16. August 2013

Hundert Jahre Fordismus

Entfremdung auf Höhe der Zeit: Am Fließband wird der Arbeiter, wie Charlie Chaplin im Film »Moderne Zeiten«, zum Anhängsel der Maschine

Die Einführung des Fließbands in den Detroiter Fordwerken brachte eine völlig neue Form kapitalistischer Produktion und Gesellschaftsformation hervor

Ingar Solty

Heute vor 100 Jahren führten die Automobilwerke von Henry Ford in Detroit das Fließband als Produktionstechnik ein. Diese Entwicklung in der Rationalisierung kapitalistischer Produktion revolutionierte nicht nur die Arbeits- und Lebensweise der Massen, weshalb manche Marxisten alle nachfolgenden kapitalistischen Phasen nach ihm benannten (Fordismus/Postfordismus), sondern mit ihr wurde Ford schon zu Lebzeiten zur Ikone der Bourgeoisie – und zwar weltweit: Als Selfmademan des Amerikanischen Traums, vermeintlich guter Kapitalist und – insbesondere nach der Oktoberrevolution – Verkünder eines scheinbaren Wegs zwischen Kapitalismus und Kommunismus, dem »weißen Sozialismus«.

American Jesus?

Bereits seit 1909 ließ Ford ausschließlich das schwarze Modell T herstellen. Die neue Produktionsweise kombinierte nun »Totalstandardisierung« mit »serieller Fließbandproduktion«. Das Model T bestand insgesamt aus 5000 Einzelteilen. Bis zur Fließbandeinführung brauchte ein einzelner Arbeiter nach Fords eigenen Angaben durchschnittlich 20 Minuten für die eigenhändige Zusammensetzung. Nach der Aufteilung des Prozesses in 29 Operationseinheiten reduzierte sich diese Zeit auf dreizehn Minuten und zehn Sekunden. Nach der Erhöhung des Fließbandes um acht Zoll sank die Pro-Stück-Zeit schließlich auf fünf Minuten: »Mit Hilfe wissenschaftlicher Experimente«, so Ford in seiner Autobiographie, »ist ein Arbeiter heute imstande, das Vierfache von dem zu leisten, was er vor noch verhältnismäßig sehr wenigen Jahren zu leisten vermochte.«1

Seinen Ruf als »Arbeiterversteher« begründete Ford dadurch, daß er den Gewinn scheinbar an seine Arbeiter weiterleitete: Mit großer propagandistischer Wirkung führte er am 12. Januar 1914 den »Acht-Stunden-Fünf-Dollar«-Tag ein. Ausgehend von einem Tageslohn von 1,50 Dollar handelte es sich um eine mehr als 300prozentige Lohnsteigerung, und mit der Einführung des Achtstundentags – eine Reduzierung um eine Stunde – verwirklichte Ford eine zentrale historische Forderung der Arbeiterbewegung.

Die Botschaft Fords wurde von Kapitalisten und politischen Eliten weltweit verstanden und untermauerte die Vormachtstellung des US-Kapitalismus in der Welt, der knapp zwei Jahrzehnte zuvor England überholt hatte. Schon lange waren die USA Projektionsfläche für die allgemeine Entwicklung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft: Von Alexis de Tocqueville, der die USA der Jackson-Demokratie studierte, bis Max Weber, der in bezug auf sie seine Begriffe der »charismatischen Herrschaft« und »protestantischen Ethik« entwickelte, waren die USA für die einen Vision des Schreckens der »Demokratie« (und später des ungehemmten Kapitalismus) und für die anderen eines strahlenden Zukunftseuropas jenseits von Klassenkampf und Krieg. Schon zur Zeit der sinkenden Grundrente in der Großen Krise von 1873–1896 hatten die Regierungen Europas Intellektuelle wie Max Sering in die USA entsandt, um die besondere Konkurrenzfähigkeit der USA zu analysieren. Kleinbürgerlich-sozialkonservativen Kapitalismusreformern wie Rudolf Meyer, der US-Produktionstechnologien wie Getreideelevatoren und politische Maßnahmen wie die Heimstätten-Gesetze studierte und zur Nachahmung empfahl, wurde vom feudalkonservativen Großgrundbesitz vorgeworfen, sie betätigten sich als Werber der Auswanderung. Und auch Karl Marx selbst, für den zur Zeit der Entstehung des ersten Bandes des »Kapitals« im Jahr 1867 noch England das klassische Land des Kapitalismus war, sah zunehmend die USA in dieser Rolle.

