17. April 2014

Hinreißender Staatsfeind

Jesu Ruf nach dem Königreich Gottes ist einer zur Revolution (Rembrandt: Vertreibung der Geldwechsler aus dem Tempel, Ölgemälde von 1626) - Fotoquelle: Wikimedia Commons

Reza Aslan porträtiert Jesus von Nazaret als Sozialrevolutionär. In den USA wurde debattiert, ob ein Muslim so etwas überhaupt dürfe

Thomas Wagner

In der christlichen Überlieferung wird die Kreuzigung Jesu vor allem als Sta­tion eines religiösen Heilsgeschehens gedeutet: Durch sein eigenes Leid nimmt der Gefolterte die Sünden der Menschheit auf sich und überwindet schließlich den Tod. Wer an seine Auferstehung glaubt, wird selig, so sagt man. Der Reli­gionswissenschaftler Reza Aslan hat ein Buch über Jesus geschrieben, das alle Fragen, die mit Wundern, Erlösung oder dem Leben nach dem Tod zu tun haben, dahingestellt sein läßt. In »Zelot. Jesus von Nazaret und seine Zeit« (wie in der deutschen Ausgabe des besprochenen Buchs wird auch hier die ökumenische Schreibweise biblischer Namen verwendet) geht es ausschließlich um den Menschen Jesus, den Aslan als Sozialrevolutionär begreift. Der Autor, der an verschiedenen Universitäten der USA gelehrt hat, stammt aus einer muslimischen, aber nicht besonders religiösen Familie, die 1979 während der »Revolution« im Iran in die USA geflüchtet war. Dort begann sich der Heranwachsende für Jesus zu interessieren und wurde zum evangelikalen Christen.

Das gründliche Bibelstudium, das er zunächst vor allem deshalb betrieb, um sich gegen die Einwände der Ungläubigen zu wappnen, ließ ihn immer wieder auf widersprüchliche Aussagen stoßen und nährte seinen Zweifel an deren Richtigkeit. Schließlich kehrte er zum Islam zurück, ohne jedoch das Interesse an der Jesus-Gestalt zu verlieren. Dieses verlagerte sich nun aber vom christlichen Erlöser zum Menschen Jesus von Nazaret. »Je mehr ich über das Leben des historischen Jesus erfuhr, über die turbulente Welt, in der er lebte, und über die Brutalität der römischen Besatzung, der er die Stirn bot, desto stärker fühlte ich mich ironischerweise zu ihm hingezogen. Ja, der jüdische Bauer und Revolutionär, der die Herrschaft des mächtigsten Reiches herausforderte, das die Welt je gesehen hatte, und daran scheiterte, stand mir viel realer vor Augen als jenes abgeklärte, überirdische Wesen, mit dem man mich in der Kirche bekanntgemacht hatte. Heute kann ich mit Überzeugung sagen, daß zwei Jahrzehnte gründlicher akademischer Forschung zu den Ursprüngen des Christentums aus mir einen Anhänger des Jesus von Nazaret gemacht haben, leidenschaftlicher, als meine Begeisterung für Jesus Christus je war«, schreibt Aslan in seinem Buch.

In den USA, wo es große Beachtung fand, kreiste die Debatte um die absurde Frage, ob der Autor als Muslim überhaupt dazu in der Lage gewesen sei, eine wissenschaftlichen Kriterien genügende Arbeit über Jesus zu verfassen. Das eigentliche Problem liegt woanders und nimmt keine Rücksicht darauf, welcher Religion oder Konfession der jeweils mit Jesu Wirken befaßte Wissenschaftler angehört: Quellen, die verläßlich Auskunft über dessen Lebensumstände liefern, sind dünn gesät.

