12. April 2014

Hitler an Bord

Reichskanzler Adolf Hitler (rechts) an Bord des Panzerschiffes »Deutschland« neben dem Chef der Marine, Admiral Erich Raeder, im April 1934 - Fotoquelle: Bundesarchiv, Bild 183-2008-0421-500 / CC-BY-SA

Vor 80 Jahren: Mit Reichswehrführern auf der Ostsee

Manfred Weißbecker

Begeben sich Staatenlenker an Bord von Schiffen, so mag dies mitunter der Erholung dienen, dem Genuß einer frischen Meeresbrise. Gern ging Wilhelm II. auf See, das private Vergnügen indessen eng mit politischen Ambitionen verbindend. Auch auf diese Weise, zudem höchst persönlich wollte er den Sinn damals weitverbreiteter Parolen verdeutlichen, die da suggerierten, die Zukunft der Deutschen liege »auf dem Wasser« und der Dreizack – Zepter und Waffe des antiken Meeresgottes Poseidon – gehöre »in die deutsche Faust«. Angetan hatten es ihm insbesondere die Gewässer vor Norwegen, wohin er seine Jacht fast jedes Jahr steuern ließ – letztmalig im Sommer 1914. Seemacht galt schlechthin als Weltmacht, und zu solcher wollte ja das Deutsche Kaiserreich aufsteigen. Auch mit militärischen Mitteln und intensiver Flottenrüstung sollte der »Platz an der Sonne« erkämpft werden.

Andere »Seereisen« dienten direkt hoher Politik und demonstrativem Machtgehabe: Wer hat da nicht in Erinnerung, wie 2003 der damalige US-amerikanische Präsident George W. Bush im Dreß eines Luftwaffenpiloten auf dem Flugzeugträger »USS Abraham Lincoln« landete und dann von einer Vollendung der »Mission« im selbst entfesselten Krieg gegen den Irak faselte. Dieser medienwirksam inszenierte Auftritt gilt allerdings inzwischen als Symbol für Fehleinschätzungen und Fehler, an die US-Machtpolitiker ungern erinnert werden möchten.

In die Reihe derartiger »Seefahrer« gehörte auch Hitler, obgleich ihm nachgesagt wird, er sei der Marine nicht sonderlich gewogen gewesen und habe das angestrebte Bündnis mit England nicht gefährden wollen. Das hatte ihn nicht gehindert, Ende Juli 1932 in Wilhelmshaven den Kreuzer »Köln« zu besuchen. Ebenso unternahm er im April des Jahres 1934 eine Seereise. Dazu hatte er sich die »Deutschland« ausgesucht, ein Panzerschiff, dessen Bau 1928 trotz energischer Proteste (auch mit den Stimmen der SPD; siehe jW-Thema vom 8.8.2008) beschlossen worden war und das im Mai 1931, getauft von Reichspräsident Paul von Hindenburg, vom Stapel lief. Als es schließlich in Dienst gestellt wurde, war die Weimarer Republik bereits zerschlagen und hatte der seit langem geplante »Umbau« von Heer und Marine sowie der Bau weiterer Kampfschiffe begonnen.

Geheimnisumwittert

Äußerst kurz gerieten die Pressemitteilungen über diese Reise, nicht einmal in den Akten der Reichskanzlei fand sie Erwähnung. Ebenso nehmen Hitlers Biographen (auch wenn sie dessen Lebensweg nahezu minutiös zu erfassen suchen) von ihr kaum Notiz. Vergebens blickt man in die als großartig gepriesenen Werke von Alan Bul­lock, Joachim C. Fest, Ian Kershaw, Marlies Steinert, Volker Ullrich usw. Fehlstellen enthalten selbst umfassendste Publikationen zur Geschichte von Reichswehr und Aufrüstung, erst recht jene Bücher und Filme Guido Knopps, die alle nur den »Helfern« Hitlers gelten. Offensichtlich können nicht einmal die Reisedaten richtig angegeben werden: Einige Autoren nennen die Zeit vom 10. bis zum 14., andere die vom 11. bis 15., einer die vom 12. bis 14. April 1934. Propagandaminister Joseph Goebbels notierte am 16. April, Hitler sei zurückgekehrt.

An der Reise beteiligten sich neben Hitler Werner von Blomberg und Erich Raeder sowie weitere namentlich nicht genannte hohe Offiziere. Ersterer war Reichswehrminister, letzterer Chef der Reichsmarine. Wer mag wen eingeladen haben? Was wurde beredet? Sehr wahrscheinlich standen alle jene Probleme auf der Tagesordnung, die es damals gab, und zwar in Hülle und Fülle.