Das neueste Kapitel in dieser Geschichte war Ford. Im Zuge des »efficiency craze« (Effizienzwahn) im jungen »Scientific Management« (FrederickW. Taylor), d.h. der konkurrenzgetriebenen, als Verwissenschaftlichung verbrämten Rationalisierung der Produktion zur Profitmaximierung, wurde er nun zum bürgerlichen Messias: Mit Ford und Fordismus wurden Marx und Marxismus bekämpft. Friedrich von Gottl-Ottlilienfeld, der den Begriff des »Fordismus« prägte, erschien Ford als Künder des »weißen« bzw. »Führer-Sozialismus«.2 Damit verband sich die Vorstellung einer Einbindung der Arbeiterklasse in die kapitalistische Gesellschaft und die Abwehr der sozialistischen Revolution: »Privateigentum ohne Kapitalismus«.

Folgerichtig spielte Ford auch für die faschistische Volksgemeinschaftsideologie eine Rolle: In »Mein Kampf« ist er der einzige zitierte Amerikaner, sein Porträt stand bis zum Schluß auf Hitlers Schreibtisch, und der Volkswagen fußte auf dem Modell T. Es half natürlich, daß Ford mit der Schrift »Der internationale Jude« ein bedeutender Stichwortgeber des Antisemitismus war. In den Nürnberger Prozessen bekannte z.B. Baldur von Schirach, daß diese Lektüre ihn zu ihm selbst bekehrt habe. Vor allem aber erwies sich die neue Produktionsweise als überlegen, da sie eine neue Stufe der reellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital zeitigte, die von Kapitalisten in den anderen kapitalistischen Ländern bei Strafe ihres Untergangs nachzuahmen war. Und wenn Ford seinen Arbeitern nun versprach, daß sie mit nur drei Monatslöhnen das Modell T selber erwerben könnten, belegte das nicht die Möglichkeit menschlichen Unternehmertums und eine Lösung der sozialen Frage im Rahmen des Kapitalismus?

Fließband und US-Kapitalismus

Nein. Denn der Hintergrund der Ford’schen Maßnahme war zugleich die Besonderheit des amerikanischen Wegs in den Kapitalismus. Amerika entwickelte sich seit dem Ende des Bürgerkriegs, in dem sich der Triumph der kapitalistischen Produktionsweise des Nordens über die sklavenbasierte (Agrar-)Produktionsweise des Südens manifestierte,3 nicht grundlos zum Innovationsland. Es fehlte in den USA eine parasitäre Feudalaristokratie: Statt Junker dominierten agrarkapitalistische Farmer und kapitalistische Industrielle. Und weil im innerimperialen US-Siedlerkolonialismus bis zur Schließung der »Open Frontier« 1893 noch ausreichend Raum zur äußeren Landnahme »existierte«, blieb die Ware Arbeitskraft so kostspielig, daß sie die enorme Innovationskraft des US-Kapitalismus hervorbrachte: Denn wo die Ware Arbeitskraft in Ermangelung einer lohndrückenden »industriellen Reservearmee« von Arbeitssuchenden teuer ist, zwingt das kapitalistische Konkurrenzgesetz das Kapital dazu, durch Dequalifikation der Arbeit und Steigerung der Produktivität qua Automation die Kosten des »variablen Kapitals« zu verringern, d. h. den Produktionsfaktor Arbeit (gemessen an den Stückkosten) zu verbilligen. Die von außen neidvoll beobachtete Dynamik des US-Kapitalismus entstand also im Grunde aus einer inneren Schwäche: den vergleichsweise hohen Löhnen.