Schwierige Quellenlage

Die Evangelien vermitteln kein realistisches Bild des Menschen Jesus von Nazaret. Sie berichten von Christus, der legendären Gründungsgestalt einer Weltreligion. »Letztendlich sind es nur zwei harte historische Fakten, auf die wir uns wirklich verlassen können«, schreibt Aslan in »Zelot«: »zum einen, daß Jesus ein Jude war, der eine jüdische Volksbewegung in Palästina zu Beginn des 1. Jahrhunderts nach Christus anführte, und zum anderen, daß Rom ihn deshalb ans Kreuz schlug. Für sich genommen können diese beiden Fakten kein vollständiges Porträt eines Mannes bieten, der vor zweitausend Jahren lebte. Wenn wir sie aber mit allem anderen kombinieren, was wir über die unruhige Zeit wissen, in der Jesus lebte – und dank der Römer wissen wir eine Menge darüber –, können diese beiden Fakten helfen, ein Bild des Jesus von Nazaret zu zeichnen, das vielleicht historisch genauer ist als das der Evangelien.«

In Aslans Augen belegt Jesu Kreuzigung eindeutig, daß der jüdische Wanderprediger von der römischen Besatzungsmacht als Staatsfeind betrachtet wurde: »Die Tafel, die die Römer über Jesu Kopf anbrachten, während er sich in Schmerzen wand – ›König der Juden‹ –, wurde Titulus genannt und war, anders als man gemeinhin annimmt, nicht sarkastisch gemeint. Jeder Verbrecher, der an einem Kreuz hing, bekam eine Tafel, auf der das genaue Verbrechen verzeichnet war, für das er hingerichtet wurde. Jesu Verbrechen bestand in den Augen Roms darin, daß er eine Königsherrschaft angestrebt (sich also des Verrats schuldig gemacht) hatte, genau wie fast alle anderen messianischen Aspiranten, die deswegen getötet worden waren.«

Für einigermaßen gesichert hält Aslan außerdem die folgenden Daten: Jesus stammte aus dem Dorf Nazaret; er führte, da sein Vorname so häufig war, sein Leben lang den Geburtsort als Beinamen; er war mit ziemlicher Sicherheit verheiratet und höchstwahrscheinlich, wie fast 97 Prozent der jüdischen Bauern, ein Analphabet. Wie diese wird er Aramäisch, sehr wenig Hebräisch und vielleicht ein paar Brocken Griechisch gesprochen haben. »Es gab keine Schulen in Nazaret, die Bauernkinder hätten besuchen können. Welche Ausbildung Jesus auch erhalten haben mag – sie entsprang jedenfalls direkt seiner Familie und konzentrierte sich in Anbetracht seines Status als Handwerker und Tagelöhner wohl fast ausschließlich darauf, daß er das Handwerk seines Vaters und seiner Brüder erlernte.« Die waren Zimmermänner.

Die Aufgabe, eine Biographie des Jesus von Nazaret zu schreiben, vergleicht Aslan mit der, ein Puzzle zu legen, von dem nur einige wenige Stücke existieren. Dem Historiker bleibe keine andere Wahl, als die Lücken auf der Grundlage der bestmöglichen Sachkenntnis selbst auszufüllen.

Auf der Basis dieser Methode des vernünftigen Mutmaßens kommt er zum Ergebnis, daß Jesus ein Sozialrevolutionär gewesen sein muß: »Die Vorstellung, daß der Kopf einer populären messianischen Bewegung, die für die Errichtung des ›Gottesreiches‹ eintrat – ein Begriff, der in den Augen von Juden wie von Heiden eine Revolte gegen Rom beinhaltete –, von dem religiösen Eifer, der fast alle Juden in Judäa erfaßt hatte, unbeeinflußt bleiben konnte, ist schlichtweg lächerlich.«

Gleichheitsideen

Als Judäa im Jahr 63 vor unserer Zeit römisches Protektorat wurde und viele Bauern ihren Besitz verloren, griffen in Galiläa einige von ihnen zu den Waffen und begannen, sich gegen diejenigen zu wehren, die in ihren Augen für das Elend verantwortlich waren. Diese Sozialbanditen stammten aus verarmten Dörfern wie Emmaus, Bet-Horon und Betlehem. »Sie kleideten ihre Anführer in die Embleme biblischer Könige und Helden und präsentierten ihre Taten als ein Vorspiel für die Wiederkunft des Gottesreiches auf Erden.« Dieses steht nach Auffassung einer Reihe von Historikern und Alttestamentsforschern für eine gesellschaftliche Grundordnung, in der für Unterdrückung und Ungleichheit kein Platz ist. Wissenschaftler wie Rainer Neu, Frank Crüsemann, Norbert Lohfink, Rainer Albertz, Christian Sigrist oder Rüdiger Haude vermuten den Ursprung dieses Gleichheitsideals in einer historischen Periode, in der die Israeliten ein Gemeinwesen ohne Staat bildeten: die sogenannte Richterzeit (1250 bis 1000 v. Z.). »In Israel steht alle ›Herrschaft von Menschen über Menschen‹ unter einem grundsätzlichen Vorbehalt, der sich in bestimmten Texten zu Kritik, Ablehnung, ja Hohn und Spott steigern kann«, schreibt der Ägyptologe Jan Assmann.1 In einigen biblischen Erzählungen gehe es darum, »vom Prinzip Staat loszukommen und eine antistaatliche Gegengesellschaft zu gründen«.2 Die in den damaligen Staaten übliche Unterwerfung des Volks unter einen König ist durch die Vorstellung eines unmittelbaren Bundes mit Gott ersetzt, der als Befreier aus dem Sklavenhaus beschrieben wird. Der israelitische Monotheismus ist für Assmann im Kern politisch.3