Neben den gegensätzlichen Intentionen von Militärs und SA-Führern zur eigenen Rolle und den dementsprechend divergierenden Führungsansprüchen spielten weitere, noch nicht geklärte Fragen eine Rolle: Welchen Platz sollten NSDAP und SA im neuen Herrschaftsapparat einnehmen, welchen ihre konservativen Bündnispartner? Wie lassen sich spürbar gewordene wirtschaftliche Probleme zugunsten forcierter Aufrüstung lösen, ohne daß es zu größerer Empörung oder gar zu Widerstand kommt? Wer übernimmt nach dem erwarteten Tod Hindenburgs das Amt des Reichspräsidenten? Sollte dies vielleicht der Sohn Wilhelms II. sein? Unter welchen Umständen kann die allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt werden? Wie werden im Rahmen der Aufrüstung die Gelder zwischen Heer, Marine und Luftwaffe verteilt? Wie läßt sich die Aufrüstung außenpolitisch absichern, z. B. bei den bevorstehenden Verhandlungen mit England über ein Abkommen, das Verhältniszahlen zwischen britischer und deutscher Kriegsmarine festlegen sollte?

Offiziere sichern Einfluß

Offensichtlich darf, nein: muß von einem Pakt gesprochen werden, der in diesen Tagen auf dem Panzerschiff geschlossen worden ist. Die Generäle nahmen Hitler in die Pflicht und sicherten ihm zu, ihn als Nachfolger Hindenburgs und damit als Oberbefehlshaber der Wehrmacht zu akzeptieren, würde er in der Auseinandersetzung mit der SA-Führung ihnen entschlossen zur Seite stehen. Sie betrachteten Hitler als einen Garanten der angestrebten Rüstungsfreiheit, als willkommenen Bündnispartner. Sie hofften, daß sich mit seiner Hilfe ihre eigenen, seit dem Ende des Ersten Weltkrieges durchgängig verfolgten Ziele in die Tat umsetzen ließen. Ihr Denken bewegte sich allein in den Kategorien von Kriegsvorbereitung und Krieg für eine deutsche Weltmachtstellung. Sie suchten ihr Waffenträgermonopol zu festigen und entscheidenden Einfluß auf Außen- und Militärpolitik sowie auf die Rüstungswirtschaft zu erlangen.

Man war Hitler natürlich auch entgegengekommen: Blomberg verfügte Ende Februar, der sogenannte Arierparagraph des »Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« habe auch für die Reichswehr zu gelten, was sofort zur Entlassung von etwa 70 Offizieren und Soldaten führte. Zugleich befahl er, an den Wehrmachtsuniformen seien auch die Hoheitszeichen der NSDAP anzubringen. Mit letzterem, so tönte er in internem Kreis, solle dem Kanzler »die nötige Stoßkraft der SA gegenüber gegeben werden«.

Röhm muß weg

Hitler lehnte zwar das Konzept seines SA-Stabschefs Ernst Röhm ab, die Landesverteidigung zu einer »Domäne der SA« und die Reichswehr zu einer Ausbildungsstätte für den militärischen Nachwuchs der SA zu machen. Doch er fürchtete andererseits die gegen ihn mobilisierbare Kraft der nach einer »zweiten Revolution« strebenden vier Millionen SA-Männer. Im Frühjahr 1934 zeigte er sich eher als ein zur Lösung des Problems Getriebener. Lax formuliert: Die Generäle trugen ihn zur Jagd auf deren Widersacher Röhm. Dies öffentlich zu machen paßte damals nicht zum Kult um Hitler. Es ordnet sich zudem nicht in das Weltbild jener Historiker ein, die allein im »Führer« den alles Entscheidenden sehen wollen. Es ist ja auch bequemer zu sagen: »Der Hitler war’s«, als nach den Interessen der deutschen Eliten und den Wurzeln ihres Strebens nach Revision der Ergebnisse von 1918 sowie nach deutscher Vormachtstellung in der Welt zu fragen. Und das paßt nun wiederum auffällig zu gegenwärtigen Bemühungen, den Ersten Weltkrieg dem Wirken von »Schlafwandlern« zuzuschreiben ...

Lange vor seiner Seereise, spätestens am 28. Februar 1934 beim Treffen von Reichswehr- und SA-Führung, hatte sich Hitler bereits grundsätzlich gegen die Schaffung eines von der SA dominierten Volksheeres entschieden. Doch es fehlte an praktischen, eindeutigen und unwiderruflichen Entscheidungen. Nach außen schien Hitlers Verhältnis zu Röhm ungetrübt. Das änderte sich allerdings sofort nach der Reise. Am 17. April fand im Berliner Sportpalast ein Frühjahrskonzert der SS statt: Hitler saß zwischen Blomberg und Röhm. Letzteren habe er bereits als einen Moriturus gemustert, schreibt der alle Reden und Auftritte Hitlers akribisch verzeichnende Historiker Max Domarus. Überschwenglich gratulierten drei Tage darauf die Generäle Hitler zu dessen 45. Geburtstag.

Es war eine faschistischer Politik und Ideologie völlig entsprechende und diese zugleich enthüllende Lösung der Probleme, die Hitler, gestützt von den Militärs, schließlich fand: Die Enthauptung der SA am 30. Juni 1934, die Ermordung Röhms und anderer unbequemer Widersacher – darunter zwei Generäle, was bei ihren »Kollegen« nicht einmal mehr wirksamen Protest hervorrief. Als Hitler Anfang August auch den verstorbenen Reichspräsidenten beerben durfte und damit neuer Oberbefehlshaber der Wehrmacht wurde, hatte sich die Nazidiktatur vollends konsolidiert.

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