Dieser Zusammenhang bildete auch den Hintergrund von Fords Fließband: Zwischen den Detroiter Automobilbetrieben herrschte eine enorme Konkurrenz um Fachkräfte. Der Mangel an Massenarbeitslosigkeit und die Höhe ihrer Qualifikation steigerten entsprechend die »Markt«- und »Produktionsmacht« der Arbeiter im Klassengegensatz, d.h. ihre Streikfähigkeit, und verteuerten ihre Ware Arbeitskraft. In seiner Autobiographie bekennt Ford: »Anfänglich versuchten wir, gelernte Arbeiter anzustellen. Als es notwendig wurde, die Produktion zu erhöhen, stellte es sich (jedoch) heraus, daß nicht genug Maschinenschlosser aufzutreiben waren; es zeigte sich auch bald, daß wir gar keine gelernten Arbeiter dazu brauchten, und hieraus erwuchs (das Fließband-)Prinzip.«4

Ja, auch der Fünf-Dollar-Tageslohn wurde nicht aus Menschenfreundlichkeit realisiert. Der Kapitalist mag im Privatleben Philanthrop sein; produziert er zu denselben Bedingungen wie seine Konkurrenz und bezahlt er seine Arbeiter besser, dann muß er mittelfristig bankrott gehen. Kritische Historiker haben darum auch zu Recht angemerkt, daß Fords Lohn Anreize schaffen sollte, unter den neuen Bedingungen zu arbeiten. Denn nach der Fließbandeinführung herrschte eine hohe Fluktuation. Eine Studie fand heraus, daß nach dem ersten Jahr von 963 eingestellten Arbeitern nur 100 die Entfremdung in der neuen ökonomischen, nicht gesellschaftlichen Arbeitsteilung ertragen konnten und blieben. Hinter Fords Arbeitszeitverkürzung und Lohnerhöhung steckte ein Deal: Bessere materielle und zeitliche Konsummöglichkeiten im Austausch gegen die Akzeptanz einer höheren Entfremdung am Arbeitsplatz. Entsprechend galt der Acht-Stunden-Fünf-Dollar-Tag auch erst für jene mit Durchhaltevermögen ab dem dritten Beschäftigungsjahr.

Überhaupt nur möglich wurde der Fünf-Dollar-Lohn, weil Ford durch die neueingeführte Technologie und entsprechende Intensivierung des Arbeitstages, d.h. die Steigerung des »relativen Mehrwertes«, zu einem Bruchteil der durchschnittlichen gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit für Autos produzieren und trotzdem zum üblichen (Weltmarkt-)Preis verkaufen konnte. Er konnte den Preis sogar kontinuierlich senken und trotzdem steigende Profite einfahren. Theoretisch gesprochen realisierte Ford so kurzfristig Marx’schen Extramehrwert bzw. Schumpeter’schen Grenznutzengewinn.5 Allerdings galt das nur, solange die Konkurrenz nicht auf die neue Methode umstellte. Dazu war sie jedoch gezwungen, denn alle Konkurrenzbetriebe, die sie nicht kopierten, gingen mittelfristig bankrott. Entsprechend entstand schon sechs Jahre später mit dem Vulcan-Werk im englischen Southport die erste Nicht-Ford-Fabrik, die ihre Autos am Fließband herstellen ließ.

Den Versuch, gerichtlich gegen die Übernahme der neuen Technologie vorzugehen, gab Ford nur zögerlich auf. Aber zwei andere Widersprüche machten ihm und dem Fordismus zu schaffen: Mit der Verallgemeinerung seiner Produktionsmethode schrumpften erstens auf längere Sicht nicht nur sein Extramehrwert und der entsprechende Verteilungsspielraum, weil entgegen bürgerlicher Vorstellungen das Kapital (als gesellschaftliches Verhältnis) eben nicht produktiv ist, sondern gesellschaftliche Arbeit ausbeutet und Maschinen an sich keinen Wert schaffen; zweitens hielt die Massenkonsumtion trotz steigender Löhne und sinkender Preise nicht mit den wachsenden Kapazitäten der Massenproduktion Schritt.