Der Gedanke einer alleinigen Herrschaft Gottes steckt hinter den Botschaften der Propheten des Alten Testaments, schreibt auch Aslan: »Elija, Eilscha, Amos, Jesaja, Jeremia – diese Männer schworen, Gott werde die Juden von der Knechtschaft erlösen und Israel von der Fremdherrschaft befreien, wenn sie sich nur weigerten, einem irdischen Herrscher zu dienen oder sich einem anderen König außer dem alleinigen und einzigen Herrscher des Universums zu beugen. Derselbe Glaube bildete die Grundfesten so gut wie aller jüdischen Widerstandsbewegungen, vom Makkabäeraufstand, durch den im Jahre 164 v. Chr. das Joch der Seleukidenherrschaft abgeschüttelt wurde, nachdem der wahnsinnige griechische König Antiochus Epiphanes verlangt hatte, die Juden sollten ihn wie einen Gott verehren, bis hin zu den Radikalen und Revolutionären, die der römischen Besatzung Widerstand leisteten – über die Banditen, die Sikarier, die Zeloten und die Märtyrer von Masada bis hin zum letzten der großen gescheiterten Messiasse, Simon bar Kochba, dessen Rebellion im Jahre 132 unserer Zeitrechnung den Begriff ›Königreich Gottes‹ als Ruf nach einer Befreiung von fremder Herrschaft beschwor.«

Zur Zeit von Jesu Geburt streiften Wanderprediger mit ihren Anhängern von Dorf zu Dorf und verkündeten das nahende Ende der bestehenden Ordnung. »Viele dieser sogenannten falschen Messiasse kennen wir namentlich. Einige wenige tauchen sogar im Neuen Testament auf. Der Prophet Theudas hatte nach Darstellung der Apostelgeschichte 400 Jünger, bevor die Römer ihn festnahmen und köpften. Eine mysteriöse charismatische Gestalt, die nur ›der Ägypter‹ genannt wird, stellte in der Wüste ein Heer auf, das dann von römischen Soldaten ausgelöscht wurde. Im Jahr 4 v. Chr., dem Jahr, in dem nach Meinung der meisten Fachleute Jesus von Nazaret geboren wurde, setzte sich ein armer Schafhirte namens Athronges ein Diadem auf den Kopf und krönte sich damit selbst zum ›König der Juden‹; er und seine Anhänger wurden von einer Legion Soldaten niedergemetzelt. Ein weiterer messianischer Aspirant, der sich einfach ›der Samariter‹ nannte, wurde von Pontius Pilatus gekreuzigt, obwohl er noch nicht einmal ein Heer aufgestellt und Rom in keiner Weise herausgefordert hatte – ein Fingerzeig darauf, daß die Behörden das um sich greifende apokalyptische Fieber spürten und extrem empfindlich geworden waren.«

