19. März 2014

Ignoriertes Massenverbrechen

Die Nazis entführten in den von ihnen besetzten europäischen Ländern systematisch Kinder, um sie zu »germanisieren«

Martin Schwarzbach

Vier Jahre alt war Alojzy Twardecki, als ihn die Deutschen seiner Mutter raubten. In seinem okkupierten polnischen Heimatort Rogozno griffen sie den Jungen auf, verschleppten ihn in ein »Durchgangslager« und von dort in das Kinderheim »Pommern« in Bad Polzin, wo sie ihn – blond und blauäugig, wie er war – sprachlich und kulturell »eindeutschten«. Schließlich landete das Kind in einer regimetreuen deutschen Pflegefamilie, in der es aufwuchs. Dann der Schock: Alojzy ist elf Jahre alt, als er erfährt, was die »Eindeutschung« aus seiner Erinnerung geprügelt hat – er ist das Kind einer Polin. Zerrissen zwischen zwei Welten, landet er schließlich, 15jährig, wieder bei seiner leiblichen Mutter. Die Kluft zwischen seinen Identitäten, der polnischen und der »eingedeutschten«, kann er jedoch nicht mehr schließen, sie überschattet sein ganzes Leben.

Der massenhafte NS-Kinderraub ist eines der am hartnäckigsten verdrängten Kapitel der deutschen Verbrechensgeschichte. Vermutlich Hunderttausende sind ihm wie Alojzy Twardecki zum Opfer gefallen; polnische Wissenschaftler gehen von bis zu 200000 aus Polen verschleppten Kindern aus, hinzu kommen zahllose weitere aus anderen okkupierten Ländern von Frankreich über Norwegen bis Rumänien. Längst nicht alle sind wie Twardecki in ihre Heimat zurückgekehrt; im Gegenteil: Wahrscheinlich leben noch heute Betroffene, die bei ihrer Entführung noch zu jung waren, um sich erinnern zu können.

Die Berliner VVN-BdA widmete ihren Jour Fixe am Montag Alojzy Twardeckis Erinnerungsbuch »Die Schule der Janitscharen«, das kürzlich in deutscher Übersetzung erschienen ist. Gina Pietsch las Auszüge aus dem Band; Prof. Christoph Koch (Deutsch-Polnische Gesellschaft der BRD), der ihn übersetzt hat, erzählte über seine Geschichte; Hermann Lüdeking – selbst von der »Zwangsgermanisierung« betroffen – schilderte seinen Leidensweg; Christoph Schwarz lieferte Hintergrundinformationen. Schwarz hat eine Initiative gestartet, die endlich Entschädigung für die Opfer durchsetzen will; er sammelt Unterschriften und wird in Kürze eine Wanderaussstellung zur Thematik eröffnen.

Das ist überaus verdienstvoll, denn die Opfer des NS-Kinderraubs werden bis heute ignoriert, und auch die Funktion des Massenverbrechens wird immer noch verkannt. Um ihr »Großgermanisches Reich« zu schaffen, überzogen die Nazis den gesamten Kontinent mit Krieg, besetzten fremde Territorien, suchten das europäische Judentum zu vernichten und »slawische Untermenschen« zu versklaven – und standen dann vor dem Problem, daß ihr Krieg auch zahllose »Germanen« verschlang. Also bemächtigten sie sich »nordisch« aussehender Kinder in den überfallenen Ländern, um sie »einzudeutschen«. Vermutlich Hunderttausende sind dieser Facette des deutschen Wahns zum Opfer gefallen.

Alojzy Twardecki: Die Schule der Janitscharen. Aus dem Polnischen übersetzt von Christoph Koch. Frankfurt am Main 2013 (Peter Lang Verlag)

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