Die Löhne stiegen nicht proportional zur Produktivitätsentwicklung; Überakkumulation und Landnahmedruck waren die Folge. Es kam zu Weltwirtschaftskrise, Faschismus in Europa und imperialistischem Krieg und erst nach 1945 konnten im Rahmen des American Empire und der keynesianischen Durchstaatlichung der Wirtschaft das Fordsche Nachfrageprinzip als Fordismus gesamtgesellschaftlich erweitert werden.

Entfremdung der Arbeit

Aus Arbeiterperspektive entscheidend war zunächst die Veränderung der Qualität der Arbeit. Konnte der Hochlohn als Akt der Menschlichkeit erscheinen, so galt das wohl kaum für das Fließband. In den 1960er Jahren entwickelte sich in Frankreich eine Marxismus-Lesart mit dem Anspruch einer weiteren Verwissenschaftlichung von Marx. Intellektuelle wie Louis Althusser und Etienne Balibar trennten Marx, den »Marxisten« (ab etwa 1845), vom jungen Frühschriften-Marx ab. Ersterer habe sich durch einen »erkenntnistheoretischen Bruch« vom Humanismus – für den der (von Hegel entlehnte) Entfremdungsbegriff zentral war – abgewandt und sei der eigentliche Marx. Anhänger fand diese Marxismus-Schule vor allem bei jungen Intellektuellen, die noch nie eine Fabrik von innen gesehen hatten und deshalb den Marx der Entfremdungskritik nicht ernst nahmen.

Für Marx blieb diese jedoch Zeit seines Lebens aktuell. Sie hieß bloß anders. Auch im »Kapital« ist sie zentral. Marx’ Hinabstieg aus dem Reich der Zirkulation in das der Produktion – dort, wo die Ausbeutung der »doppelt freien Lohnarbeit« stattfindet –, ist an den Abstieg in die Hölle in Dantes »Göttlicher Komödie« angelehnt. Hier beschreibt Marx nicht nur die Entfremdung, die aus dem »stummen Zwang« des kapitalistischen Marktes resultiert, sondern widmet in drastischer Sprache besondere Aufmerksamkeit den Auswirkungen der kapitalistischen Industrieproduktion auf den Körper des Arbeiters. Mit der Einführung des Fließbandes bei Ford erlangte die Entfremdung eine neue, mörderische Qualität, woraus die anfängliche Fluktuation resultierte. Wie im 17. und 18. Jahrhundert durch physischen Zwang der Pauper in Englands Arbeitshäusern an fremdbestimmte Zeit und Lohnarbeit war Fords Arbeiter erst an den Stumpfsinn der neuen Arbeitsweise zu gewöhnen.

Der Hintergrund war die Dequalifikation und totale Fremdbestimmung bei der Arbeit, die man kennengelernt haben muß, bevor man den humanistischen Marx abtut. Im »Kapital« hatte Marx über die kapitalistische Manufaktur geschrieben: Diese verkrüppele »den Arbeiter in eine Abnormität, indem sie sein Detailgeschick treibhausmäßig fördert durch Unterdrückung einer Welt von produktiven Trieben und Anlagen, wie man in den La-Plata-Staaten ein ganzes Tier abschlachtet, um sein Fell oder seinen Talg zu erbeuten.« Der Mensch erscheine als »bloßes Fragment seines eigenen Körpers«.6 Ford selbst schreibt, daß zwei Ziele die Fließbandidee lenkten: Die Arbeiter sollten »niemals mehr als nur einen Schritt« oder sich »vornüber bücken« müssen. Zielvorgabe sei, daß dem Fließbandarbeiter »jede erforderliche Sekunde«, aber »keine einzige darüber hinaus zugestanden« werde. Wenn es gelänge, bei »zwölftausend Angestellten täglich zehn Schritte (einzusparen)«, dann erziele man »eine Weg- und Kraftersparnis von 80 Kilometern«. Entsprechend wurde der körperliche Bewegungsspielraum auf das allermindeste beschränkt: 25 Zentimeter.