Königreich Gottes

Zeloten nannte man die religiösen Eiferer, die sich weigerten, irgendeinem Herrn, sei es ein fremder oder ein einheimischer, zu dienen und statt dessen die kompromißlose Anerkennung der Herrschaft Gottes forderten. »Ein solcher Eifer für Gott bedeutete, daß man auf den leuchtenden Spuren der alten Propheten und Helden wandelte, jener Männer und Frauen, die keinen anderen neben Gott duldeten, die sich vor keinem König außer dem König der Welt beugten.« Aslan stellt die Botschaft des Wanderpredigers Jesus von Nazaret genau in diese Tradition. Sie war gleichermaßen religiös wie politisch. Ihr Kern läßt sich wie folgt zusammenfassen: »Das Königreich Gottes wird bald auf Erden errichtet werden; Gott steht kurz davor, Israel wieder zu seinem alten Glanz zu verhelfen. Gottes Restauration kann jedoch nur gelingen, wenn die bestehende Ordnung zerstört wird. Ohne die Vernichtung der gegenwärtigen Führung kann Gottes Herrschaft nicht beginnen. Zu sagen, ›das Reich Gottes ist nahe‹, bedeutet daher etwa so viel, als sagte man, das Ende des römischen Imperiums sei nahe. Es bedeutet, daß Gott den Kaiser als Herrscher des Landes ablösen wird. Die Tempelpriester, die reiche jüdische Aristokratie, die herodische Elite und der heidnische Usurpator im fernen Rom – alle sollten den Zorn Gottes zu spüren bekommen. Das Königreich Gottes ist schlicht und ergreifend ein Aufruf zur Revolution.« Jesu Versprechen, daß die Reichen und Mächtigen arm und schwach gemacht und Gott als der alleinige Herrscher in Israel eingesetzt werden sollte, »dürften weder im Tempel, wo der Hohepriester herrschte, noch in der Burg Antonia, dem Zentrum der römischen Macht, mit Freuden aufgenommen worden sein«. Aslan interpretiert Jesu Predigt vom Königreich Gottes, das mit der vereinigten Kraft der Gläubigen gegen den Widerstand des römischen Imperiums und der mit ihm kollaborierenden jüdischen Eliten durchgesetzt werden müsse, als sozialrevolutionäres Programm eines religiösen Eiferers, der damit zugleich selbst einen Herrschaftsanspruch erhoben habe.

Zwingend ist dieser Schluß allerdings nicht. Denn die alttestamentarische Formel vom Königreich Gottes zielte, wie oben bereits gezeigt wurde, nicht auf die Ersetzung einer bestimmten Herrschaft durch eine andere, sondern auf die Überwindung von jeglicher Ungleichheit als gesellschaftlichem Ordnungsmodell. Die angestrebte unmittelbare Theokratie ist eine herrschaftslose Gesellschaft.4

Mit der Kreuzigung des Jesus von Nazaret war der Traum seiner Jünger vom unmittelbar bevorstehenden Umsturz des bestehenden Systems, vom Ende der römischen Besatzung und von sozialer Gleichheit beendet. In der Überlieferung der frühen Kirche verwandelte sich der Revolutionär in den Religionsstifter und Erlöser, ohne daß die politisch-subversiven Elemente seiner Predigten je ganz verschwanden. Wie läßt sich dieser Vorgang erklären? Aslan macht auch hierfür politische Gründe verantwortlich. Ausschlaggebend seien zwei Faktoren gewesen. Zum einen hätten sich die Christen, nachdem alle jüdischen Aufstände blutig niedergeschlagen worden waren, dazu genötigt gesehen, den Römern ihre Religion als politisch harmlos darzustellen. Das diente dem eigenen Schutz, hatte aber auch damit zu tun, daß die Römer allmählich zu den vorrangigen Adressaten der christlichen Missionstätigkeit wurden. »So begann der lange Prozeß, in dem Jesus sich von einem revolutionären jüdischen Nationalisten in einen friedlichen geistlichen Anführer ohne jedes Interesse an irdischen Dingen verwandelte. Dies war ein Jesus, den die Römer akzeptieren konnten und tatsächlich auch drei Jahrhunderte später akzeptierten, als der römische Kaiser Flavius Theodosius (gestorben 395) die Bewegung des jüdischen Wanderpredigers zur offiziellen Staatsreligion erhob.«

