbissensten bayrischen Partikularisten in den Jahren der Weimarer Republik, Georg Heim, einlud, in ihrem bayrischen Landesausschuß Platz zu nehmen. Georg Heim war schon gleich nach Gründung des Rheinisch-Westfälischen Kohlesyndikats als dessen scharfer Gegner aufgetreten und hatte eine staatliche Kartellkontrolle gefordert. Für die Vorkriegszeit können wir also feststellen, daß sich die Herausbildung der beiden industriellen Hauptgruppierungen Kohle-Stahl und Elektro-Chemie und ihr Kampf gegeneinander in gewisser Weise in der Rivalität der beiden führenden Großbanken fortsetzten.

Die Dresdner Bank

An dritter Stelle unter den deutschen Großbanken rangierte um die Jahrhundertwende die 1872 gegründete Dresdner Bank, die 1881 eine Filiale in Berlin eröffnete und dort bald als eine der großen Berliner D-Banken (Disconto-Gesellschaft, Deutsche Bank, Dresdner Bank und Darmstädter Bank) heimisch wurde. Sie hat im Wettlauf mit den beiden ganz großen Monopolbanken noch am ehesten Schritt gehalten, wie die Entwicklung ihres Eigenkapitals zeigte.

Erhöhung des Aktienkapitals (in Millionen Mark)

1892 auf 70

1895 auf 85

1897 auf 110

1900 auf 130

1904 auf 160

1906 auf 180

1910 auf 200

Wie die Disconto-Gesellschaft und die Deutsche Bank besaß auch die Dresdner Bank Geschäftsverbindungen zu allen Industriezweigen. Ihr besonderes Gepräge erhielt sie erstens dadurch, daß sie als einzige Großbank eine eigene Genossenschaftsabteilung aufbaute, nachdem sie 1904 die Deutsche Genossenschaftsbank von Soergel, Parisius&Co. geschluckt hatte; das machte sie zu einem heftigen Konkurrenten der 1895 vom preußischen Staat errichteten und auch in der Weimarer Republik unter dem führenden Einfluß der preußischen Regierung stehenden Preußischen Zentralgenossenschaftskasse (1932 umgebildet zur Deutschen Zentralgenossenschaftskasse). Zum zweiten aber, und das war das Wichtigste, unterschied sich die Dresdner Bank von den übrigen deutschen Großbanken durch besonders enge Beziehungen zum größten Stern des US-amerikanischen Finanzhimmels, zu Morgan.

Nun unterhielten nahezu alle deutschen Großbanken Beziehungen zum amerikanischen Finanzkapital. Aber diese Beziehungen waren sehr unterschiedlicher Natur. Die der Dresdner Bank waren solcherart, daß diese Bank nach dem Ersten Weltkrieg zum Hauptstützpunkt Morgans in Deutschland wurde. Durch den Abschluß eines Geschäftsvertrages der Dresdner Bank mit dem Bankhaus Morgan&Co. im Jahre 1905 erhielt nämlich die Dresdner Bank die Eigenschaft einer Korrespondenzbank Morgans in Deutschland. Im amerikanischen Bankensystem erfüllen die Korrespondentenverbindungen die Funktionen, die im kapitalistischen Europa durch die Filialen der Hauptbank ausgeübt werden.

Durch den erwähnten Vertrag wurde die Dresdner Bank seit 1905 zu der deutschen Großbank, durch die Morgan in erster Linie seine Interessen in Deutschland wahrnehmen ließ. Jedoch mußte zur damaligen Zeit der Abschluß dieses Vertrages noch keineswegs einer Unterordnung der Dresdner Bank unter das amerikanische Finanzkapital gleichkommen; er lag vielmehr in der allgemeinen Linie der Bestrebungen der deutschen Imperialisten, im aufstrebenden amerikanischen Imperialismus einen Rückhalt und einen Bundesgenossen für den Kampf gegen den englischen Imperialismus zu finden, der damals noch die erste Weltmacht und das größte Hindernis für die Verwirklichung der alldeutschen Weltherrschaftsträume war.

Nach dem Ersten Weltkrieg wandelte sich indessen das Kräfteverhältnis zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Imperialismus grundlegend. Die Partnerschaft zwischen Morgan und der Dresdner Bank dauerte fort, aber Morgans Finanzimperium war jetzt eine Weltmacht, die den kapitalistischen Regierungen Europas ihren Willen aufzuzwingen vermochte und der gegenüber die Dresdner Bank in keiner Weise mehr als ebenbürtiger Partner auftreten konnte.

Kurt Gossweiler: Großbanken, Industriemonopole und Staat - Ökonomie und Politik 1914 bis 1932. Papyrossa Verlag, Köln 2013, 400 Seiten, 24,00 Euro * Subskriptionspreis bis 31. Mai 2013 19,20 Euro, mail@papyrossa.de – auch im jW-Shop (ni@jungewelt.de)

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