Zugleich war das Fließband der Hebel, den das Kapital einsetzte, um des Problems von Arbeiter­unruhe wie Bummelei oder kollektiver Organisation gegen die Betriebsdespotie Herr zu werden. Denn es ermöglichte, daß nicht mehr der Einzelkapitalist oder Vorarbeiter den Arbeiter antreiben mußten, sondern der Takt von der erbarmungslosen Mechanik des Uhrwerks und der Fließbandgeschwindigkeit vorgegeben war. In diesem unter kapitalistischen Bedingungen vollzogenen Prozeß wurde dieser buchstäblich zum »lebendigen Anhängsel« der Maschine – eine Tatsache, die Charlie Chaplins »Moderne Zeiten« als durch die Maschine gewalkten Arbeiter symbolisierte.

Ford verbrämte diese reelle Subsumtion des Arbeiters unter das Kapital wiederum als Emanzipation des Arbeiters vom Vorarbeiter, Überwindung betrieblichen Klüngels und Schaffung egalitärer Gerechtigkeit. Er schrieb: »Die Arbeit, einzig und allein die Arbeit, kontrolliert uns«7 – und besaß damit zugleich die Chuzpe, so zu tun, als stünde er selber mit am Band und ließe nicht bloß sein Geld als Kapital für sich arbeiten.

Tatsächlich rechtfertigte Ford die neue Arbeitsweise nicht bloß mit dem hohen Lohn, sondern immer auch mit dem Verweis auf »natürliche« Ungleichheit. Der Arbeiter gehört quasi einer Subspezies an. Schon Frederick Taylor hatte als Leitbild des modernen Arbeiters vom »dressierten Affen« gesprochen. Bei Ford liest sich die typische bürgerlich-elitäre Verachtung der arbeitenden Klasse so: »Repetitive Arbeit hat für bestimmte Menschen etwas Abschreckendes. Mir wäre es ein grauenvoller Gedanke. Unmöglich könnte ich tagein, tagaus das gleiche tun; für andere, ja für die meisten Menschen ist das Denkenmüssen [jedoch] eine Strafe (…). Der Durchschnittsarbeiter wünscht sich – so leid es mir tut, das zu sagen – eine Arbeit, bei der er sich weder körperlich, noch vor allem geistig anzustrengen braucht.«8

Neuer Menschentyp

Aber nicht nur der Arbeiter der temps modernes war ein neuer: Ein neuer Menschentyp mußte geboren werden. Fords Fließband schuf eine neue Arbeiterklasse. Sehr früh begriffen wurde dies von dem italienischen Kommunisten und Theoretiker Antonio Gramsci. Im faschistischen Gefängnis geißelte er nicht nur, wie das Fließband »den alten psycho-physischen Zusammenhang der qualifizierten Berufsarbeit« zerriß.9 Er verstand, daß die Einführung einer strengen Arbeitsdisziplin – Ford untersagte seinen Beschäftigten nicht nur das Trinken und Rauchen, sondern auch jegliche Kommunikation untereinander – funktional war für die neue Produktionsweise. In den Prohibitionsgesetzen fand sie ihre nationale Entsprechung.