Reaktionäre Kritik

Reza Aslan ist eine anschauliche und lebendig geschriebene Skizze des politischen Wirkens und der Lebensumstände Jesus von Nazarets gelungen. Sein Verdienst ist es, die Figur des legendären Religionsstifters vom Himmel zurück auf die Erde zu holen und die politischen Wurzeln der jüdischen wie der christlichen Religion in Überlieferungen von egalitären Gesellschaften, Aufständen und sozialen Reformbewegungen aufzuzeigen. In seinem 2006 erschienenen Buch »Kein Gott außer Gott. Der Glaube der Muslime von Muhammad bis zur Gegenwart« war er im Hinblick auf den Islam ganz ähnlich verfahren. Auch dieser war seiner Auffassung nach in seiner Frühphase zunächst vor allem eins: eine machtvolle Bewegung für mehr soziale Gleichheit. Die herrschaftsfeindlichen Organisationsprinzipien arabischer Nomaden seien im veränderten Kontext einer städtischen Gesellschaft durch die Botschaft des Propheten neu zur Geltung gebracht worden. Mit seinen Büchern leistet Aslan einen wertvollen Beitrag zur Geschichte des Widerstands gegen Herrschaft und Unterdrückung.

Damit hat er sich in den USA nicht nur Freunde gemacht. Plumpen Angriffen des stockkonservativen Fernsehsenders Fox News hat er es zu verdanken, daß sein Jesus-Buch dort zum Bestseller wurde. Und das kam so: Zunächst versuchte der Reporter S. Dickerson Aslan durch die Behauptung zu diskreditieren, er habe zu verheimlichen versucht, daß er ein gläubiger Moslem sei. Statt einer seriösen wissenschaftlichen Arbeit hätten die Leser es mit der »Meinung eines gebildeten Muslim über Jesus« (zitiert nach Frankfurter Rundschau vom 2.8.2013) zu tun. Kurz darauf spielte die Moderatorin Laura Green in einer FoxNews-Sendung dieselbe Karte. Sie fragte Aslan, warum er als Muslim denn ausgerechnet »ein Buch über den Begründer des Christentums« (ebd.) verfaßt habe. Dies scheint in den Augen konservativ-christlicher Kreise in den USA nicht legitim zu sein. Und daß Aslan aus dem von ihnen als Religionsstifter beanspruchten Wanderprediger einen politischen Radikalen machte, dürfte ihn diesem Teil des Meinungsspektrums auch nicht sympathisch gemacht haben. Im Gespräch mit der Wochenzeitung Die Zeit vom 18. August 2013 erläuterte Aslan, was ihn an Jesus interessiert: »Ein armes Kind aus Palästina, ein ungebildeter Nobody gründet eine Bewegung, die die mächtigste Regierung der Welt in Rage bringt. Dieser Jesus ist so hinreißend, daß man zu seinem Anhänger werden kann, auch ohne ein Christ zu sein.« Diese Perspektive ist es, die sein Buch für fortschrittlich eingestellte Leser interessant macht. Aslan sieht das genauso: »Ich glaube, die meisten Käufer des Buches haben kein religiöses Interesse, sondern suchen nach Alternativen zu Macht und Herrschaft. Jesus erinnert uns daran, was es heißt, für die Armen und Ausgestoßenen einzustehen.«

Anmerkungen

1 Jan Assmann: Herrschaft und Heil. Politische Theologie in Altägypten, Israel und Europa. Carl Hanser Verlag, München/Wien 2000

2 Jan Assmann: Die Mosaische Unterscheidung. Carl Hanser Verlag, München/Wien 2003

3 Vgl. die vierteilige Serie auf den jW-Thema-Seiten »Unterdrückung und Freiheit im Alten Testament« am 22., 27., 28. und 29.12.2012

4 Diese Interpretation des »Königreichs Gottes« hat im 20. Jahrhundert verschiedene Strömungen des religiösen Sozialismus inspiriert. Martin Buber, der jüdische Religionsphilosoph, gründete seinen in »Pfade in Utopia« (Lambert Schneider Verlag, Heidelberg 1950, hebräisch: 1947) entfalteten Anarchismus auf diese biblische Vorstellung, der er sein Buch »Königtum Gottes« (Schocken Verlag, Berlin 1932) gewidmet hatte. Vgl. zu den komplexen Beziehungen von jüdischer Überlieferung und Anarchismus Michael Löwys klassische Studie »Erlösung und Utopie. Jüdischer Messianismus und libertäres Denken« (Karin Kramer Verlag, Berlin 1997); außerdem: Sebastian Kalicha (Hg.): »Christlicher Anarchismus. Facetten einer libertären Strömung« (Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 2013)

Reza Aslan: Zelot - Jesus von Nazaret und seine Zeit. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2013, 384 Seiten, 22,95 Euro

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