19. Januar 2013

Höchster Alarm

Die Nazis bereiten sich auf die Macht vor: SA-Leute am 22. Januar 1933 vor dem Karl-Liebknecht-Haus - Fotoquelle: jW

Am 21. Januar 1933 warnte das Zentralkomitee der KPD vor einem Nazi-Aufmarsch in Berlin und rief zu antifaschistischen Aktionen auf

Unter starkem Polizeischutz organisierten die Nazis am 22. Januar 1933 in Berlin einen SA-Aufmarsch mit etwa 16000 Teilnehmern zur »Horst-Wessel-Feier« auf dem damaligen Bülow-Platz, dem heutigen Rosa-Luxemburg-Platz, vor dem Karl-Liebknecht-Haus, dem Sitz des Zentralkomitees der KPD. Die Polizei besetzte das KPD-Haus. Überall in der Stadt kam es zu Gegendemonstrationen von Kommunisten und Sozialdemokraten. Ein Polizeibericht meldete allein 19 solcher Demonstrationen, die von der Schutzpolizei aufgelöst wurden. In den Straßen rund um den abgesperrten Bülow-Platz fanden zahlreiche antifaschistische Kundgebungen statt. Am 21. Januar hatte das Zentralkomitee der KPD in der Roten Fahne zur Einheit der Nazigegner aufgerufen.

Die KPD an die Arbeiterschaft ganz Deutschlands!

Formiert Euch zur Einheit in der Antifaschistischen Aktion!

Am morgigen Sonntag, dem 22. Januar, plant die Hitlersche Tributarmee unter dem Kommando nationalsozialistischer Schleicher- (Reichswehrgeneral Kurt von Schleicher – 1882-1934 – war vom 3. Dezember 1932 bis zum 28. Januar 1933 Reichskanzler – d. Red.) und Bracht-Tolerierer (Clemens Emil Franz Bracht – 1877-1933 – war Zentrumspolitiker, im Kabinett Schleicher Innenminister – d. Red.) eine unerhörte, beispiellose Provokation gegen das gesamte deutsche Proletariat! Schon seit Wochen entfacht der Thyssen- (der Großindustrielle Fritz Thyssen – 1873-1951 – hatte seit 1923 die Nazipartei finanziell unterstützt – d. Red.) und Papen-Knecht (Franz von Papen – 1879-1969 – war vom 1. Juni 1932 bis zum 3. Dezember 1932 Reichskanzler – d. Red.) Adolf Hitler in Deutschland eine Welle blutiger Mordtaten und viehischer Überfälle auf das Proletariat. Dutzende erschlagener und schwerverletzter Antifaschisten allein in den letzten Tagen sind die Blutzeugen des nationalsozialistischen Terrors!

Wir rufen die Antifaschisten Deutschlands auf zum höchsten Alarm! Hitler will am Sonntag unter dem Schutz der Schleicher und Bracht vor dem Hause des Zentralkomitees der KPD, der einzigen Arbeiterpartei Deutschlands, provozieren und im Auftrage der Thyssen und Papen, der Großbankiers und Krautjunker seine Schmährufe gegen die Kommunistische Partei und gegen die Antifaschisten des roten Berlin ausstoßen.

Betriebe, schlagt Alarm! Stempelstellen, schlagt Alarm! Proletarierviertel, schlagt Alarm! Das ganze antifaschistische Deutschland, an der Spitze das rote Berlin, verteidigt seine Interessen, verteidigt sein Leben, verteidigt seine Partei, verteidigt sein bolschewistisches Zentralkomitee vor dem Provokationsattentat der Soldknechte des Trustkapitals.

Der kommende Sonntag ist von unerhörter Tragweite für alle deutschen Werktätigen. Die Terroraktion und die sich mehrenden Überfälle sollen neue Staatsstreichaktionen der Konterrevolution vorbereiten. Werktätige Deutschlands! Arbeiter in den Werksälen, in den Schächten, in den Rüstungs- und Verkehrsbetrieben, steht bereit! Ballt eure Massenkraft im Zeichen der Einheitsfront gegen die Welle des faschistischen Terrors, gegen die Kapitalsangriffe und gegen die sozialreaktionären Maßnahmen der Schleicher-Bracht, der Industriekönige und der Krautjunker zu einer millionenstarken, vorwärtsstürmenden Front zusammen! (…)

Unser Kampf gegen die faschistischen Provokationen muß eine gewaltige Belebung aller Werktätigen Deutschlands gegen den Faschismus entfachen! Werktätige! Schützt euch selbst, eure Frauen und Kinder vor dem Mordblei und Mordstahl des Faschismus! Gewinnt die werktätigen Nazianhänger zum gemeinsamen Kampf gegen die Front der Schleicher-Bracht-Papen-Thyssen, Goebbels und Hitler. Unser Ruf die nächsten Tage und Wochen: Sturmwochen des Antifaschismus! Millionenalarm im ganzen Land! Fort mit der Schleicher-Bracht-Diktatur!

Nieder mit den braunen Mordprovokationen! Es lebe der Millionenkampf der antifaschistischen Freiheitsarmee für ein Deutschland der Arbeiter und Bauern, für den Sozialismus! Arbeiter, her zur Antifaschistischen Aktion!

Aufruf des Zentralkomitees der KPD. In: Die Rote Fahne (Berlin), 21. Januar 1933. Hier zitiert nach: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Band 4, Dietz Verlag, Berlin 1966, Seite 607–608

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