Zum neuen Menschentyp und der Regulierung seiner Reproduktion gehörten auch noch längerfristige Entwicklungen: Die massive Produktivitätssteigerung und alsbald das Aufholen der Konkurrenz senkten die durchschnittliche gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit von zwölf­einhalb Stunden pro Auto vor auf eine Stunde 33 Minuten nach der Fließbandeinführung. Entsprechend sank der Preis. »Amerikanismus« bedeutete, daß mit der Durchsetzung des Fordismus als System das Auto auch für die entstehenden Mittelklassen erschwinglich und zum Massenkonsumgut wurde. Die Arbeitszeitentfremdung konnte kompensiert werden durch Freizeitkonsum. Ford schuf somit quasi die materiellen und ideellen Grundlagen für eine tiefgreifend veränderte Lebensweise: den American Way of Life, d.h. die Konsumgesellschaft, in der – in »Homologie mit der parlamentarischen Demokratie des repräsentativen Typs« – die »Partizipation und individuelle Freiheit in der Freiheit des privaten Konsums exemplarisch verwirklicht« scheinen.10 Ford formulierte dies ganz offen: »Um Hand in Hand arbeiten zu können, braucht man sich nicht zu lieben. Arbeit sollte nach Arbeit schmecken, Freizeit nach Freizeit. Es hat keinen Zweck, das eine mit dem anderen zu verquicken. Das alleinige Ziel sollte sein, gute Arbeit zu leisten und dafür gut bezahlt zu werden. Ist die Arbeit erledigt, dann ist es Zeit für Vergnügungen, nicht vorher.«11

Das Fließband wurde bald Grundlage aller standardisierten Konsumgüterproduktion. Doch kein Produkt verkörperte damals wie heute die Konsumgesellschaft und subjektive Freiheit so wie Fords Auto mit seinem »Versprechen der Demokratisierung des Raumes durch die Massenmotorisierung der vielen«. Die Sehnsucht nach dem Auszug aus der (repressiven) Gemeinschaft fand seine Verwirklichung nun in der individuellen Mobilität und Freiheit, »dorthin zu fahren, wohin wir wollen, wann wir wollen, mit wem wir wollen und zusammen mit den Dingen, die wir brauchen«.12

Die Traumfabrik Hollywood tat ihr übriges, die neue Lebensweise milliardenfach über den Globus zu verbreiten: Nach ihrer Verallgemeinerung im Fordismus der 1950er Jahre schlug sich die Autokultur nieder in Kultromanen der Beat-Poeten wie Jack Kerouacs »Unterwegs« und schuf mit Filmen wie »Der Wilde« ihr eigenes Genre: das bis heute Freiheitssehnsüchte bedienende Roadmovie. Als Geltungskonsum-Statussymbol wurde das Auto zum Warenfetisch par excellence, das sich – trotz iPhones und iPads – z.B. in Gestalt von SUVs und Pickups bis heute zum Schwanzvergleich eignet. Und seine Sexualisierung thematisierten zahlreiche Werke: von Stephen Kings Allegorie »Christine«, in dem das Auto zur eifersüchtigen Mordmaschine gerät, bis zum Christian-Petzold-Film »Wolfsburg«, in dem alle menschliche Handlung vom Auto bestimmt wird.

Daß es so kommen konnte, dafür schufen die Auto- und Ölkonzerne selber die Voraussetzungen. In der »Großen Straßenbahnverschwörung« räumten sie alle Hindernisse aus dem Weg: Sie erwirkten Lobby-Gesetzgebungen und kauften zwischen 1936 und 1950 Hunderte elektrische Straßenbahnsysteme auf, bloß um sie stillzulegen und Platz für Autos und benzinbetriebene Busse zu schaffen. Und erst das Auto erlaubte die Verwirklichung des Kleinbürgertraums vom Eigenheim im Grünen als Suburbanisierung. Die daraus entstehende Abhängigkeit vom Erdöl trug wiederum ihren Teil zum American Empire bei. Der freie Ölfluß und seine militärische Durchsetzung wurden zum geopolitischen Legitimitätserfordernis. In dem Maße, wie das Auto ökologische Alternativen verdrängte, wurde billiges Benzin zu einem Grundstein »moralischer Ökonomie« – zum Brotpreis der Nachkriegszeit.

Es entstand so eine ökologisch nicht nachhaltige individualistische Autokultur mit erheblichen ökonomischen, sozialen und ökologischen Kosten: Privathaushaltsverschuldung (durchschnittlich 14000 US-Dollar Jahresausgaben pro US-Familie), autobedingte Krankheiten (der Atemwege, Fettleibigkeit), Verletzungen und Tod (jährlich 37313 Unfalltote und 2,5 Millionen Verkehrsverletzte in den USA), Mobilitätsmarginalisierung der Armen in einer für Autos gebauten und zubetonierten Welt usw.

Dieser Konsumkapitalismus hatte viele Kritiker: Reproduktionsmarxisten wie Theodor Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse, aber auch Michel Foucault kritisierten, daß auch dieser Kapitalismus nicht ohne Ausbeutung, Unterdrückung und Entfremdung existieren konnte. Und doch schien der Traum vom weißen Sozialismus Wahrheit geworden zu sein: Was Adorno und Co. als Verkleinbürgerlichung der Arbeiterklasse erschien, woraus wiederum die Randgruppenstrategie entstehen konnte, war eine tatsächliche, obschon einstweilige Integration. »Der Arbeiter, der während der Arbeitszeit ausschließlich als Produzent interessiert, verwandelt sich außerhalb der Fabrik in den ›Verbraucher‹, der (auch) kaufen soll, was er nicht braucht. Daß er aber tatsächlich kaufen konnte, was er brauchte – dieser Umstand wurde im Kontext der Systemauseinandersetzung nach dem Zweiten Weltkrieg auf seiten der kapitalistischen Gesellschaften zu einem Integrationsfaktor ersten Ranges.«13

Fordismuskrise

Und doch hielt, wie wir heute wissen, der Bürgertraum vom weißen Sozialismus nicht lange: Der Fordismus produzierte seine eigenen Alpträume, seine eigenen Widersprüche. Einer war, daß die – je nach Klassenstandpunkt – erhoffte oder befürchtete innerbetriebliche Schwächung der Arbeiterbewegung trotz der Dequalifikation der Arbeitskraft (Ford zufolge könnten Dreijährige in seiner Fabrik arbeiten) nicht stattfand. Das Gegenteil war der Fall: eine neue, industrielle und politische Arbeitermilitanz entstand. Diese war auch eine Folge der ausdifferenzierten Vereinheitlichung und gleichzeitigen Polarisierung der Arbeiterklasse als Massenarbeiter, kaufmännisch-technische Angestellte und Management.

Ironischerweise wurde schon der Fordismus erst im Widerstand gegen Ford geboren. Schon er hatte die Gesetze des Kapitalismus nicht außer Kraft zu setzen vermocht: Mit dem Aufholen der Konkurrenz, die die durchschnittliche gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit reduzierte, schwand sein Extramehrwert und mit der zunehmenden Automatisierung und Ausscheidung lebendiger Arbeit aus dem Produktionsprozeß stieg die »organische Zusammensetzung des Kapitals«. Da jedoch nur lebendige Arbeit Wert schafft, wurde der weiße Sozialismus bald von der allgemeinen Schwärze des Kapitalismus eingeholt: Unter dem Konkurrenzdruck beschleunigte Ford das Fließbandtempo. Daß er die Produktivitätsfortschritte nun erst recht nicht weitergab, spiegelt auch die Tatsache wider, daß Fords Privatvermögen umgerechnet das der drei heute reichsten Amerikaner (Bill Gates, Warren Buffett, Larry Ellison) deutlich überstieg – wohlgemerkt zusammengerechnet! Später schaffte Ford unter dem Druck der Konkurrenz und Überakkumulation den Fünf-Dollar-Tag wieder ab, senkte die Löhne, beschleunigte das Fließbandtempo abermals, dezentralisierte die Produktion, erzwang Überstunden, entließ Beschäftigte und bekämpfte wüst jeglichen Versuch der gewerkschaftlichen Organisierung in seinem Betrieb durch Streikbrecher und eine brutale Konzernpolizei.

Aber auch nach der Verallgemeinerung des Fordismus unter den Bedingungen der Systemkonkurrenz war der Bürgertraum vom weißen Sozialismus kurzlebig. Der keynesianisch regulierte Kapitalismus geriet an seine inneren Grenzen: Der Nachkriegsboom ging zu Ende, es folgte auch eine Profitklemme, unter anderem weil die Gewerkschaften beflügelt durch ihre institutionelle Aufwertung und Vollbeschäftigung über den Status quo hinausdrängten, zum Beispiel auf eine Humanisierung der Arbeit. Junge Arbeiter rebellierten gegen die Fabrikdisziplin. Gleiches taten Frauen gegen das männliche Brotverdienermodell, während die durch den Fordismus erst ermöglichte (Konsum-)Individualisierung die Notwendigkeit flexibel-spezialisierter Produktionsmodelle jenseits der standardisierten industriellen Massenfertigung schuf. Jetzt reagierte das Kapital auf die Profitklemme mit Aus- und Verlagerung der arbeitsintensiven Teile der Wertschöpfungskette. Und die Computerisierung erforderte einen neuen Arbeitertyp. Das Verhältnis von »direkter Kontrolle und verantwortlicher Autonomie« entstand aus der Krise neu und brachte den flexiblen, eigenverantwortlichen, kreativen Arbeiter hervor. Kurz, der Fordismus ging so an seinen eigenen Widersprüchen zugrunde.

Fordismus im 21. Jahrhundert?

Und doch wäre es falsch, den Fordismus für tot zu erklären. In den 90er Jahren war viel vom »Ende der Arbeit« – eine bizarre Vorstellung angesichts wachsender Arbeitszeit und Armut – sowie ihrer »Immaterialisierung« die Rede. Ja, der Drang des Einzelkapitals, lebendige Arbeit aus dem Produktionsprozeß auszuscheiden (und so zugleich am Ast zu sägen, auf dem es als Gesamtkapital sitzt), führt zur neuen Welle der Robotisierung, die es denkbar macht, daß beispielsweise Apple heuer von China aus in die USA zurückkehrt. Und ja, es gibt den neoliberalen kreativen und Wissensarbeiter. Und doch muß man nicht in die Ferne peripherer Fabriken mit »standardisierter Differenzierung« schweifen, um das Überleben eines Fordismus im Wandel am Werk zu sehen. Es reicht der Blick in deutsche Call Center, um zu begreifen, daß der »selbstprogrammierte Arbeiter« zwar Leitbild, aber im Kapitalismus immer bloß eine kleine Minderheit bleiben wird, solange das Kapital ein Interesse daran haben muß, hochqualifizierte und entsprechend mächtige Arbeit zu entwerten. Der Kampf um die Ausnutzung und Entwertung wertbildender menschlicher Kreativität lebt fort, solange der Gegensatz der Klassen fortbesteht und nicht ein roter anstelle des weißen Sozialismus durchgesetzt wird.

Anmerkungen

1 Henry Ford: Mein Leben und Werk, Leipzig 1922, S. 94 2 Friedrich von Gottl-Ottlilienfeld: Fordismus, Jena 1926 3 Charles Post: The American Road to Capitalism, Chicago 2012 4 Ford, ebd., S. 89 f. 5 Georg Fülberth: G Strich, Köln 2008 6 Karl Marx: Das Kapital, Berlin 1962, S. 381 f. 7 Ford, ebd., S. 109 8 Ford, ebd., S. 120 9 Antonio Gramsci: Gefängnishefte, Band. 9, Hamburg 1999, S. 2086 10 Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus, Band 7.II, S. 1624 11 Ford, ebd., S. 107 12 Rainer Rilling: »Time to Say Goodbye«, In: Luxemburg, Heft 3/2010, S. 8-10 13 Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus, Band 7.II: S. 1623

* Ingar Solty lebt in Berlin und ist Mitarbeiter des Forschungsprojekts »Europe in an Era of Political and Economic Crises« an der York University in Toronto. Vor einigen Wochen erschien sein Buch »Die USA unter Obama: Charismatische Herrschaft, soziale Bewegungen und imperiale Politik in der globalen Krise« im Argument Verlag

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